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Goldene Bulle 1356: Warum Kaiser in Frankfurt gewählt wurden

1356 legte Kaiser Karl IV. per Reichsgesetz fest, dass Könige in Frankfurt gewählt werden. Das Erklärstück entschlüsselt die Goldene Bulle: sieben Kurfürsten, ein Goldsiegel — und eine Stadt, die vom Verfassungsrecht des Mittelalters bis heute profitiert.

Von Johanna Roth 6 Min. Lesezeit
Das gotische Gewölbe der Wahlkapelle im Kaiserdom in gedämpftem, warmem Licht.
01Kaiserdom, Wahlkapelle, 10:40 Uhr— Gedämpftes Licht unter gotischem Gewölbe — in diesem kleinen Raum wurde über das Reich entschieden.Foto: Zeit Frankfurt

Das wichtigste Dokument der Frankfurter Stadtgeschichte ist kein Stadtrecht und keine Messeurkunde, sondern ein Reichsgesetz, an dem eine goldene Kapsel baumelt. Die Goldene Bulle, erlassen 1356 von Kaiser Karl IV., regelte auf Jahrhunderte, wie das Heilige Römische Reich seine Könige bestimmt — und legte nebenbei fest, wo das zu geschehen hat: „in der Stadt Frankfurt". Für eine Handelsstadt ohne Fürst und ohne Heer war das der größte Standortvorteil, den das Mittelalter zu vergeben hatte. Man kann die Wirkung bis heute besichtigen, im Dom, im Römer — und im Karmeliterkloster, wo die Stadt ihr eigenes Exemplar der Urkunde verwahrt.

Um zu verstehen, was dieses Gesetz leistete, muss man sich das Problem vergegenwärtigen, das es löste. Das Reich war eine Wahlmonarchie ohne klare Wahlordnung: Wer wählen durfte, mit welcher Mehrheit, was bei Streit galt — all das war Gewohnheit, nicht Recht. Die Folge waren Doppelwahlen mit verheerenden Folgen; noch 1314 hatten sich zwei Königen gegenüberstehende Lager jahrelang bekriegt, und Karl IV. selbst war 1346 zunächst als Gegenkönig gewählt worden. Ein Herrscher, der so an die Macht gekommen war, wusste, was fehlte: Regeln, die künftige Thronkriege überflüssig machen.

Karl IV. beendete das Chaos der Königswahlen

Die Antwort entstand 1356 auf zwei Reichstagen — die ersten Kapitel wurden im Januar in Nürnberg beschlossen, der Rest im Dezember in Metz. Ihren Namen erhielt die Urkunde erst später, nach dem goldenen Siegel, der „Bulle", die an den Prunkausfertigungen hängt: vorn der thronende Kaiser, auf der Rückseite eine stilisierte Roma. Inhaltlich war das Werk von nüchterner Präzision. Es legte den Kreis der Wähler ein für alle Mal fest: sieben Kurfürsten, drei geistliche — die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier — und vier weltliche: der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen und der Markgraf von Brandenburg.

Dazu kamen Verfahrensregeln, die erstaunlich modern anmuten: Die Mehrheit entscheidet — vier von sieben Stimmen genügen, und der Gewählte gilt als einstimmig gewählt, Einsprüche der Überstimmten sind unbeachtlich. Die Kurlande wurden für unteilbar erklärt und das Erstgeburtsrecht festgeschrieben, damit sich die Stimmen nicht durch Erbteilungen vervielfachten. Wer die Wahl verschleppte, dem drohten Sanktionen; nach dreißig Tagen ohne Ergebnis sollten die Wähler bei Wasser und Brot sitzen, bis sie sich einigten. Man erkennt die Handschrift eines Mannes, der Konklave-Regeln der Kirche kannte — und wusste, dass Verfahren Frieden stiften, wo Ansprüche kollidieren.

