Mainhattan · Erklärt
Was macht die EZB eigentlich? Ein Besuch im Ostend, erklärt
Kein Haus der Stadt hat mehr Macht als der Doppelturm an der Sonnemannstraße: Hier entscheidet die Europäische Zentralbank über den Preis des Geldes für rund 350 Millionen Menschen. Ein Rundgang von außen — für alle, die nie zu fragen wagten, was drinnen eigentlich passiert.
Vom Osthafen aus, im flachen Licht des frühen Morgens, ist die mächtigste Institution dieser Stadt zunächst nur eine Silhouette: zwei gegeneinander verdrehte Glastürme, die je nach Blickwinkel wie einer wirken, davor der lange Backsteinriegel der alten Großmarkthalle. Kein Zaun drängt sich auf, kein Schild erklärt irgendetwas. Dabei fallen hinter dieser Fassade an der Sonnemannstraße Entscheidungen, die rund 350 Millionen Menschen betreffen — den Zins auf Ihr Tagesgeld, die Rate Ihres Baukredits und, über die Indexklausel, auch etliche Frankfurter Mietverträge. Grund genug für einen Rundgang um ein Haus, das jeder in der Stadt kennt und das doch kaum jemand erklären kann.
Die Europäische Zentralbank ist die gemeinsame Notenbank der Staaten, die den Euro eingeführt haben — zwanzig sind es derzeit. Gegründet wurde sie 1998, wenige Monate bevor der Euro zunächst als Buchgeld an den Start ging; das Bargeld folgte 2002. Ihre ersten anderthalb Jahrzehnte verbrachte die EZB im Eurotower am Willy-Brandt-Platz, mitten im Bankenviertel. Ende 2014 zog sie in den Neubau im Ostend, im März 2015 wurde er offiziell eröffnet — begleitet von heftigen Protesten, die zeigten, wie sehr diese Institution polarisieren kann. Heute arbeiten hier mehrere Tausend Beschäftigte aus allen Ländern der EU. Dass die EZB in Frankfurt sitzt und nicht in Paris oder Amsterdam, wurde in den Neunzigerjahren hart verhandelt — für das Selbstverständnis dieser Stadt als Finanzplatz ist es bis heute das wichtigste Argument.
Ihr Auftrag steht im Vertrag: Die Preise sollen stabil bleiben
Der Kernauftrag der EZB passt in ein Wort: Preisstabilität. Die Bank selbst übersetzt das in eine Zahl — mittelfristig zwei Prozent Inflation pro Jahr, nicht dauerhaft mehr, aber auch nicht dauerhaft weniger. Warum nicht null? Weil eine leichte Teuerung der Wirtschaft Spielraum lässt und das gefährlichere Gegenteil, die Deflation, auf Abstand hält: Wenn Preise auf breiter Front fallen, verschieben Menschen ihre Käufe und Firmen ihre Investitionen, und die Wirtschaft würgt sich selbst ab. Wie wichtig dieser unscheinbare Auftrag ist, hat die jüngste Vergangenheit gezeigt: Nach Pandemie und Energiekrise stieg die Inflation im Euroraum 2022 in der Spitze auf über zehn Prozent — und Millionen Haushalte spürten, was es heißt, wenn Geld an Wert verliert, ohne dass man selbst etwas falsch gemacht hat.
Ihr wichtigstes Werkzeug dagegen sind die Leitzinsen. Vereinfacht gesagt legt die EZB fest, zu welchen Konditionen sich Geschäftsbanken bei ihr Geld leihen und zu welchem Satz sie überschüssiges Geld bei ihr parken können. Diese Sätze wirken wie ein Staudamm am Oberlauf: Hebt die EZB sie an, wird Geld überall flussabwärts teurer — Kredite kosten mehr, Sparen lohnt sich wieder, die Nachfrage kühlt ab und mit ihr, so das Kalkül, die Inflation. Senkt sie die Zinsen, läuft es umgekehrt. Zwischen 2022 und 2023 hat die EZB ihre Zinsen deshalb in historischem Tempo angehoben, seit 2024 senkt sie sie schrittweise wieder. Was das konkret mit Ihrem Ersparten macht, lesen Sie in unserem Grundlagenstück über Anleihen und Leitzins.
