Mainhattan · Kolumne
Der Bulle grinst, die Stadt zuckt: Notizen zur Dax-Rekordjagd
Der Dax eilt von Bestmarke zu Bestmarke, doch am Römerberg bleibt der Jubel aus. Unsere Kolumne fragt, warum Frankfurt seine Rekorde so nüchtern verbucht wie eine Überweisung — und warum das vielleicht die klügste Reaktion ist.
Der Bulle hat wieder gut lachen. Kurz vor sieben am Börsenplatz liegt das erste Licht auf dem Bronzerücken, die Straße dahinter ist noch leer, nur ein Lieferwagen parkt in zweiter Reihe, und auf dem Horn sitzt eine Taube, als wäre es eine Parkbank. In derselben Woche hat der Dax mal wieder eine Bestmarke gesetzt — die wievielte seit anderthalb Jahren, weiß vermutlich nicht einmal die Pressestelle der Börse auswendig. Und die Stadt? Die Stadt macht, was sie an solchen Tagen immer macht: Sie geht zur Arbeit.
Man muss sich die Chronik dieser Rekordjagd kurz vergegenwärtigen, um die Gelassenheit zu würdigen. Im Dezember 2024 fiel erstmals die Marke von 20.000 Punkten, eine Zahl, die lange als Fernziel galt. Im Frühjahr darauf stand eine 23 vor dem Komma, im Frühsommer erstmals eine 24; dazwischen lag ein Zollschreck aus Washington samt Kursrutsch, der binnen Wochen wieder aufgeholt war. Jedes Mal dieselbe Liturgie: eine Push-Nachricht, ein Foto der Kurstafel, ein Analystensatz mit „Luft nach oben" oder wahlweise „Konsolidierung". Danach: nichts. Kein Feuerwerk über dem Main, kein Autokorso auf der Zeil, nicht einmal ein trotziges Transparent am Römer.
Frankfurt verbucht Rekorde wie Zahlungseingänge
Andere Städte könnten so viel Understatement gar nicht aushalten. In New York wird zu Kurssprüngen geklingelt und geklatscht, als hätte jemand ein Tor geschossen; in London schafft es die Schlagzeile bis auf die Boulevardseiten. Frankfurt dagegen nimmt den Rekord zur Kenntnis wie eine Überweisung: Eingang festgestellt, abgeheftet, kein weiterer Kommentar. Von außen wirkt das wie Desinteresse. Von innen betrachtet ist es eher eine Haltung — diese Stadt lebt seit Jahrhunderten vom Geld anderer Leute und hat früh gelernt, dass man über Zwischenstände nicht jubelt.
Dabei hätte die Stadt durchaus Übung im Feiern. Beim Museumsuferfest drängen sich jeden Sommer Hunderttausende am Wasser, und als die Eintracht 2022 den Europapokal holte, war der Römerberg schneller voll, als die Polizei absperren konnte. Am Temperament liegt es also nicht. Es liegt am Gegenstand: Ein Pokal ist errungen und steht danach im Schrank. Ein Indexstand ist geliehen — er kann nächste Woche wieder weg sein, und niemand weiß das besser als die Leute, die täglich an ihm arbeiten. Gefeiert wird hier, was fertig ist. Ein Rekord ist nie fertig.
Ich habe vergangene Woche einen kleinen Feldversuch unternommen und in der Linie 11 zwischen Römer/Paulskirche und Innenstadt auf Dax-Gespräche gelauscht. Ergebnis: null. Verhandelt wurden eine Kellerentrümpelung in Sachsenhausen, die Aufstellung der Eintracht und, zweimal, die Miete. Auf dem Erzeugermarkt an der Konstablerwache dasselbe Bild: Es ging um Handkäs und um den letzten Federweißen des Jahres, nicht um Allzeithochs. „Wenn der Dax steigt, bestellen die Leute trotzdem den offenen Riesling", sagt eine Kellnerin im Bahnhofsviertel, „höchstens die Tische mit den Visitenkarten reden lauter." Genauer lässt sich die Lage kaum protokollieren.

