Guide · Erklaerstueck
Die Bürger-Uni am Main: Frankfurts Stiftungsuniversität
Andere Universitäten stiftete ein Fürst — Frankfurt bezahlte seine selbst. Die Geschichte einer Hochschule, die aus Bürgergeld entstand, im Nationalsozialismus zerbrach und 2008 zu ihren Wurzeln zurückkehrte.
Die meisten deutschen Universitäten verdanken ihre Existenz einem Fürsten, einem König oder einem Landesherrn, der sie einst per Dekret ins Leben rief. Frankfurt machte es anders. Als im Oktober 1914 die Universität am Main den Lehrbetrieb aufnahm, stand kein Herrscher dahinter, sondern das Bürgertum der Stadt: Kaufleute, Bankiers, Ärzte, Vereine und Stiftungen legten das Kapital zusammen. Es war die erste Stiftungsuniversität Deutschlands — eine Hochschule, die sich eine Stadt aus eigener Kraft leistete, aus Stolz und aus Kalkül.
Gegründet mit Bürgergeld
Der Gedanke war älter als die Universität selbst. Schon um 1900 hatte der Sozialreformer und Industrielle Wilhelm Merton in Frankfurt eine Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften aufgebaut, aus der die spätere Hochschule hervorwuchs. Oberbürgermeister Franz Adickes trieb das Projekt politisch voran und verhandelte jahrelang mit den Geldgebern und dem preußischen Staat. Auffällig viele der Stifter waren jüdische Frankfurter Familien, deren Namen bis heute im Stadtbild stehen: die Familie Speyer, das Haus Rothschild, dazu Handelshäuser, Bankiers und gemeinnützige Vereine. Sie alle trugen bei.
Die junge Universität war damit von Anfang an anders geprägt als die klassischen Staatshochschulen: weltoffener, an Handel, Medizin und Sozialwissenschaft orientiert, eng mit der Stadtgesellschaft verwoben. Sie übernahm bestehende Forschungsinstitute — etwa aus der Medizin, in der kurz zuvor Paul Ehrlich in Frankfurt die Chemotherapie begründet hatte. 1932, zum hundertsten Todestag des Dichters, erhielt sie den Namen Johann Wolfgang Goethes, der ja selbst ein Kind dieser Stadt war — mehr dazu in unserem Spaziergang durch Goethes Frankfurt.

Vertrieben und ins Exil
Doch die bürgerliche Gründungsidee wurde brutal unterbrochen. Kaum eine deutsche Hochschule wurde von der nationalsozialistischen Verfolgung so hart getroffen wie die Frankfurter: Nach 1933 vertrieben die Nationalsozialisten Hunderte Wissenschaftler, einen ungewöhnlich hohen Anteil des Lehrkörpers, viele von ihnen jüdisch. Der Religionsphilosoph Martin Buber, der Soziologe Karl Mannheim, der Theologe Paul Tillich — sie alle mussten gehen.
Am sichtbarsten wurde der Aderlass am Institut für Sozialforschung. Die Denkschule um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die später als Frankfurter Schule Weltruhm erlangen sollte, verlegte ihren Sitz noch 1933 ins Ausland, über Genf schließlich nach New York. Eine Universität, die aus Toleranz und Bürgersinn entstanden war, verlor in wenigen Jahren einen Großteil ihrer geistigen Substanz. Erst 1951 kehrte das Institut nach Frankfurt zurück.
Vom Staat zurück zur Stiftung
Nach dem Krieg wurde die Hochschule wieder aufgebaut, Hörsäle und Institute entstanden neu, das Institut für Sozialforschung nahm seine Arbeit wieder auf. Der besondere Stiftungscharakter aber war durch Inflation, Enteignung und Krieg weitgehend erodiert. 1967 wurde die Goethe-Universität schließlich in eine reguläre staatliche Universität des Landes Hessen umgewandelt. Der bürgerliche Ursprung schien endgültig Geschichte.
Doch 2008 kehrte Frankfurt zu seinen Wurzeln zurück: Die Goethe-Universität wurde erneut zur Stiftung öffentlichen Rechts — mit mehr Eigenständigkeit bei Berufungen, Bau und Finanzen als die meisten anderen deutschen Universitäten. Der alte Gründungsgedanke, eine Universität in bürgerlicher Selbstverantwortung, war wieder da, diesmal im Rahmen des hessischen Hochschulrechts.
Eine Universität, die sich eine Stadt selbst leistete — aus Stolz und aus Kalkül.
Die Redaktion
Vier Standorte, eine Idee
Heute ist die Goethe-Universität mit rund 45.000 Studierenden und sechzehn Fachbereichen eine der größten Deutschlands. Sie verteilt sich über vier Standorte: das ursprüngliche Bockenheim, das die Universität nach und nach aufgibt; den repräsentativen Campus Westend im früheren IG-Farben-Haus, in dem heute die Geistes-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zu Hause sind; die Naturwissenschaften auf dem Riedberg; und das Universitätsklinikum in Niederrad. Wer das Viertel um den grünen Campus im Westend erkunden will, findet Anregungen in unserem Westend-Guide.
Der Umzug ins Westend war mehr als ein Standortwechsel. Der geschwungene Bau, den Hans Poelzig 1931 für den Chemiekonzern IG Farben errichtete, gab der Universität eine Adresse von Rang — und einen Ort, der die eigene, verwickelte Geschichte nicht verdrängen lässt. IG Farben war im Nationalsozialismus tief in Zwangsarbeit und die Verbrechen von Auschwitz verstrickt; nach 1945 diente das Haus als amerikanisches Hauptquartier, ehe 2001 die Universität einzog. Das Wollheim-Memorial auf dem Campus erinnert bis heute an die Opfer.
Was das Erbe heute bedeutet
Man kann die Geschichte der Stiftungsuniversität als reine Frankfurter Anekdote lesen. Man kann in ihr aber auch ein Selbstbild der Stadt erkennen: Wo andernorts der Staat handelt, greifen hier traditionell Bürger, Stiftungen und Unternehmen ein. Die Universität war der vielleicht ehrgeizigste Ausdruck dieses Reflexes — der Versuch, mit privatem Geld eine öffentliche Institution von Rang zu schaffen.
Dass dieses Modell einmal glänzte, einmal zerbrach und schließlich wiederkehrte, macht die Goethe-Universität zu einem Spiegel der deutschen Geschichte im Kleinen. Wer heute über den Campus geht, läuft nicht nur durch einen schönen Park, sondern durch mehr als hundert Jahre Streit darüber, wem eine Universität eigentlich gehört. Die Antwort, die Frankfurt gab, war immer dieselbe: der Stadt und ihren Bürgern.
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