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Anleihen verstehen: Was der Leitzins mit Ihrem Festgeld macht

Aktien machen die Schlagzeilen, Anleihen machen den Markt: Das stille Schwergewicht des Kapitalmarkts entscheidet mit darüber, was Ihr Festgeld abwirft und Ihr Baukredit kostet. Zum Abschluss der Serie Börsenplatz folgen wir dem Zins von der EZB im Ostend bis auf den Kontoauszug — und erklären, warum Anleihekurse fallen, wenn die Zinsen steigen.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Der markante Betonriegel der Bundesbank-Zentrale an der Wilhelm-Epstein-Straße in Frankfurt im warmen Abendlicht.
01Wilhelm-Epstein-Straße, 19:50 Uhr— Der Betonriegel der Bundesbank im Abendlicht — hier wird verwaltet, was im Ostend beschlossen wird.Foto: Zeit Frankfurt

Alle sechs Wochen schaut die Finanzwelt auf ein Hochhaus im Frankfurter Ostend. Dann tritt im Doppelturm der Europäischen Zentralbank an der Sonnemannstraße der EZB-Rat zusammen, und am frühen Nachmittag verkündet eine Pressekonferenz, was Ökonomen, Banken und Finanzminister bewegt — und, mit etwas Verzögerung, auch Ihren Kontoauszug. Zum Abschluss unserer Serie Börsenplatz geht es deshalb um das stille Schwergewicht des Kapitalmarkts: die Anleihe. Sie macht selten Schlagzeilen, aber sie entscheidet mit darüber, was Ihr Festgeld abwirft und Ihr Baukredit kostet.

Dass Anleihen im Schatten der Aktien stehen, ist eine optische Täuschung. Gemessen am ausstehenden Volumen ist der weltweite Anleihemarkt größer als der gesamte Aktienmarkt; Staaten, Banken und Konzerne finanzieren sich dort in einem Umfang, gegen den mancher Börsengang wie Taschengeld wirkt. Und während sich an der Aktie die Fantasie entzündet, regiert bei der Anleihe die Mathematik. Genau das macht sie so lehrreich: Wer die Anleihe versteht, versteht den Zins. Und wer den Zins versteht, versteht, warum Frankfurt für Ihr Erspartes wichtiger ist als jede Bankfiliale.

Eine Anleihe ist ein Kredit mit Fahrplan

Im Kern ist eine Anleihe nichts anderes als ein verbriefter Kredit. Ein Staat oder ein Unternehmen leiht sich Geld — nicht bei einer Bank, sondern bei vielen Anlegern gleichzeitig. Dafür verspricht der Schuldner dreierlei: einen festen jährlichen Zins, den sogenannten Kupon; eine feste Laufzeit; und am Ende die Rückzahlung des Nennwerts. Wer eine Bundesanleihe über nominal 1.000 Euro mit 2,5 Prozent Kupon und zehn Jahren Laufzeit kauft, bekommt zehn Jahre lang 25 Euro Zinsen und am Schluss seine 1.000 Euro zurück. Kein Kursziel, keine Dividendenfantasie — ein Fahrplan. Beim Bund organisiert das die Deutsche Finanzagentur mit Sitz in Frankfurt, die die Schulden der Bundesrepublik verwaltet und neue Anleihen regelmäßig versteigert.

Der Unterschied zur Aktie ist damit grundsätzlicher Natur: Wer eine Aktie kauft, wird Miteigentümer eines Unternehmens — mit allen Chancen und ohne Rückzahlungsversprechen. Wer eine Anleihe kauft, wird Gläubiger. Er ist am Erfolg nicht beteiligt, dafür steht seine Forderung im Ernstfall vor den Ansprüchen der Aktionäre. Anleihen heißen im Fachjargon auch Rentenpapiere, weil sie eine regelmäßige, planbare Zahlung liefern — eine „Rente" im alten Wortsinn. Das klingt behäbig, und über weite Strecken ist es das auch. Bis sich die Zinsen bewegen.

Denn Anleihen werden nicht nur gezeichnet und bis zum Ende gehalten, sie werden gehandelt — Zehntausende von ihnen sind allein an der Börse Frankfurt gelistet, ein noch größerer Teil des Geschäfts läuft direkt zwischen Banken und Großanlegern. Notiert wird dabei nicht in Euro, sondern in Prozent des Nennwerts: Eine Anleihe zu 98 Prozent kostet 980 Euro je 1.000 Euro Nennwert. Wie so ein Preis im Handel zustande kommt, funktioniert im Prinzip wie bei jedem Wertpapier über Angebot, Nachfrage und Orderbuch — nur dass beim Anleihekurs eine einzige Größe fast alles überlagert: der Marktzins.

