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Zinswende im Ostend: Warum die EZB erstmals seit 2023 erhöht

Erstmals seit September 2023 hebt die EZB die Leitzinsen wieder an: Der Einlagensatz steigt auf 2,25 Prozent. Was hinter der Wende im Ostend steckt — und was sie für Tagesgeld, Festgeld und Baukredite in Frankfurt bedeutet.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Der Doppelturm der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend, gesehen vom Mainufer.
01Mainufer, Ostend, 6:20 Uhr— Der Doppelturm der EZB vor aufreißendem Morgenhimmel — hinter dieser Fassade wurde die Richtung des Geldes gedreht.Foto: Zeit Frankfurt

Um 14:15 Uhr am Donnerstag, dem 11. Juni 2026, verschickt die Europäische Zentralbank eine Mitteilung von wenigen Zeilen — und beendet damit eine Ära. Alle drei Leitzinsen steigen um 0,25 Prozentpunkte, der wichtigste von ihnen, der Einlagensatz, liegt fortan bei 2,25 Prozent. Es ist die erste Zinserhöhung seit September 2023, nach sieben Sitzungen in Folge, in denen der EZB-Rat die Sätze nicht angerührt hatte. Für die Türme an der Sonnemannstraße ist so ein Beschluss Routine im Sechswochenrhythmus. Für alle anderen ist er ein Richtungswechsel, der vom Ostend aus bis auf den Kontoauszug durchschlägt.

Man muss sich die Fallhöhe dieses Viertelpunkts klarmachen. Zwei Jahre lang kannte die Geldpolitik im Euroraum nur zwei Zustände: senken und abwarten. Sparer haben sich an bröckelnde Tagesgeldzinsen gewöhnt, Häuslebauer auf günstigeres Baugeld gehofft, und an den Märkten galt die Frage längst nicht mehr, ob die Zinsen weiter fallen, sondern nur noch, wie schnell. Diese Gewissheit ist seit dem 11. Juni Geschichte. Die Notenbank, die den Preis des Geldes für rund 350 Millionen Menschen festlegt, hat die Richtung gedreht — und sie hat es dort getan, wo sie seit 2015 residiert: im Frankfurter Ostend, im Doppelturm neben der alten Großmarkthalle.

Ein Viertelpunkt genügt, um die Richtung zu drehen

Was genau wurde beschlossen? Die EZB steuert drei Leitzinsen. Der Einlagensatz bestimmt, was Geschäftsbanken erhalten, wenn sie überschüssiges Geld über Nacht bei der Notenbank parken — er ist seit Jahren der Anker des gesamten Zinsgefüges. Der Hauptrefinanzierungssatz legt fest, zu welchen Konditionen sich Banken für eine Woche Geld bei der EZB leihen; der Spitzenrefinanzierungssatz gilt für Notfallkredite über Nacht. Alle drei stiegen am 11. Juni um einen Viertelpunkt. Entscheidend für Ihren Alltag ist der Einlagensatz: An ihm orientiert sich, was Banken fürs Tagesgeld zahlen — und er steht nun bei 2,25 Prozent.

Um zu verstehen, warum diese kleine Zahl so viel Gewicht hat, hilft der Blick zurück. Im Juli 2022 verabschiedete sich die EZB von den Null- und Negativzinsen und stemmte sich in zehn Erhöhungen hintereinander gegen die höchste Inflation der Euro-Geschichte — bis der Einlagensatz im September 2023 bei 4,0 Prozent stand. Als die Teuerung nachließ, folgte ab Juni 2024 der Rückwärtsgang: acht Senkungen binnen eines Jahres, bis auf 2,0 Prozent im Juni 2025. Danach herrschte Stillstand — sieben Sitzungen lang beließ der Rat die Sätze, wo sie waren, und sprach davon, man sei „gut positioniert". Die Erhöhung vom Juni beendet diese Hängepartie. Sie ist klein, aber sie ist ein Signal: Die Ära der Zinssenkungen ist vorerst vorbei.

