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Die Börse Frankfurt verstehen: Was auf dem Parkett wirklich passiert

Jeden Abend flimmert das Parkett der Börse Frankfurt durch die Nachrichten — dabei handelt dort fast niemand mehr von Hand. Was an der Börse wirklich geschieht, wer die Kurse macht und warum die Glocke trotzdem noch läutet: eine Ortsbegehung für alle, die es immer schon genau wissen wollten.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Die Sandsteinfassade der Alten Börse in Frankfurt, davor die Bronzeskulpturen von Bulle und Bär als dunkle Silhouetten.
01Börsenplatz, 7:30 Uhr— Anderthalb Stunden vor Handelsbeginn gehört der Platz den Tauben — und den Bronzen.Foto: Zeit Frankfurt

Um 8 Uhr 55 passiert an der Börse Frankfurt etwas, das kaum jemand sieht: nichts. Kein Klingeln, kein Rufen, keine wedelnden Zettel. Ein paar Menschen in gebügelten Hemden schauen auf Bildschirme, jemand stellt einen Kaffee ab, und wenn um Punkt neun der Handel beginnt, ändert sich an der Geräuschkulisse — nichts. Das ist die erste und wichtigste Wahrheit über den berühmtesten Handelsplatz Deutschlands: Das Bild, das die meisten von ihm im Kopf haben, ist rund fünfzehn Jahre alt.

Dabei ist die Börse präsenter denn je. Jeden Abend liefert das klassizistische Gebäude am Börsenplatz die Kulisse für die Börsennachrichten im Fernsehen, die DAX-Kurve gehört zum deutschen Nachrichtenritual wie der Wetterbericht. Nur: Was dort eigentlich passiert — und was nicht mehr —, das können erstaunlich wenige Frankfurter erklären, obwohl sie täglich daran vorbeilaufen. Holen wir das nach. Eine Ortsbegehung in vier Stationen, ohne ein einziges Fachwort, das wir nicht sofort übersetzen.

Eine Börse ist ein Marktplatz — mehr nicht

Zuerst das Grundsätzliche. Eine Börse ist ein organisierter Marktplatz, auf dem standardisierte Dinge gehandelt werden: Anteile an Unternehmen (Aktien), Kredite an Staaten und Firmen (Anleihen), Fondsanteile und einiges mehr. „Organisiert" heißt: Es gibt feste Öffnungszeiten, zugelassene Händler, überwachte Regeln und — das ist der Kern — einen Mechanismus, der aus vielen Kauf- und Verkaufswünschen einen fairen Preis errechnet. Wer verkaufen will, nennt seinen Wunschpreis, wer kaufen will, ebenso; wo sich Angebot und Nachfrage treffen, entsteht der Kurs.

Frankfurt betreibt dieses Geschäft seit 1585, als sich Kaufleute auf der Messe auf einheitliche Wechselkurse für die vielen kursierenden Münzsorten einigten. Die Stadt war also Börsenplatz, lange bevor sie Bankenstadt wurde. Das heutige Börsengebäude, die Alte Börse, wurde 1879 eröffnet — ein selbstbewusster Sandsteinbau mit Säulenportikus, dem man ansieht, dass das Bürgertum hier ein Denkmal für den eigenen Handel errichtete.

Betrieben wird die Börse Frankfurt heute von der Deutschen Börse AG — einem Unternehmen, das selbst börsennotiert ist und im DAX steht. Man kann also Aktien der Firma kaufen, die den Handel mit ebendiesen Aktien organisiert. Wem das nach einem Möbiusband klingt: willkommen in Mainhattan.

Das Parkett ist heute vor allem eine Bühne

Nun zur Enttäuschung, die keine sein muss. Der Parketthandel, wie ihn Kinofilme zeigen — Männer, die mit Handzeichen und Zurufen Kurse aushandeln —, ist in Frankfurt Geschichte. Im Mai 2011 wurde der sogenannte Präsenzhandel eingestellt. Was blieb, ist der Saal selbst: das Parkett mit seinen geschwungenen Handelspulten, die berühmte DAX-Anzeigetafel, das Fernsehstudio auf der Empore. Und geblieben sind Menschen, die dort tatsächlich arbeiten.

