Stadtleben · Reportage
Der Kümmerer im Kiez: Nachbarschaftshilfe im Nordend
Zwischen Altbauten und Cafés hält im Nordend ein feines Netz die Nachbarschaft zusammen: Einkäufe für Ältere, ein offenes Ohr, ein Schlüssel für den Notfall. Wer das macht — und warum.
Das Nordend gilt als eines der begehrtesten Wohnviertel Frankfurts, und man sieht es den Straßen an: hohe Altbaufassaden, Stuck über den Fenstern, Straßenbäume, die Eckcafés am Merianplatz und der fahrradfreundlich umgebaute Oeder Weg. Doch hinter den schönen Fassaden lebt, wie überall, auch das Alter, die Einsamkeit, die Mühe des Alltags, die für manche mit den Jahren immer größer wird. Und hier setzt ein feines Netz an, das sich um genau diese Menschen legt.
Es ist Vormittag in einer Seitenstraße nahe der Glauburgstraße, und eine Ehrenamtliche macht ihre Runde. In der Tasche der Einkauf für eine ältere Dame, die das Haus kaum noch verlässt. An der Wohnungstür wird nicht nur die Tasche übergeben, es wird auch gesprochen, ein paar Minuten, manchmal länger. Wie geht es, was macht der Rücken, hat die Enkelin angerufen. Der Einkauf ist erledigt in fünf Minuten. Der Besuch dauert länger, und er ist das Eigentliche.
Nachbarschaftshilfe ist ein unspektakuläres Wort für etwas, das eine Gesellschaft im Innersten zusammenhält. Es geht um die kleinen Dienste, die zwischen Amt und Familie durchfallen: den Einkauf, der zu schwer wird, den Gang zum Arzt, der ohne Begleitung nicht mehr geht, das Rezept, das abgeholt werden muss, den Brief, der vorgelesen werden will.

Was zwischen Amt und Familie fehlt
Der Bedarf wächst, und das hat Gründe. Familien leben weiter auseinander als früher, Kinder wohnen in anderen Städten, manche haben gar keine Angehörigen mehr in der Nähe. Gleichzeitig werden die Menschen älter und bleiben länger in ihren Wohnungen, was gut ist, solange jemand da ist, der auffängt. Genau diese Lücke füllen die Freiwilligen. Sie ersetzen keinen Pflegedienst und wollen es auch nicht. Sie tun das, wofür kein Antrag existiert.
Das Nordend eignet sich für ein solches Netz besonders, weil es trotz aller Aufwertung ein Viertel mit gewachsener Struktur geblieben ist. Man kennt sich, die Wege sind kurz, der Bäcker, die Apotheke und der Wochenmarkt am Friedberger Platz liegen um die Ecke. Wer mehr über den Charakter des Viertels wissen will, findet ihn im Nordend-Guide. Doch auch hier drückt der Preis: Steigende Mieten verändern die Bevölkerung, wie unser Text zum Mietspiegel zeigt, und wer lange hier wohnt, ist besonders auf ein tragfähiges Umfeld angewiesen.
Manchmal ist der Einkauf nur der Vorwand, und das Gespräch die eigentliche Hilfe.
Die Redaktion
Die Ehrenamtlichen, die diese Arbeit tun, sind selbst oft nicht mehr die Jüngsten. Manche haben früher selbst Angehörige gepflegt und wissen, wie es ist, allein zu sein mit der Sorge. Andere sind neu ins Viertel gezogen und suchen einen Weg, anzukommen und gebraucht zu werden. Was sie eint, ist eine Haltung, die man nicht organisieren kann: dass man den Nachbarn nicht allein lässt.
Manchmal reicht das Netz bis zum Schlüssel. Bei einer Frau, die nach einem Sturz ängstlich geworden ist, hängt ein Zweitschlüssel jetzt bei der Nachbarin zwei Etagen tiefer — vereinbart für den Fall, dass morgens einmal niemand die Tür öffnet oder ans Telefon geht. Es ist eine kleine Absprache, doch sie nimmt der Wohnung das Bedrohliche. Wer weiß, dass im Notfall jemand nach ihm sieht, wohnt anders allein. Über solche Vereinbarungen, sagt die Ehrenamtliche, werde selten viel Aufhebens gemacht; sie ergäben sich von selbst, wenn erst einmal Vertrauen da ist.
Ein Netz gegen die Einsamkeit
Vereinsamung ist eine der leisen Krankheiten der Großstadt. Man kann in einem belebten Viertel wohnen, umgeben von Menschen, und trotzdem tagelang mit niemandem sprechen. Gerade im Alter, wenn der Bewegungsradius schrumpft und der Weg bis zum Günthersburgpark plötzlich weit wird, gerät die Wohnung schnell zur Insel. Die Nachbarschaftshilfe ist ein Damm gegen diese Vereinzelung. Der regelmäßige Besuch strukturiert die Woche, gibt Halt, hält den Kontakt zur Welt.
Am Ende ihrer Runde hat die Ehrenamtliche drei Wohnungen besucht, zwei Einkäufe erledigt und, wie sie sagt, mehr Kaffee getrunken, als ihr guttut. Sie lacht darüber. Man spürt, dass sie diese Vormittage nicht als Last empfindet, sondern als etwas, das auch ihr etwas gibt. Die Hilfe fließt in beide Richtungen, das sagen fast alle, die es tun.
Das Nordend ist ein schönes Viertel, und es wäre leicht, es auf seine Cafés und Altbauten zu reduzieren. Doch sein eigentlicher Reichtum liegt woanders: in einem Netz von Menschen, die sich umeinander kümmern, ohne dass es jemand von ihnen verlangt. Solche Netze sieht man selten. Man merkt sie erst, wenn sie fehlen.
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