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Rödelheim-Guide: Nidda, Brentanopark und der älteste Ginkgo
Rödelheim kennen die meisten Frankfurter nur vom Durchfahren. Wer aussteigt, findet zwei Parks, ein Fachwerkhaus im Schweizerhausstil, Deutschlands ältesten Ginkgo, das größte Freibad der Stadt — und die Spuren einer Druckerei, die um 1800 hebräische Bücher in die ganze Welt schickte.
Man kommt in Rödelheim meistens versehentlich an. Die S-Bahn hält hier, weil drei Linien und eine Regionalbahn diesen Knoten brauchen; die U7 fährt vorbei; wer nach Eschborn, Kronberg oder Bad Homburg will, sieht Rödelheim durchs Fenster und denkt an etwas anderes. Steigt man dagegen aus und geht fünf Minuten nach Süden, steht man an der Nidda, auf einer Brücke, mit einem alten Ortskern auf der einen und einer Parkinsel auf der anderen Seite. Frankfurt sieht von hier aus nicht wie Frankfurt aus, und das ist der ganze Punkt.
Die Zahlen sind schnell erzählt: 19.899 Menschen leben nach dem Stand vom 31. Dezember 2024 auf 4,66 Quadratkilometern, das ist Frankfurts 20. Stadtteil, gelegen im Westen, Teil des Ortsbezirks 7. Erstmals erwähnt wird der Ort 788 als Radilenheim im Lorscher Codex — sechs Jahre, bevor Frankfurt selbst zum ersten Mal urkundlich auftaucht. 1885 wurde Rödelheim zur Stadt erhoben, am 1. April 1910 kam es zu Frankfurt. Ein Vierteljahrtausend Selbstbewusstsein, dann fünfundzwanzig Jahre Stadtrecht, dann Eingemeindung: Wer sich fragt, warum die Rödelheimer bis heute „nach Frankfurt fahren" sagen, findet hier die Antwort.
Der Solmspark: ein Schloss, das nur noch aus Linien besteht
Der schönste Einstieg ist die Insel. Der Solmspark, rund fünf Hektar groß, liegt zwischen der Nidda und ihrem Seitenarm, dem Mühlgraben. Die Geschichte des Ortes reicht ins 12. Jahrhundert zurück; bis 1463 stand hier eine Wasserburg, dann übernahmen die Grafen von Solms. 1864 wurde die Burg durch ein klassizistisches Schloss ersetzt. Der Garten war zuvor barocker Lustgarten gewesen, seit 1800 mit Obstbäumen bestanden und wurde bis 1879 in einen Landschaftspark umgestaltet.
1935 kaufte die Stadt Frankfurt den Park und legte den Schwerpunkt auf Natur- und Vogelschutz; die Frankfurter Vogelwarte zog ins Schloss. Drei Jahre später begann der Krieg, 1943 zerstörten Bomben das Gebäude, 1953 wurden die Reste abgeräumt, und der Park wurde um seinen alten Baumbestand herum neu geordnet. Seit 1986 steht er unter Denkmalschutz. Was heute an das Schloss erinnert, ist die klügste Lösung, die man für ein verschwundenes Gebäude finden kann: Sein Grundriss ist im Boden nachgezeichnet, ergänzt um Bänke, ein Bronzemodell und eine Tafel. Man läuft durch Räume, die es nicht mehr gibt, und begreift ihre Größe genauer, als es ein Wiederaufbau je könnte.
Der Brentanopark, das Petrihaus und ein Baum von 1750
Direkt daneben liegt der zweite Park, und er hat eine andere Herkunft. Angelegt wurde der Garten um 1770 vom preußischen Beamten Basse an der Nidda. 1808 kaufte der Kaufmann Georg Brentano das Anwesen und erweiterte es bis 1823 auf rund vierzehn Hektar. Was folgte, gehört zur Literaturgeschichte: Zu Gast waren unter anderem Johann Wolfgang von Goethe und die Brüder Grimm. 1926 kaufte die Stadt den Park und machte ihn öffentlich, mit Wegen und einem Schülerarbeitsgarten. Heute sind es rund vier Hektar. Erhalten sind ein ehemaliges Küchenhaus und ein kleiner Gartenpavillon; Pavillon und Rosengarten von 1931 entwarf Eugen Kaufmann im Rahmen des Neuen Frankfurt. Es gibt ein Denkmal für die Kriegsopfer und ein Mahnmal für die zerstörte Rödelheimer Synagoge.