Der Handelssaal der Börse Frankfurt: geschwungene Pulte mit Monitoren, Parkettboden, hohe Fenster — und viel Ruhe.
02Handelssaal, 11:15 Uhr— Wo früher gerufen wurde, wird heute beobachtet: der Saal zur Mittagszeit.Foto: Zeit Frankfurt

Diese Menschen heißen Spezialisten, und ihre Aufgabe ist nützlicher, als ihr nüchterner Titel klingt. Für viele tausend Wertpapiere — vor allem solche, die selten gehandelt werden, ausländische Aktien etwa oder Anleihen kleinerer Emittenten — stellen sie fortlaufend verbindliche An- und Verkaufskurse. Sie sorgen also dafür, dass Sie ein Papier auch dann zu einem fairen Preis kaufen oder verkaufen können, wenn gerade kein anderer Privatanleger auf der Gegenseite steht. Im Fachdeutsch: Sie spenden Liquidität. Im Frankfurterischen: Sie halten den Laden flüssig.

Dass das Fernsehen weiter vom Parkett sendet, ist trotzdem kein Etikettenschwindel. Die Börse braucht ein Gesicht, und ein Studio zwischen leeren Pulten in Eschborn — dort sitzt die Konzernzentrale der Deutschen Börse seit 2010 — gäbe schlicht kein Bild ab. Das Parkett ist die Bühne, auf der eine im Kern unsichtbare Maschine sichtbar gemacht wird. Und diese Maschine hat einen Namen.

Xetra: Die eigentliche Börse ist ein Rechenzentrum

Xetra heißt das elektronische Handelssystem, das seit 1997 aus Frankfurt heraus betrieben wird und über das heute fast der gesamte deutsche Aktienhandel läuft. Die Preisbildung, die früher Menschen per Zuruf erledigten, übernimmt ein zentrales Orderbuch: ein fortlaufend sortiertes Verzeichnis aller Kauf- und Verkaufsaufträge. Passt ein Kaufangebot zu einem Verkaufsangebot, führt das System beide zusammen — viele tausend Mal pro Sekunde, in Bruchteilen von Millisekunden.

Wenn Sie also über Ihre Bank oder einen Broker eine Aktie „an der Börse Frankfurt" kaufen, dann reist Ihr Auftrag nicht an den Börsenplatz 4, sondern in ein Rechenzentrum, wo er auf das Orderbuch trifft. Von 9:00 bis 17:30 Uhr läuft dieser Handel börsentäglich; eröffnet und beschlossen wird er mit sogenannten Auktionen, in denen das System aus allen vorliegenden Aufträgen einen einheitlichen Kurs errechnet. Das berühmte Läuten der Börsenglocke zum Handelsstart gibt es übrigens noch — bei Börsengängen, als Ritual. Auch Maschinen brauchen Folklore.

Ein Missverständnis sollten wir an dieser Stelle gleich mit ausräumen, weil es in Leserzuschriften verlässlich auftaucht: Die Börse ist nicht die EZB. Die Europäische Zentralbank, deren Doppelturm ein paar Kilometer mainabwärts im Ostend steht, ist eine Behörde — sie setzt die Leitzinsen für den Euroraum und beaufsichtigt Großbanken. Die Börse dagegen ist ein Marktplatz in privater Trägerschaft, auf dem sich die Folgen solcher Zinsentscheidungen lediglich ablesen lassen: Senkt die EZB die Zinsen, werden Aktien tendenziell attraktiver und die Kurse steigen; hebt sie sie an, gilt oft das Gegenteil. Die beiden Institutionen bilden gewissermaßen Ursache und Fieberkurve — verwechseln sollte man sie trotzdem nicht. Was die EZB konkret mit Ihrer Miete zu tun hat, ist Stoff für ein eigenes Stück dieser Serie.

Das Parkett ist die Bühne, auf der eine im Kern unsichtbare Maschine sichtbar gemacht wird.

Bleibt die Frage, die Nachrichtensprecher jeden Abend beantworten, ohne sie je zu stellen: Was ist eigentlich dieser DAX? Die Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb wissenswert. Der Deutsche Aktienindex ist eine Rechengröße: ein gewichteter Mittelwert aus den Kursen der 40 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands — von Software über Autos bis zu Rückversicherungen. Seit 2021 sind es 40 Werte, davor waren es drei Jahrzehnte lang 30. Steigt der DAX, sind diese Konzerne im Schnitt wertvoller geworden; mehr sagt die Zahl nicht. Sie ist Fieberthermometer, nicht Diagnose.

