Mainhattan · Erklärt
Was ist eine Aktie? Die Grundlagen vom Frankfurter Parkett
Jeder kennt das Wort, viele scheuen die Nachfrage: Was genau besitzt eigentlich, wer eine Aktie kauft? Zum Auftakt unserer Grundlagen-Serie „Börsenplatz" erklären wir das Papier, mit dem alles beginnt — bei einem Gang durch das Börsengebäude, in dem seit 1879 gehandelt wird.
Morgens um acht gehört der Börsenplatz noch den Tauben. Ein Lieferwagen rangiert, die ersten Anzugträger queren das Pflaster, und vor der hellen Sandsteinfassade stehen die beiden Bronzetiere, die es zu einiger Berühmtheit gebracht haben: der Bulle, der für steigende Kurse steht, und der Bär, der die fallenden verkörpert. Seit 1879 wird in dem klassizistischen Gebäude dahinter gehandelt, und wenn die Abendnachrichten „die Börse" zeigen, ist fast immer dieser Ort gemeint. Nur: Was dort gehandelt wird, erklären die Bilder nie. Aktien — ein Wort, das alle kennen, viele besitzen und erstaunlich wenige auf Nachfrage sauber definieren können.
Genau hier setzt unsere neue Grundlagen-Serie „Börsenplatz" an, und sie beginnt ganz vorn: bei der Frage, was eine Aktie eigentlich ist. Die Antwort ist einfacher, als die flimmernden Kurstafeln vermuten lassen — und folgenreicher. Denn von ihr hängt ab, wie man auf alles Weitere blickt: auf Kurse, Dividenden, Abstürze und die alte Streitfrage, ob das alles Spekulation ist oder Beteiligung. Gehen wir das Haus am Börsenplatz einmal durch, von der Fassade bis zum Handelssaal — und die Aktie gleich mit.
Eine Aktie ist ein Anteil am Unternehmen — kein Lotterielos
Rechtlich ist die Sache nüchtern geregelt: Eine Aktie ist ein Wertpapier, das einen Anteil am Grundkapital einer Aktiengesellschaft verbrieft. „Verbriefen" heißt schlicht: Das Papier ist der Nachweis, dass Ihnen ein Stück des Unternehmens gehört. Das Grundkapital — die Kapitalbasis, die eine AG in Deutschland bei der Gründung aufbringen muss, mindestens 50.000 Euro — wird dafür in viele gleich große Stücke zerlegt. Ein Beispiel mit runden Zahlen: Zerlegt eine Gesellschaft ihr Kapital in 100 Millionen Aktien und Sie kaufen eine einzige, gehört Ihnen ein Hundertmillionstel des Unternehmens. Das klingt nach wenig, ist aber dem Wesen nach dasselbe wie das Paket eines Großaktionärs: Miteigentum, mit denselben Rechten je Stück.
Damit ist auch gesagt, was eine Aktie nicht ist. Wer eine Anleihe kauft — die zweite große Wertpapiergattung —, leiht einem Staat oder einem Unternehmen Geld und bekommt dafür Zinsen und am Ende den Betrag zurück; er ist Gläubiger. Der Aktionär dagegen ist Eigentümer: Ihm wird nichts zurückgezahlt, ihm gehört etwas. Läuft das Geschäft gut, profitiert er über die Gewinnbeteiligung und den steigenden Wert seines Anteils; läuft es schlecht, trägt er den Verlust mit. Nach unten ist das Risiko allerdings scharf begrenzt: Mehr als den Kaufpreis kann ein Aktionär nicht verlieren, nachschießen muss er nie — so steht es im Aktiengesetz.
