Mainhattan · Damals

Von der Gemüsehalle zur Geldpolitik: Die Großmarkthalle im Ostend

1928 eröffnet, „Gemieskirch" genannt, jahrzehntelang Umschlagplatz für Obst und Gemüse: Die Großmarkthalle ist eines der prägendsten Bauwerke Frankfurts. Ihr Keller war Ausgangspunkt der Deportationen Frankfurter Jüdinnen und Juden, heute ragt über ihr der Turm der EZB. Die Geschichte eines Ortes mit drei Leben.

Von Johanna Roth Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Die langgestreckte Großmarkthalle mit ihrem gerasterten Betondach, dahinter der Doppelturm der Europäischen Zentralbank.
01Ostend, Sonnemannstraße, 19:40 Uhr— Abendlicht auf dem Betonraster von 1928 — darüber der Doppelturm, in dem über den Euro entschieden wird.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt kein zweites Gebäude, in dem so viel Stadtgeschichte übereinanderliegt wie in der Großmarkthalle im Ostend. 1928 als einer der modernsten Marktbauten Europas eröffnet und im Volksmund halb spöttisch, halb zärtlich „Gemieskirch" getauft, wurde ihr Keller in der NS-Zeit zum Ausgangspunkt der Deportationen Frankfurter Jüdinnen und Juden — und seit 2014 tagt über dem denkmalgeschützten Betonriegel der Rat der Europäischen Zentralbank. Gemüse, Gewalt, Geldpolitik: Man muss diese drei Schichten zusammen erzählen, sonst versteht man weder den Ort noch die Debatten, die er bis heute auslöst.

Die Gemüsehalle war ein Manifest des Neuen Frankfurt

Die Geschichte beginnt mit einem sehr praktischen Problem: Frankfurt wächst in den Zwanzigerjahren rasant, und der Großhandel mit Obst und Gemüse quetscht sich noch immer durch die enge Innenstadt. Die Stadt, die sich unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann gerade als Labor der Moderne neu erfindet — Ernst Mays Siedlungen entstehen in diesen Jahren am Stadtrand —, beschließt einen Neubau am Osthafen, mit Gleisanschluss und Platz für Hunderte Händler. Den Entwurf liefert Martin Elsässer, Leiter des städtischen Hochbauamts und neben May der prägende Architekt des „Neuen Frankfurt".

Was Elsässer zwischen 1926 und 1928 an die Sonnemannstraße stellt, ist mehr als eine Markthalle: ein rund 220 Meter langer Baukörper, dessen Dach aus fünfzehn flachen Betontonnen besteht — eine damals kühne Schalenbauweise, die den riesigen Innenraum ohne eine einzige Stütze überspannt. Die Halle galt bei ihrer Eröffnung im Oktober 1928 als eine der größten stützenfreien Hallen ihrer Zeit, und die Frankfurter, die für Ehrfurcht selten Zeit haben, verpassten dem Sakralbau des Gemüsehandels sofort seinen Dialektnamen: Gemieskirch, Gemüsekirche. Der Spott war eine Liebeserklärung.

Über sieben Jahrzehnte lang funktionierte die Halle genau so, wie ihre Planer es gedacht hatten. Nachts rollten Lastwagen und Waggons an, ab den frühen Morgenstunden wurde geboten, gefeilscht, verladen; wer in Frankfurt und im Umland Gemüse verkaufte, hatte es fast sicher über diese Rampe bezogen. „Für uns war das nie die Großmarkthalle, das war einfach die Kirch", sagt ein früherer Händler, den man an einem Vormittag im Ostend trifft. „Wenn du um vier Uhr drin standest, unter diesem Dach, hast du verstanden, warum sie so heißt."

Nahaufnahme der rauen Betonrippen und der gerasterten Fensterbänder an der historischen Fassade der Frankfurter Großmarkthalle.
02Großmarkthalle, Nordfassade, 16:15 Uhr— Sichtbeton, Klinker, Raster: Elsässers Halle war Ingenieurskunst, lange bevor jemand das Wort Industriecharme erfand.Foto: Zeit Frankfurt

Im Keller der Halle begann der Weg in die Vernichtung

Und dann ist da die zweite Schicht, die dunkelste. Ab dem Herbst 1941 nutzte die Gestapo den Keller im Ostteil der Halle als Sammelstelle für die Deportationen der Frankfurter Jüdinnen und Juden. Am 19. Oktober 1941 verließ der erste Zug mit über tausend Menschen die Gleisanlage der Großmarkthalle in Richtung Łódź. Bis Kriegsende folgten weitere Transporte nach Minsk, Kaunas, Theresienstadt und Auschwitz — mehr als 10.000 Menschen wurden von diesem Ort aus verschleppt, die allermeisten von ihnen ermordet.

