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ETF verstehen: Mit einem Papier den ganzen Dax im Depot

Ein einziges Wertpapier, und im Depot liegen 40 Konzerne — oder 1.400. Kaum ein Produkt hat die Geldanlage so verändert wie der börsengehandelte Indexfonds, und ein großer Teil des europäischen Handels läuft über Frankfurt. Folge 4 der Serie Börsenplatz erklärt, was Sie da kaufen, was es kostet und was schiefgehen kann.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Abendpanorama des Frankfurter Bankenviertels, erleuchtete Bürofenster fügen sich zu einem gleichmäßigen Lichtraster.
01Bankenviertel, 18:50 Uhr— Hunderte Fenster, ein Raster: Wer den Index kauft, kauft das ganze Bild — nicht das einzelne Licht.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt einen Moment am frühen Abend, in dem das Bankenviertel sein ehrlichstes Gesicht zeigt. Die Sonne ist weg, die Türme werden zu Schattenrissen, und übrig bleiben die Fenster: hunderte, tausende erleuchtete Rechtecke, die sich zu einem gleichmäßigen Raster fügen. Kein einzelnes Fenster bedeutet etwas. Das Muster bedeutet alles. Wer verstehen will, was ein ETF ist, kann mit diesem Bild beginnen — denn genau das ist das Versprechen dieses Produkts: nicht das einzelne Licht zu erwischen, sondern das ganze Raster zu besitzen.

ETF steht für Exchange Traded Fund, auf Deutsch: börsengehandelter Indexfonds. Hinter dem sperrigen Namen steckt die vielleicht folgenreichste Idee, die die Geldanlage in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat — und eine, die enger mit Frankfurt verbunden ist, als viele wissen. In dieser Serie ging es bereits darum, was eine Aktie eigentlich ist und was hinter dem Dax steckt; Folge 4 setzt die Teile zusammen. Drei Fragen genügen dafür, und es sind die drei, die Einsteiger ohnehin stellen: Was kaufe ich da eigentlich? Was kostet es? Und was kann schiefgehen?

Sie kaufen keine Firma, sondern eine Liste

Beginnen wir mit der ersten. Ein Index wie der Dax ist zunächst nichts weiter als eine Liste: die 40 größten börsennotierten Unternehmen des Landes, gewichtet nach ihrem Börsenwert, zusammengefasst in einer einzigen Zahl. Ein ETF auf den Dax nimmt diese Liste und kauft sie nach — stur, mechanisch und ohne eigene Meinung. Steigt der Index, steigt der ETF; fällt der Index, fällt er mit. Niemand sitzt dahinter und wählt aus, niemand hält die eine Aktie für unterbewertet und wirft die andere aus dem Depot. Der Fonds bildet ab, was der Markt entschieden hat, mehr nicht.

Rechtlich kaufen Sie dabei einen Fondsanteil: Ihr Geld fließt in einen großen Topf, der die Aktien der Liste tatsächlich hält — bei den meisten großen ETFs physisch, Titel für Titel. Manche Anbieter bilden den Index stattdessen über Tauschgeschäfte mit einer Bank nach; das heißt synthetische Replikation, dazu später mehr. Der Charme liegt in der Breite: Schon mit kleinem Geld sind Sie an 40 Konzernen beteiligt, beim beliebten Weltindex MSCI World an rund 1.400 Unternehmen aus 23 Industrieländern. Auf eigene Faust wäre eine solche Streuung für Privatleute schlicht unbezahlbar — als Fondsanteil kostet sie ein paar Euro Sparrate im Monat.

Mehrere Einmachgläser gefüllt mit Münzen stehen auf einem Fensterbrett, im Hintergrund verschwimmt die Frankfurter Skyline im Morgenlicht.
02Bockenheim, 8:40 Uhr— Viele Gläser statt eines großen: Streuung ist keine Strategie für Mutige, sondern für Vorsichtige.Foto: Zeit Frankfurt