Bulle, Bär und die Frage, wem das alles nützt

Draußen auf dem Platz stehen die beiden, die von diesem Text übrig bleiben, wenn Sie alles andere vergessen: der Bulle und der Bär, 1985 zum 400. Börsenjubiläum aufgestellt, aus Bronze und inzwischen von Millionen Touristenhänden blank poliert. Der Bulle stößt mit den Hörnern nach oben — er steht für steigende Kurse und Zuversicht. Der Bär schlägt mit der Tatze nach unten — fallende Kurse, Skepsis. Hausse und Baisse, auf zwei Tiere gebracht. Es ist die ehrlichste Darstellung der Börse, die es gibt: Beide Tiere stehen gleichberechtigt nebeneinander, und keines von beiden geht je weg.

Der Kopf der Bullen-Bronzeskulptur vor der Börse Frankfurt in warmem Seitenlicht, mit Patina auf den Hörnern.
03Börsenplatz, 8:10 Uhr— Der Bulle trägt Patina: Millionen Hände haben ihm über die Hörner gestrichen.Foto: Zeit Frankfurt

Und wozu das alles? Hinter der Kulisse aus Kursen und Kürzeln erfüllt die Börse zwei Aufgaben, die auch Menschen betreffen, die nie eine Aktie kaufen. Erstens verschafft sie Unternehmen Kapital: Wer wachsen will, kann sich das Geld über einen Börsengang bei vielen Anlegern zugleich holen statt bei einer einzigen Bank. Zweitens macht sie Vermögen handelbar — auch das Ihrer Riester-, Betriebs- oder ETF-Vorsorge, die zu großen Teilen aus börsengehandelten Papieren besteht. Ob Sie es wollen oder nicht: Ein Stück Frankfurt-Main-Ufer-Gelassenheit hängt auch an dem, was das Orderbuch tut.

Bleibt ein letzter Übersetzungsdienst für den Abend vor dem Fernseher. Wenn es dort heißt, der DAX habe „ein Prozent verloren", dann haben nicht „die Anleger" Geld verbrannt — es bedeutet zunächst nur, dass die letzten gehandelten Preise dieser 40 Aktien im Schnitt ein Prozent unter denen des Vortags lagen. Verkauft haben zu diesem Preis die wenigsten; wer seine Papiere behält, hat schlicht denselben Besitz mit neuer Preisauszeichnung. Und wenn vom „nervösen Markt" die Rede ist, meint das nüchtern: Die Kauf- und Verkaufsangebote im Orderbuch liegen weit auseinander und ändern sich schnell. Börsendeutsch ist oft dramatischer als die Mechanik dahinter — auch das lernt man am besten an einem Ort, an dem die Mechanik still vor sich hin arbeitet.

Zum Schluss die Frage, die uns Leser am häufigsten stellen: Kann man da einfach rein? Nicht einfach, aber es geht — die Deutsche Börse bietet Besucherführungen mit Voranmeldung an, der Blick von der Galerie auf Parkett und DAX-Tafel ist ihn wert. Die bessere Pointe wartet allerdings draußen, kostenlos und rund um die Uhr geöffnet.

Der Börsenplatz in Frankfurt bei Dämmerung, warm beleuchtete Fassade der Alten Börse, zwei Passanten von hinten.
04Börsenplatz, 21:05 Uhr— Feierabend an der Alten Börse — gehandelt wird jetzt woanders, in Rechenzentren.Foto: Zeit Frankfurt

Denn abends, wenn die Fassade der Alten Börse angestrahlt wird und die letzten Anzugträger Richtung Hauptwache verschwinden, zeigt der Börsenplatz, was aus ihm geworden ist: ein stiller, schöner Stadtraum, dem man seine Weltbedeutung nicht mehr ansieht. Der Handel schläft nie, aber er wohnt jetzt in Rechenzentren. Geblieben sind ein Haus, das Bild und zwei Bronzetiere — und die beruhigende Gewissheit, dass der Bulle auch morgen früh wieder als Erster wach ist.

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