Das Perfide an diesem Ort ist seine Beiläufigkeit. Oben, in der Halle, ging der Marktbetrieb weiter; unten, im Keller, mussten Familien stundenlang warten, Vermögenserklärungen unterschreiben, Schlüssel und Wertsachen abgeben — die Vernichtung begann als Verwaltungsakt, mit Formularen und Stempeln. Die Rampe lag nicht versteckt in einem Wald, sondern mitten im Ostend, einsehbar für Anwohner, Händler, Eisenbahner. Nach 1945 sprach darüber jahrzehntelang kaum jemand; die Halle war wieder das, was sie vorher war, ein Ort für Kisten und Kohlköpfe. Es dauerte bis weit in die Nachkriegszeit, ehe Frankfurt begann, diese Geschichte laut zu erzählen.

Wie kann ein Ort zugleich Gedenkstätte und Hochsicherheitszentrale sein? Die Großmarkthalle beantwortet die Frage nicht — sie hält sie aus.

Nach dem letzten Markttag zog die Geldpolitik ein

Die dritte Schicht beginnt mit einem Abschied. Anfang der Neunzigerjahre war absehbar, dass die Halle den Anforderungen des modernen Lebensmittelhandels nicht mehr genügen würde; im Juni 2004 wurde der Großmarkt geschlossen und zog ins neu gebaute Frischezentrum nach Kalbach. Da hatte die Stadt das Gelände längst verkauft: 2002 erwarb die Europäische Zentralbank das Areal, die als junge Institution ihre gemieteten Türme in der Innenstadt hinter sich lassen und eine eigene Zentrale bauen wollte. Die seit den Achtzigerjahren denkmalgeschützte Halle gehörte zum Paket — als Auflage und als Chance zugleich.

Den Architektenwettbewerb gewann das Wiener Büro Coop Himmelb(l)au mit einem Entwurf, der bis heute polarisiert: ein verdrehter Doppelturm aus Glas, 185 Meter hoch, dazu ein „Eingangsbauwerk", das schräg durch den denkmalgeschützten Hallenkörper schneidet. Denkmalpfleger protestierten gegen den Eingriff in Elsässers Dachlandschaft, Befürworter lobten, dass die Halle überhaupt eine Zukunft bekam statt eines langsamen Verfalls. Gebaut wurde ab 2010, die Kosten wuchsen am Ende auf rund 1,3 Milliarden Euro. Im November 2014 zogen die ersten Beschäftigten ein — und die offizielle Eröffnung am 18. März 2015, heute vor zehn Jahren, ging als Krawalltag in die Stadtgeschichte ein: Die Blockupy-Proteste gegen die europäische Krisenpolitik legten das halbe Ostend lahm, Barrikaden brannten, noch bevor drinnen die erste Rede gehalten war.

Seither wird in diesem Turm Geldpolitik für rund 350 Millionen Menschen gemacht. Wenn der EZB-Rat über den Leitzins entscheidet, spüren Sie das bis in Ihr Festgeldkonto und Ihren Bausparvertrag — wie genau dieser Mechanismus funktioniert, erklären wir an anderer Stelle. Bemerkenswert ist die Geografie: Frankfurts Geldgeschichte spielte traditionell in der Innenstadt, rund um die Börse mit ihren bronzenen Wächtern Bulle und Bär und dem Parkett, auf dem bis heute jeden Morgen um acht der Handel beginnt. Mit der EZB rückte das monetäre Machtzentrum ins Ostend — in ein Viertel, das lange vom Hafen, von Werkstätten und günstigen Mieten geprägt war und sich seit dem Einzug der Bank sichtbar verändert hat, nicht zur Freude aller Alteingesessenen.

