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Der Dax, einfach erklärt: 40 Konzerne, ein Index, viele Mythen

Jeden Abend läuft sie durch die Nachrichten, kaum jemand kann sie erklären: die bekannteste Zahl der deutschen Wirtschaft. Dabei ist der Dax nur ein Rechenwerk aus 40 Aktienkursen — mit eigenwilligen Regeln und einem hartnäckigen Missverständnis. Folge 3 unserer Serie Börsenplatz.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Frankfurter Bankenskyline von der Deutschherrnbrücke aus gesehen, die Türme spiegeln sich im Wasser des Mains.
01Deutschherrnbrücke, 17:10 Uhr— Goldene Stunde über der Skyline: Hinter diesen Fassaden wird bewegt, was der Dax zu einer einzigen Zahl bündelt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt eine Zahl, die in diesem Land fast jeder kennt und kaum jemand erklären kann. Sie läuft an jedem Werktagabend durch die Nachrichten, sie leuchtet als grüne Kurve über dem Parkett der Börse Frankfurt, sie gilt als Fieberkurve der deutschen Wirtschaft: der Dax. Steigt er, ist von Rekordlaune die Rede, fällt er, von einem Beben. Dabei ist der Deutsche Aktienindex, so sein voller Name, etwas erstaunlich Nüchternes — ein Rechenwerk aus 40 Aktienkursen, im Sekundentakt aktualisiert, erdacht Ende der Achtzigerjahre in einer Frankfurter Redaktionsstube. Was diese Zahl misst und was nicht, lässt sich in einer Viertelstunde verstehen. Genau dafür ist diese dritte Folge unserer Serie Börsenplatz da.

Das Grundprinzip zuerst: Ein Aktienindex ist ein Warenkorb. So wie die Statistiker für die Inflationsrate die Preise von Brot, Miete und Strom bündeln, bündelt der Dax die Kurse der 40 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands zu einer einzigen Zahl. „Groß" heißt dabei: gemessen an der Marktkapitalisierung des Streubesitzes, also am Börsenwert jener Aktien, die tatsächlich frei gehandelt werden und nicht dauerhaft bei Großaktionären liegen. Was eine Aktie überhaupt ist, haben wir in der ersten Folge dieser Serie erklärt; hier genügt: Wer Dax sagt, meint die gewichtete Summe vieler einzelner Kurse — Siemens und SAP, Allianz und Adidas, Telekom und BASF.

Der Dax ist ein Thermometer, keine Firma

Kaufen kann man den Dax nicht, jedenfalls nicht direkt. Er ist keine Firma, kein Fonds, kein Wertpapier, sondern eine Messgröße — berechnet von einer Gesellschaft der Deutsche-Börse-Gruppe, an jedem Handelstag zwischen 9.00 und 17.30 Uhr, aus den Kursen des elektronischen Handelssystems Xetra. Wie diese Kurse zustande kommen, war Thema der zweiten Folge; für den Index gilt: Er rechnet nur nach, was der Handel vorgibt. Steigt der Börsenwert der 40 Unternehmen in der Summe, steigt der Dax. Mehr Magie ist nicht im Spiel.

Dass wir uns die Zahl trotzdem als Ort vorstellen, liegt an den Bildern: die Fernsehberichte aus dem Handelssaal am Börsenplatz, die große Tafel mit der Kurve, davor Reporterinnen und Händler. Das ist die Bühne des Dax, nicht sein Maschinenraum. Die eigentliche Rechnung läuft in Rechenzentren, und die Deutsche Börse selbst sitzt längst im benachbarten Eschborn. „Die häufigste Frage bei Führungen ist, wo genau der Dax gemacht wird", sagt ein Händler auf dem Parkett. „Die ehrlichste Antwort lautet: überall und nirgends."