Und mit der Miete? Hier wird es Frankfurt-spezifisch. Viele Gewerbe- und zunehmend auch Wohnungsmietverträge in der Stadt enthalten eine Indexklausel: Die Miete ist an den Verbraucherpreisindex gekoppelt und steigt mit der Inflation. Als die Teuerung 2022 und 2023 davonlief, lagen entsprechende Erhöhungen in Tausenden Briefkästen — auch das ist Geldpolitik, nur von unten betrachtet. Es ist der vielleicht kürzeste Weg von der Sonnemannstraße in den Alltag: Die abstrakte Zielmarke von zwei Prozent entscheidet mit darüber, was vom Konto abgebucht wird.

Im EZB-Rat entscheiden 26 Menschen über den Preis des Geldes
Wer aber ist „die EZB", wenn sie entscheidet? Das oberste Organ ist der EZB-Rat: die sechs Mitglieder des Direktoriums — an der Spitze derzeit Präsidentin Christine Lagarde, im Amt seit November 2019 — plus die Chefinnen und Chefs der zwanzig nationalen Notenbanken, für Deutschland also der Bundesbankpräsident. Etwa alle sechs Wochen kommt dieses Gremium zur geldpolitischen Sitzung zusammen; abgestimmt wird nach einem Rotationsprinzip. Am frühen Nachmittag wird der Zinsentscheid veröffentlicht, danach erklärt sich die Präsidentin vor der Presse — und die Finanzmärkte wägen jedes Wort. Ein einziger unerwarteter Halbsatz kann Kurse weltweit bewegen; wie solche Ausschläge technisch zustande kommen, erklärt unser Stück über die Preisbildung auf Xetra.
Das Erstaunlichste an dieser Machtfülle: Niemand darf hineinregieren. Die EU-Verträge stellen die EZB ausdrücklich unabhängig — keine Regierung, kein Ministerium, keine andere EU-Institution darf ihr Weisungen erteilen. Das ist kein Konstruktionsfehler, sondern Absicht, gespeist aus historischer Erfahrung: Notenbanken, die Wahlversprechen mitfinanzieren müssen, drucken im Zweifel zu viel Geld, und am Ende zahlt die Bevölkerung mit Inflation. Die deutsche Erinnerung an die Hyperinflation von 1923 stand bei dieser Konstruktion ebenso Pate wie das Vorbild der Bundesbank. Unkontrolliert ist die EZB deshalb nicht: Sie muss sich regelmäßig vor dem Europäischen Parlament erklären, und der Europäische Gerichtshof prüft, ob sie ihr Mandat einhält.
Eine Notenbank verwaltet im Kern kein Gold, sondern Vertrauen: die Erwartung, dass Geld morgen ungefähr das wert ist, was es heute war.
Seit 2014 beaufsichtigt die EZB auch die größten Banken Europas
Weniger bekannt ist die zweite Aufgabe, die im Ostend erledigt wird: Seit November 2014 ist die EZB oberste Aufseherin über die bedeutendsten Banken des Euroraums — eine Konsequenz aus der Finanzkrise von 2008, nach der niemand die Kontrolle mehr allein den nationalen Behörden überlassen wollte. Gut 110 Institute stehen unter ihrer direkten Aufsicht, darunter die Deutsche Bank und die Commerzbank, deren Hochhäuser vom Mainufer im Ostend aus am Westhorizont stehen. Die Aufseherinnen und Aufseher prüfen, ob die Banken genug Kapital für Krisen vorhalten und welche Risiken in ihren Bilanzen schlummern. Frankfurt ist damit nicht nur Sitz der Geldpolitik, sondern auch so etwas wie die Hauptstadt der europäischen Bankenaufsicht.
