Damals · Guide
Der Krönungsweg: Vom Kaiserdom in zehn Stationen zum Römer
Zwischen 1562 und 1792 zogen zehn gekrönte Kaiser vom Dom zum Bankett in den Römer. Der Guide führt die 400 Meter in zehn Stationen ab — mit den historischen Szenen, den besten Foto-Momenten und praktischen Hinweisen.
Als 1764 Joseph II. zum römisch-deutschen König gekrönt wurde, stand ein 14-jähriger Frankfurter im Gedränge und vergaß den Tag sein Leben lang nicht: Johann Wolfgang Goethe hat dem Spektakel später in „Dichtung und Wahrheit" einige seiner lebendigsten Seiten gewidmet — dem Zug der Gesandten, dem Ochsen am Spieß, dem Wein, der aus dem Brunnen floss. Der Weg, den die Gekrönten damals nahmen, existiert noch: vom Dom über die Gasse Markt zum Römer, kaum 400 Meter. Zwischen 1562 und 1792 sind hier zehn Kaiser und Könige entlanggezogen. Man kann diese Strecke heute in zehn Minuten gehen — oder in zehn Stationen, und dann durchquert man nebenbei das Alte Reich.
Zur Einordnung in aller Kürze: Gewählt wurden die römisch-deutschen Könige in Frankfurt schon seit dem Mittelalter — die Goldene Bulle von 1356 schrieb es als Reichsgesetz fest. Gekrönt wurde ursprünglich in Aachen; erst 1562 wanderte auch die Krönung an den Main, weil Wahl- und Krönungsort beieinanderliegen sollten. Von da an war Frankfurt an Krönungstagen die heimliche Hauptstadt Europas. Und so gehen Sie ihren Spuren nach.
Ein Krönungstag stellte die Stadt wochenlang auf den Kopf: Die Tore wurden verstärkt bewacht, Quartiere für Tausende Gäste requiriert, die Zünfte übten ihre Spalierordnung, und die Preise für Fensterplätze entlang der Route erreichten Höhen, über die sich schon Zeitgenossen empörten. Frankfurt beherbergte, bewirtete und verdiente — die Krönung war neben den Messen das größte Geschäft, das die Stadt kannte. Wahltage verliefen dagegen beinahe diskret: Beraten wurde hinter verschlossenen Türen, und mancher Kurfürst schickte ohnehin nur seinen Gesandten. Das Spektakel gehörte der Krönung — und genau deshalb folgt ihr dieser Guide.

Im Dom entscheidet sich alles
Station 1 — Die Wahlkapelle. Der unscheinbarste Raum des Doms ist sein politisch wichtigster: die kleine Kapelle südlich des Chors. Hier zogen sich die Kurfürsten — oder ihre Gesandten — zur Beratung und Stimmabgabe zurück, abgeschirmt von der Stadt, die draußen wartete. Was in diesem Raum entschieden wurde, galt vom Rhein bis an die Ostsee. Heute ist die Kapelle ein Ort der Stille; ein Blick durch das Gitter genügt, um die erstaunliche Diskrepanz zwischen Raumgröße und Weltbedeutung zu würdigen.
Station 2 — Der Krönungsaltar. Vom Konklave in den Rausch: Im Hochchor wurde der Gewählte gesalbt und gekrönt, in der Regel vom Kurfürsten-Erzbischof von Mainz. Die Reichskleinodien — Krone, Zepter, Reichsapfel — wurden eigens aus Nürnberg herbeigeschafft und nach getaner Arbeit wieder zurückgebracht; Frankfurt war Bühne, nicht Schatzkammer. Stellen Sie sich das Langhaus voller Reichsfürsten vor, dazu Chöre und Posaunen — die ganze Karriere dieser Kirche erzählen wir in einem eigenen Stück.
Station 3 — Das Südportal. Durch dieses Portal trat der frisch Gekrönte hinaus auf den Domplatz, wo ihn die Stadt zum ersten Mal mit Krone sah. Draußen begann der eigentliche Festzug: Baldachin, Herolde, Kurfürsten zu Pferd. Bevor Sie ihnen folgen, lohnt der Blick nach oben auf den 95 Meter hohen Turm — er stand bei den Krönungen noch unvollendet da, mit einem Notdach statt der heutigen Kuppel.

