Stadtleben · Erklaerstueck

Wer die Stadt am Laufen hält: Frankfurts unsichtbares Ehrenamt

Ohne sie ginge in Frankfurt vieles nicht: Zehntausende engagieren sich freiwillig bei Bahnhofsmission, Tafel und Feuerwehr — meist unbemerkt. Ein Erklärstück über die tragende Schicht der Stadtgesellschaft.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Gruppe von Menschen in Warnwesten bei einer gemeinsamen Aufräumaktion in einem Stadtpark, warmes Morgenlicht.
01Stadtpark, Aktionstag, 9:40 Uhr— Freiwillige Hände: Ohne sie blieben viele Aufgaben der Stadt schlicht liegen.Foto: Zeit Frankfurt

Man bemerkt es meistens erst, wenn es fehlt. Das Vereinsturnier, das nicht mehr stattfindet, weil sich kein Vorstand fand. Der Mittagstisch, der ausfällt, weil die Helferin krank ist. Die Jugendmannschaft ohne Trainer. Frankfurt funktioniert zu einem erstaunlich großen Teil durch Menschen, die dafür kein Geld nehmen — und genau deshalb übersieht man sie so leicht.

Ehrenamt ist ein sperriges Wort für eine schlichte Sache: Man tut etwas für andere, freiwillig und unbezahlt. In der Summe ergibt das eine tragende Schicht der Stadtgesellschaft, die keine Behörde ersetzen könnte. Bundesweit engagieren sich laut Freiwilligensurvey rund 40 Prozent der Menschen ab 14 Jahren; in einer Großstadt wie Frankfurt summiert sich das auf Zehntausende, verteilt auf rund 8.000 eingetragene Vereine und unzählige lose Initiativen. Sie arbeiten in Sportklubs und Chören, bei Rettungsdiensten und Tafeln, in der Flüchtlingshilfe und im Naturschutz, als Vorlesepaten und Sterbebegleiter. Die Bandbreite ist so groß wie die Stadt selbst.

Wer verstehen will, wie eng dieses Netz gewebt ist, muss nur einen Tag lang genau hinsehen. Die Bahnhofsmission am Hauptbahnhof wäre ohne Freiwillige undenkbar, die Ausgabestellen der Frankfurter Tafel ebenso. In Stadtteilen wie Höchst, Bergen-Enkheim oder Nieder-Erlenbach rückt im Ernstfall die Freiwillige Feuerwehr aus — Menschen mit gepacktem Spind neben dem Brotberuf. Es ist ein unsichtbares Rückgrat.

Nahaufnahme von Händen, die bei einer Vereinsveranstaltung Broschüren und ein Klemmbrett sortieren.
02Vereinsheim, Anmeldung, 10:15 Uhr— Der Einstieg ins Ehrenamt beginnt oft mit einem Klemmbrett und einer Frage.Foto: Zeit Frankfurt

Vom Vorstand bis zur Vorlesestunde

Das Klischee vom Ehrenamt ist der pensionierte Herr, der einen Verein leitet. Die Wirklichkeit ist vielfältiger. Es gibt das langfristige Amt, das Verantwortung und Verlässlichkeit verlangt, und es gibt das punktuelle Engagement, den einmaligen Einsatz beim Aufräumtag im Grüngürtel oder beim Stadtteilfest. Beides zählt, und beides wird gebraucht. Gerade jüngere Menschen suchen oft die flexible Form, das Projekt statt der Verpflichtung auf Jahre.

Vermittelt wird dieses Engagement zunehmend professionell. Freiwilligenagenturen führen zusammen, was zusammengehört: Menschen mit Zeit und Einsatzstellen mit Bedarf. Das Bürgerinstitut im Westend etwa, eine der ältesten bürgerschaftlichen Einrichtungen der Stadt, berät seit über hundert Jahren Interessierte und lotst sie an die passende Stelle. Wer sich für die formalen Strukturen interessiert, wird auch bei den Ortsbeiräten fündig, jener ehrenamtlichen Ebene der Kommunalpolitik, die im Kleinen mitentscheidet. Und wer wissen will, welches Amt wofür zuständig ist, findet Orientierung im Ämter-Kompass.

Ehrenamt ist der Teil des Gemeinwesens, den keine Statistik richtig fassen kann.

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Doch das System hat einen Riss, und er wird größer. Der Nachwuchs fehlt. Viele Ehrenamtliche sind selbst im Rentenalter, und die nachrückende Generation hat weniger Zeit, mehr Optionen und oft eine geringere Bindung an klassische Vereinsstrukturen. Die langfristige Verpflichtung, das Herzstück vieler Organisationen, passt nicht mehr recht zu Biografien, die flexibel und mobil verlaufen. Wer heute Verantwortung übernimmt, wird schnell zur tragenden Säule — und damit auch zum Engpass, wenn er ausfällt.

Warum es sich trotzdem lohnt

Fragt man Engagierte, warum sie es tun, hört man selten von Pflicht. Man hört von Sinn, von Gemeinschaft, von dem guten Gefühl, gebraucht zu werden. Ehrenamt gibt zurück, oft mehr, als es kostet: Kontakte, Anerkennung, das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst. In einer Stadt, in der viele anonym nebeneinander leben, ist das ein knappes Gut.

Der Einstieg ist leichter, als viele denken. Man muss nicht gleich einen Verein retten. Ein erster Anruf, ein Schnuppernachmittag, ein unverbindliches Gespräch genügen oft. Im Mehrgenerationenhaus in Bornheim oder bei der Nachbarschaftshilfe im Nordend beginnt Engagement häufig mit einer einzigen Stunde pro Woche — einem Kaffee, einem Einkauf, einem offenen Ohr. Wer lieber mit den Händen arbeitet, findet im Repair-Café Anschluss; wer Sprachen mag, im Sprachcafé. Es reicht, einmal mitzumachen, sich umzusehen und herauszufinden, was zu einem passt. Irgendwo fehlt immer eine Hand.

Frankfurt redet gern über Zahlen, über Wachstum, über die großen Bewegungen der Wirtschaft. Doch was die Stadt im Innersten zusammenhält, steht in keiner Bilanz. Es sind die Freiwilligen, die morgens den Grüngürtel von Müll befreien, mittags den Mittagstisch decken und abends die Jugendmannschaft trainieren. Sie halten die Stadt am Laufen. Man sollte sie öfter dabei sehen.

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