Damals

Die Judengasse: Drei Jahrhunderte erzwungener Enge

Von 1462 bis 1796 mussten Frankfurts Jüdinnen und Juden in einem schmalen, nachts verriegelten Straßenbogen vor der Staufenmauer leben — einem der frühesten Ghettos Europas. Die Geschichte erzählt von erzwungener Enge und erstaunlicher Blüte, vom Pogrom des Fettmilch-Aufstands und von den Spuren, die bis heute unter dem Pflaster der Konstablerwache liegen.

Von Johanna Roth 8 Min. Lesezeit
Die erhaltene mittelalterliche Staufenmauer im Streiflicht der Morgensonne, dahinter moderne Fassaden als Kontrast.
01An der Staufenmauer, 8:20 Uhr— Morgensonne auf mittelalterlichem Bruchstein — an dieser Mauer entlang zwängte sich drei Jahrhunderte lang die Judengasse.Foto: Zeit Frankfurt

Wer an der Konstablerwache aus der U-Bahn steigt und Richtung Zeil drängt, überquert ein verschwundenes Viertel, ohne es zu ahnen. Kein Straßenschild trägt mehr den Namen Judengasse, kein Haus steht mehr von ihr. Und doch liegt ihre Topographie bis heute unter dem Pflaster zwischen Konstablerwache, Battonnstraße und Börneplatz — man muss nur wissen, wo man hintreten und wo man stehen bleiben soll. Ein guter Anfang ist die kleine Straße mit dem sprechenden Namen An der Staufenmauer: Dort steht, eingeklemmt zwischen Nachkriegsfassaden, ein Stück der mittelalterlichen Stadtmauer von etwa 1180. An ihrer Außenseite entlang zwängte sich mehr als drei Jahrhunderte lang die Gasse, in der Frankfurts Jüdinnen und Juden leben mussten — nicht durften: mussten.

Die Geschichte beginnt mit einem Beschluss. Bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts lebte die jüdische Gemeinde mitten in der Stadt, in einem Quartier zwischen Dom und Main, so nah an der Hauptkirche, dass sich Klerus und Kaiser wiederholt daran störten. Auf Druck von oben entschied der Rat schließlich die Umsiedlung: 1462 mussten alle jüdischen Familien ihre Häuser räumen und in eine neu angelegte Gasse vor der Staufenmauer ziehen, gebaut auf dem alten Grabenbereich der Stadtbefestigung. Es war eine der frühesten planmäßigen Ghettoisierungen Europas — Jahrzehnte bevor das Wort „Ghetto" in Venedig überhaupt geprägt wurde.

Die Stadt baute eine Straße und schloss sie ab

Man muss sich die Anlage so unwirtlich vorstellen, wie sie gemeint war: ein gekrümmter Straßenzug von gut dreihundert Metern Länge, an den meisten Stellen nur wenige Meter breit, mit drei Toren, die nachts, an Sonntagen und an christlichen Feiertagen verschlossen wurden. Wer hinauswollte, brauchte Gründe und Genehmigungen; wer hineingehörte, hatte keine Wahl. Die sogenannte Stättigkeit, das Frankfurter Judenrecht, regelte bis ins Detail, wie viele Familien in der Gasse leben durften, welche Berufe ihnen offenstanden — im Wesentlichen Geldverleih und Handel, da die Zünfte ihnen verschlossen blieben — und welche gelben Abzeichen sie außerhalb zu tragen hatten.

Zugleich wuchs die Gemeinde, weil Frankfurt als Messe- und Handelsstadt Möglichkeiten bot, die andernorts fehlten. Aus anfangs etwa fünfzehn Familien wurden binnen eines guten Jahrhunderts Hunderte; um 1600 drängten sich in der Gasse annähernd 3.000 Menschen in knapp 200 Häusern. Da die Gasse nicht wachsen durfte, wuchs sie nach innen und oben: Häuser wurden geteilt, aufgestockt, Hinterhäuser in Höfe gequetscht, bis kaum noch Tageslicht auf das Pflaster fiel. Weil Hausnummern fehlten, trugen die Häuser Zeichen und Namen — zum roten Schild, zum grünen Schild, zum Adler, zur Pfanne. Aus diesen Hauszeichen wurden Familiennamen, und mindestens einer davon ging um die Welt: Rothschild, nach dem Haus zum roten Schild.