Die große Anzeigetafel im Handelssaal der Börse Frankfurt als unscharfes grünes Lichter-Bokeh, im Vordergrund die dunkle Kante eines Händlerpults.
02Börse Frankfurt, Handelssaal, 9:02 Uhr— Kurz nach Handelsstart: Die Tafel ist die Bühne des Dax — gerechnet wird woanders.Foto: Zeit Frankfurt

Als Performanceindex zählt der Dax Dividenden mit

Nun zur wichtigsten Eigenheit, die in fast jedem Stammtischvergleich untergeht: Der Dax, wie ihn die Nachrichten melden, ist ein Performanceindex. Er unterstellt, dass sämtliche Dividenden — also die Gewinnausschüttungen der Konzerne an ihre Aktionäre — sofort wieder in deren Aktien angelegt werden. Die Zahl misst damit nicht nur Kursbewegungen, sondern den Gesamtertrag eines gedachten Depots, aus dem nie etwas entnommen wird. Viele berühmte Indizes rechnen anders: Der amerikanische Dow Jones oder der Euro Stoxx 50 in seiner gängigen Variante sind Kursindizes, bei denen die Dividenden schlicht herausfallen.

Die Folge: Internationale Vergleiche hinken, und Rekordmeldungen verdienen eine Fußnote. Es existiert nämlich auch ein Dax-Kursindex ohne Dividenden — er notiert bei weniger als der Hälfte des bekannten Werts. Ein beträchtlicher Teil dessen, was der Dax seit 1988 an Punkten aufgetürmt hat, stammt aus wieder angelegten Ausschüttungen. Wer also den Dax gegen den Dow hält, vergleicht ein Gehalt mit Weihnachtsgeld mit einem ohne. Falsch ist keine der beiden Zahlen. Man muss nur wissen, welche man gerade liest.

Der Dax ist ein Thermometer für Konzerne, nicht für das Land — und es hängt im Vorstandsflur, nicht in der Werkstatt.

Erfunden wurde die berühmteste Zahl des Landes in einer Redaktion

Auch das gehört zur Entzauberung: Der Dax ist kein Naturgesetz, sondern ein Produkt mit Geburtsdatum. Er startete am 1. Juli 1988 mit 30 Werten; maßgeblich entwickelt hatte ihn Frank Mella, damals Redakteur der Börsen-Zeitung, getragen wurde das Projekt gemeinsam von der Frankfurter Wertpapierbörse und der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Wertpapierbörsen. Als Basis wählte man den 30. Dezember 1987 mit exakt 1.000 Punkten. Alles, was seither geschah, liest sich an der Kurve ab wie an Jahresringen: der Rausch der Dotcom-Jahre, der die Zahl im März 2000 über 8.000 Punkte trieb; der Kater danach, der sie bis März 2003 auf gut 2.200 drückte; die Finanzkrise 2008/09, der Corona-Einbruch im März 2020 — und im Dezember 2024 erstmals mehr als 20.000 Punkte.

Auch die Mitgliederliste erzählt Wirtschaftsgeschichte. Von den Gründungsmitgliedern des Jahres 1988 ist nur eine Handvoll ununterbrochen dabei, darunter Allianz, BASF, BMW und Siemens. Andere Namen der ersten Stunde — Kaufhof, Nixdorf, Deutsche Babcock — sind verschwunden, aufgekauft oder abgestiegen. Dem Index selbst schadet das nicht: Er funktioniert wie eine Bundesliga, in der auf- und abgestiegen wird, während der Spielbetrieb einfach weiterläuft.

Die 40 ist die Antwort auf einen Skandal

Dass heute 40 statt 30 Unternehmen im Index stehen, hat ein konkretes Datum und einen unrühmlichen Anlass. Im Juni 2020 kollabierte der Zahlungsdienstleister Wirecard als amtierendes Dax-Mitglied, nachdem Luftbuchungen in Milliardenhöhe aufgeflogen waren — eine Blamage auch für das Regelwerk, das den Konzern bis zuletzt im Schaufenster des deutschen Aktienmarkts gehalten hatte. Die Deutsche Börse reagierte mit der größten Reform der Indexgeschichte: Seit dem 20. September 2021 umfasst der Dax 40 Werte, die zweite Reihe, der MDax, schrumpfte im Gegenzug von 60 auf 50 Titel. Vor allem aber gelten seither strengere Aufnahmeregeln — wer hinein will, muss profitabel wirtschaften und pünktlich, testiert und nachvollziehbar berichten.