Leere Stuhlreihen eines Pressesaals in kühlem Licht, das Rednerpult im Hintergrund unscharf.
02EZB, Pressesaal, 13:50 Uhr— Eine knappe Stunde vor der Pressekonferenz: Gleich wird hier erklärt, warum der Preis des Geldes wieder steigt.Foto: Zeit Frankfurt

Die Inflation hat der Notenbank die Entscheidung abgenommen

Der Grund für die Wende steht in den Projektionen der Notenbank-Volkswirte: Für 2026 werden im Schnitt rund drei Prozent Teuerung im Euroraum erwartet — ein voller Prozentpunkt über dem Ziel der EZB, das bei zwei Prozent liegt. Preistreiber sind vor allem die Dienstleistungen, wo kräftige Lohnabschlüsse der vergangenen Jahre nun in Friseurpreisen, Versicherungsbeiträgen und Restaurantrechnungen ankommen; dazu kommen gestiegene Energiepreise und die Kosten des Umbaus vieler Lieferketten. Nichts davon ist ein einzelner Schock. Es ist die Sorte zäher, breiter Teuerung, bei der Notenbanken nervös werden — weil sie sich in den Erwartungen von Unternehmen und Tarifparteien festsetzen kann.

Genau darum geht es bei einer solchen Entscheidung: um Glaubwürdigkeit. Eine Zentralbank, die drei Prozent Inflation achselzuckend hinnimmt, riskiert, dass alle Beteiligten drei Prozent für die neue Normalität halten — und entsprechend Preise und Löhne setzen. Der Rat, in dem das sechsköpfige Direktorium und die Notenbankchefs der Euroländer sitzen, darunter der Präsident der Deutschen Bundesbank von der Wilhelm-Epstein-Straße, hat deshalb getan, was das Mandat verlangt. Um 14:45 Uhr, eine halbe Stunde nach der Mitteilung, wurde die Entscheidung im Pressesaal des Turms begründet: Man reagiere auf den gestiegenen Preisdruck, weitere Schritte hingen von den Daten ab. Übersetzt aus dem Notenbank-Deutsch: Es kann der einzige Schritt bleiben. Es muss aber nicht.

Die Ära der Zinssenkungen ist vorerst vorbei — und was an der Sonnemannstraße beschlossen wird, steht ein paar Wochen später auf Ihrem Kontoauszug.

Der Anleihemarkt hatte die Wende längst vorweggenommen

Wer am 11. Juni auf sein Depot schaute, erlebte übrigens keinen Schock — und das ist die vielleicht lehrreichste Pointe dieser Zinswende. Die Renditen von Bundesanleihen waren bereits in den Wochen zuvor gestiegen, weil Händler die Erhöhung mit jeder neuen Inflationszahl wahrscheinlicher werden sahen. Märkte handeln Erwartungen, nicht Beschlüsse: Wie ein Kurs aus Angebot, Nachfrage und Orderbuch entsteht, lässt sich an solchen Tagen im Zeitraffer besichtigen — die eigentliche Bewegung passiert oft schon, bevor die Notenbank überhaupt tagt. Auch der Dax nahm die Entscheidung gefasst auf; warum Zinsen für die 40 Konzerne im Index trotzdem eine zentrale Größe sind, liegt an den Finanzierungskosten und daran, dass sichere Anleihen bei höheren Zinsen wieder zur Konkurrenz für Aktien werden.

Für alle, die weder Depot noch Orderbuch besitzen, wirkt der Mechanismus trotzdem — nur eben über Umwege. Der Leitzins der EZB steht am Anfang einer Kette, die über den Anleihemarkt bis zu Sparkonten und Kreditverträgen reicht. Was der Leitzins im Detail mit Ihrem Festgeld macht, haben wir in unserer Serie Börsenplatz ausführlich erklärt; hier genügt die Kurzfassung: Kurze Zinsen folgen der Notenbank fast direkt, lange Zinsen folgen den Erwartungen des Marktes. Beides zusammen entscheidet, was Sie fürs Ersparte bekommen und für Kredite zahlen.

Das gläserne Fassadenraster des EZB-Turms, senkrecht nach oben fotografiert, vor hellem Himmel.
03Sonnemannstraße, 11:05 Uhr— Gut 180 Meter Glas und Stahl über dem Ostend — alle sechs Wochen tagt hier der EZB-Rat.Foto: Zeit Frankfurt

Tagesgeld profitiert sofort, Baugeld hat sich vorher bewegt

Beim Tagesgeld geht es am schnellsten. Sein Zins hängt eng am Einlagensatz, denn der bestimmt, was Banken verdienen, wenn sie Kundengelder bei der Notenbank parken. Nach zwei Jahren, in denen die Konditionen nur eine Richtung kannten, dürfen Sparer nun wieder mit kleinen Aufschlägen rechnen — wobei die Institute erfahrungsgemäß beim Senken flinker sind als beim Erhöhen. „Nach unten ging es immer innerhalb von Tagen, nach oben werden wir jetzt erst mal den Markt beobachten", sagt eine Beraterin einer Frankfurter Filialbank, und ehrlicher lässt sich die Asymmetrie kaum zusammenfassen. Umso mehr lohnt der Vergleich zwischen den Anbietern: Die Spannen bleiben beträchtlich, auch zwischen den Instituten hier am Platz.