Wer die Dichte begreifen will, sollte die Rekonstruktion nicht der Fantasie überlassen. Im Museum Judengasse an der Battonnstraße steht ein detailliertes Modell des Straßenzugs, und im Untergeschoss liegen die konservierten Fundamente von fünf Häusern der Gasse — ausgegraben in den 1980er Jahren, als beim Bau eines Verwaltungsgebäudes am Börneplatz die Grundmauern zum Vorschein kamen. Der Streit, der damals um Abriss oder Bewahrung entbrannte, ging als Börneplatz-Konflikt in die Stadtgeschichte ein; ihm verdankt Frankfurt, dass man heute unter Straßenniveau durch die Keller der Judengasse gehen kann.

Detailliertes Stadtmodell der historischen Judengasse mit dicht gedrängten Giebelhäusern, in warmes Ausstellungslicht getaucht.
02Museum Judengasse, Battonnstraße, 11:15 Uhr— Im Modell wird die Enge begreifbar: ein einziger Straßenbogen, fast 200 Häuser, bis zu 3.000 Menschen.Foto: Zeit Frankfurt

Der Fettmilch-Aufstand zeigte, wie dünn der Schutz war

Das Verhältnis zwischen Stadt und Gemeinde blieb über die Jahrhunderte ein prekäres Geschäft: Die Juden zahlten hohe Abgaben und standen dafür unter dem Schutz von Rat und Kaiser — ein Schutz, der genau so lange trug, wie es opportun war. Wie schnell er reißen konnte, zeigte sich 1614. Der Lebkuchenbäcker Vinzenz Fettmilch hatte einen Aufstand der Zünfte gegen den patrizischen Rat angeführt, und wie so oft in der europäischen Geschichte entlud sich der soziale Zorn am Ende gegen die Schwächsten: Im August 1614 stürmte der Mob die Judengasse, plünderte die Häuser eine Nacht lang und trieb die Bewohner aus der Stadt.

Bemerkenswert ist, was dann geschah. Kaiser Matthias verhängte die Reichsacht über Fettmilch, ließ ihn 1616 hinrichten — und führte die Vertriebenen unter kaiserlichem Geleit in die Gasse zurück. Über den Toren wurde ein Adler mit der Inschrift angebracht, die Bewohner stünden unter dem Schutz „Römisch Kaiserlicher Majestät und des Heiligen Reichs". Die Gemeinde feierte den Tag der Rückkehr fortan als eigenes Fest, den Purim Vinz. Es ist eine doppelbödige Episode: Sie dokumentiert den Judenhass der Stadtgesellschaft ebenso wie die Tatsache, dass das Recht — aus welchen Motiven auch immer — am Ende durchgesetzt wurde. Sicherheit sah trotzdem anders aus.

Die Judengasse war keine Adresse, sie war ein Urteil: wenige Meter breit, gut dreihundert Meter lang, drei Jahrhunderte gültig.

Hinter den Toren wuchs eine der wichtigsten Gemeinden Europas

Es gehört zu den Paradoxien dieses Ortes, dass ausgerechnet in der erzwungenen Enge eine Blüte gedieh. Die Frankfurter Gemeinde wurde zu einer der größten und einflussreichsten des aschkenasischen Judentums: Ihre Rabbiner und Talmudschulen genossen europäischen Ruf, ihre Gutachten wurden von Lissabon bis Krakau eingeholt, ihre Kaufleute und Geldhändler waren aus dem Geschäft der Messestadt nicht wegzudenken. In der Gasse gab es Synagogen, Lehrhäuser, ein Spital, Backhäuser und Tanzhäuser — eine vollständige Stadt in der Stadt, mit eigener Verwaltung und eigenem Rhythmus. Und sie brachte Menschen hervor, die weit über Frankfurt hinauswirkten: die Bankiersfamilie Rothschild, deren Aufstieg im Haus zum Grünen Schild begann, oder Ludwig Börne, 1786 in der Gasse geboren, der als Schriftsteller zum schärfsten Beobachter des deutschen Vormärz wurde.

