Mainhattan · Erklärt
Der digitale Euro geht in den Test: Was Sie jetzt wissen müssen
Die EZB hat 36 Zahlungsdienstleister für den ersten großen Praxistest des digitalen Euro ausgewählt — darunter die Deutsche Bank, Revolut und Stripe. Bargeld wird nicht abgeschafft, mit Krypto hat das Projekt nichts zu tun. Was das neue Geld können soll und warum es in Frankfurt entsteht: die wichtigsten Antworten.
An einem Kiosk an der Berger Straße dauert der Bezahlvorgang vier Sekunden: Smartphone ans Terminal, ein Piepton, fertig. Was so alltäglich aussieht, läuft im Hintergrund fast nie über europäische Infrastruktur, sondern über die Systeme amerikanischer Kartenkonzerne und Bezahldienste. Ein paar Kilometer südöstlich, im Ostend, arbeitet die Europäische Zentralbank deshalb an einem Projekt, das genau diesen unscheinbaren Moment verändern soll: dem digitalen Euro. Seit diesem Sommer ist klar, wer ihn als Erstes ausprobieren wird — und wie der Weg bis zum Start für alle aussehen könnte.
Mitte Juli hat die EZB 36 Zahlungsdienstleister aus dem gesamten Euroraum für eine Pilotphase ausgewählt: große Häuser wie die Deutsche Bank und die italienische Unicredit, aber auch die Neobank Revolut und Bezahldienstleister wie Stripe und Adyen. Mehr als 50 Unternehmen hatten sich beworben, nachdem die Notenbank im März den Aufruf gestartet hatte; grünes Licht für die neue Projektphase hatte der EZB-Rat bereits Ende Oktober 2025 gegeben. Gemeinsam mit der EZB und 19 nationalen Zentralbanken — darunter die Deutsche Bundesbank, ebenfalls in Frankfurt zu Hause — sollen die Ausgewählten ab der zweiten Jahreshälfte 2027 zwölf Monate lang den Ernstfall proben: bezahlen im Laden, Geld an Freunde schicken, online und offline. Zeit also für die Grundsatzfragen, die das Projekt seit Jahren begleiten.
Ein digitaler Euro wäre ein Geldschein in elektronischer Form
Die kürzeste Erklärung lautet: Der digitale Euro ist Bargeld ohne Papier. Das klingt banal, beschreibt aber den entscheidenden Unterschied zu dem Geld auf Ihrem Girokonto. Kontoguthaben ist sogenanntes Giralgeld — eine Forderung gegen Ihre Bank, also gegen ein privates Unternehmen, das grundsätzlich auch scheitern kann; genau deshalb gibt es die gesetzliche Einlagensicherung, die Guthaben bis 100.000 Euro schützt. Ein Geldschein dagegen ist Zentralbankgeld, ein direktes Versprechen der Notenbank, das keine Absicherung braucht. Der digitale Euro würde dieses Versprechen erstmals in digitaler Form für alle zugänglich machen — bislang dürfen nur Banken digitale Guthaben direkt bei der Zentralbank halten.
Warum der Aufwand? Zum einen aus Gründen der Souveränität: Wer heute in Frankfurt mit Karte oder Handy zahlt, nutzt fast immer die Schienen von Visa, Mastercard, Apple oder Paypal — Infrastruktur, über die Europa im Ernstfall nicht bestimmt. Zum anderen verschiebt sich das Bezahlverhalten: Der Anteil der Barzahlungen sinkt seit Jahren, und eine Notenbank, deren Geld im Alltag der Menschen kaum noch vorkommt, verliert an Boden. Die EZB, die sonst vor allem über den Leitzins in unser Leben hineinwirkt — was der mit Ihrem Festgeld macht, haben wir hier erklärt —, will deshalb ein öffentliches Bezahlsystem neben die privaten stellen.
Für Sie sähe das so aus: eine Wallet, also eine digitale Geldbörse, eingerichtet über die App Ihrer Bank oder eine eigene Anwendung des Eurosystems, aufgeladen vom Girokonto. Bezahlen könnten Sie damit im gesamten Euroraum — im Laden, online und von Handy zu Handy —, die Grundfunktionen nach den bisherigen Plänen gebührenfrei. Wer kein Smartphone besitzt oder keines benutzen möchte, soll eine physische Bezahlkarte bekommen können.