Erfunden wurde diese Konstruktion nicht für Kleinsparer, sondern für Vorhaben, die für einzelne Kaufleute zu groß und zu riskant waren. Als erste Aktiengesellschaft im modernen Sinn gilt die Niederländische Ostindien-Kompanie von 1602, deren Anteile in Amsterdam frei den Besitzer wechselten; im 19. Jahrhundert finanzierte die Rechtsform dann Eisenbahnen, Banken und Fabriken. Frankfurt war da längst Handelsplatz: Die hiesige Börse führt ihre Geschichte auf das Jahr 1585 zurück, als Kaufleute zur Messe einheitliche Wechselkurse festlegten. Gehandelt wurden hier allerdings lange vor allem Anleihen; die erste Aktie erschien erst 1820 auf dem Frankfurter Kurszettel — ein Papier der Österreichischen Nationalbank. Das heutige Börsengebäude, 1879 bezogen, ist also deutlich jünger als das Geschäft, das es beherbergt.

Drei Rechte machen aus einem Käufer einen Aktionär
Das erste Recht ist das auf Gewinnbeteiligung. Erwirtschaftet die Gesellschaft einen Überschuss, kann sie einen Teil davon an ihre Eigentümer ausschütten — die Dividende, in Deutschland meist einmal im Jahr gezahlt und als Betrag je Aktie ausgedrückt. Wichtig ist das Wörtchen „kann": Eine Garantie gibt es nicht. Über die Ausschüttung stimmen die Aktionäre auf Vorschlag der Verwaltung selbst ab, und in schlechten Jahren fällt sie kleiner aus oder ganz weg. Die Dividende ist kein Zins, sondern verteilter Gewinn — deshalb schwankt sie mit dem Geschäft.
Das zweite Recht ist die Stimme. Einmal im Jahr lädt jede Aktiengesellschaft zur Hauptversammlung, dem Treffen ihrer Eigentümer. Dort wird über die Dividende, die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat und über Grundsatzfragen abgestimmt — in der Regel nach dem Prinzip: eine Aktie, eine Stimme. Wer zehn Stück hält, verändert damit keine Konzernstrategie, aber er darf reden, fragen und mitstimmen wie jeder andere Eigentümer auch. Eine Ausnahme sind die sogenannten Vorzugsaktien: Ihre Inhaber verzichten auf das Stimmrecht und werden dafür bei der Dividende bevorzugt bedient.
Das dritte Recht schützt vor Verwässerung. Gibt die Gesellschaft neue Aktien aus, um frisches Kapital einzusammeln, dürfen die bisherigen Aktionäre zuerst zugreifen, und zwar im Verhältnis ihres Bestands. Dieses Bezugsrecht sorgt dafür, dass Ihr Anteil am Unternehmen nicht ungefragt schrumpft. Ganz am Ende der Liste steht schließlich ein Recht, das niemand in Anspruch nehmen möchte: Wird die Gesellschaft aufgelöst, haben die Aktionäre Anspruch auf ihren Teil dessen, was nach Begleichung aller Schulden übrig bleibt. Häufig ist das: nichts. Dazu gleich mehr.
Wer eine Aktie kauft, leiht dem Unternehmen kein Geld — ihm gehört von diesem Moment an ein Stück davon.
Die Aktie von heute ist unsichtbar — und liegt trotzdem im Tresor
Zu den hartnäckigsten Missverständnissen gehört die Vorstellung, irgendwo lägen noch bedruckte Papiere mit Namen darauf. Tatsächlich waren Aktienurkunden einmal kleine Kunstwerke: mit Zierrahmen, Allegorien und Kuponbögen, von denen man zur Dividendenzahlung einen Abschnitt abtrennte und am Bankschalter einlöste. Heute existieren die Anteile großer Gesellschaften fast nur noch als sogenannte Globalurkunde — ein einziges Dokument je Aktiengattung, verwahrt beim Zentralverwahrer Clearstream, einer Tochter der Deutschen Börse. Was Ihnen gehört, steht als Buchung in Ihrem Depot, dem Wertpapierkonto bei Ihrer Bank oder Ihrem Broker. Die schönen alten Urkunden haben derweil ihren eigenen Markt gefunden: Sammler zahlen für manche Stücke heute mehr, als das Papier je an Dividende eingebracht hat.
