Stadtleben · Analyse

Stadtbäume im Klimastress: Wie Frankfurt seine Alleen retten will

Sie spenden Schatten, kühlen Straßen und sterben leise: Frankfurts Stadtbäume kämpfen mit Hitze, Trockenheit und engem Wurzelraum. Über einen ungleichen Kampf und die Bäume der Zukunft.

Von Imke Sauer 4 Min. Lesezeit
Straßenallee mit lichten Baumkronen an einem heißen Sommertag, flimmernde Luft über dem Asphalt
01Alleenring, Frankfurt, 14:50 Uhr— An heißen Tagen sind die Baumkronen der wichtigste Schattenspender der Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Man bemerkt sie meist erst, wenn sie fehlen. Ein Straßenbaum, der jahrzehntelang Schatten gespendet hat, verschwindet über Nacht, gefällt, weil er krank oder gefährlich geworden ist, und plötzlich brennt die Sonne ungebremst auf den Asphalt. Genau das geschieht in Frankfurt zunehmend, denn die Stadtbäume, jene stillen Riesen entlang des Alleenrings und der Bockenheimer Landstraße, geraten unter einen Druck, dem viele von ihnen nicht mehr standhalten.

Gut 230.000 Bäume betreut das Frankfurter Grünflächenamt insgesamt – an Straßen, in Parks, auf Friedhöfen und Schulhöfen; über 168.000 davon sind im öffentlichen Baumkataster erfasst, die große Mehrheit des Bestands. Darunter sind viele Straßenbäume, dazu kommen die großen Bestände in Grünanlagen wie dem Grüneburgpark im Westend oder dem Günthersburgpark im Nordend. Zusammen bilden sie ein grünes Kapital, dessen Wert sich kaum überschätzen lässt. Manche dieser Bäume sind längst Wahrzeichen, etwa die mächtigen Platanen am Schaumainkai entlang des Museumsufers. Doch dieses Kapital schrumpft, weil die Bedingungen für Bäume in der Stadt immer härter werden. Der Klimawandel trifft Frankfurt als eine der heißesten Großstädte Deutschlands mit voller Wucht, und der Kampf um den Erhalt der Bäume ist zu einer der wichtigsten Aufgaben des Stadtgrüns geworden.

Ein Leben unter erschwerten Bedingungen

Ein Baum in der Stadt hat es ohnehin schwer. Sein Wurzelraum ist eng, oft eingezwängt zwischen Leitungen, Fundamenten und verdichtetem Boden. Der Asphalt ringsum lässt kaum Regen versickern, im Winter belastet Streusalz die Wurzeln, im Sommer heizen sich die versiegelten Flächen extrem auf. Zu diesen alten Problemen kommt nun die neue, größte Bedrohung: die Reihe heißer, trockener Sommer, die Frankfurt seit dem Dürrejahr 2018 erlebt hat.

Die Folgen sind an vielen Standorten sichtbar. Bäume werfen im Hochsommer vorzeitig ihr Laub ab, um Wasser zu sparen. Kronen lichten sich, Äste sterben ab, und geschwächte Bäume werden anfällig für Pilze und Schädlinge. Besonders hart trifft es die Rosskastanie, der Hitze und Trockenheit zusetzen und die zusätzlich unter der Kastanienminiermotte leidet, oder flachwurzelnde Arten wie die Birke, die eigentlich feuchtere, kühlere Standorte gewohnt sind. Was über Jahrzehnte als bewährter Stadtbaum galt, kommt mit dem neuen Klima plötzlich nicht mehr zurecht.

Die Bäume der Zukunft

Frankfurt reagiert mit einem Umdenken bei der Neupflanzung. Wo früher vor allem heimische Klassiker gesetzt wurden, testet das Grünflächenamt heute vermehrt wärme- und trockenheitstolerante Arten wie Silberlinde, Zelkove, Amberbaum oder Gleditschie, viele davon aus südlicheren Regionen. Wichtig ist dabei auch die Mischung: Wo viele verschiedene Arten nebeneinander stehen, kann ein einzelner Schädling nicht gleich eine ganze Allee vernichten. Die Auswahl der richtigen Baumart ist zu einer Wissenschaft geworden, denn ein Baum, der heute gepflanzt wird, soll noch im viel wärmeren Klima der 2060er Jahre gedeihen.

Nahaufnahme eines jungen Straßenbaums mit Bewässerungssack am Stamm und aufgerissenem Boden
02Europaviertel, Frankfurt, 10:10 Uhr— Wassersäcke am Stamm helfen jungen Bäumen durch die ersten trockenen Sommer.Foto: Zeit Frankfurt

Zugleich hilft die Stadt jungen Bäumen über die kritischen ersten Jahre. Wassersäcke am Stamm geben ihre Ladung von rund 75 Litern langsam an die Wurzeln ab, gezielte Bewässerung sorgt dafür, dass Neupflanzungen den ersten trockenen Sommer überstehen, etwa an den jungen Alleen des Europaviertels auf dem früheren Güterbahnhofsgelände. Weil die Stadt mit ihren Kräften jedoch nicht jeden einzelnen Baum erreichen kann, greifen vielerorts Anwohnerinnen und Anwohner selbst zur Gießkanne und übernehmen Patenschaften für den Baum vor ihrer Tür. Auch der Boden wird verbessert, der Wurzelraum vergrößert, mancherorts werden versiegelte Flächen wieder geöffnet. Es sind mühsame, teure Maßnahmen, aber jeder gerettete Baum ist die Mühe wert, denn seine Kühlleistung ist durch nichts zu ersetzen.

Warum jeder Baum zählt

Der Wert eines großen Stadtbaums lässt sich in Zahlen fassen und ist dennoch schwer zu glauben. Eine ausgewachsene Krone verdunstet an einem heißen Tag mehrere hundert Liter Wasser und hält den Boden darunter spürbar kühl; im Schatten großer Bäume bleiben Oberflächen an Hitzetagen bis zu zehn bis fünfzehn Grad kälter als der offene Asphalt. Dazu filtert die Krone Staub, dämpft Lärm und bietet Vögeln und Insekten Lebensraum. Wo diese Kühlung in Frankfurt am stärksten spürbar ist, zeigt unsere Übersicht der kühlen Orte der Stadt.

Ein alter Straßenbaum ist die günstigste Klimaanlage, die eine Stadt besitzt.

Der Kampf um Frankfurts Stadtbäume ist deshalb weit mehr als eine gärtnerische Frage. Er entscheidet mit darüber, wie erträglich das Leben in der Stadt in einer immer heißeren Zukunft sein wird. Jeder Baum, der gepflanzt und durchgebracht wird, ist ein Beitrag zu einer kühleren, gesünderen Stadt, und jeder alte Baum, der fällt, ein Verlust, der sich erst in Jahrzehnten wieder ausgleichen lässt. Wer das nächste Mal im Schatten einer Frankfurter Allee geht, sollte kurz nach oben blicken: Was dort Schatten spendet, ist kostbarer, als es aussieht, und sein Überleben ist keineswegs gesichert.

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