Mit Kryptowährungen hat das Projekt fast nichts gemein

So oft der digitale Euro in einem Atemzug mit Bitcoin genannt wird, so wenig verbindet die beiden. Kryptowährungen haben keinen Herausgeber, ihr Preis entsteht allein aus Angebot und Nachfrage, und er kann sich an einem einzigen Tag zweistellig bewegen. Ein digitaler Euro dagegen ist schlicht ein Euro: Er schwankt nicht, er wird von der Notenbank herausgegeben, und hinter ihm steht dieselbe Institution wie hinter jedem Schein in Ihrem Portemonnaie. Näher dran sind sogenannte Stablecoins — privates Digitalgeld, dessen Wert an klassische Währungen gekoppelt ist. Nur hängen die großen Stablecoins fast ausnahmslos am US-Dollar und werden von amerikanischen Unternehmen betrieben. Auch das ist ein Grund, warum Brüssel und Frankfurt beim eigenen Projekt aufs Tempo drücken.
Eine Geldanlage ist der digitale Euro ausdrücklich nicht: Er wird nicht verzinst, und es soll eine Obergrenze dafür geben, wie viel jede Person halten darf — im Gespräch waren zuletzt Beträge von wenigen Tausend Euro, festgelegt ist noch nichts. Der Grund ist der Schutz der Banken: Würden Sparer in einer Krise massenhaft Kontoguthaben in digitale Euro umschichten, fehlte den Instituten Geld für Kredite. Wer sein Erspartes vermehren will, bleibt also bei den klassischen Instrumenten — von der Aktie bis zum ETF.
Ein digitaler Euro ist kein neues Geld. Er ist das alte Versprechen des Geldscheins, übersetzt in die Welt des Smartphones.
Offline bezahlen soll funktionieren wie mit einem Zwanziger
Die vielleicht interessanteste Funktion ist die unscheinbarste: Der digitale Euro soll auch ohne Internetverbindung funktionieren. Dafür wird ein Betrag vorab auf das Gerät geladen und liegt dann lokal auf dem Chip — bezahlt wird von Handy zu Handy oder von Handy zu Terminal, auch im Funkloch, im Untergeschoss eines Kaufhauses oder bei einem großflächigen Stromausfall. Das unterscheidet ihn von jeder Kartenzahlung, die stets eine Verbindung zu fernen Servern braucht, und macht ihn zu einer Art Krisenreserve in der Hosentasche.
Am Offline-Modus hängt auch das Datenschutzversprechen. Solche Zahlungen sollen ausschließlich Zahler und Empfänger etwas angehen — so anonym wie Bargeld, sagt die EZB. Bei Online-Zahlungen sollen die Daten pseudonymisiert werden; die Notenbank betont, sie selbst könne Zahlungen keinen Personen zuordnen. Kritiker halten dagegen, dass jede digitale Infrastruktur Begehrlichkeiten weckt, und verlangen harte gesetzliche Schranken. Die stehen im Entwurf der EU-Verordnung tatsächlich drin — verabschiedet ist sie allerdings noch nicht.
Getestet wird ab 2027, entwickelt wird vor allem in Frankfurt

Was genau passiert nun in der Pilotphase? Ab Herbst 2026 beginnt die Entwicklungsarbeit: Die 36 ausgewählten Anbieter — aus Deutschland sind fünf dabei — bauen gemeinsam mit ihren nationalen Zentralbanken die technischen Anbindungen an die Infrastruktur des Eurosystems. Ab der zweiten Jahreshälfte 2027 wird dann eine Betaversion unter realen Bedingungen erprobt: echte Zahlungen an der Ladenkasse und von Person zu Person, online wie offline, zwölf Monate lang. Am Ende steht ein Bericht, der zeigen soll, ob Technik, Abläufe und Bedienbarkeit tatsächlich alltagstauglich sind — oder wo nachgebessert werden muss, bevor Millionen Menschen das System nutzen.
