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Der Westhafen Tower: Das Gerippte am Main
Tausende Glasscheiben, ein runder Grundriss und eine Fassade, die aussieht wie ein Apfelweinglas: Der Westhafen Tower trägt seinen Spitznamen zu Recht. Ein Turm, der Frankfurt in sich trägt.
Frankfurt liebt es, seinen Hochhäusern Kosenamen zu geben. Der Messeturm ist der „Bleistift“, die beiden Zwillingstürme der Deutschen Bank an der Taunusanlage sind „Soll und Haben“. Doch kein Spitzname trifft so genau ins Herz der Stadt wie jener des Westhafen Towers: „Das Gerippte“. Wer je in Sachsenhausen einen Schoppen bestellt hat, weiß sofort, was gemeint ist.
Das Gerippte ist das geriffelte Glas, aus dem in Frankfurt traditionell der Apfelwein getrunken wird. Sein Rautenmuster bricht das Licht und sorgt dafür, dass die Hand am feuchten Glas nicht abrutscht. Genau dieses Muster findet sich, ins Riesenhafte übersetzt, an der Fassade des Westhafen Towers wieder: Tausende Glasscheiben fügen sich zu einem Raster, das den annähernd zylindrischen Turm von unten bis oben umhüllt.
Ob die Architekten die Ähnlichkeit von Anfang an gesucht haben oder ob die Frankfurter sie einfach entdeckten – am Ende ist es gleich. Der Spitzname hat sich durchgesetzt, und er sitzt so genau, dass man den Turm gar nicht mehr anders sehen kann. Ein Hochhaus, das an ein Apfelweinglas erinnert: So beiläufig zitiert sich eine Stadt selten selbst.

Wandel am Wasser
Der Turm steht am Westhafen, im Gutleutviertel, zwischen Friedensbrücke und Main-Neckar-Brücke, nur wenige Blocks südlich des Hauptbahnhofs. Der Ort hat eine raue Vergangenheit: 1886 als Binnenhafen eröffnet, löste er den alten Winterhafen ab, in dem die Schiffe zuvor vor dem Eis Schutz gesucht hatten. Über Jahrzehnte wurden hier an einem mehr als einen halben Kilometer langen Becken Kohle, Baustoffe und Güter aller Art umgeschlagen. Der Hafen war Arbeit, Dreck und Lärm.
Als der Umschlag zurückging, beschloss die Stadt 1993, das rund zwölf Hektar große Areal in ein neues Quartier zu verwandeln – mit Wohnungen für etwa 2.000 Menschen sowie Büros, Läden und Gastronomie. Das Hafenbecken blieb erhalten, verlor aber seine alte Aufgabe und dient heute als Marina für Sportboote. Der Westhafen Tower wurde zum Zeichen dieses Wandels: Er markiert die Stelle, an der aus einem Arbeits- und Industrieort ein Stück moderne Stadt am Wasser wurde – in einem Viertel, das lange als rauer Bahnhofsrand galt und heute zu den gefragten Wohnlagen am Fluss zählt. Wer den Wortwitz des Turms ganz auskosten will, schlägt danach im Apfelwein-Glossar nach, was ein echtes Geripptes ausmacht.
Kein anderes Hochhaus trägt die Stadt so augenzwinkernd in seiner Haut wie dieses.
Eine gerippte Haut aus Glas
Der Entwurf stammt vom Frankfurter Büro schneider + schumacher; fertiggestellt wurde der Turm Anfang der 2000er-Jahre. Was aus der Ferne wie ein durchgehendes Rautengitter wirkt, setzt sich aus über 3.500 dreieckigen Glasscheiben zusammen, die erst im Zusammenspiel die charakteristische Raute ergeben – jenes Muster, das dem Bau seinen Namen einträgt. Mit rund 112 Metern und etwa dreißig Geschossen gehört der Westhafen Tower nicht zu den Giganten der Skyline; seine Wirkung verdankt das Bürohochhaus nicht der Höhe, sondern der Form und dem Standort.
Denn während die meisten Frankfurter Bürotürme rechtwinklig in den Himmel stoßen, ist dieser hier rund. Der annähernd zylindrische Bau steht frei an der Spitze des Hafenbeckens, spiegelt sich im Wasser und fängt das Licht in seinem Raster auf immer neue Weise ein – mal silbrig, mal golden, je nach Tageszeit. Vom Wasser aus wirkt er fast wie ein Leuchtturm, der die Einfahrt des Beckens markiert. Zu seinen Füßen ist vom alten Hafenbetrieb wenig geblieben: Wo einst Kräne standen, ziehen sich heute Uferpromenade, Wohnzeilen und Restaurants am Becken entlang, in dem Sportboote statt Frachtkähne liegen.
Von der gegenüberliegenden Mainseite, etwa von den Aussichtspunkten am Sachsenhäuser Ufer, reiht sich der Turm in das Panorama ein, das die Hochhäuser des Bankenviertels bilden – und setzt darin doch einen eigenen Akzent. Wo die anderen um Höhe konkurrieren, gewinnt dieser durch Wiedererkennbarkeit.
Ein Turm mit Frankfurter Seele
Es gibt Bauwerke, die überall auf der Welt stehen könnten. Der Westhafen Tower ist das Gegenteil. Er könnte nur in Frankfurt stehen, weil er die Stadt in seiner Haut trägt – ihre Trinkkultur, ihren trockenen Humor, ihren Stolz auf das Eigene. In einer Skyline, die vor allem von globalem Kapital und internationaler Architektur erzählt, erinnert dieser eine Turm daran, dass Frankfurt auch eine sehr lokale, eigensinnige Stadt sein kann. Man muss nur genau hinsehen – und schon hält man ein Apfelweinglas in der Hand, gut hundert Meter hoch.
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