Der Rekord findet ohnehin woanders statt
Zur Nüchternheit gehört, dass die Stadt ziemlich genau weiß, wie wenig ihr dieser Rekord gehört. Die Deutsche Börse, die den Index berechnet, sitzt seit 2010 nicht einmal mehr auf Frankfurter Gemarkung, sondern in Eschborn, ein paar Gewerbesteuerpunkte weiter westlich. Der Handel läuft längst über das elektronische System Xetra, also über Rechenzentren statt über Zurufe, und das berühmte Parkett im Handelssaal ist vor allem eine sehr gute Fernsehkulisse mit Restbetrieb — wie es dort tatsächlich zugeht, haben wir in unserer Reportage „Morgens um acht auf dem Parkett" beschrieben.
Und der Index selbst? Misst die Entwicklung von 40 Konzernen — seit 2021 sind es 40, vorher 30 —, die ihr Geld überwiegend nicht zwischen Bockenheim und Bergen-Enkheim verdienen, sondern in Nordamerika und Asien; wer die Konstruktion im Detail nachlesen will, findet sie in unserem Stück „Der Dax, einfach erklärt". Dazu kommt ein technisches Detail, das in fast jeder Jubelmeldung fehlt: Der Dax ist ein Performance-Index, er rechnet Dividenden so ein, als würden sie sofort wieder angelegt. Ein Teil der Rekordjagd ist damit schlicht eingebauter Zinseszins — der reine Kursindex, ohne diesen Effekt, notiert deutlich tiefer und bricht entsprechend seltener Bestmarken. Der Rekord ist echt, gewiss. Aber er ist eben auch eine Rechenart.
Frankfurt nimmt einen Rekord zur Kenntnis wie eine Überweisung: Eingang festgestellt, abgeheftet, kein weiterer Kommentar.
Kurse sind kein Wohlstand für alle — das weiß hier jeder
Der tiefere Grund für die Zurückhaltung steht in keiner Indexformel. Die Mehrheit der Menschen in diesem Land besitzt weder Aktien noch Aktienfonds; für sie ist ein Allzeithoch eine Nachricht aus einem Land, in dem sie nicht wohnen. In Frankfurt liegen diese beiden Länder besonders eng beieinander. Im Westend gehört das Depot zur Grundausstattung wie der Gasgrill, im Gallus rechnet man eher aus, was die Nebenkostenabrechnung macht — und die kennt seit Jahren nur eine Richtung, ganz ohne Konsolidierung. Wenn dieselbe Stadt beides beherbergt, verbietet sich der kollektive Jubel fast von selbst.
Zugleich stimmt, leise, auch das Gegenteil. An den Türmen hängen Zehntausende Arbeitsplätze samt Gewerbesteuer, mit der diese Stadt ihre Schwimmbäder und Schulen bezahlt. Und in mehr Haushalten, als der Stammtisch glaubt, läuft inzwischen Monat für Monat ein Sparplan auf einen Indexfonds — die stillste Form der Teilhabe an dieser Rekordjagd, ganz ohne Parkett und Bildschirmgeflacker. Es wäre also falsch zu sagen, der Rekord gehe die Stadt nichts an. Er geht sie nur nicht so an, wie der Bulle es gern hätte: als Triumph. Eher als Posten in einer sehr langen Abrechnung, die erst in Jahrzehnten fällig wird.
Am Nachmittag sitzt am Börsenplatz ein Mann auf der Bank und liest Zeitung, den Wirtschaftsteil, tatsächlich auf Papier. Hinter ihm, hinter Sandstein und Sicherheitsglas, wechselt die große Tafel lautlos ihre Nachkommastellen. Er blättert um, zum Feuilleton, ohne Hektik, ohne einen Blick auf das Telefon. Wenn Sie ein Bild für das Verhältnis dieser Stadt zu ihrem Index suchen: Da sitzt es, im Nachmittagslicht.

Vielleicht ist die Nüchternheit einfach Gedächtnis
Wer verstehen will, warum Frankfurt bei Zwischenständen nicht jubelt, muss nur ein paar Jahrzehnte zurückblättern. Diese Stadt hat den Neuen Markt aufsteigen und verglühen sehen; sie hat erlebt, wie eine Volksaktie aus Sparern erst Spekulanten machte und dann für eine ganze Generation Aktienskeptiker sorgte. Sie hat 2008 die Schockwellen einer New Yorker Pleite bis in die eigenen Türme laufen sehen. Der Dax startete 1988 mit einer Basis von 1.000 Punkten; wer seither dabei ist, kennt nicht nur die Vervielfachung, sondern auch jede Halbierung dazwischen. So jemand klatscht nicht bei Kilometerstein 24. So jemand fragt, wie weit es noch bis zur nächsten Baustelle ist.
Die Börse selbst hat diese Skepsis in Bronze gegossen. Vor ihrem Portal stehen seit den Achtzigerjahren zwei Tiere, nicht eines: der Bulle für steigende, der Bär für fallende Kurse, einander zugewandt wie zwei Dauerkontrahenten, die wissen, dass keiner je endgültig gewinnt — die Geschichte der beiden haben wir an anderer Stelle erzählt. Bemerkenswert ist ja: Der Bär wird auch in Rekordwochen nicht abgeräumt, nicht verhüllt, nicht einmal dezent zur Seite gedreht. Er bleibt stehen, geduldig, und die Touristen fotografieren ohnehin lieber ihn. Das ist keine Dekoration. Das ist Programm.

Abends, wenn auf dem Opernplatz die Laternen angehen und eine Bahn ihre Lichtspur durch die Dämmerung zieht, leuchten dahinter die Türme, in denen der Rekord errechnet, verwaltet und versteuert wird. Es ist ein schönes, ein sehr Frankfurter Bild: viel Licht, kein Lärm. In der Bahn sitzen Menschen, die in genau diesen Türmen arbeiten, und lesen auf ihren Telefonen vermutlich alles Mögliche, nur keine Kurse mehr — Feierabend ist Feierabend, auch das ist eine Frankfurter Disziplin. Der Bulle grinst, die Stadt zuckt mit den Schultern — und vielleicht ist genau das die angemessene Antwort auf einen Index, der noch viele Rekorde und ebenso viele Rückschläge vor sich hat. Es könnte schlimmer sein. Die Stadt könnte jubeln. Dann müsste sie beim nächsten Besuch des Bären erklären, warum sie damit wieder aufgehört hat.
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