Die deutsche Wirtschaft bildet der Dax nicht ab

Bleibt der hartnäckigste Mythos: dass der Dax „die deutsche Wirtschaft" zeige. Das tut er nicht, und er hat es nie behauptet. Die allermeisten Unternehmen dieses Landes sind klein und mittelständisch — Handwerksbetriebe, Familienfirmen, stille Weltmarktführer aus der Provinz, von denen viele gar nicht börsennotiert sind und im Index folglich nicht vorkommen können. Der Dax deckt zwar grob vier Fünftel des Börsenwerts aller in Deutschland gelisteten Unternehmen ab; aber gelistet ist eben nur ein schmaler Ausschnitt der Volkswirtschaft.

Der Commerzbank Tower aus der Froschperspektive: gelber Stahl und Glasfassade ragen steil in den Abendhimmel über Frankfurt.
03Commerzbank Tower, Kaiserplatz, 17:45 Uhr— Banken prägen die Skyline — im Index sind sie nur eine Branche unter vielen.Foto: Zeit Frankfurt

Hinzu kommt: Die 40 Konzerne verdienen ihr Geld längst überall auf der Welt und nur zu einem kleineren Teil zu Hause; den Großteil ihres Umsatzes erzielen sie im Ausland. Airbus, seit 2021 im Index, hat seinen rechtlichen Sitz sogar in den Niederlanden. Und weil das Softwarehaus SAP zeitweise so schwer wiegt, dass es den ganzen Index dominiert, gilt eine Kappungsgrenze von derzeit 15 Prozent. Ein starker Dax-Tag sagt deshalb oft mehr über die Weltkonjunktur, amerikanische Zinsentscheidungen oder den Ölpreis als über die Auftragsbücher in Offenbach oder die Stimmung im Gallus.

Eigenwillig ist auch die Branchenmischung: Autobauer, Versicherer, Chemie- und Pharmakonzerne, dazu Software und Rüstung — und mittendrin die Deutsche Börse AG, die den Index berechnen lässt und selbst Mitglied ist. Der Messstab misst sich mit. Junge Unternehmen wachsen dagegen nur selten in diese Liga hinein; wer die Aufnahmekriterien im Kasten oben liest, ahnt warum: Der Dax belohnt Größe und Beständigkeit, nicht Aufbruch.

Für Anleger ist der Index Werkzeug, nicht Empfehlung

Was fangen Sie als Privatperson mit alledem an? Zweierlei. Erstens: Der Dax ist eine Messlatte. Wer Fonds oder einzelne Aktien besitzt, kann daran ablesen, ob sich das eigene Depot besser oder schlechter geschlagen hat als der Marktdurchschnitt. Zweitens lässt sich der Index bequem nachbilden: ETF auf den Dax kaufen schlicht alle 40 Werte in Indexgewichtung — wie das funktioniert und worauf Sie dabei achten sollten, steht in einer eigenen Folge dieser Serie. Nur eines sollten Sie nicht vergessen: 40 Titel aus einem einzigen Land sind keine breite Streuung. Wer alles auf den Dax setzt, setzt auf wenige Branchen und ein paar sehr große Namen.

Nächtlich erleuchtete Bürofenster der Frankfurter Bankentürme spiegeln sich als langes Lichtband im dunklen Wasser des Mains.
04Mainufer, Untermainbrücke, 21:30 Uhr— Die Lichter der Türme im Fluss: ein Ausschnitt der Stadt, nicht die ganze Stadt — wie der Index.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende hilft ein Abendspaziergang ans Mainufer, um die Zahl richtig einzuordnen. Drüben leuchten die Türme der Banken, ihr Licht liegt als Band im dunklen Wasser — imposant, und doch nur ein Ausschnitt der Stadt, die dahinter weiterarbeitet, kocht, pflegt, unterrichtet. Genauso ist der Dax: ein präzises, ehrliches Maß für das, was er misst — den Wert von 40 Konzernen. Wer mehr in ihm sieht, liest zu viel in eine Kurve hinein. Wer weniger in ihm sieht, unterschätzt, wie gut diese eine Zahl erzählt, was das große Geld gerade glaubt.

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