Ein aufgeschlagenes Sparbuch mit leicht unscharfen Zeilen neben einem Taschenrechner auf einem Holztisch.
02Nordend, Küchentisch, 8:15 Uhr— Das Sparbuch hat ausgedient — die Frage, was der Zins mit dem Ersparten macht, ist geblieben.Foto: Zeit Frankfurt

Steigen die Zinsen, fallen die Kurse — der Markt funktioniert wie eine Wippe

Das Prinzip lässt sich an einem Beispiel durchrechnen. Angenommen, Sie halten die Anleihe von eben: 2,5 Prozent Kupon, zehn Jahre Laufzeit, gekauft zu 100 Prozent. Nun steigt das Zinsniveau, und neue Anleihen desselben Schuldners werden mit 3,5 Prozent Kupon ausgegeben. Ihr Papier zahlt weiter stur seine 25 Euro im Jahr — es ist ein Fahrplan, kein Verhandlungsangebot. Wer sollte es Ihnen jetzt noch zu 100 Prozent abkaufen, wenn er nebenan einen Prozentpunkt mehr bekommt? Niemand. Verkaufen können Sie nur mit Abschlag: Der Kurs fällt so weit, bis Ihr alter Kupon, bezogen auf den niedrigeren Kaufpreis, rechnerisch wieder mit den neuen 3,5 Prozent mithält. Bei zehn Jahren Restlaufzeit sind das schnell mehrere Prozentpunkte Kursverlust.

Die Wippe funktioniert in beide Richtungen: Sinken die Zinsen, werden die alten, höher verzinsten Papiere begehrt, und ihre Kurse steigen. Daraus folgt die wichtigste Vokabel des Anleihemarkts — die Rendite. Sie verrechnet Kaufkurs, Kupon und Restlaufzeit zu der Verzinsung, die ein Käufer heute tatsächlich erzielt, und sie bewegt sich im Sekundentakt, während der Kupon in Stein gemeißelt bleibt. Eine Faustregel gehört dazu: Je länger die Restlaufzeit, desto heftiger reagiert der Kurs auf Zinsänderungen. Wie heftig, hat das Jahr 2022 gezeigt, als die Notenbanken gegen die Inflation die Zinsen in historischem Tempo anhoben: Langlaufende Bundesanleihen, vermeintlich die Ruhekissen des Marktes, verloren zeitweise zweistellig an Kurswert. Sicher vor Zahlungsausfall ist eben nicht dasselbe wie sicher vor Kursverlust.

Der Zins ist der Preis des Geldes — und kaum eine Stadt bestimmt stärker mit, wie dieser Preis zustande kommt, als Frankfurt.

Im Ostend wird der Preis des Geldes festgelegt

Womit wir bei der Frage wären, wer diese Wippe eigentlich anstößt. Die kurze Antwort: ein Gremium, das gut zwanzig Minuten Fußweg vom Börsenplatz entfernt tagt. Im EZB-Rat sitzen das Direktorium der Europäischen Zentralbank und die Notenbankchefs der Euroländer; alle sechs Wochen entscheiden sie über die Leitzinsen — vereinfacht gesagt die Konditionen, zu denen sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen oder dort über Nacht parken können. Der wichtigste dieser Sätze ist heute der Einlagesatz. Anfang Juni 2025 hat ihn der Rat zum achten Mal binnen eines Jahres gesenkt, auf 2,0 Prozent — vor gut einem Jahr lag er noch bei 4,0 Prozent, dem Rekordniveau aus der Inflationsbekämpfung.

Frankfurt ist in diesem Spiel doppelt vertreten. Am Stadtrand, an der Wilhelm-Epstein-Straße, residiert in ihrem markanten Betonriegel aus den frühen Siebzigerjahren die Deutsche Bundesbank — einst Herrin über die D-Mark, heute größte nationale Notenbank des Eurosystems. Ihr Präsident stimmt im EZB-Rat mit, ihre Fachleute setzen die Beschlüsse im deutschen Bankensystem um, und ihre Statistiker vermessen mit der Umlaufrendite seit Jahrzehnten, was deutsche Anleihen im Schnitt abwerfen. Zwischen dem Betonriegel im Norden und dem Glasturm im Ostend spannt sich, wenn man so will, die Achse, an der der Preis des Geldes für den Euroraum austariert wird.

Was eine Leitzinsentscheidung auslöst, sieht man am Anleihemarkt zuerst. Noch während der Pressekonferenz preisen Händler die neue Lage in die Kurse ein — nicht nur die Entscheidung selbst, sondern vor allem jeden Halbsatz darüber, wie es weitergehen könnte. Renditen von Bundesanleihen springen binnen Minuten, und weil der „Bund" als Referenz für den ganzen Euroraum gilt, wandert die Bewegung von dort durch sämtliche Zinsprodukte: Pfandbriefe, Unternehmensanleihen, Kreditkonditionen. Der Leitzins wirkt also selten direkt. Er wirkt wie ein Stein, den man ins Wasser wirft — und der Anleihemarkt ist das Wasser.

