Die Hauptwache: Vom Gefängnis zum berühmtesten Café der Stadt
Sie war Kaserne einer Bürgerrepublik, Gefängnis, Ziel eines Revolutionsversuchs — und steht heute auf dem Dach eines U-Bahnhofs: Die Geschichte der Hauptwache ist Frankfurts Geschichte im Kleinen, erzählt von 1730 bis zum Milchkaffee von heute.
Kein Frankfurter Gebäude wird häufiger passiert und seltener angesehen. Wer „Hauptwache" sagt, meint die S-Bahn-Station, die B-Ebene, den Platz, auf dem man sich trifft, um woandershin zu gehen — fast nie das kleine Barockhaus mit dem geschwungenen Dach, das dem allem den Namen gab. Dabei erzählt dieser Bau auf gut 30 mal 15 Metern die halbe Geschichte der Stadt: Er war Kaserne einer Republik, Gefängnis, Ziel eines Revolutionsversuchs, Kriegsruine — und ist seit mehr als einem Jahrhundert das, was er heute ist: das berühmteste Café Frankfurts. Zeit, ihn einmal wirklich anzusehen.
Man muss dafür ins Jahr 1729 zurück. Frankfurt ist Freie Reichsstadt, eine Kaufmannsrepublik ohne Fürsten und ohne stehendes Heer eines Landesherrn; für Ruhe und Ordnung sorgt eine eigene Stadtwehr aus Berufssoldaten und wachpflichtigen Bürgern. Die braucht ein Hauptquartier, und die Stadt leistet sich dafür keinen Zweckbau, sondern ein Schmuckstück: Nach Plänen des Stadtbaumeisters Johann Jakob Samhaimer entsteht bis 1730 ein barockes Wachgebäude vor der damaligen Katharinenpforte — Wachstube und Offizierszimmer, Waffenkammer, dazu Zellen für Arrestanten. Ein Haus, kaum größer als eine Stadtvilla, aber mit Mansarddach und Adler über dem Portal: Die Republik zeigt, dass sie sich selbst bewacht.
Der Alltag in diesem Haus war unspektakulärer, als seine spätere Berühmtheit vermuten lässt. Von hier aus wurden die Wachposten an Toren und Plätzen eingeteilt, hier meldeten sich Patrouillen zurück, hier landete, wer nachts randalierte, falsch würfelte oder die Sperrstunde für eine Empfehlung hielt. Die Hauptwache war Polizeirevier, Kaserne im Taschenformat und Ausnüchterungszelle in einem — der Ort, an dem eine Handelsstadt ihre kleinen Unordnungen verwaltete. Ihre großen sollte sie erst später kennenlernen.
Das Gefängnis, in dem Gretchen saß
Die Zellen der Hauptwache sind der düstere Teil dieser Geschichte, und sie haben Weltliteratur berührt. Im Herbst 1771 wird hier die Dienstmagd Susanna Margaretha Brandt eingesperrt, angeklagt, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben. Ihr Prozess erschüttert die Stadt; im Januar 1772 wird die junge Frau öffentlich hingerichtet. Unter den Zeitgenossen, die der Fall nicht mehr loslässt, ist ein junger Anwalt aus dem Haus am Hirschgraben: Johann Wolfgang Goethe, dessen Gretchentragödie im „Faust" ohne das Schicksal der Brandt nicht denkbar ist. Wer den Spuren des Dichters durch seine Heimatstadt folgt — sechs Orte haben wir hier versammelt —, sollte deshalb auch vor diesem Café kurz innehalten: Es ist einer der dunkelsten davon.