Neu ist die Idee übrigens nicht. Schon in den 1970er-Jahren legte der amerikanische Fondspionier John Bogle den ersten Indexfonds für Privatanleger auf und wurde dafür in der Branche belächelt: Wer wolle schon freiwillig nur den Durchschnitt? 1993 folgte in den USA der erste ETF auf den S&P 500, und aus dem belächelten Durchschnitt wurde eine Anlageklasse, in der heute weltweit Billionen stecken. Das zweite Wort im Namen ist dabei genauso wichtig wie das erste: börsengehandelt. Klassische Fonds kaufen und verkaufen Sie einmal am Tag über die Fondsgesellschaft, zu einem Preis, der erst nachträglich feststeht. Ein ETF wird fortlaufend an der Börse gehandelt wie eine einzelne Aktie — mit Orderbuch, Geld- und Briefkurs und allem, was dazugehört. Damit der Börsenpreis dabei nicht vom Wert der enthaltenen Aktien wegdriftet, stellen professionelle Handelsfirmen, sogenannte Market Maker, laufend An- und Verkaufsangebote. Wie diese Preisbildung im Maschinenraum funktioniert, haben wir an anderer Stelle dieser Serie beschrieben.

Ein großer Teil des europäischen ETF-Handels läuft über Frankfurt

Womit wir in Frankfurt wären. Als im April 2000 die ersten beiden ETFs Europas an den Start gingen, geschah das nicht in London, sondern auf Xetra, dem elektronischen Handelssystem der Deutschen Börse. Aus zwei Produkten sind weit über zweitausend geworden, und Xetra zählt bis heute zu den führenden ETF-Handelsplätzen Europas; gehandelt wird börsentäglich zwischen 9 und 17.30 Uhr. Auch auf der Anbieterseite spielt die Stadt vorn mit: Die Fondsgesellschaft DWS, deren ETF-Marke Xtrackers zu den größten Europas gehört, hat ihren Sitz in Frankfurt. Wenn Sie also am Küchentisch in Bornheim eine Sparplanrate ausführen lassen, endet der Auftrag mit einiger Wahrscheinlichkeit wenige Kilometer weiter — als Rechenoperation in einem System, das keine Abendnachrichten je zeigen und über das trotzdem Milliarden laufen.

Der Preisvorteil ist kein Rabatt, sondern das Geschäftsmodell

Zweite Frage: die Kosten. Ein aktiv gemanagter Aktienfonds beschäftigt Fondsmanager und Analysten, die den Markt schlagen sollen; bezahlt wird das über laufende Kosten von häufig 1,5 Prozent des angelegten Geldes pro Jahr oder mehr, oft ergänzt um einen Ausgabeaufschlag beim Kauf. Ein ETF spart sich diesen Apparat, weil der Index die Auswahl übernimmt. Breite Standardprodukte kommen deshalb mit laufenden Kosten zwischen 0,05 und 0,3 Prozent pro Jahr aus, einen Ausgabeaufschlag gibt es nicht. Der Unterschied klingt nach Kleingedrucktem. Er ist das Gegenteil.

Ein ETF verspricht nicht, den Markt zu schlagen — er verspricht nur, ihn nicht zu verfehlen.

Eine nüchterne Modellrechnung zeigt, warum. Angenommen, 10.000 Euro wachsen dreißig Jahre lang mit sechs Prozent Marktrendite pro Jahr. Bei 0,2 Prozent Kosten bleiben am Ende rund 54.000 Euro übrig, bei 1,8 Prozent Kosten rund 34.000 — jeweils vor Steuern, und die Rendite ist eine Annahme, keine Prognose. Zwanzigtausend Euro Unterschied, ohne dass der teurere Fonds auch nur einen Tag schlechter investiert gewesen sein muss: Kosten wirken über die Jahre wie Zinseszins, nur gegen Sie. Dazu kommt ein Befund, den die Kapitalmarktforschung seit Jahrzehnten wiederholt: Nach Abzug der Kosten schafft es die Mehrheit der aktiv gemanagten Fonds über lange Zeiträume nicht, ihren Vergleichsindex zu schlagen — und welche Minderheit es schaffen wird, weiß vorher niemand.

Ganz kostenlos ist freilich auch ein ETF nicht. Beim Kauf zahlen Sie die Ordergebühr Ihres Brokers und die Spanne zwischen An- und Verkaufskurs, den sogenannten Spread — bei großen, viel gehandelten ETFs sind das oft nur wenige Hundertstel Prozent, bei exotischen Nischenprodukten deutlich mehr. Und wie treu ein ETF seinem Index tatsächlich folgt, verrät die Tracking-Differenz, die gemessene Abweichung über ein Jahr. Es lohnt sich, diese Zahlen vor dem Kauf zu vergleichen, so wie man Preise vergleicht. Es sind Preise.