Der Doppelturm der Europäischen Zentralbank hinter herbstlich gefärbten Bäumen am Mainufer, Hochformat.
03Mainufer, Ostend, 16:40 Uhr— Alle sechs Wochen entscheidet hinter dieser Fassade der EZB-Rat über den Preis des Geldes.Foto: Zeit Frankfurt

Vom Leitzins bis zum Kontoauszug ist es eine Kette mit mehreren Gliedern

Verfolgen wir die Wellen bis zu Ihnen. Erstes Glied: das Tagesgeld. Sein Zins hängt eng am Einlagesatz, denn er entscheidet, was Ihre Bank verdient, wenn sie überschüssiges Geld bei der Notenbank parkt. Senkt die EZB, senken die Banken nach — erfahrungsgemäß zügig. „Nach der Entscheidung im Juni haben wir die Tagesgeldkonditionen innerhalb weniger Wochen angepasst — als die Zinsen stiegen, hat es spürbar länger gedauert", sagt ein Berater einer Frankfurter Filialbank trocken. Die Asymmetrie ist kein Frankfurter Sonderphänomen, sondern Branchenstandard.

Zweites Glied: das Festgeld. Wer Ihnen heute einen festen Zins für zwei oder drei Jahre verspricht, kalkuliert nicht mit dem aktuellen Leitzins, sondern mit dem erwarteten — und diese Erwartung lässt sich an den Renditen von Anleihen entsprechender Laufzeit ablesen. Deshalb können Festgeldzinsen schon Monate vor einer Leitzinssenkung bröckeln: Der Markt nimmt vorweg, was der EZB-Rat erst noch beschließen wird. Wenn Ihre Bank die Konditionen ändert, obwohl in der Sonnemannstraße gar nichts passiert ist, haben Sie fast immer den Anleihemarkt vor sich.

Drittes Glied, das längste: der Baukredit. Zinsen für zehnjährige Immobiliendarlehen orientieren sich kaum am Leitzins, sondern an den langfristigen Renditen — vor allem an zehnjährigen Bundesanleihen und Pfandbriefen, über die Banken solche Kredite refinanzieren. Das erklärt ein Phänomen, das 2022 viele Häuslebauer kalt erwischte: Die Bauzinsen vervielfachten sich binnen weniger Monate, noch bevor die EZB ihre erste Zinserhöhung überhaupt beschlossen hatte. Der Anleihemarkt war schneller als die Notenbank. Und umgekehrt gilt: Sinkende Leitzinsen garantieren keine billigeren Baukredite, solange der Markt langfristig wieder mit höheren Zinsen oder mehr Staatsschulden rechnet.

Sparer fahren besser, wenn sie die Kette rückwärts lesen

Was folgt daraus praktisch? Zunächst eine nüchterne Einsicht: Nicht die Bank ist großzügig oder knausrig, sondern der Markt gibt den Rahmen vor — innerhalb dessen sich ein Vergleich allerdings lohnt, denn die Spannen zwischen den Instituten bleiben beträchtlich. Wer Festgeld anlegen will, sollte auf den Zinspfad schauen, nicht auf die Schlagzeile von gestern: In einer Phase sinkender Zinsen kann es sinnvoll sein, sich Konditionen länger zu sichern; rechnet der Markt mit steigenden Zinsen, bindet man sich besser kürzer. Eine bewährte Mittellösung ist die Zinstreppe — den Betrag auf mehrere Laufzeiten verteilen und jedes Jahr neu entscheiden.

Auch der direkte Weg in den Anleihemarkt steht Privatanlegern offen: Bundesanleihen und viele Unternehmensanleihen lassen sich über jedes Depot an der Börse kaufen, bequemer geht es gebündelt — nach demselben Prinzip, mit dem ein ETF den ganzen Dax ins Depot holt, gibt es Indexfonds auf Staats- und Unternehmensanleihen aller Laufzeiten. Nur sollte niemand Anleihen mit einem Sparbuch verwechseln: Zwischen Kauf und Fälligkeit schwanken die Kurse, bei langen Laufzeiten kräftig, und bei Unternehmensanleihen kommt das Risiko dazu, dass der Schuldner ausfällt. Der Kupon ist ein Versprechen — wie viel es wert ist, hängt davon ab, wer es gibt.

Ein Stapel Euromünzen auf einer Fensterbank, dahinter verschwommen der Main im warmen Abendlicht.
04Sachsenhäuser Ufer, 21:05 Uhr— Kleingeld vor großer Kulisse: Am Ende jeder Zinsentscheidung steht ein Kontoauszug.Foto: Zeit Frankfurt

Damit endet unsere Serie Börsenplatz dort, wo das Geld am Ende immer ankommt: beim Kontoauszug. Zwischen dem Parkett an der Alten Börse, dem Betonriegel der Bundesbank und dem Doppelturm im Ostend liegt keine halbe Stunde Fußweg — und doch die gesamte Maschinerie, die aus einem Ratsbeschluss einen Tagesgeldzins macht. Der Zins ist der Preis des Geldes. Er wird nicht in Ihrer Filiale gemacht und nicht in Berlin, sondern zu einem erheblichen Teil hier, zwischen Main und Miquelallee. Man muss das nicht lieben. Aber es lohnt sich, es zu wissen — spätestens beim nächsten Blick aufs Festgeldangebot.

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