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Paul Ehrlich und der Traum von der Zauberkugel

Um die Jahrhundertwende arbeitete in Frankfurt ein Forscher, der die Medizin des 20. Jahrhunderts miterfand. Paul Ehrlich suchte den Wirkstoff, der allein den Erreger vernichtet - und begründete die Chemotherapie.

Von Dr. Nadine Vogt 4 Min. Lesezeit
Historisches Laborinterieur mit Glaskolben, Reagenzgläsern und Mikroskop auf dunklem Holztisch
01Frankfurt am Main, 16:00 Uhr— Um 1900 wurde Frankfurt durch Paul Ehrlichs Institute zu einem Zentrum der medizinischen Forschung.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt eine Straße, die den Namen eines Mannes trägt, der die Medizin des 20. Jahrhunderts miterfunden hat: Paul Ehrlich. Der Forscher, der um die Jahrhundertwende in dieser Stadt arbeitete, prägte einen Begriff, den heute jeder kennt, ohne an seinen Ursprung zu denken - die Chemotherapie.

Der Traum von der Zauberkugel

Ehrlich, 1854 in Schlesien geboren, kam 1899 aus Berlin nach Frankfurt und übernahm die Leitung des neu errichteten Königlichen Instituts für experimentelle Therapie. Einige Jahre später kam das Georg-Speyer-Haus hinzu, ein chemotherapeutisches Forschungsinstitut, das die Frankfurter Mäzenin Franziska Speyer im Andenken an ihren verstorbenen Mann stiftete. Beide Häuser standen in Sachsenhausen, an der Straße, die heute seinen Namen trägt - unweit des späteren Universitätsklinikums.

Seine Idee war so einfach wie revolutionär. Aus seiner Arbeit mit Farbstoffen wusste Ehrlich, dass bestimmte Substanzen nur bestimmte Zellen anfärben, andere aber unberührt lassen. Wenn Stoffe derart wählerisch sein können, so sein Schluss, müsste es auch chemische Verbindungen geben, die allein den Krankheitserreger angreifen und das gesunde Gewebe verschonen. Ehrlich nannte dieses Ideal die Zauberkugel - ein Bild, das an die Freikugeln der romantischen Oper erinnert, die ihr Ziel treffen, ohne je zu fehlen.

Verwitterte Fassade eines historischen Institutsgebäudes mit hohen Bogenfenstern in warmem Nachmittagslicht
02Frankfurt-Sachsenhausen, 17:20 Uhr— Ehrlichs Forschungsinstitut, das Georg-Speyer-Haus, besteht in Sachsenhausen bis heute - an der Straße, deren Namen die Nationalsozialisten einst tilgten.Foto: Zeit Frankfurt

Von der Seitenkette zum Wirkstoff

Theoretisch untermauert hatte Ehrlich diesen Gedanken schon Jahre zuvor mit seiner Seitenkettentheorie. Sie besagte, dass Zellen an ihrer Oberfläche spezifische Ansatzstellen tragen - Ehrlich sprach von Seitenketten, heute würde man Rezeptoren sagen -, an die sich Gifte, Nährstoffe oder Abwehrstoffe nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip binden. Passt ein Molekül genau, entfaltet es seine Wirkung; passt es nicht, bleibt es folgenlos. Aus dieser Vorstellung ließ sich die Chemotherapie folgerichtig ableiten: Man musste nur den Stoff finden, dessen Schlüssel allein ins Schloss des Erregers passte.

Der Weg dorthin war zähe Kleinarbeit. Gemeinsam mit dem japanischen Forscher Sahachiro Hata prüfte Ehrlich in Frankfurt Hunderte von Arsenverbindungen, jede nur geringfügig gegen die vorige verändert, jede sorgfältig durchnummeriert und im Tierversuch getestet. Die meisten blieben wirkungslos oder zu giftig. Erst die Substanz mit der Laufnummer 606 - benannt schlicht nach ihrer Position in der langen Versuchsreihe - erwies sich 1909 als wirksam gegen den Erreger der Syphilis, einer damals weit verbreiteten und gefürchteten Krankheit. Unter dem Namen Salvarsan kam sie 1910 auf den Markt, wurde bald millionenfach verabreicht und gilt als erstes gezielt entwickeltes Medikament gegen einen Erreger.

Frankfurt als Labor

Für Frankfurt war Ehrlich ein Glücksfall. Seine Institute machten die Stadt zu einem Zentrum der medizinischen Forschung, noch bevor die Goethe-Universität 1914 als Stiftungsuniversität gegründet wurde. Schon 1908 war Ehrlich der Nobelpreis für Medizin zugesprochen worden - für seine Arbeiten zur Immunität, gemeinsam mit dem russischen Forscher Ilja Metschnikow. In Frankfurt verband Ehrlich Grundlagenforschung mit praktischer Heilkunst und legte damit den Grundstein für die enge Verzahnung von Wissenschaft und Pharmazie, die die Region bis heute kennzeichnet.

Zum ersten Mal ließ sich eine Krankheit gezielt an der Wurzel bekämpfen - mit einem eigens dafür entworfenen Wirkstoff.

Die Redaktion

Ehrlichs Geschichte hat auch eine dunkle Fortsetzung. Als jüdischer Wissenschaftler wurde er unter den Nationalsozialisten aus dem Gedächtnis der Stadt getilgt; die nach ihm benannte Straße erhielt einen anderen Namen, sein Andenken galt als unerwünscht. Erst nach 1945 kehrte sein Name an die Fassaden zurück - ein Muster, das viele jüdische Frankfurter Biografien teilen, wie unser Gang durch die Geschichte der Judengasse zeigt.

Ein Erbe, das weiterwirkt

Heute trägt ein Bundesinstitut in Langen bei Frankfurt seinen Namen - das Paul-Ehrlich-Institut wacht über die Sicherheit von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln. Ebenso wird jedes Jahr an seinem Geburtstag in der Paulskirche ein renommierter, nach ihm benannter Wissenschaftspreis verliehen. Auch die Forschungstradition lebt fort, etwa in den Max-Planck-Instituten der Stadt. Vor allem aber ist Ehrlichs Grundgedanke aktueller denn je: Moderne Krebstherapien mit zielgerichteten Antikörpern, die einzelne Merkmale einer Tumorzelle erkennen, sind nichts anderes als die späten Enkel seiner Zauberkugel.

Die Verbindung von Chemie und Heilung hat in der Region eine lange Tradition, bis hin zur Pharmaindustrie in Höchst. Paul Ehrlich steht am Anfang dieser Linie - ein Frankfurter Forscher, dessen Zauberkugel-Idee die Medizin für immer verändert hat.

Wer den Namen das nächste Mal an einer Sachsenhäuser Häuserwand liest, weiß nun, wie viel Frankfurter Wissenschaftsgeschichte hinter diesen zwei Worten steckt.

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