Geregelt wurden auch die Rollen jenseits des Wahlakts: Jedem Kurfürsten war ein Erzamt zugeordnet — der Mainzer war Erzkanzler für Deutschland, der Böhme Erzmundschenk, der Pfälzer Erztruchsess, der Sachse Erzmarschall, der Brandenburger Erzkämmerer. Bei den Krönungsbanketten wurden diese Ämter zeremoniell ausgeübt: Da ritt der Erzmarschall in einen aufgeschütteten Haferberg, der Erzmundschenk kredenzte den Wein. Was heute wie Folklore wirkt, war Verfassungssymbolik — jeder Handgriff führte dem Reich vor, dass seine Ordnung galt.

Ein Faksimile der Urkunde mit anhängendem goldenem Siegel auf dunklem Archivtisch unter Punktlicht.
02Institut für Stadtgeschichte, Karmeliterkloster, 14:00 Uhr— Pergament, Schnur, Goldsiegel: Das Dokument, das Frankfurt zur Wahlstadt des Reichs machte.Foto: Zeit Frankfurt

Frankfurt wurde per Gesetz zur Wahlstadt

Für Frankfurt entscheidend war ein anderes Kapitel: Die Wahl hat in Frankfurt stattzufinden, die Krönung in Aachen, der erste Hoftag in Nürnberg — so verteilte die Bulle die Würden des Reichs. Neu war Frankfurts Rolle nicht: Schon 1152 war hier Friedrich Barbarossa gewählt worden, die zentrale Lage und die Neutralität der Reichsstadt hatten den Ort längst zur Gewohnheit gemacht. Aber aus Gewohnheit wurde nun Verfassungsrang — und mit ihm ein Pflichtenheft für die Stadt. Sie hatte den anreisenden Kurfürsten sicheres Geleit zu garantieren, ihr Gefolge zu beherbergen — die Bulle deckelte es auf je 200 Reiter — und während der Wahl keine Fremden in ihren Mauern zu dulden. Frankfurt wurde, modern gesprochen, zertifizierter Austragungsort des wichtigsten politischen Ereignisses im Reich.

Wie eine Wahl ablief, lässt sich am Originalschauplatz nachvollziehen: Die Kurfürsten oder ihre Gesandten zogen feierlich ein, hörten die Heiliggeistmesse und zogen sich dann in die Wahlkapelle des Doms zurück — jenen kleinen Raum südlich des Chors, den man heute noch durchs Gitter betrachten kann. Dort wurde beraten, beschworen und abgestimmt, danach dem wartenden Volk der Name verkündet. Seit 1562 folgte auf die Wahl auch gleich die Krönung im selben Haus, und der frisch Gekrönte zog über den Krönungsweg zum Bankett in den Römer — womit Frankfurt beide Würden vereinte und Aachen das Nachsehen hatte. Wie die Stiftskirche St. Bartholomäus über diese Karriere zum „Kaiserdom" wurde, ist eine eigene Geschichte.

Nicht Waffen machten Frankfurt groß, sondern ein Pergament mit einem goldenen Siegel daran.

Für die Stadt war die Bulle Standortpolitik

Man darf den Nutzen ganz unpathetisch ökonomisch sehen. Ein Wahlkonvent brachte die teuersten Gäste Europas in die Stadt: Kurfürsten mit Hofstaat, Gesandte, Schreiber, Wachen, dazu Schaulustige aus dem halben Reich — sie alle wollten wohnen, essen, trinken und repräsentieren, wochenlang. Wirte, Metzger, Schneider und Geldwechsler verdienten an jeder Thronbesetzung mit; die Höfe der Altstadt, in denen die Delegationen logierten, waren das Konferenzhotelgewerbe ihrer Zeit. Wichtiger noch war die politische Rendite: Eine Stadt, die das Reich für seine Königswahl brauchte, konnte niemand beiläufig mediatisieren oder verpfänden. Die Bulle stabilisierte Frankfurts Unabhängigkeit als Reichsstadt — und flankierte damit jene Messen, denen die Stadt ihren Wohlstand verdankte. Verfassungsrecht als Standortsicherung: So betrieb man Wirtschaftsförderung im 14. Jahrhundert.