3. April 1833: Der Sturm, der eine Revolution werden sollte
Berühmt aber wird die Hauptwache durch einen Nachmittag im Frühjahr 1833. Deutschland ist nach dem Wiener Kongress ein Flickwerk restaurativer Fürstentümer, Frankfurt Sitz des Bundestags — und damit, aus Sicht der radikalen Opposition, Sitz des Problems. Eine Gruppe von rund 50 Verschwörern, größtenteils Studenten und Handwerker, fasst einen so kühnen wie realitätsfernen Plan: Hauptwache und Konstablerwache stürmen, die dort einsitzenden politischen Gefangenen befreien, die Bundeskasse besetzen — und mit diesem Fanal eine gesamtdeutsche Revolution auslösen.
Am Abend des 3. April greifen sie an. Der Handstreich gelingt zunächst sogar: Die Wachen werden überrumpelt, es fallen Schüsse, es gibt Tote und Verwundete auf beiden Seiten. Doch der Plan hat einen Konstruktionsfehler — das Volk, das sich erheben soll, bleibt zu Hause. Die Behörden sind zudem gewarnt, Militär rückt an, und nach wenigen Stunden ist der „Frankfurter Wachensturm" niedergeschlagen. Was folgt, trifft das ganze Land: Der Deutsche Bund antwortet mit einer Verhaftungswelle und einer neuen Zentralbehörde zur Verfolgung politischer Umtriebe; Dutzende Beteiligte gehen in Kerker oder Exil. Der Sturm auf das kleine Barockhaus wird so zur Generalprobe mit umgekehrtem Vorzeichen — fünfzehn Jahre später, 1848, wird die Revolution wiederkommen, ein paar hundert Meter weiter, in der Paulskirche, und mit Reden statt Gewehren.
Die Hauptwache hat alles überstanden, was Frankfurt ihr zugemutet hat: Revolutionäre, Preußen, Bomben, den U-Bahn-Bau. Verloren hat sie nur ihre Aufgabe.
Die Preußen nehmen der Wache den Zweck — der Kaffee gibt ihr einen neuen
Das Ende der Wache als Wache kommt 1866, unspektakulär und endgültig. Preußen annektiert die Freie Stadt, die Frankfurter Truppen werden aufgelöst, und ein Wachhaus ohne eigene Armee ist nur noch ein Haus. Einige Jahrzehnte hält sich die Polizei mit Wachstube und Arrestzellen im Gebäude, dann zieht auch sie aus. 1904 folgt die frankfurterischste aller Lösungen: Die Stadt lässt den Bau herrichten, und in die Räume, in denen Offiziere Dienstpläne schrieben und Gefangene auf ihre Urteile warteten, zieht ein Kaffeehaus. Das „Café Hauptwache" wird schnell zur Institution — der Platz davor, längst Verkehrsknoten mit Straßenbahnen und dem Beginn der Zeil, heißt inzwischen offiziell wie das Gebäude: An der Hauptwache.
Es ist eine bemerkenswerte Pointe: Ausgerechnet der Bau, der für Disziplin, Arrest und Obrigkeit stand, wird zum Wohnzimmer der bürgerlichen Muße. Generationen von Frankfurtern verabreden sich fortan „an der Hauptwache", trinken dort ihren Kaffee und vergessen dabei gründlich, was das Haus einmal war. Man kann das Geschichtsvergessenheit nennen. Man kann es auch für die eleganteste Form von Frieden halten.
Zerstört, zerlegt, zurückgekehrt
Das 20. Jahrhundert mutet dem kleinen Haus dann noch zweimal Existenzielles zu. Im März 1944 brennt die Hauptwache in den Bombennächten aus, die auch die Altstadt auslöschen; wie die Stadt in diesen Trümmern neu anfing, haben wir an anderer Stelle erzählt. Anders als Hunderte Nachbargebäude hat die Wache Glück: Sie wird bis 1954 wieder aufgebaut, mit Dach, Adler und Café, und steht bald wieder da, als wäre nichts gewesen.
Der eigentümlichste Akt aber folgt in den Sechzigern. Frankfurt baut seine U-Bahn, und der wichtigste Knoten soll exakt dort entstehen, wo das Barockhaus steht. Die Stadt entscheidet sich gegen den Abriss und für ein Kunststück: 1967 wird die Hauptwache abgetragen — Stein für Stein, nummeriert und eingelagert —, während sich an ihrer Stelle eine gewaltige Baugrube öffnet, die die Frankfurter nur „das Loch" nennen. 1968, pünktlich zur Eröffnung der ersten U-Bahn-Strecke, kehrt das Gebäude zurück und wird über der neuen unterirdischen Passage wieder zusammengesetzt. Seither steht die Wache von 1730 auf dem Dach der B-Ebene: oben Barock, darunter Rolltreppen, Gleise und der Strom von Hunderttausenden Fahrgästen. Ob so ein wiederaufgebautes Original noch das Original ist, hat Frankfurt später bei anderen Anlässen leidenschaftlich diskutiert — die Debatte um die Ostzeile am Römerberg war im Grunde die Fortsetzung dieser Frage mit anderen Mitteln.

Was Sie heute sehen, wenn Sie hinsehen
Ganz zur Ruhe gekommen ist der Ort seither nie. Die B-Ebene, in den Sechzigern als Zukunftsversprechen aus Beton eröffnet, gilt heute als Sanierungsfall, über ihren Umbau wird seit Jahren diskutiert; oben auf dem Platz wechseln Kaufhäuser, Baustellen und Debatten einander ab wie die S-Bahnen darunter. Nur das kleine Barockhaus in der Mitte bleibt unbeeindruckt stehen — es hat schließlich schon ganz andere Umbauten von innen gesehen.
Bleibt der Augenschein, und der lohnt sich mehr, als der Alltag glauben lässt. Stellen Sie sich auf die Mitte des Platzes, mit dem Rücken zur Zeil: Vor Ihnen das Mansarddach mit seinem sanften Schwung, die Rundbogenfenster, der Sandstein, der bei tiefer Sonne warm wird wie am Römerberg. Rechts die Katharinenkirche, in der Goethe getauft wurde — Wache und Kirche sind das letzte alte Paar an diesem Platz, umstellt von Nachkriegs- und Kaufhausarchitektur, die es nicht immer gut mit ihnen meint. Und unter Ihren Füßen, hörbar durch die Lüftungsgitter, rauscht die Ebene, der das Haus seinen zweiten Untergang und seine zweite Rettung verdankt.

Am Ende ist die Hauptwache vielleicht das ehrlichste Denkmal dieser Stadt, gerade weil sie keines sein will. Sie hat als Kaserne einer Bürgerrepublik begonnen und dient heute dem Milchkaffee; dazwischen liegen ein gescheiterter Umsturz, zwei Zerstörungen und eine Wiederauferstehung in Einzelteilen. Frankfurt hat aus alledem keine Weihestätte gemacht, sondern einen Ort, an dem man sich verabredet, verspätet und versöhnt. Setzen Sie sich also, bestellen Sie etwas Warmes und heben Sie einmal kurz die Tasse — auf ein Haus, das fast dreihundert Jahre lang alles überstanden hat, sogar seine eigene Demontage.
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