Mainhattan · Reportage
Morgens um acht auf dem Parkett: Ein Tag an der Börse Frankfurt
Der Handelssaal am Börsenplatz ist der letzte Ort in Deutschland, an dem Börse sichtbar stattfindet. Ein Tag zwischen Rundpulten, Kurstafel und Kamerapositionen — von der Eröffnung um acht bis zum letzten Kurs um zehn.
Um 7.40 Uhr hat der Börsenplatz noch wenig Finanzwelt an sich. Ein Kehrfahrzeug zieht seine Runde, auf dem Rücken des bronzenen Bullen sitzen zwei Tauben, ein Mann schiebt sein Rennrad Richtung Rathenauplatz. Nur das Tierpaar vor der Sandsteinfassade — der Bulle, der Bär, ihre Geschichte haben wir hier erzählt — deutet an, dass hinter dem Säulenportal etwas verhandelt wird, das größer ist als dieser stille Platz. Drinnen, eine Sicherheitsschleuse und eine Treppe später, liegt der Handelssaal der Börse Frankfurt: der letzte Ort in Deutschland, an dem Börse noch sichtbar stattfindet. Wir haben einen Tag lang zugesehen.
Der Saal empfängt seine Besucher mit warmem Kunstlicht und einer Stille, die nicht zur Legende passt. Wer „Parkett" hört, denkt an schreiende Männer mit Handzetteln; wer den Raum betritt, sieht Rundpulte mit Monitorkränzen, Teppichboden und Menschen, die leise telefonieren. An der Stirnseite läuft die große Kurstafel, deren Zickzacklinie Sie aus den Fernsehnachrichten kennen. Ein paar Dutzend Beschäftigte arbeiten hier, dazu Kameraleute und Redakteure, gelegentlich eine angemeldete Besuchergruppe auf der Galerie. Mehr Personal braucht ein Markt, der Milliarden bewegt, an seinem sichtbarsten Ort nicht mehr.
Um acht beginnt der Handel — und niemand hebt die Stimme
Die Spezialisten sind lange vor acht an ihren Pulten: Systeme hochfahren, Orderbücher prüfen, die Nachrichtenlage aus Asien überfliegen. Um Punkt acht beginnt an der Börse Frankfurt der Handel, eine Stunde bevor Xetra, die elektronische Plattform der Deutschen Börse, mit ihrer Eröffnungsauktion startet. Von dieser Eröffnung sieht man vor allem eines: Zahlenkolonnen, die zu flackern beginnen. Kein Gong, kein Geschrei — nur ein Saal, der von einem Moment auf den anderen unter Strom steht, ohne dass sich äußerlich viel ändert. „Die ersten dreißig Minuten entscheiden oft über die Tonlage des Tages", sagt ein Händler am Nebenpult, den Blick auf sechs Bildschirmen. „Wenn über Nacht etwas passiert ist, sehen Sie das hier zuerst an den Umsätzen in den Nebenwerten."
Dass es diesen Saal überhaupt noch gibt, ist bemerkenswert. Frankfurts Börse reicht zurück bis ins Jahr 1585, als Kaufleute auf der Messe einheitliche Wechselkurse vereinbarten; das Gebäude am Börsenplatz, 1879 eröffnet, hat Kaiserreich, Inflation, Krieg und Wiederaufbau überstanden. Der Handel selbst aber ist längst ausgezogen: Die Deutsche Börse AG, die den Betrieb organisiert, sitzt heute in Eschborn, und der weitaus größte Teil des Umsatzes mit deutschen Aktien läuft durch Rechenzentren, nicht durch diesen Raum. Was am Börsenplatz geblieben ist, ist die einzige Stelle im Land, an der man dem Kapitalmarkt beim Arbeiten zusehen kann.