Ebenso aufschlussreich ist, was die EZB alles nicht tut. Sie führt keine Konten für Privatleute, vergibt keine Kredite an Bürgerinnen und Bürger und druckt die Scheine nicht selbst — das erledigen spezialisierte Druckereien im Auftrag des Eurosystems, zu dem neben der EZB die nationalen Notenbanken gehören; in Deutschland bleibt dafür die Bundesbank zuständig, deren Zentrale ebenfalls in Frankfurt steht. Die EZB beschließt auch keine Steuern und keine Hilfspakete; Haushaltspolitik ist Sache der Parlamente. Wer ihr also die Mietpreise oder die Tankrechnung persönlich vorwerfen will, macht es sich zu einfach — ihr Hebel ist der Zins, und der wirkt langsam, breit und ohne Adressaufkleber.
Das Gebäude erzählt die Geschichte gleich mit

Zurück nach draußen, denn die Architektur ist Teil der Erklärung. Der Entwurf des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au, in einem internationalen Wettbewerb ausgewählt und zwischen 2010 und 2014 gebaut, besteht aus zwei gegeneinander verdrehten Türmen von rund 185 Metern, verbunden durch ein gläsernes Atrium — im Ranking der Frankfurter Hochhäuser spielt der Doppelturm damit weit oben mit. Sein eigentlicher Kunstgriff aber liegt am Boden: Der Neubau schluckt die denkmalgeschützte Großmarkthalle nicht, er dockt an sie an. Martin Elsaessers Backsteinriegel von 1928, gut 220 Meter lang und im Volksmund „Gemieskirch" getauft, war einst der Bauch der Stadt, in dem nachts Obst und Gemüse für ganz Frankfurt gehandelt wurden. Heute sitzt dort, hinter einer schräg eingeschnittenen Glasfuge, der Konferenz- und Besucherbereich der Bank.
Diese Halle hat auch ein dunkles Kapitel, und es gehört zu den stillen Verdiensten des Ortes, dass es nicht übergangen wird. Von 1941 bis 1945 wurden aus dem Keller der Großmarkthalle mehr als 10.000 Frankfurter Jüdinnen und Juden in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert; die Rampe, Gleisreste und Teile des Kellers sind als Erinnerungsstätte erhalten. Der öffentlich zugängliche Teil des Denkmals zieht sich am Rand des EZB-Geländes entlang — wer sich dem Neubau nähert, kommt an dieser Geschichte nicht vorbei, und genau so ist es gewollt.
Wer den Rundgang abschließen will, fährt mit der Tram ein paar Minuten stadteinwärts, zum Willy-Brandt-Platz. Dort steht der Eurotower, in dem die EZB bis zu ihrem Umzug residierte, und davor das wohl meistfotografierte Währungssymbol Europas: die vierzehn Meter hohe Euro-Skulptur des Künstlers Ottmar Hörl, seit 2001 an Ort und Stelle, blau leuchtend, umkreist von gelben Sternen. Für Touristen ist sie Kulisse, für die Stadt eine Art Gründungsfoto: Hier begann das Frankfurter Kapitel des Euro, wenige Schritte von der Börse entfernt, deren Kurse bis heute an den Entscheidungen aus dem Ostend hängen.

Am schönsten ist dieser Ort in der blauen Stunde, wenn das Euro-Zeichen leuchtet und die Passanten als Schemen vorüberziehen. Dann zeigt sich, was eine Zentralbank im Kern verwaltet: kein Gold und keine Türme, sondern Vertrauen — die Erwartung von 350 Millionen Menschen, dass ihr Geld morgen ungefähr das wert ist, was es heute war. Dieses Vertrauen wird nicht am Schalter ausgezahlt und nicht an der Börse gehandelt. Es wird in einem Sitzungssaal an der Sonnemannstraße verteidigt, alle sechs Wochen aufs Neue.
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