Beim Festgeld ist das Bild vertrackter. Wer Ihnen heute einen festen Zins für zwei oder drei Jahre verspricht, kalkuliert nicht mit dem aktuellen Leitzins, sondern mit dem erwarteten — und der Markt hatte die Wende eben schon vorweggenommen. Die Konditionen für mittlere Laufzeiten waren deshalb bereits im Frühjahr leicht gestiegen. Rechnet der Markt mit weiteren Erhöhungen, bindet man sich besser kurz und legt später nach; hält man den Juni-Schritt für einen Ausreißer, sichert man sich die aktuellen Sätze länger. Wer sich nicht festlegen will, verteilt den Betrag auf mehrere Laufzeiten — die bewährte Zinstreppe.

Und das Baugeld? Hier war die Zinswende längst da, bevor sie beschlossen wurde. Zinsen für zehnjährige Immobiliendarlehen orientieren sich nicht am Leitzins, sondern an den langfristigen Renditen von Bundesanleihen und Pfandbriefen — und die stiegen schon seit dem Winter. Für Frankfurt, wo Kaufpreise auch nach der Korrektur der vergangenen Jahre zu den höchsten der Republik gehören, ist das eine bittere Rechnung: Schon ein halber Prozentpunkt mehr bedeutet bei einer typischen Finanzierung mehrere hundert Euro zusätzliche Monatsrate. Wer eine Anschlussfinanzierung vor sich hat, sollte die Konditionen jetzt prüfen statt auf Besserung zu warten — der Markt preist derzeit eher weitere Festigkeit ein als eine schnelle Rückkehr zu billigem Geld. Auch Dispo- und Ratenkredite dürften in den kommenden Monaten moderat teurer werden.

Ob weitere Schritte folgen, lässt die EZB bewusst offen

Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Die Notenbank selbst legt sich nicht fest: Man entscheide „von Sitzung zu Sitzung" und „datenabhängig" — Formeln, die seit Jahren zum Repertoire gehören und genau das bedeuten, was sie sagen. Drei Dinge lohnen den Blick in den kommenden Monaten: die monatlichen Inflationszahlen, vor allem bei den Dienstleistungen; die Lohnabschlüsse der großen Tarifrunden; und die nächsten Projektionen der EZB-Volkswirte, die im Vierteljahresrhythmus erscheinen. Solange die Teuerung Richtung drei Prozent tendiert, spricht wenig für Senkungen — und einiges dafür, dass dem Juni-Schritt bei Bedarf ein weiterer folgt. Sicher ist nur der Rhythmus: Alle sechs Wochen tagt der Rat, und alle sechs Wochen kann sich die Lage drehen.

Man kann diese Vorsicht unbefriedigend finden. Man kann sie aber auch als das nehmen, was sie ist: der Normalzustand von Geldpolitik in unübersichtlichen Zeiten. Die Jahre, in denen die Richtung der Zinsen als ausgemacht galt — erst brutal nach oben, dann stetig nach unten —, waren die Ausnahme. Was jetzt beginnt, ist das mühsamere Geschäft des Austarierens, Viertelpunkt für Viertelpunkt.

Menschen als Rückenfiguren auf der Wiese am Mainufer im Ostend, dahinter der Doppelturm der EZB im warmen Abendlicht.
04Mainufer, Ostend, 20:15 Uhr— Feierabend unter der Notenbank: Was oben beschlossen wird, landet unten auf dem Kontoauszug.Foto: Zeit Frankfurt

Am Abend des Entscheidungstags saßen sie wieder auf der Wiese am Mainufer im Ostend, mit Blick auf den Turm, der im Abendlicht kupfern glänzte: Jogger, Feierabendgesellschaften, ein paar Angler an der Kaimauer. Kaum jemand dort dürfte die Pressekonferenz verfolgt haben, und das ist in Ordnung — Geldpolitik funktioniert auch ohne Publikum. Aber es lohnt sich, gelegentlich hinaufzuschauen. In kaum einer anderen Stadt Europas ist der Preis des Geldes so buchstäblich ein Nachbar: Er wohnt an der Sonnemannstraße, entscheidet alle sechs Wochen — und seit dem 11. Juni zeigt sein Daumen wieder nach oben.

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