Der Ort, an dem die Fäden zusammenlaufen, liegt eine gute halbe Stunde Fußweg vom Römerberg entfernt: Im EZB-Doppelturm an der Sonnemannstraße im Ostend, errichtet auf dem Gelände der alten Großmarkthalle, arbeitet das Projektteam um Piero Cipollone, das im EZB-Direktorium für den digitalen Euro zuständige Mitglied. Ein paar Kilometer nordwestlich, an der Wilhelm-Epstein-Straße, kümmert sich die Bundesbank um die deutsche Seite des Vorhabens. Frankfurt, das im Kleinen jeden Morgen die Preise von Aktien und Anleihen findet — wie so ein Handelstag auf dem Parkett aussieht, lesen Sie hier —, verhandelt damit im Großen die Frage, wie Europas Geld in zehn Jahren aussieht.
Das Bargeld bleibt — der Zeitplan ist trotzdem sportlich
Die hartnäckigste Sorge räumt die EZB seit Jahren in fast jeder Mitteilung ab: Das Bargeld wird nicht abgeschafft. Der digitale Euro soll Scheine und Münzen ergänzen, nicht ersetzen; die geplante EU-Gesetzgebung schreibt sogar ausdrücklich fest, dass Bargeld flächendeckend verfügbar bleiben und akzeptiert werden muss. Der Fahrplan dahinter: Die EU-Verordnung, von der Kommission bereits im Juni 2023 vorgeschlagen, soll noch 2026 verabschiedet werden. Die formale Entscheidung des EZB-Rats über die Einführung könnte dann 2027 fallen, und als frühester Termin für den Start in der Breite gilt 2029. Jede dieser Stufen kann sich verschieben — verschoben wurde in diesem Projekt schon öfter.
Für Sie heißt das vorerst: nichts tun, nichts entscheiden, nichts herunterladen. Ob der digitale Euro ein Erfolg wird, entscheidet sich ohnehin nicht in Verordnungen, sondern an Tresen wie dem an der Berger Straße. „Mir ist am Ende egal, wie das Geld heißt — Hauptsache, es geht schnell und ist abends in der Kasse", sagt der Kioskbetreiber dort, auf das Projekt angesprochen. Genau diese Gelassenheit ist die Messlatte: Ein Zahlungsmittel hat sich durchgesetzt, wenn niemand mehr über es nachdenken muss.

In der Kleinmarkthalle, wo mittags Hände über die Auslagen hinweg Äpfel, Scheine und Kleingeld tauschen, wirkt die Frage nach der Zukunft des Geldes angenehm unaufgeregt. Bezahlt wird in diesem Gebäude seit 1954 — erst bar, längst auch mit Karte, irgendwann vielleicht mit digitalem Zentralbankgeld. Der Apfel schmeckt in jedem Fall gleich. Vielleicht ist das die beruhigendste Erkenntnis aus diesem Großprojekt: Es will das Geld nicht neu erfinden. Es will nur dafür sorgen, dass es uns so selbstverständlich gehört wie bisher — auch dann, wenn kein Schein mehr den Besitzer wechselt.
Mehr aus Mainhattan
Alle Artikel →Mainhattan · Erklärt
Was macht die EZB eigentlich? Ein Besuch im Ostend, erklärt
Preisstabilität, Leitzins, Bankenaufsicht: Was die EZB im Frankfurter Ostend tut, wer im EZB-Rat entscheidet — und was das mit Ihrer Miete zu tun hat.
Mainhattan · Erklärt
Zinswende im Ostend: Warum die EZB erstmals seit 2023 erhöht
Die EZB hebt erstmals seit September 2023 die Leitzinsen wieder an. Warum der Einlagensatz auf 2,25 Prozent steigt und was hinter der Zinswende steckt.
Mainhattan · Reportage
Rechenzentren statt Handelssaal: Frankfurts Fintech-Szene 2026
Reportage aus Frankfurts Fintech-Szene 2026: Warum die Nähe zu EZB, BaFin und DE-CIX junge Finanzfirmen anzieht — und Berlin trotzdem die Apps baut.