Gedenkstätte und Hochsicherheitszone teilen sich ein Gelände

Erhaltene Gleisreste der Erinnerungsstätte führen im stillen Nachmittagslicht auf die historische Großmarkthalle zu.
03Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle, 17:30 Uhr— Die Gleise wurden nicht entfernt, sondern freigelegt: Von dieser Rampe fuhren die Deportationszüge ab.Foto: Zeit Frankfurt

Die schwierigste Frage des Neubaus war nie die nach der Architektur, sondern die nach der Erinnerung: Wie geht eine Notenbank mit einem Gelände um, von dem aus Menschen in die Vernichtung geschickt wurden? Die Antwort ist die Erinnerungsstätte an der Großmarkthalle, entwickelt nach einem Entwurf des Büros KatzKaiser gemeinsam mit der Stadt, der Jüdischen Gemeinde und der EZB, eröffnet Ende 2015. Sie verzichtet auf Monumentalität und setzt auf das, was da ist: Die Gleisreste und die Rampe wurden erhalten und freigelegt, in Beton und Boden sind Zitate von Überlebenden und Augenzeugen eingelassen, und eine dunkle Bahn markiert den Weg, den die Deportierten durch das heutige Bankgelände nehmen mussten — bis hinunter zum erhaltenen Keller.

Genau hier liegt die Zumutung dieses Ortes, und man sollte sie nicht wegmoderieren: Ein Teil der Erinnerungsstätte liegt hinter dem Sicherheitszaun einer der bestgeschützten Institutionen Europas. Den Keller und die inneren Bereiche können Sie nur bei Führungen sehen, die das Jüdische Museum Frankfurt organisiert; der äußere Teil mit den Gleisen ist dagegen jederzeit zugänglich. Man kann das als unlösbaren Widerspruch kritisieren — oder als ehrliche Auskunft darüber, dass Geschichte sich nicht in Zonen sortieren lässt. Die Halle ist beides zugleich, Mahnmal und Maschinenraum, und vielleicht ist gerade das ihre Wahrheit.

Was Sie heute sehen können — und wann es sich lohnt

Betreten können Sie die Halle selbst nicht, aber unterschätzen Sie nicht, wie viel dieser Ort von außen erzählt. Der beste Zugang ist ein Spaziergang: vom Hafenpark aus, wo Skater vor der Skyline ihre Runden ziehen, am Mainufer entlang bis zur Erinnerungsstätte an der Ostseite des Geländes. Von hier sehen Sie Elsässers Fensterraster und die Betontonnen des Dachs, dahinter den Turm — und zu Ihren Füßen die Gleise. Wer die Perspektive wechseln will, geht über die Deutschherrnbrücke ans Sachsenhäuser Ufer: Von dort zeigt sich am deutlichsten, wie der gläserne Turm auf dem liegenden Riegel der Halle balanciert.

Am eindrücklichsten aber ist der Ort am späten Nachmittag, wenn die Sonne flach steht. Dann fällt das Licht schräg durch die hohen Fensterbänder, so wie es 1928 auf Gemüsekisten fiel, 1941 auf Koffer und 2015 auf die ersten Bildschirme der Banker. Drei Leben eines Gebäudes, ein einziges Licht.

Spätes Sonnenlicht fällt schräg durch die hohen Fensterbänder der Großmarkthalle und zeichnet helle Muster auf den Boden.
04Großmarkthalle, 18:50 Uhr— Dasselbe Licht fiel hier auf Gemüsekisten, auf Gepäckstücke, auf Bildschirme — die Halle hat alles gesehen.Foto: Zeit Frankfurt

Die Großmarkthalle ist kein schöner Ort im einfachen Sinn, und sie ist gerade deshalb einer der wichtigsten dieser Stadt. Sie zeigt, was Frankfurt sein wollte: modern, effizient, dem Fortschritt verpflichtet. Sie zeigt, wozu dieselbe Effizienz missbraucht werden konnte. Und sie zeigt, wie eine Stadt versucht, mit beidem weiterzuleben, ohne das eine gegen das andere aufzurechnen. Wenn Sie das nächste Mal in den Nachrichten hören, dass „Frankfurt" die Zinsen verändert hat, denken Sie an diesen Riegel aus Beton im Ostend. Er war zuerst da — und er hat die längere Geschichte zu erzählen.

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