Riedberg: Frankfurts Wissensstadt auf dem Hügel
Im Norden, wo die Stadt in den Taunus ausläuft, ist ein neuer Stadtteil aus dem Boden gewachsen: der Riedberg. Zugleich Wohnquartier und wohl dichtester Ort naturwissenschaftlicher Forschung in Frankfurt.
Im Norden Frankfurts, wo die Stadt in Richtung Taunus ausläuft, ist in den vergangenen gut zwei Jahrzehnten ein neuer Stadtteil aus dem Boden gewachsen, den viele Frankfurter noch nie betreten haben: der Riedberg. Er ist zugleich Wohnquartier und Wissenschaftsstadt – und der wohl konzentrierteste Ort naturwissenschaftlicher Forschung in der Stadt.
Ein Campus auf dem Hügel
Auf dem Riedberg hat die Goethe-Universität ihre Naturwissenschaften gebündelt: Physik, Chemie, Biochemie, Pharmazie und die Geowissenschaften teilen sich hier moderne Institutsbauten, Hörsäle und Labore. Wo bis in die neunziger Jahre Felder und Streuobstwiesen lagen, arbeiten heute Tausende Studierende und Forschende an Fragen von der Struktur der Materie bis zu den Wirkstoffen der Zukunft. Herzstück ist das Otto-Stern-Zentrum, das zentrale Hörsaal- und Lerngebäude, benannt nach dem Physiker, dessen berühmtes Experiment 1922 in Frankfurt gelang. Gleich nebenan zieht sich der Wissenschaftsgarten der Universität hin, ein botanischer Lehr- und Versuchsgarten. Der Campus ist bewusst als zusammenhängende Landschaft aus Gebäuden, Wegen und Grünflächen angelegt, nicht als Ansammlung einzelner Fakultäten.

Von Bockenheim auf den Berg
So neu der Standort wirkt, so lang ist die Vorgeschichte. Über Jahrzehnte waren die Naturwissenschaften am Campus Bockenheim untergebracht, in Gebäuden, die längst zu klein und zu alt geworden waren. Den Grundstein auf dem Berg legten die Biowissenschaften, deren Biozentrum schon in den achtziger Jahren im benachbarten Niederursel entstand. Von den frühen 2000er Jahren an folgten Physik, Chemie, Pharmazie und die Geowissenschaften mit eigenen Neubauten. Parallel begann die Stadt, das umliegende Areal zu bebauen – so entstand eines der größten Neubaugebiete Deutschlands nahezu im Gleichschritt mit dem Campus. Die Adressen auf dem Campus lesen sich wie ein Who's who der Naturwissenschaften: die Max-von-Laue-Straße, die Ruth-Moufang-Straße, das Otto-Stern-Zentrum.
Um die Universität herum haben sich weitere Schwergewichte angesiedelt. In unmittelbarer Nachbarschaft forschen zwei Max-Planck-Institute: Das Institut für Biophysik bezog seinen Neubau bereits 2003, das Institut für Hirnforschung folgte gut ein Jahrzehnt später. Hinzu kommt das Frankfurt Institute for Advanced Studies, ein interdisziplinäres Theorie-Institut, an dem Physiker, Biologen und Informatiker gemeinsam an Modellen komplexer Systeme arbeiten. So entsteht ein Netz kurzer Wege, in dem sich die Fächer buchstäblich über den Flur begegnen.
Ein Frankfurt jenseits von Banken und Messe: forschend, international, jung.
Die Redaktion
Wohnen zwischen Laboren
Doch der Riedberg ist mehr als ein Campus. Wo vor gut zwanzig Jahren die ersten Baukräne standen, ist um die Forschung herum ein komplettes Wohnquartier für rund 15.000 Menschen entstanden – mit Reihenhäusern, Apartments, Kita, Schulen und einem eigenen Einkaufszentrum. Viel Grün gehört zum Konzept: Der Kätcheslachpark und der Bonifatiuspark ziehen sich als Bänder zwischen den Häuserzeilen hindurch. Familien schätzen die Nähe zum Taunus, die frische Luft und die kurzen Wege; Kritiker vermissen mitunter die gewachsene Urbanität älterer Viertel. Der Riedberg ist ein Stadtteil vom Reißbrett, mit allen Vorzügen und allen Kinderkrankheiten einer Planstadt.
Angebunden ist das Ganze über die U-Bahn: Die Linien U8 und U9 verbinden den Hügel seit 2010 mit der Innenstadt und halten an zwei Stationen mitten im Quartier – an der Station Riedberg und, direkt am Hörsaalzentrum, an der Station Uni Campus Riedberg. In gut zwanzig Minuten ist man an der Hauptwache: nah genug an der Stadt, weit genug weg vom Trubel.
Frankfurts anderes Gesicht
Für das Selbstbild der Stadt ist der Riedberg wichtiger, als seine Randlage vermuten lässt. Er zeigt ein Frankfurt, das nicht von Banken und Messe erzählt, sondern von Grundlagenforschung, Laboren und internationalen Arbeitsgruppen. Auch die Wirtschaft ist präsent: Im Frankfurter Innovationszentrum Biotechnologie am Rand des Campus arbeiten junge Firmen daran, aus Grundlagenforschung marktfähige Anwendungen zu machen. Wer den Finanzplatz für das ganze Frankfurt hält, sollte einmal hier heraufkommen und sehen, dass die Stadt auch in Molekülen und Modellen denkt.
Ein Ausflug lohnt sich besonders bei klarem Wetter, wenn der Blick über die Skyline bis zum Taunuskamm reicht. Der Riedberg ist kein klassisches Ausflugsziel mit Sehenswürdigkeiten, sondern ein Ort, an dem man der Stadt beim Wachsen zusehen kann. Wie sich hier Alltag und Forschung mischen, zeigt unser Riedberg-Guide im Detail; wer danach das ältere, urbanere Frankfurt sucht, findet es ein paar Stationen weiter in Bockenheim.
So jung der Stadtteil ist, so klar ist seine Rolle: Der Riedberg ist der Ort, an dem Frankfurt in die Zukunft forscht.
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