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Wie ein Aktienkurs entsteht: Xetra, Orderbuch, Preisbildung

Jeden Handelstag wechseln in Frankfurt Aktien im Milliardenwert den Besitzer — doch wer legt fest, was sie kosten? Niemand, und genau das ist der Punkt. Folge 2 unserer Serie „Börsenplatz" begleitet eine Kauforder von der Depot-App bis ins Orderbuch von Xetra.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Weiter Blick in den Handelssaal der Börse Frankfurt, dessen Monitorwände zu unscharfen Lichtflächen verschwimmen.
01Börse Frankfurt, Handelssaal, 9:01 Uhr— Eine Minute nach Handelsstart: Die Monitorwände flimmern, das Orderbuch hat schon Tausende Aufträge sortiert.Foto: Zeit Frankfurt

Nehmen wir an, Sie sitzen in der S-Bahn Richtung Hauptwache und tippen in Ihre Depot-App: zehn Aktien eines Frankfurter Konzerns, kaufen, Limit 102 Euro. Ein Fingertipp, eine Freigabe, und wenige Sekunden später meldet das Telefon Vollzug — ausgeführt zu 101,80 Euro. Zwischen diesen beiden Momenten liegt einer der am strengsten geregelten Vorgänge der deutschen Wirtschaft, und zugleich einer der am gründlichsten missverstandenen. Denn die wichtigste Wahrheit über Aktienkurse lautet: Niemand legt sie fest. Kein Vorstand, keine Bank, kein Mann mit Glocke. Kurse werden ausgehandelt, sekundenschnell und nach Regeln, die jeder nachlesen kann.

Diese Folge unserer Serie „Börsenplatz" verfolgt Ihre Order auf dem Weg von der App bis zur Ausführung. Was eine Aktie überhaupt ist — ein Anteil an einem Unternehmen, kein Lotterielos —, haben wir in der ersten Folge dieser Serie geklärt. Jetzt geht es um die Frage dahinter, die erstaunlich selten gestellt wird: Woher weiß die Börse eigentlich, was dieser Anteil in genau diesem Augenblick kostet?

Ein Kurs ist kein Preisschild, sondern ein Protokoll

Die Antwort beginnt mit einer unscheinbaren Liste: dem Orderbuch. Für jedes gehandelte Papier führt das Handelssystem eine zweispaltige Tabelle. Links stehen die Kaufwilligen mit dem Preis, den sie höchstens zu zahlen bereit sind — Händler sagen Geldseite. Rechts stehen die Verkaufswilligen mit ihrem Mindestpreis, der Briefseite. Zwischen dem höchsten Kaufgebot und dem niedrigsten Verkaufsangebot klafft fast immer eine kleine Lücke, der Spread. Und das, was auf Kurstafeln und in Apps als „Kurs" erscheint, ist schlicht der Preis des letzten Geschäfts, das in dieser Liste zustande kam. Kein Versprechen für die Zukunft, keine amtliche Bewertung des Unternehmens — ein Protokoll der jüngsten Einigung, nicht mehr und nicht weniger.

Ihre Order reiht sich in diese Liste ein, und wie sie das tut, haben Sie selbst bestimmt. Mit einer Limit-Order — Ihren 102 Euro — sagen Sie: kaufen, aber keinesfalls teurer. Mit einer Market-Order sagen Sie: kaufen, sofort, zum nächstbesten Preis. Das klingt entschlossen, ist aber bei wenig gehandelten Papieren riskant, weil Sie dann jedes Verkaufsangebot akzeptieren, wie hoch es auch liegen mag. Profis setzen Market-Orders deshalb sparsam ein, und für Privatanleger gilt die alte Parkettregel: Wer kein Limit setzt, dem setzt der Markt eines.

