Mainhattan · Reportage

Rechenzentren statt Handelssaal: Frankfurts Fintech-Szene 2026

Im TechQuartier am Platz der Einheit arbeiten Gründer an der Technik hinter dem Geld: Schnittstellen für Banken, Software für die Aufsicht, Infrastruktur für den Handel. Ein Besuch bei einer Szene, die selten Apps für alle baut — und gerade deshalb zum Finanzplatz passt.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Coworking-Loft im TechQuartier: Menschen an langen Tischen mit Laptops, durch die Fensterfront die Frankfurter Bankentürme.
01TechQuartier, Platz der Einheit, 9:20 Uhr— Lange Tische, leise Tastaturen, durch die Fenster die Türme — hier wird an der Technik hinter dem Geld gebaut.Foto: Zeit Frankfurt

Um kurz nach neun ist im Pollux-Turm am Platz der Einheit vor allem eines zu hören: Tastaturen. An langen Holztischen sitzen Menschen mit Kopfhörern vor Bildschirmen, dazwischen kalter Kaffee, Ladekabel, ein vergessenes Whiteboard-Marker-Set — und durch die Fensterfront schieben sich die Türme der Banken ins Bild, so nah, dass man die Logos lesen kann. Wer verstehen will, wie am Finanzplatz Frankfurt im Jahr 2026 Geld verdient wird, sollte nicht zuerst auf das Börsenparkett schauen. Sondern hierher, ins TechQuartier.

Das TechQuartier, Ende 2016 eröffnet und getragen von Land, Hochschulen und Unternehmen des Finanzplatzes, ist so etwas wie das Wohnzimmer der Frankfurter Gründerszene: Coworking-Flächen über mehrere Etagen, Programme für junge Teams, eine Kaffeemaschine, an der sich Bankangestellte im Anzug und Gründerinnen im Kapuzenpullover dieselben Becher nehmen. Einige hundert Start-ups haben hier seit der Eröffnung Station gemacht. Was dabei auffällt: Kaum jemand baut eine App, die Sie aus der Fernsehwerbung kennen. Gebaut wird an Schnittstellen, Meldewesen, Wertpapierabwicklung — an der Technik hinter dem Geld.

Die Nähe zur Aufsicht ist hier kein Standortnachteil, sondern das Geschäftsmodell

In einer Fensterecke im vierten Stock sitzt ein Team, das dafür ein gutes Beispiel abgibt: drei Gründer, Anfang bis Mitte dreißig, zwei kamen aus einer Großbank, eine aus der Beratung. Ihr Produkt ist Software, die Banken dabei hilft, aufsichtsrechtliche Meldungen zu automatisieren — ein Geschäft, das ungefähr so glamourös klingt, wie es klingt, und das trotzdem zahlende Kunden hat, seit das Unternehmen ein Jahr alt ist. „Unsere Kunden fragen zuerst, ob wir verstehen, wie die Aufsicht denkt", sagt die Mitgründerin, die wie die meisten hier lieber über ihr Produkt spricht als über sich selbst. „Die zweite Frage ist der Preis. Die Reihenfolge ist wichtig."

Solche Sätze kann man in Deutschland kaum irgendwo so selbstverständlich sagen wie hier. Die Europäische Zentralbank residiert seit 2015 im Ostend, die Bundesbank thront über dem Grüneburgpark, die Wertpapieraufsicht der BaFin arbeitet im Norden der Stadt, die EU-Versicherungsaufsicht Eiopa am Westhafen — und seit vergangenem Jahr baut die neue EU-Geldwäschebehörde Amla ihren Sitz in Frankfurt auf. Für ein junges Unternehmen, das Regulatorik in Software übersetzt, ist diese Dichte keine Kulisse, sondern ein Terminkalender: Fachkonferenzen, Arbeitskreise, ehemalige Aufseher, die als Beiräte einsteigen. „Man trifft die Leute, für deren Regeln man programmiert, an der Supermarktkasse", sagt einer der Gründer. Er meint das nicht als Witz.

Dazu kommt ein nüchterner ökonomischer Grund. Seit die Zinswende die Ära des billigen Geldes beendet hat, fragen Investoren nicht mehr zuerst nach Nutzerwachstum, sondern nach Umsatz — was der Leitzins mit Geld macht, bekommen eben auch Start-ups zu spüren, nicht nur Sparer. Geschäftsmodelle, die vom ersten Tag an Rechnungen an Banken schreiben, gelten seither als attraktiv, so weit dieses Wort in Frankfurt eben trägt. Die Stadt, lange belächelt als der Ort, an dem Gründer Krawatten tragen, profitiert plötzlich von genau dieser Nüchternheit.