Das Ende kam nicht durch Einsicht, sondern durch Kanonen. Beim Bombardement der Stadt durch französische Revolutionstruppen 1796 brannte der nördliche Teil der Gasse nieder — und der Rat sah sich gezwungen, den obdachlos Gewordenen erstmals das Wohnen außerhalb zu gestatten. Der Zwang bröckelte, das Prinzip fiel wenig später: 1811 erhielten die Frankfurter Juden unter Fürstprimas Dalberg die bürgerliche Gleichstellung, wenn auch gegen eine hohe Geldzahlung, und nach Rückschlägen der Restaurationszeit 1864 schließlich die volle Gleichberechtigung — Frankfurt war damit eine der ersten Städte Deutschlands. Die Gasse selbst, längst als Elendsquartier verrufen, wurde im 19. Jahrhundert Stück für Stück abgerissen und die Straße nach ihrem berühmtesten Sohn in Börnestraße umbenannt.

Was heute zu sehen ist, liegt am Wegesrand — und unter der Straße

Enge Straßenflucht der Fahrgasse im Gegenlicht, alte und neue Gebäudekanten staffeln sich hintereinander.
03Fahrgasse, 9:05 Uhr— Die Fahrgasse war die Schlagader der alten Stadt — und die Grenze, hinter der die Judengasse begann.Foto: Zeit Frankfurt

Wer die Topographie der Gasse heute ablaufen will, braucht etwa eine Stunde und beginnt am besten an der Fahrgasse, der alten Hauptverkehrsader zwischen Mainbrücke und Zeil, über deren Namen unsere Kolumne zu Frankfurts Straßennamen mehr erzählt. Von hier führt der Weg in die Straße An der Staufenmauer: Das erhaltene Mauerstück mit seinen später durchgebrochenen Bögen ist das einzige aufrecht stehende Bauzeugnis, das die Gasse von außen begrenzte. Ihr Verlauf folgte der Mauer in einem Bogen nach Süden — dorthin, wo heute die Kurt-Schumacher-Straße den alten Stadtgrundriss überlagert.

Die zweite Station ist das Museum Judengasse an der Battonnstraße 47, mit den Hausfundamenten und einer klugen Dauerausstellung über den Alltag in der Gasse. Direkt daneben liegt der Alte Jüdische Friedhof, dessen Anfänge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen und der bis 1828 belegt wurde — ein stiller, efeuüberwachsener Ort, auf dem auch Mayer Amschel Rothschild begraben liegt. An seiner Außenmauer schließlich verwandelt sich Geschichte in Gegenwart: In die Friedhofsmauer am Neuen Börneplatz sind 11.908 kleine Metallblöcke eingelassen, einer für jede Frankfurter Jüdin und jeden Frankfurter Juden, die in der Shoah ermordet wurden. Viele tragen Besucherkiesel auf der Oberkante.

Denn das gehört zur Wahrheit dieses Ortes: Die Geschichte der Judengasse ist keine abgeschlossene Erzählung über das Mittelalter, sondern der erste Akt einer Geschichte, deren letzter Akt in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschrieben wurde. Die Gemeinde, die sich aus der Gasse heraus in die Stadt emanzipiert hatte — mit Stiftungen, Schulen, Kaufhäusern, mit der großen Synagoge am Börneplatz, die 1938 brannte —, wurde von den Nationalsozialisten ausgeplündert, vertrieben und ermordet. Wer an der Friedhofsmauer die Namen liest, versteht, warum diese wenigen hundert Meter zwischen Konstablerwache und Battonnstraße zum Dichtesten gehören, was Frankfurt an Geschichte zu bieten hat.

Efeubewachsene, schief stehende Grabsteine des Alten Jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße im milden Abendlicht.
04Alter Jüdischer Friedhof, Battonnstraße, 19:30 Uhr— Seit dem Mittelalter belegt, bis 1828 genutzt: einer der ältesten jüdischen Friedhöfe Europas.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende lohnt es sich, noch einmal zur Staufenmauer zurückzugehen und die Hand auf den kalten Bruchstein zu legen. Drei Jahrhunderte lang war diese Mauer eine Grenze, die eine Stadt durch ihre eigene Mitte zog. Heute ist sie ein Mahnmal, an dem täglich Tausende vorbeieilen. Die Judengasse ist verschwunden — aber sie liegt noch da, unter dem Asphalt, im Museum, auf dem Friedhof. Man kann sie ablaufen. Man sollte es tun.

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