Zur ehrlichen Bilanz gehören freilich auch die Schattenseiten des Gesetzeswerks. Die Bulle zementierte die Macht der Fürsten gegenüber den Städten: Städtebünde wurden verboten, aufstrebende Kommunen in ihre Schranken verwiesen — das Reich organisierte sich von oben, nicht von unten. Und sie schrieb eine Ordnung fest, die Reformen über Jahrhunderte erschwerte; was 1356 Frieden stiftete, wurde später zur Fessel. Frankfurt profitierte von einem Gesetz, das anderen Städten die Flügel stutzte — auch das ist Standortgeschichte.

Vom Dokument selbst existieren sieben Originalausfertigungen — die der beteiligten Kurfürsten und die böhmische Prunkausfertigung —, seit 2013 gehören sie gemeinsam zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Dass auch Frankfurt eines besitzt, ist bezeichnend: Die Stadt ließ sich 1366 eine eigene beglaubigte Ausfertigung ausstellen — wer zum gesetzlichen Wahlort erklärt wird, will das schwarz auf Pergament im eigenen Archiv liegen haben. Genau dort liegt es bis heute: im Institut für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster, dem ältesten Stadtarchiv-Bestand Deutschlands, wo das kostbare Stück aus konservatorischen Gründen nur zu besonderen Anlässen im Original gezeigt wird; ein Faksimile ist zugänglich. Die prächtigste Ausfertigung übrigens — die reich illuminierte Handschrift, die König Wenzel um 1400 anfertigen ließ — liegt heute in Wien; Frankfurts Exemplar ist nüchterner, hat dafür aber die stolzeste Provenienz: Es gehört der Stadt seit über 650 Jahren.

Nahaufnahme des goldenen Siegels mit geprägtem Herrscherbild im Streiflicht.
03Institut für Stadtgeschichte, 14:25 Uhr— Die namensgebende Bulle: vorn der thronende Kaiser, hinten Rom — das Siegel war Programm.Foto: Zeit Frankfurt

Was von 1356 übrig ist

Formal endete die Geltung der Goldenen Bulle 1806, als das Alte Reich unter Napoleons Druck erlosch. Ihre Spuren aber sind in Frankfurt allgegenwärtig: der Kaisersaal mit seinen Herrscherporträts, die Wahlkapelle, der Ehrentitel des Doms, nicht zuletzt das Selbstbewusstsein einer Stadt, die nie Residenz war und trotzdem Reichspolitik beherbergte. Und eine Pointe reicht über das Mittelalter hinaus: Die Bulle etablierte den Gedanken, dass Macht nach Regeln vergeben wird — durch Wahl, mit Mehrheit, in geordnetem Verfahren. Von dort führt kein gerader, aber doch ein erkennbarer Weg zu der Stadt, die 1848 das erste deutsche Parlament beherbergte. Frankfurt und die geregelte Machtvergabe: Das ist eine sehr alte Beziehung.

Der Kreuzgang des Karmeliterklosters mit warmem Nachmittagslicht auf den Sandsteinbögen.
04Karmeliterkloster, Kreuzgang, 16:30 Uhr— Hier liegt Frankfurts Gedächtnis: Im Karmeliterkloster verwahrt die Stadt ihr Exemplar von 1366.Foto: Zeit Frankfurt

Wer dem Dokument nahekommen will, geht am besten an einem ruhigen Nachmittag ins Karmeliterkloster, wo das Licht warm auf die Sandsteinbögen des Kreuzgangs fällt. Es ist der passende Ort für die Erkenntnis, die diese Urkunde bereithält: Frankfurts Aufstieg verdankt sich keiner Schlacht und keinem Fürsten, sondern Paragrafen — geschrieben 1356, gültig 450 Jahre, nachwirkend bis heute. Städte werden groß durch das, was man ihnen anvertraut. Frankfurt bekam die Königswahl. Es hat sich als Investition erwiesen.

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