Eine Hand hält ein Smartphone mit unscharfem Kursdiagramm, dahinter ragen die Bürotürme an der Taunusanlage in den Himmel.
03Taunusanlage, 13:05 Uhr— Der ganze Index in einer Hand — gehandelt wird er ein paar hundert Meter weiter, elektronisch.Foto: Zeit Frankfurt

Sondervermögen schützt vor der Pleite des Anbieters — nicht vor dem Markt

Bleibt die dritte Frage, die wichtigste. Zunächst die gute Nachricht: Das Geld in einem ETF ist sogenanntes Sondervermögen. Die Aktien im Fonds gehören nicht der Fondsgesellschaft, sondern werden getrennt von deren eigenem Vermögen bei einer unabhängigen Verwahrstelle gehalten — so schreibt es das Kapitalanlagegesetzbuch vor. Geht der Anbieter pleite, fällt das Fondsvermögen nicht in die Insolvenzmasse; es gehört weiterhin den Anlegerinnen und Anlegern. Das unterscheidet den Fondsanteil grundlegend von einem Zertifikat oder einer Anleihe, bei denen Sie einer Bank Geld leihen und auf deren Zahlungsfähigkeit angewiesen sind.

Die weniger gute Nachricht: Vor dem Markt selbst schützt Sie das alles nicht, und niemand Seriöses behauptet das Gegenteil. Ein Dax-ETF hat im Krisenjahr 2008 rund 40 Prozent verloren, weil der Dax rund 40 Prozent verloren hat — genau das ist sein Job. Streuung mildert das Risiko einzelner Firmenpleiten, nicht das Risiko schlechter Börsenjahre. Und sie ist auch nicht automatisch so breit, wie sie aussieht: Im MSCI World stecken zwar rund 1.400 Unternehmen, aber gut zwei Drittel des Gewichts entfallen auf die USA. Wer gar einen schmalen Themen-ETF auf eine einzelne Branche kauft, hat die Streuung, die das Produkt eigentlich auszeichnet, schon wieder abgewählt.

Zwei Feinheiten noch, der Vollständigkeit halber. Bei synthetischen ETFs, die den Index über Tauschgeschäfte nachbilden, besteht ein Restrisiko gegenüber dem Tauschpartner; die europäischen Fondsregeln begrenzen es auf zehn Prozent des Fondsvermögens, und in der Praxis hinterlegen die Anbieter Sicherheiten. Auch physische ETFs verleihen mitunter Aktien gegen Gebühr, ebenfalls besichert. Beides sind kalkulierte, regulierte Risiken — man sollte sie kennen, ohne sich von ihnen das Grundprinzip verstellen zu lassen: Ein ETF ist ein Werkzeug, präzise und günstig, aber ohne eingebauten Airbag.

Am Ende entscheidet nicht das Produkt, sondern die Geduld

Die vielleicht wichtigste Eigenschaft dieses Produkts ist zugleich seine langweiligste: Es verlangt keine laufenden Entscheidungen. Kein richtiger Einstiegszeitpunkt, kein Nachrichtenticker, kein Bauchgefühl — ein Sparplan auf einen breiten Index-ETF führt sich Monat für Monat selbst aus, in guten Börsenphasen wie in schlechten. Wie viel davon in Ihre Finanzplanung passt, hängt an Fragen, die kein Artikel beantworten kann: Anlagehorizont, Rücklagen, Nerven. Was ein Artikel sagen kann: Wer die drei Fragen dieses Textes beantworten kann, weiß über ETFs mehr als viele, die längst welche besitzen.

Die Sonne geht hinter den Hochhäusern des Frankfurter Westends unter, gesehen von einer Wiese im Grüneburgpark aus.
04Grüneburgpark, 17:35 Uhr— Hinter den Türmen geht die Sonne unter; wer einen Sparplan hat, muss ihr nicht hinterhersehen.Foto: Zeit Frankfurt

Und dann ist da noch das Licht. Vom Grüneburgpark aus sieht man an klaren Winterabenden die Sonne hinter den Türmen des Westends verschwinden; wenig später gehen im Bankenviertel die Fenster an, eines nach dem anderen, bis das Raster wieder vollständig ist. Es ist ein brauchbares Schlussbild für dieses Produkt: Einzelne Fenster werden dunkel, neue kommen dazu, das Muster bleibt. Genau darauf setzt, wer einen breiten Index kauft — nicht auf ein einzelnes Licht, sondern darauf, dass die Stadt am Abend leuchtet.

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