Gekauft und verkauft wird entsprechend unspektakulär: Sie erteilen über Bank oder Broker einen Auftrag, eine Order, die an einen Handelsplatz weitergeleitet wird — in Frankfurt an das elektronische Handelssystem Xetra oder an die Börse Frankfurt am Börsenplatz, wo Spezialisten den Handel betreuen. Wie aus Tausenden solcher Aufträge ein Preis wird, ist ein eigenes Kapitel dieser Serie; Sie finden es im Artikel darüber, wie ein Aktienkurs entsteht. Für den Anfang genügt eine Einsicht, die viele überrascht: Ihr Geld geht beim Aktienkauf an den Verkäufer der Aktie, nicht an das Unternehmen. Nur wenn eine Gesellschaft neue Aktien ausgibt — etwa beim Börsengang oder einer Kapitalerhöhung —, fließt das Kapital in die Firma selbst.
Kurse schwanken, weil Erwartungen gehandelt werden

Bleibt die Frage, die Einsteiger am meisten irritiert: Warum ist dieselbe Aktie heute 92 Euro wert und in drei Monaten 71 oder 118? Die Antwort steckt in dem, was da bewertet wird. Ein Aktienkurs ist kein amtlich festgestellter Wert des Unternehmens, sondern schlicht der Preis, zu dem das letzte Geschäft zustande kam — das Ergebnis von Angebot und Nachfrage in genau diesem Moment. Und Angebot und Nachfrage speisen sich aus Erwartungen: über künftige Gewinne, Zinsen, Energiepreise, Regierungen, Technologien. Ändert sich die Erwartung, ändert sich der Preis — auch wenn im Unternehmen selbst an diesem Tag gar nichts geschieht.
Daraus folgt ein Risiko, das man nicht wegerklären sollte. Kurse können lange und tief fallen; Dividenden können ausfallen; und rutscht eine Gesellschaft in die Insolvenz, werden zuerst alle Gläubiger bedient, bevor die Eigentümer an die Reihe kommen — für Aktionäre bleibt dann oft der Totalverlust des eingesetzten Geldes. Genau deshalb gilt unter Profis wie Privatleuten dieselbe Grundregel: nie alles auf ein einzelnes Unternehmen setzen. Wie sich das Auf und Ab von vierzig großen Werten zu einer einzigen Zahl bündeln lässt, die dann als „der Markt" durch die Nachrichten läuft, erklärt unsere Folge über den Dax. Für den Moment reicht die Faustregel: Wer streut, macht aus dem Schicksal einer Firma eine Wette auf die Wirtschaft insgesamt — und die ist historisch deutlich berechenbarer.
Das Parkett ist heute Kulisse — aber keine leere
Und der Handelssaal, den alle aus dem Fernsehen kennen? Der ist ehrlicher, als sein Ruf vermuten lässt. Seit Ende der Neunzigerjahre läuft der weitaus größte Teil des deutschen Aktienhandels über Computer; auf dem Parkett sitzen heute Spezialisten vor Bildschirmreihen und betreuen die Preisfeststellung, dazwischen senden Fernsehteams ihre Börsenberichte. Wer sich vorab anmeldet, kann von der Besuchergalerie zuschauen. „Die häufigste Frage ist bis heute, wo denn die Aktien liegen", sagt eine Mitarbeiterin, die Besuchergruppen durch das Haus führt. „Die zweithäufigste: Wo sind die rufenden Händler? Beides gibt es nicht mehr — enttäuscht geht trotzdem kaum jemand."

Am Abend, wenn die Anzeigetafel erloschen und der Saal leer ist, lässt sich am Börsenplatz noch einmal zusammensetzen, was eine Aktie ist: ein Anteil an einem Unternehmen, mit Rechten, die man ausüben kann, und Risiken, die man kennen sollte. Kein Lotterielos, kein Sparbuch, sondern Miteigentum — eine der nüchternsten Erfindungen der Wirtschaftsgeschichte, verpackt in das aufgeregteste Vokabular. In der nächsten Folge von „Börsenplatz" gehen wir dorthin, wo aus Ihrem Kaufauftrag ein Kurs wird: ins Orderbuch.
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