Stadtleben · Reportage

Die Frankfurter Tafel: Zwölf Stunden zwischen Rampe und Ausgabe

Bevor um zehn die Türen öffnen, ist die halbe Nacht schon Arbeit gewesen. Ein Tag bei der Frankfurter Tafel, wo gerettete Lebensmittel und Ehrenamt aufeinandertreffen.

Von Selin Aydın 4 Min. Lesezeit
Kühltransporter mit offener Hecktür an einer Laderampe, Helfer stapeln Kisten mit Gemüse im Morgenlicht.
01Tafel-Lager, Laderampe, 7:15 Uhr— Der Tag beginnt an der Rampe: Was die Märkte nicht mehr verkaufen, wird hier zuerst begutachtet.Foto: Zeit Frankfurt

Um sieben Uhr riecht die Halle nach nassem Karton und reifen Bananen. Ein Kühltransporter setzt rückwärts an die Rampe, die Hecktür klappt auf, und schon reicht eine Kette von Händen die ersten Kisten ins Innere: Salatköpfe mit welken Außenblättern, Joghurtbecher kurz vor dem Datum, Brot vom Vortag, das noch tadellos ist. Was in den Supermärkten der Stadt aus den Regalen fällt, landet hier — und beginnt ein zweites Leben.

Das Prinzip der Frankfurter Tafel ist einfach und in seiner Einfachheit fast radikal: Lebensmittel, die genießbar sind, sich aber nicht mehr verkaufen lassen, werden eingesammelt und an Menschen weitergegeben, die knapp bei Kasse sind. Ausgabeberechtigt ist, wer seine Bedürftigkeit nachweist, in Frankfurt meist über den Frankfurt-Pass. Ein Dutzend Ausgabestellen betreibt der Verein, über das Stadtgebiet verteilt. Zwischen Rampe und Ausgabetisch liegen zwölf Stunden Arbeit, und den größten Teil davon leisten Freiwillige — über 250 sollen es sein, vom Fahrer bis zur Ausgabekraft.

An der Sortierstraße stehen an diesem Vormittag ein Rentner, eine Studentin und eine Frau, die seit ihrer eigenen schweren Zeit dabeigeblieben ist. Sie prüfen, riechen, drücken, entscheiden. Was gut ist, kommt in die Kiste, was nicht mehr geht, in die Tonne — und davon ist weniger, als man denkt.

Sortiertisch mit Brot, Äpfeln und Konserven, ordnende Hände in Handschuhen, warmes Hallenlicht.
02Sortierhalle, 8:40 Uhr— Genießbar oder nicht — an diesem Tisch entscheidet sich, was in die Ausgabe kommt.Foto: Zeit Frankfurt

Retten, nicht wegwerfen

Die Zahlen der Lebensmittelverschwendung sind bekannt und trotzdem schwer zu fassen. Auch in Frankfurt fällt täglich an, was ganze Haushalte über Wochen ernähren würde; nach eigenen Angaben rettet die Tafel über 270 Tonnen im Monat. Sie setzt genau an der Schnittstelle zwischen Überfluss und Mangel an, die es in derselben Stadt gibt, oft nur wenige Straßen voneinander entfernt. Wer über die Wochenmärkte schlendert oder an der Kleinmarkthalle die Auslagen sieht, kennt die eine Seite; die andere zeigt sich an der Ausgabe.

Ein Teil der Ware stammt genau aus diesem Überfluss. Noch bevor die Stadt wach ist, klappern die Fahrer der Tafel Supermärkte und Filialen ab und sammeln ein, was übrig bleibt: die Kiste Paprika, die keiner mehr wollte, der Sack Möhren mit Erde daran, die Milch, deren Datum am Abend kippt. Es ist eine Logistik im Verborgenen, gefahren von Menschen, die dafür kein Geld nehmen, und getaktet auf die Minute, weil gekühlte Ware nicht wartet.

Denn die Nachfrage ist gestiegen. Wer regelmäßig kommt, erzählt von Renten, die nicht reichen, von Mieten, die drücken, von Kindern, die satt werden müssen. Viele der Ausgabeberechtigten leben in Vierteln wie dem Gallus, wo bezahlbarer Wohnraum knapp wird. Zuletzt reichte das Gerettete nicht mehr für alle. Die Tafel musste zeitweise einen Aufnahmestopp verhängen: Wer neu kommt, wird vertröstet. Sie ersetzt keine Sozialpolitik, das betonen die Helfer selbst. Sie fängt auf, was durchfällt.

Wir verteilen keine Reste, wir verteilen Lebensmittel, die schlicht keinen Preis mehr haben.

Eine Helferin, seit Jahren an der Ausgabe

An der Ausgabe hat sich längst eine Schlange gebildet. Nummern werden aufgerufen, jeder bekommt, was für ihn vorgesehen ist, und das System hält die Würde hoch: kein Gedränge, keine Almosen-Geste, ein knapper Beitrag statt eines Geschenks. Gerade das, sagt eine Helferin, sei vielen wichtig — nicht bloß Empfänger zu sein, sondern etwas beizutragen, und sei es symbolisch.

An diesem Vormittag steht eine ältere Frau ganz vorn, den Rollkoffer schon aufgeklappt. Sie kommt seit Jahren, immer mittwochs, sagt sie, und immer zur selben Zeit; man kennt sich hier, redet über das Wetter, die Enkel, das eine Knie. Als sie an der Reihe ist, legt ihr eine Helferin zwei Extra-Äpfel obenauf, wortlos, wie nebenbei. Hinter ihr wartet ein junger Vater mit Kinderwagen, dahinter ein Mann im Anzug, der wirkt, als wolle er nicht gesehen werden. Die Schlange ist in den letzten Monaten länger geworden — und bunter, das bestätigt hier jeder.

Ein Betrieb, der nur zusammen läuft

Damit ein Tafeltag gelingt, greifen viele Rädchen ineinander. Fahrer, die morgens die Märkte abklappern. Sortierer, die genau hinsehen. Ausgabekräfte, die Namen kennen und ein Wort für jeden haben. Dazu Logistik, Kühlung, Hygiene, Dokumentation — eine kleine Firma, die kein Geld verdient und trotzdem professionell arbeiten muss. Wie überall im Frankfurter Ehrenamt ist der Nachwuchs das Sorgenkind: Viele der Freiwilligen sind selbst längst im Rentenalter.

Am Nachmittag wird gewischt und gezählt, die Kühlräume werden kontrolliert, die letzten Kisten für den nächsten Morgen gerichtet. Die Halle leert sich, das Licht wird gedämpft. Was bleibt, ist die schlichte Erkenntnis, dass eine reiche Stadt einen solchen Ort braucht — und dass er nur existiert, weil Menschen ihre Zeit hergeben, ohne dafür etwas zu verlangen.

Wer die Frankfurter Tafel einmal von innen gesehen hat, kauft anders ein. Nicht aus schlechtem Gewissen, eher aus einem neuen Gefühl für den Wert der Dinge. Die krumme Gurke, das Brot vom Vortag, der Apfel mit der Delle: Nichts davon ist Abfall. Man muss es nur jemandem geben wollen.

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