Der Beruf des Händlers wurde nicht abgeschafft, sondern übersetzt
„Als ich 1994 angefangen habe, standen hier ein paar Hundert Leute, und man hat den Markt gehört", erzählt ein Spezialist Ende fünfzig, der an einem der Rundpulte deutsche Nebenwerte betreut. „Wenn es laut wurde, wusste man: Jetzt passiert etwas. Heute sehe ich dasselbe an den Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskursen — nur eben lautlos." Sein Arbeitsplatz erzählt drei Jahrzehnte Strukturwandel: Bis in die Neunziger riefen Makler Kurse aus und notierten Abschlüsse von Hand, dann kam 1997 Xetra, und der Umsatz wanderte Jahr für Jahr tiefer in die Maschinen.
2011 zog die Börse die Konsequenz und beendete den klassischen Parketthandel. Seither gilt das Spezialistenmodell: Handelshäuser und Banken betreuen jeweils ein Bündel von Wertpapieren, stellen fortlaufend verbindliche An- und Verkaufspreise und sorgen dafür, dass auch ein selten gehandelter Titel jederzeit einen fairen Kurs hat. Die Preisbildung selbst folgt den Regeln des elektronischen Orderbuchs — wie aus Angebot und Nachfrage ein Kurs wird, haben wir hier Schritt für Schritt beschrieben. Der Mensch am Pult ist nicht mehr der Marktplatz, er ist dessen Qualitätskontrolle.
Was das praktisch heißt, zeigt der Vormittag am Rundpult: Die Hände des Spezialisten liegen zwischen Telefonhörer und Tastatur, und das Telefon klingelt selten — aber wenn, dann geht es um die Fälle, die das System nicht allein löst. Eine ungewöhnlich große Order in einem engen Wert, ein Kurs, der aus dem Rahmen läuft, eine Rückfrage aus der Handelsüberwachung. Dazwischen: Augen auf den Monitoren, kurze Kommandos, viel Routine. „Neunzig Prozent des Tages ist Wachdienst", sagt er. „Die restlichen zehn Prozent sind der Grund, warum es uns gibt."
Früher haben wir hier Preise gemacht. Heute sorgen wir dafür, dass sie stimmen.
Ein Spezialist, seit 1994 im Saal
Nachmittags verwandelt sich der Saal in ein Fernsehstudio
Je später der Tag, desto deutlicher verschiebt sich die Balance im Raum: weg von den Pulten, hin zu den Kameras. Mehrere Sender unterhalten feste Positionen im Saal, das Börsenstudio der ARD produziert hier seine täglichen Berichte — vieles von dem, was abends vor und nach der Tagesschau über Kurse und Konjunktur gesagt wird, entsteht an dieser Stelle. Die Kurstafel mit der Dax-Kurve ist dabei mehr als Hintergrund: Sie ist das eine Bild, mit dem dieses Land seit Jahrzehnten „Wirtschaft" illustriert. Eine Maskenbildnerin richtet einer Korrespondentin den Kragen, der Tonmann zählt herunter, drei Meter weiter stellt ein Spezialist ungerührt Kurse. Beide Berufe teilen sich denselben Raum und dieselbe Ware: Aufmerksamkeit für Zahlen.

An manchen Tagen ist der Saal Bühne im wörtlichen Sinn. Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, gehört der Morgen dem Ritual: Vorstände auf dem Podest, die Börsenglocke, der erste Kurs, Applaus, Fototermin vor der Tafel. Es ist der seltene Moment, in dem die Abstraktion Kapitalmarkt ein Gesicht bekommt — wie so ein Börsengang hinter den Kulissen wirklich abläuft, lesen Sie hier. Danach räumen Techniker das Konfetti weg, und der Saal kehrt zu seiner eigentlichen Beschäftigung zurück: beobachten.
Man kann das alles Kulisse nennen, und es gibt Leute am Finanzplatz, die genau das tun. Aber die Kulisse arbeitet. Wer wissen will, wie nervös ein Markt ist, muss nicht auf Indizes starren — er kann in diesen Saal schauen. An hektischen Tagen häufen sich die Live-Schalten, die Telefone an den Pulten klingeln öfter, die Spannen in den Nebenwerten weiten sich, und auf einmal stehen wieder mehr Menschen im Raum, als der Dienstplan vorsieht. „Wenn hier drin Betrieb herrscht, kippt draußen gerade eine Gewissheit", sagt eine Fernsehredakteurin, die seit vielen Jahren aus dem Saal berichtet. Das Parkett, so besehen, ist beides zugleich: Bühne und Frühwarnsystem.
Der Abend gehört den Privatanlegern — und dann der Stille
Um 17.30 Uhr endet der Handel auf Xetra mit der Schlussauktion, die institutionelle Welt macht Feierabend. Der Saal nicht: An der Börse Frankfurt wird bis 22 Uhr gehandelt, ausdrücklich auch für Privatanleger, die erst nach Dienstschluss ins Depot schauen — und für alle, die auf die Wall Street reagieren wollen, deren Handelstag bis in den europäischen Abend reicht. Die Spezialisten stellen weiter Preise und orientieren sich dabei an Referenzmärkten, an Futures, an New York. Es ist die unaufgeregteste Schicht des Tages, und vielleicht die ehrlichste: keine Kameras mehr, keine Rituale, nur noch der Dienst am Kurs.
Gegen 21.45 Uhr leert sich der Raum endgültig. Die Redaktionen haben ihre letzten Beiträge gesendet, an den Pulten werden Positionen geprüft und Systeme heruntergefahren, jemand sammelt Kaffeetassen ein. Um 22 Uhr stehen die letzten Kurse, kurz darauf verlöschen die Monitore, und die Kurstafel läuft noch einen Moment weiter, als hätte ihr niemand Bescheid gesagt. Dann geht auch dort das Licht aus.

Was bleibt von so einem Tag? Vielleicht diese Beobachtung: Der Handelssaal ist keine nostalgische Reserve, sondern eine Übersetzungsleistung. Er macht einen Markt, der in Rechenzentren stattfindet, für ein ganzes Land anschaubar — als Bild in den Nachrichten, als Ort für Schulklassen und Staatsgäste, als Seismograf für die Tage, an denen es ernst wird. Draußen auf dem Platz haben Bulle und Bär längst wieder Tauben auf dem Rücken. Morgen früh um acht flackern die Zahlen von Neuem, und wieder wird kaum jemand die Stimme heben. Man muss nur hinsehen.
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