Stadtleben · Reportage
Wenn der Melder piept: Die Freiwillige Feuerwehr Höchst
Sie haben einen Beruf, eine Familie, ein Leben – und rücken trotzdem aus, wenn der Melder piept. Ein Abend bei der Freiwilligen Feuerwehr Höchst, die im Ernstfall alles stehen lässt.
Kurz vor acht, das Tor des Höchster Gerätehauses steht offen, dahinter glänzt das Löschfahrzeug im Neonlicht. An der Wand hängen die Einsatzjacken in Reih und Glied, jede mit einem Namen beschriftet, darüber die Helme. Andreas, 52, im Hauptberuf Elektriker, schenkt sich Kaffee ein und wirft einen Blick auf den Melder an seinem Gürtel. Der piept an diesem Abend nicht, noch nicht. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen ist zum Übungsdienst gekommen, es wird geredet, gelacht, gefachsimpelt. Doch jeder im Raum weiß: In einer Minute kann aus dem geselligen Abend ein Einsatz werden.

Was diese Wehr zu schützen hat, ist ungewöhnlich vielfältig. Höchst war bis 1928 eine eigenständige Stadt, ehe es nach Frankfurt eingemeindet wurde, und der Stolz darauf sitzt bis heute tief. Das Einsatzgebiet reicht von den engen Fachwerkgassen rund um Schloss und Justinuskirche über das Mainufer und die Niddamündung bis an den Zaun des Industrieparks, eines der größten Chemiestandorte Deutschlands, der mit einer eigenen Werkfeuerwehr für seine Anlagen sorgt. Für den Stadtteil selbst aber – für Wohnhäuser, Keller und Straßen – rücken die Berufsfeuerwehr und, oft als Erste vor Ort, die rund 40 Ehrenamtlichen der Freiwilligen Wehr aus.
Von der 112 bis zum Gerätehaus
Wie aus einem Notruf ein Einsatz wird, ist präziser organisiert, als es von außen wirkt. Wer in Frankfurt die 112 wählt, landet in der Zentralen Leitstelle der Feuerwehr; dort nehmen Disponenten den Anruf an, legen das Einsatzstichwort fest und entscheiden, wer ausrückt. Ist die Freiwillige Wehr näher dran oder reicht die Berufsfeuerwehr allein nicht aus, löst die Leitstelle die Alarmierung aus. Sekunden später schlägt in Höchst der digitale Funkmelder an. Dann zählt jede Minute: anziehen, aufsitzen, ausrücken. In der Höchster Altstadt beginnt kurz darauf oft die eigentliche Kunst, denn in manche Fachwerkgasse passt das große Löschfahrzeug nicht hinein – dann heißt es, die Schläuche von Hand über Kopfsteinpflaster bis vor die Haustür zu ziehen.
Die Anforderungen sind hoch. Wer bei der Freiwilligen Feuerwehr mitmacht, muss ausgebildet werden, muss üben, muss im Stress funktionieren, wenn andere die Fassung verlieren. Das lernt niemand an einem Wochenende; es sind Jahre von Lehrgängen und Übungsabenden, bis im Ernstfall jeder Handgriff automatisch sitzt. Andreas ist über die Jugendfeuerwehr hineingewachsen, mit zehn Jahren, wie er erzählt, und dabeigeblieben, als die Freunde von damals längst andere Wege gingen. Warum, das lasse sich schwer in Worte fassen, sagt er und zuckt mit den Schultern; es gehöre eben zu ihm.
Wenn der Melder piept, zählt keine Ausrede – dann zählen nur die Minuten bis zum Gerätehaus.
Die Redaktion
Warum einer wie Andreas bleibt
Fragt man die Höchster Aktiven nach ihren Beweggründen, fällt das Wort Heldentum nie. Die Rede ist von Kameradschaft, vom Gefühl, gebraucht zu werden, von der Verbundenheit mit einem Stadtteil, in dem viele sich zuerst als Höchster und dann als Frankfurter verstehen. Viele sind wie Andreas über die Jugendfeuerwehr, über Freunde oder die Familie zur Wehr gekommen. Für sie ist das Gerätehaus mehr als ein Dienstort; es ist ein zweites Wohnzimmer, eine Gemeinschaft, die im Ernstfall wortlos funktioniert – ein Stück jenes Frankfurter Ehrenamts, das eine Stadt im Innersten zusammenhält.
Die Sorge um den Nachwuchs
Doch auch in Höchst drückt der Schuh, der das ganze Ehrenamt drückt: Der Nachwuchs wird knapper. Die Bereitschaft, sich über Jahre zu binden und Tag und Nacht verfügbar zu sein, passt immer schlechter zu Lebensläufen voller Pendelstrecken, Umzüge und Schichtdienst. Lena, 19, seit der Jugendfeuerwehr dabei und inzwischen in der Einsatzabteilung, gehört zu denen, auf die es ankommt – und sie weiß es. Die Wehren werben deshalb offensiv, mit Tagen der offenen Tür, mit Jugendarbeit, mit dem Versuch, ihr Ehrenamt sichtbar zu machen. Denn die schlichte Wahrheit lautet: Ohne die Freiwilligen wäre die Sicherheit in vielen Stadtteilen nicht zu halten. Die Berufsfeuerwehr allein könnte die Fläche nicht abdecken.
An diesem Abend bleibt der Melder still. Die Übung läuft, wird ausgewertet, dann räumen sie zusammen, verabschieden sich, fahren nach Hause, zurück in den Alltag. Doch der Piepser bleibt an, die Nacht über, die kommende Woche, immer. Wer vom Mainufer auf die Silhouette aus Schlossturm und Justinuskirche schaut, ahnt nichts von dieser stillen Bereitschaft – und genau das ist ihr Sinn. Sie ist ein unbezahltes, unaufgeregtes Geschenk an einen Stadtteil, der sie meist erst dann zu würdigen weiß, wenn es brennt.
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