Mehrere Personen von hinten vor einem Whiteboard voller Skizzen und Klebezettel, mitten in einer Diskussion.
02TechQuartier, Workshopraum, 11:05 Uhr— Auf dem Whiteboard: keine App-Idee, sondern der Datenfluss einer aufsichtsrechtlichen Meldung.Foto: Zeit Frankfurt

Berlin gewinnt die Konsumenten, Frankfurt die Maschinenräume

Zur Ehrlichkeit dieser Reportage gehört eine Frage, die im TechQuartier niemand mehr beleidigt zur Seite wischt: Warum sitzen die Fintechs, deren Namen Sie kennen — die Neobanken, die Trading-Apps —, fast alle in Berlin? Die Antworten fallen erstaunlich gelassen aus. Berlin hat den größeren Pool an Entwicklerinnen und Designern, Englisch als Bürosprache, eine eingespielte Wagniskapital-Szene und eine Marketing-Kultur, die aus einer Bank-App ein Lebensgefühl machen kann. Diesen Wettbewerb hat Frankfurt verloren, und zwar schon vor Jahren. Man kann das bedauern. Man kann es auch als Arbeitsteilung begreifen.

Denn was Frankfurt hat, lässt sich nicht per Stellenanzeige kopieren: die Kunden. Banken, Fondsgesellschaften, Zahlungsdienstleister, die Börse — wer hier gründet, erreicht seine Abnehmer mit der S-Bahn, und sei es nach Eschborn, wo die Deutsche Börse streng genommen ihren Sitz hat. Der Preis dafür ist Geduld: Wer Software an eine Bank verkauft, durchläuft Ausschreibungen, Sicherheitsprüfungen und Vertriebszyklen, die sich über ein Jahr und länger ziehen können. Dafür kündigt eine Bank nicht nach drei Monaten, weil eine andere App hübscher ist.

Ein paar Tische weiter arbeitet ein Team, das diese Phase hinter sich hat: rund vierzig Beschäftigte, verteilt auf das Loft und ein Büro in Bockenheim, spezialisiert auf Schnittstellen zur Wertpapierabwicklung — jene Software-Schicht, die Orders aus den Systemen von Banken in die elektronischen Handelsplätze übersetzt. Wie aus solchen Orders am Ende ein Preis wird, kann man in unserem Stück über Xetra, Orderbuch und Preisbildung nachlesen; hier im Loft interessiert vor allem, dass dabei nichts schiefgehen darf. „Bei uns gibt es kein ‚Move fast and break things'", sagt der technische Leiter, ein Mittvierziger, der vorher Handelssysteme bei einer Bank betreut hat. „Wenn bei uns etwas bricht, ruft nicht ein Nutzer an, sondern die Revision."

Wir bauen keine App, die Ihre Eltern kennen. Wir bauen die Technik, ohne die solche Apps nicht funktionieren.

Ein Gründer im TechQuartier

Die eigentliche Börse steht heute in klimatisierten Hallen

Farbige LED-Lichter eines Serverschranks als unscharfes Bokeh in einem dunklen Rechenzentrum, Hochformat.
03Rechenzentrum im Frankfurter Osten, 15:40 Uhr— Hinter jeder Diode ein Stück Finanzplatz: Hier laufen Orders, Zahlungen und Kursdaten zusammen.Foto: Zeit Frankfurt

Um zu sehen, wofür diese Teams bauen, muss man das Loft verlassen und Richtung Osten fahren. Der Wertpapierhandel läuft seit Jahrzehnten elektronisch; der berühmte Handelssaal am Börsenplatz ist heute vor allem Studio und Symbol, wie unsere Reportage über einen Tag auf dem Parkett zeigt. Die Maschinen, auf denen Kurse entstehen und Zahlungen laufen, stehen in fensterlosen Hallen im Frankfurter Osten und im Umland — die Stadt zählt zu den wichtigsten Rechenzentrums-Standorten Europas, und mit dem DE-CIX betreibt sie seit 1995 einen Internetknoten, der gemessen am Datendurchsatz zu den größten der Welt gehört.