Die Hände eines Händlers über einer Tastatur, dahinter mehrere Bildschirme mit unscharf verschwommenen Kurskurven.
02Börse Frankfurt, Handelssaal, 9:47 Uhr— Der Spezialist greift nur ein, wenn das Regelwerk eine Frage offenlässt — der Rest ist Beobachtung.Foto: Zeit Frankfurt

Im Orderbuch gilt: Preis vor Zeit, Zeit vor Glück

Sobald Ihre Order eintrifft, prüft das System, ob auf der Gegenseite ein passendes Angebot wartet. Steht dort jemand, der für 101,80 Euro verkauft, und Sie gehen bis 102, kommt das Geschäft zustande — und zwar zum Preis der Order, die zuerst im Buch stand, in diesem Fall 101,80 Euro. Sie zahlen also nicht automatisch Ihr Limit, sondern den besten verfügbaren Preis. Bieten mehrere Verkäufer denselben Preis, kommt zum Zug, wer zuerst da war. Preis-Zeit-Priorität heißt dieses Prinzip, und es ist die ganze Gerechtigkeit der Börse in drei Worten: Das beste Gebot gewinnt, bei Gleichstand der Frühere — und vordrängeln darf sich niemand, kein Großinvestor, keine Bank, kein Algorithmus.

Findet sich keine Gegenseite, wartet Ihre Order im Buch und wird selbst Teil des Marktes: Ihr Kaufgebot stützt jetzt sichtbar die Nachfrage. Wie eng es in so einem Orderbuch zugeht, hängt vom Papier ab. Bei den 40 Konzernen des Dax — was dieser Index genau misst, erklärt unser Dax-Stück — drängen sich zu jeder Handelssekunde so viele Aufträge, dass der Spread oft nur einen Cent beträgt. Bei kleinen Nebenwerten kann die Lücke unangenehm breit werden; dort verpflichtet die Deutsche Börse deshalb sogenannte Designated Sponsors, meist Banken, die laufend An- und Verkaufspreise stellen, damit das Buch nie leer ist und Sie nicht ins Bodenlose handeln.

Ein Kurs wird nicht festgelegt. Er ist das Protokoll der letzten Einigung zwischen zwei Fremden, die sich nie begegnen werden.

Dreimal am Tag hält der Markt kurz die Luft an

Der fortlaufende Handel, in dem Order auf Order trifft, wird von Auktionen eingerahmt: eine vor dem Start am Morgen, eine kurze um die Mittagszeit, die wichtigste ab 17.30 Uhr. In der Auktion wird nicht sofort ausgeführt, sondern gesammelt. Minutenlang laufen Kauf- und Verkaufsaufträge auf, dann ermittelt das System jenen Preis, zu dem die meisten Aktien den Besitzer wechseln können — Meistausführungsprinzip heißt das im Regelwerk. Dieser eine Preis wird zum Eröffnungs- oder Schlusskurs. Ein Detail zeigt, wie viel Misstrauen in diesen Regeln steckt: Das Ende der Sammelphase ist um einige Sekunden zufällig gewählt, damit niemand in letzter Sekunde mit einer großen Order den Kurs verbiegen kann.

Der Schlusskurs ist die Zahl, die abends durch die Nachrichten läuft, an der Fondsmanager gemessen werden und zu der Indexfonds ihre Aktienkörbe nachjustieren — warum das so ist, lesen Sie in unserem Stück über ETF und den Dax im Depot. Und auch für den Ausnahmezustand gibt es ein Drehbuch: Springt ein Kurs zu abrupt aus seinem erwarteten Korridor, schaltet das System automatisch in eine Volatilitätsunterbrechung, eine Zwangsauktion von wenigen Minuten. Der Handel stoppt, die Aufträge sammeln sich, der Markt bekommt Zeit zum Nachdenken. Kein Mensch muss dafür einen Knopf drücken — die Pause ist Teil des Programms.

