Stadtleben · Reportage
Unter einem Dach: Ein Mehrgenerationenhaus in Bornheim
Kaffee für die Rentnerin, Bruchrechnung für den Schüler, ein warmes Mittagessen für alle: Im Mehrgenerationenhaus in Bornheim hält Marlies, 71, einen Tisch offen, an dem zusammenfindet, was die Stadt sonst nach Alter trennt.
Um Viertel nach zwölf riecht es nach Rindfleisch und Sellerie, und Marlies hat keine Hand mehr frei. Sie schöpft, sie deckt, sie dirigiert mit dem Kinn: Teller ans Tischende, Wasser in die Mitte, den Stuhl am Fenster für Herrn K., der schlecht zu Fuß ist. Im hellen Saal des Mehrgenerationenhauses, wenige Minuten vom Uhrtürmchen und der oberen Berger Straße, füllen sich die langen Tische zum Mittagstisch – und an einem einzigen sitzt beisammen, was in dieser Stadt sonst selten zusammenfindet: eine Rentnerin, eine junge Mutter mit Kleinkind, ein Schüler auf dem Heimweg, ein alleinlebender Mann Mitte fünfzig. Marlies, 71, seit dem Ruhestand fast täglich hier, nennt das ohne jede Rührung ihr zweites Wohnzimmer.
Das Haus, getragen von einem gemeinnützigen Verein aus dem Viertel, ist eines von bundesweit rund 530 Mehrgenerationenhäusern, die der Bund seit 2006 fördert – ein nüchternes Programm des Familienministeriums mit einer denkbar unnüchternen Idee: Menschen zusammenzubringen, die das Leben nach Alter sortiert hat. Denn genau das tut es, strenger, als uns bewusst ist. Kinder sind unter Kindern, Alte unter Alten, Berufstätige unter Berufstätigen; die Generationen leben nebeneinander, aber immer seltener miteinander. Das Mehrgenerationenhaus dreht das um. Es holt unter ein Dach, was sich sonst aus dem Weg geht.
Bornheim, das „lustige Dorf“, 1877 als erste Umlandgemeinde nach Frankfurt eingemeindet, eignet sich dafür fast zu gut. Der Stadtteil hat einen eigenen Charakter, eine gewachsene Nachbarschaft – und zugleich so viel Zuzug, dass die rund 30.000 Bewohner ständig neu aushandeln, wer dazugehört. Zwischen Alteingesessenen, die „Bernem“ sagen, und Neuankömmlingen, die ihre Kaltmiete kennen, aber kaum die Nachbarn, klafft eine Lücke, die kein Amt schließt. Wie eng das Viertel trotzdem verwoben ist, zeigt unser Bornheim-Guide. Das Haus setzt genau hier an, niedrigschwellig und ohne Zugangshürde.

Was die Großfamilie war
Früher übernahm die Großfamilie vieles wie von selbst: Die Großmutter hütete die Enkel, die Jungen halfen den Alten, Wissen und Fürsorge flossen zwischen den Generationen hin und her. Diese Struktur ist vielerorts zerbrochen; Familien leben verstreut, Alleinstehende gibt es in jedem Alter, die Wege zwischen den Generationen sind lang geworden. Das Mehrgenerationenhaus baut sie im Kleinen wieder auf, freiwillig und offen für alle. An diesem Mittag hilft Marlies nach dem Abräumen einem Zehnjährigen bei den Bruchrechnungen, während am Nachbartisch ein Rentner mit zwei Grundschülern ein Brettspiel aufbaut – Würfel klackern, Figuren rücken vor – und im Nebenraum eine Krabbelgruppe tobt. Alles gleichzeitig, unter einem Dach – und in dieser Gleichzeitigkeit liegt der ganze Trick.
Der offene Mittagstisch, ein warmes Tagesgericht für rund vier Euro, ist dabei mehr als eine Mahlzeit. Für manche ist er der einzige Termin des Tages, an dem sie mit anderen an einem Tisch sitzen. Gerade Ältere, denen der eigene Kochtopf einsam geworden ist, finden hier Gesellschaft. „Für einen kocht man nicht“, sagt eine Frau am Fenster, „für einen lohnt sich nicht mal die Kartoffel.“ Sie kommt, seit ihr Mann gestorben ist, dreimal die Woche. Das gemeinsame Essen wirkt gegen die Vereinzelung so unmittelbar wie kaum etwas anderes.
Hier lernt das Kind vom Alten und der Alte vom Kind – und keiner muss dafür ein Formular ausfüllen.
Marlies, 71, Ehrenamtliche
Getragen von vielen
Damit ein solches Haus läuft, braucht es hauptamtliche Kräfte für die Organisation – die Bundesförderung von 40.000 Euro im Jahr, ergänzt um kommunale Mittel, deckt kaum die Koordination – und eine Schar von Ehrenamtlichen für den Alltag. Rund vierzig sind es hier, viele selbst im Ruhestand. Sie kochen, betreuen, hören zu, richten Feste aus. Marlies, ihr halbes Leben Buchhalterin, kam nach der Rente „für zwei Stunden die Woche“ und blieb für fünf Tage. Das Haus, sagt sie, habe ihr einen Grund gegeben, morgens den Wecker zu stellen – und dann korrigiert sie sich: nicht einen Grund, mehrere, und alle hätten Namen.
So hilft das Haus nicht nur denen, die kommen, sondern auch denen, die es tragen. Ähnlich wie bei der Nachbarschaftshilfe im Nordend zeigt sich hier, wie viel eine Stadt gewinnt, wenn Menschen sich umeinander kümmern, statt darauf zu warten, dass es jemand anordnet – eine Rechnung, die für das ganze Frankfurter Ehrenamt aufgeht. Das Mehrgenerationenhaus ersetzt weder Familie noch Sozialstaat. Aber es schafft, was sich weder verordnen noch kaufen lässt: Zugehörigkeit über die Grenzen des Alters hinweg.
Am Nachmittag leert sich der Saal. Marlies stapelt Stühle, der Zehnjährige zieht mit gelöster Bruchrechnung ab, die junge Mutter schiebt den Wagen Richtung Günthersburgpark. Was bleibt, ist ein Eindruck von Selbstverständlichkeit: Alt und Jung unter einem Dach, so beiläufig, dass man sich fragt, warum es nicht überall so ist. Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Hauses zwischen Berger Straße und Park – dass Begegnung möglich wird, sobald man ihr einen Ort gibt. Und jemanden wie Marlies, der den Stuhl ans Fenster rückt, bevor jemand fragen muss.
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