Wer eines dieser Rechenzentren betritt, durchläuft Sicherheitsschleusen wie am Flughafen und steht dann in kalten, dunklen Gängen, in denen die LED-Reihen der Serverschränke wie ein Sternenhimmel blinken. Für Finanzfirmen zählt hier jede Millisekunde: Je näher die eigenen Server an Handelssystemen und Netzknoten stehen, desto schneller sind die eigenen Daten. „Wenn hier drin etwas ausfällt, merken Sie das an Ihrer Girocard, bevor es in den Nachrichten steht", sagt ein Techniker beim Rundgang. Dass die Hallen Strom in der Größenordnung eines Stadtviertels ziehen und die Stadtpolitik längst über Flächen und Abwärme streitet, gehört zur Wahrheit dieses Booms dazu — auch darüber wird im TechQuartier diskutiert, meist pragmatischer als anderswo.

Zwischen Lizenzantrag und Bankenkooperation entscheidet sich, wer bleibt

Zurück im Loft, letzte Etappe, drittes Team, späteste Phase: ein gutes Dutzend Leute, die an digitalen Wertpapieren arbeiten — Anleihen und Fondsanteile, die nicht mehr als Papierurkunde in einem Tresor liegen, sondern als Eintrag in einem elektronischen Register. Das klingt nach Krypto-Wildwest, ist aber das Gegenteil davon: Seit dem Gesetz über elektronische Wertpapiere von 2021 und der EU-Kryptoverordnung Mica ist genau geregelt, wer so etwas betreiben darf, und die Antwort führt immer über die BaFin. Das Lizenzverfahren hat das Team nach eigener Auskunft mehr Zeit und Geld gekostet als die erste Version seiner Software. „Die Lizenz ist unser teuerstes Produkt", sagt der Gründer, „und unser bestes. Die kann uns keiner über Nacht nachbauen."

Auch das gehört zur ehrlichen Bilanz: Nicht jede Frankfurter Fintech-Geschichte endet auf einer Dachterrasse. Der Finanzierungswinter nach 2022 hat die Szene ausgedünnt, einige Teams haben leise aufgegeben, andere wurden von Banken übernommen — was hier niemand als Scheitern erzählt, sondern als Exit, und manchmal stimmt das sogar. Die Kooperation mit den etablierten Häusern ist ohnehin der Normalfall geworden: Statt Banken anzugreifen, verkaufen die meisten Gründer an sie, entwickeln mit ihnen oder lassen sich von ihren Förderprogrammen durch die ersten Jahre tragen. Disruption ist als Vokabel im Loft ungefähr so verbreitet wie Krawattenzwang.

Gefüttert wird die Szene von den Hochschulen der Region: Das House of Finance der Goethe-Universität und die Frankfurt School of Finance & Management liefern Absolventen, die Bilanzen lesen können, bevor sie ihre erste Firma anmelden. Und es gibt eine Pendelbewegung, die es so nur hier gibt — Leute wechseln aus den Türmen in die Start-ups, weil sie etwas bauen wollen, und Jahre später zurück, weil sie inzwischen wissen, wie man es einkauft. Kaum eine andere deutsche Gründerszene kennt ihre Kundschaft so gut, weil kaum eine andere bei ihr angestellt war.

Hände mit Getränkeflaschen auf einer Dachterrasse, im Hintergrund die abendlich beleuchtete Frankfurter Skyline.
04Dachterrasse über dem Bahnhofsviertel, 21:10 Uhr— Feierabend mit Blick auf die Kundschaft: In fast jedem dieser Türme läuft Software von Teams wie diesen.Foto: Zeit Frankfurt

Am Abend, auf einer Dachterrasse über dem Bahnhofsviertel, stehen dann doch alle drei Teams beieinander, Flaschen in der Hand, die Skyline im Rücken, und reden — natürlich — über Schnittstellen. Niemand hier erzählt, er werde das Bankwesen revolutionieren; das überlässt man den Kollegen an der Spree. Stattdessen sagt einer, halb im Scherz, den Satz des Abends: In fast jedem dieser beleuchteten Türme laufe inzwischen Software von Firmen, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Frankfurt hat schon immer die Infrastruktur des Geldes betrieben, erst mit Wechselstuben, dann mit Handelssälen, heute mit Rechenzentren. Diese Szene setzt das nur fort — leiser als anderswo, und ziemlich genau deshalb passend zu dieser Stadt.

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