Senkrechte Spiegelung verschwommener Anzeigetafeln in einer Glaswand des Handelssaals, warme und kühle Lichttöne übereinander.
03Börse Frankfurt, Glasfront, 13:02 Uhr— Mittagsauktion: Für gut zwei Minuten hält der fortlaufende Handel inne, der Markt sortiert sich neu.Foto: Zeit Frankfurt

Xetra rechnet, der Spezialist wacht

Bleibt die Frage, wo all das eigentlich passiert. Die romantische Antwort lautet: am Börsenplatz, hinter der Sandsteinfassade, vor der Bulle und Bär bronzen die Stellung halten. Die richtige Antwort lautet: überwiegend in einem Rechenzentrum. Seit 1997 betreibt die Deutsche Börse — die ihren Sitz übrigens nicht in Frankfurt hat, sondern gleich hinter der Stadtgrenze in Eschborn — das vollelektronische Handelssystem Xetra. Es wickelt heute den weitaus größten Teil des börslichen Handels mit deutschen Aktien ab. Die Rechner, die Ihre Order mit der Gegenseite zusammenführen, stehen in klimatisierten Hallen, ihre Antwortzeiten werden in Bruchteilen von Millisekunden gemessen. Der Handelssaal, den Sie aus dem Fernsehen kennen, ist für die Preisbildung der großen Werte vor allem Kulisse — eine ehrliche allerdings, denn die Zahlen auf der Tafel sind echt.

Und doch arbeiten dort Menschen, und zwar nicht zur Dekoration. An der Börse Frankfurt, dem Parketthandel im engeren Sinn, betreuen Spezialisten den Handel: Händler spezialisierter Handelshäuser, die für viele tausend dort notierte Aktien, Anleihen und Fonds fortlaufend verbindliche Kauf- und Verkaufspreise stellen — von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends, also deutlich länger, als Xetra läuft. Vor allem bei ausländischen Titeln und in den Randstunden sorgt erst dieses Versprechen dafür, dass Sie überhaupt einen fairen Preis bekommen. Wie so ein Arbeitstag konkret aussieht, zwischen erster Kaffeetasse und letzter Kursfeststellung, beschreibt unsere Reportage „Morgens um acht auf dem Parkett". Für Ihre Order heißt das: Je nach Voreinstellung Ihres Brokers landet sie auf Xetra, am Frankfurter Parkett oder an einem anderen Handelsplatz. Die Kurse dort können minimal voneinander abweichen — das Prinzip dahinter ist überall dasselbe.

Drei Lehren für die eigene Order

Was nehmen Sie davon mit in die Depot-App? Erstens: Setzen Sie ein Limit, immer. Es kostet nichts und verwandelt eine offene Wette in ein kalkulierbares Angebot. Zweitens: Handeln Sie zu liquiden Zeiten, also werktags zwischen 9 und 17.30 Uhr, wenn Xetra geöffnet ist und die Orderbücher voll sind — wer spätabends kauft, zahlt tendenziell breitere Spannen, weil weniger Gegenseite da ist. Drittens: Misstrauen Sie der Formulierung, „die Börse" habe heute dieses oder jenes entschieden. Entschieden haben Zehntausende Einzelne, jeder für sich, mit jeweils eigenem Limit und eigener Ungeduld. Der Kurs ist die Summe dieser Entscheidungen, nicht ihr Befehl.

Ein Gang zwischen Serverschränken mit blinkenden Lichtpunkten in warm-kühlem Mischlicht, alle Beschriftungen unscharf.
04Rechenzentrum, Frankfurter Stadtrand, 17:36 Uhr— Nach der Schlussauktion: Wo Kurse wirklich entstehen, riecht es nach Kühlluft, nicht nach Parkett.Foto: Zeit Frankfurt

Um 17.30 Uhr sammelt die Schlussauktion ein letztes Mal die Aufträge des Tages, dann steht die Zahl, die morgen in der Zeitung steht. In den Serverhallen am Stadtrand surren die Lüfter weiter, im Handelssaal am Börsenplatz gehen nach und nach die Monitore in den Nachtmodus. Ihre zehn Aktien liegen jetzt im Depot, gekauft zu 101,80 Euro — nicht weil jemand diesen Preis bestimmt hätte, sondern weil in genau diesem Moment ein anderer Mensch bereit war, genau dafür zu verkaufen. Der Kurs, den Sie morgen früh in der App sehen, wird wieder nur eines sein: das Protokoll der letzten Einigung, zustande gekommen nach Regeln, die für alle gleich sind. Mehr Festlegung gibt es an der Börse nicht. Weniger allerdings auch nicht.

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