Über den Markt zieht das Reich
Station 4 — Haus zur Goldenen Waage. Wenige Schritte in die Gasse Markt hinein steht ihr berühmtestes Haus: die Goldene Waage mit ihrer prächtigen Renaissance-Fassade, einst Sitz eines Zuckerbäckers und Händlers, 1944 zerstört und 2018 originalgetreu wiedererrichtet. Zu Krönungszeiten hingen an solchen Fassaden Teppiche und Girlanden; die Bürger vermieteten ihre Fenster als Logenplätze. Ob die Rekonstruktion Kulisse oder Stadtreparatur ist, haben wir an anderer Stelle getestet — als Kulisse des Krönungswegs funktioniert sie zweifellos.
Station 5 — Der Hühnermarkt. Der kleine Platz in der Mitte der Gasse war der Ort, an dem sich der Zug staute und das Volk drängte. Heute steht hier der Stoltze-Brunnen — Friedrich Stoltze, Frankfurts Mundartdichter, wurde ein paar Häuser weiter geboren und hätte über den ganzen kaiserlichen Pomp vermutlich eine Spottstrophe geschrieben. Die Cafés am Platz sind die beste Pausenoption der Route — wer mag, macht es sich mit einem Espresso bequem und lässt den Krönungszug in Gedanken noch einmal vorbeiziehen.
Station 6 — Der Hof zum Rebstock. An der Ecke zur Braubachstraße erinnert das wiederaufgebaute Ensemble an einen der alten Höfe, in denen zu Wahl- und Krönungszeiten Gesandtschaften und Würdenträger logierten. Goethe erwähnt den Rebstock in „Dichtung und Wahrheit"; sein Vater hatte für die Krönung von 1764 beste Beziehungen spielen lassen, um dem Sohn gute Plätze zu sichern. Krönungen waren auch das: ein Immobilien- und Logistikgeschäft für die ganze Stadt.
Station 7 — Der Nürnberger Hof. Ein paar Schritte weiter überspannt ein spätgotischer Torbogen die Gasse — der letzte Rest des Nürnberger Hofs, in dem die Kaufleute der Reichsstadt Nürnberg zur Messe residierten. Dass ausgerechnet Nürnberg hier baute, passt zur Arbeitsteilung des Alten Reichs: Nürnberg verwahrte die Reichskleinodien, Frankfurt wählte und krönte. Der Bogen ist eines der wenigen Stücke echten Mittelalters auf der Route — legen Sie die Hand an den Stein.
Vierhundert Meter Kopfsteinpflaster genügen, um das Alte Reich zu durchqueren — man muss nur wissen, wohin man schaut.
Auf dem Römerberg feiert die Stadt
Station 8 — Die Alte Nikolaikirche. Am Übergang zum Römerberg steht die kleine Kirche, von deren Galerie einst Ratsherren und Trompeter das Geschehen verfolgten. Bei Krönungen diente sie als bester Logenplatz der Stadt; heute spielt ihr Glockenspiel dreimal täglich über den Platz. Von hier haben Sie den klassischen Blick: links die Giebel der Ostzeile, rechts der Römer, dazwischen der Platz, auf dem das Volksfest tobte.
Station 9 — Der Gerechtigkeitsbrunnen. In der Mitte des Römerbergs steht die Justitia — unverbunden die Augen, was Frankfurter gern kommentieren. Bei Krönungen wurde der Brunnen zum Wunder: Statt Wasser floss Wein, weiß und rot aus zwei Röhren, dazu wurde auf dem Platz ein ganzer Ochse am Spieß gebraten und Hafer für jedermann aufgeschüttet. Was nach Legende klingt, ist verbürgt — auch, dass das Gedränge um Wein und Ochsenfleisch regelmäßig in Raufereien endete. Volksnähe war einkalkuliert: Das Reich zeigte sich spendabel, die Stadt zahlte mit.
Nehmen Sie sich auf dem Platz einen Moment für die Perspektive: Die Fachwerkzeile im Osten, vor der sich heute die Fotografen drängen, ist eine Rekonstruktion der Achtzigerjahre — bei den Krönungen standen hier die Originale, gefüllt mit Zuschauern bis unters Dach. Der Platz selbst aber hat seine Form seit dem Mittelalter kaum verändert; er ist die älteste Bühne der Stadt und wird bis heute bespielt, vom Weihnachtsmarkt bis zum Pokalempfang der Eintracht. Das beste Licht für Fotos fällt am frühen Abend schräg über die Giebel.
Station 10 — Der Kaisersaal. Das Finale liegt im Römer: der Saal, in dem der Gekrönte mit den Kurfürsten tafelte, bedient nach uraltem Zeremoniell, in dem jeder Handgriff — das Vorschneiden, das Kredenzen des Weins — symbolisch einem der Reichsämter zugeordnet war. Heute hängen an den Wänden 52 Porträts aller römisch-deutschen Herrscher von Karl dem Großen bis Franz II., im 19. Jahrhundert gestiftet, als das Reich schon Geschichte war. Wer die Reihe abschreitet, geht tausend Jahre in fünf Minuten — ein würdiger Schlusspunkt nach 400 Metern.

Am Ende lohnt ein letzter Blick zurück über den Platz, am besten in der tiefen Abendsonne, wenn die Justitia als Silhouette vor den Giebeln steht. 1792 zog hier zum letzten Mal ein Gekrönter vorbei; vierzehn Jahre später war das Alte Reich Geschichte. Geblieben ist ein Weg, den man an einem Vormittag gehen kann — und das stille Vergnügen, an jeder zweiten Ecke zu wissen, was hier los war, als Frankfurt für einen Tag die Hauptstadt Europas spielte. Der Ochse übrigens war regelmäßig zuerst weg.
Mehr aus Damals
Alle Artikel →Damals · Getestet
Die Neue Altstadt im Test: Kulisse oder gewachsenes Viertel?
Die Neue Altstadt im Praxistest: Alltag, Handwerk, Aufenthaltsqualität und Besucherandrang im DomRömer-Quartier — mit Punktwertung und klarem Verdikt.
Kaiserdom ohne Bischof: Die Karriere von St. Bartholomäus
Frankfurt war nie Bischofssitz — einen Dom hat es trotzdem: Wie St. Bartholomäus durch Wahlen, Krönungen, Brand und Wiederaufbau zum Kaiserdom wurde.
Damals · Erklärt
Wohnen in Frankfurt: Vom Gründerzeitboom zum Mietspiegel 2026
Mietspiegel 2026, Gründerzeitboom, Neues Frankfurt, Häuserkampf: Warum Frankfurts Wohnungsfrage seit 150 Jahren dieselbe ist — und was sich jetzt ändert.