Das eigentliche Kleinod steht am Wasser: das Petrihaus, um 1720 als Fachwerkhaus am Niddaufer errichtet. 1819 kaufte Georg Brentano es dem Bäcker Johannes Petri ab und ließ es im Schweizerhausstil umbauen — mit weit vorkragendem Dach und geschnitzten Details, ein frühes Beispiel dieser Mode in Deutschland. Bettina von Arnim traf sich hier mit Schriftstellerkollegen und Freunden. Das Haus ist Kulturdenkmal nach hessischem Denkmalschutzgesetz, seine Instandsetzung wurde 2003 abgeschlossen, und schon 2002 erhielt das Vorhaben den Hessischen Denkmalschutzpreis. Im Obergeschoss ist ein Brentano-Museum untergebracht, das Erdgeschoss dient öffentlichen und privaten Veranstaltungen.

Neben dem Haus steht der Baum, wegen dem manche Besucher überhaupt erst kommen: ein Ginkgo, um 1750 gepflanzt, geschützt als Naturdenkmal und nach gängiger Zählung das älteste Exemplar seiner Art in Deutschland. Im Brentanopark wird er gern „Goethe-Ginkgo" genannt, weil der Dichter die Art bekanntlich schätzte — belegt ist diese Zuschreibung nicht, und man sollte sie als das nehmen, was sie ist: eine schöne Rödelheimer Erzählung. Der Baum selbst braucht sie nicht.
Rödelheim hat kein Wahrzeichen. Es hat einen Fluss, zwei Parks und ein sehr langes Gedächtnis.
Elftausend Quadratmeter Wasser
Wer im August nach Rödelheim fährt, fährt meistens wegen des Brentanobads. Es liegt auf Parkland, das einmal zum Brentanopark gehörte, und ist das größte Freibad Frankfurts: 11.000 Quadratmeter Wasserfläche, das Becken 220 Meter lang und an der breitesten Stelle 50 Meter — nach gängiger Zählung das größte Beckenbad Deutschlands. Dazu kommen Flachwasserbereiche für Kinder, Beachvolleyballfelder, eine 2022 ergänzte Rutsche und im Sommer ein Freiluftkino.
Seine Entstehung erzählt die Geschichte des Flusses mit. 1928 wurde in einem Altarm der Nidda eine Flussbadeanstalt eingerichtet, im Zuge der Flussregulierung zwischen 1927 und 1930; offiziell eröffnet wurde das Bad 1930. Als die Wasserqualität nicht mehr genügte, trennte man das Becken bei einem Umbau in den sechziger Jahren vom Fluss ab; die Wiedereröffnung war am 14. Mai 1966. Im Winter 2005/06 wurde noch einmal grundlegend saniert, mit Kunststoffauskleidung und modernisierter Wassertechnik, fertig pünktlich zum Wäldchestag am 29. Mai 2006. Anfahrt: U7 bis Fischstein oder Hausener Weg, Buslinie 34. Wie sehr sich die Nidda seither wieder verändert hat, haben wir an anderer Stelle beschrieben — das Bad ist gewissermaßen der abgetrennte Teil dieser Geschichte.
Hebräischer Buchdruck, zwei Straßennamen, ein Grundriss
Rödelheim hat eine Vergangenheit, die man dem Ort nicht ansieht und die zu den bemerkenswertesten der Frankfurter Stadtteile gehört. Von 1290 datiert die erste Erwähnung eines Juden im Ort; regelmäßige Ansiedlung gab es ab dem frühen 18. Jahrhundert, der älteste erhaltene Schutzbrief stammt von 1728. Zwischen 1810 und 1850 stellte die jüdische Gemeinde mehr als ein Viertel der Ortsbevölkerung, um 1845 zählte sie mit 421 Mitgliedern ihren Höchststand. Eine Synagoge gab es seit 1730 im Bereich der Schulstraße; 1838 wurde ein größerer Neubau eingeweiht, dessen Toraschrein ein reich goldbestickter roter Damastvorhang schmückte.
Berühmt wurde Rödelheim durch das Druckhandwerk. 1798 gründeten der Gelehrte Wolf Heidenheim (1757–1832) und Baruch Baschwitz (1765–1836) mit besonderer Erlaubnis des Grafen Volrath zu Solms-Rödelheim die „Privilegierte Orientalische und Occidentalische Buchdruckerei". Zwischen 1800 und 1802 erschien dort Heidenheims Machsor, eine neunbändige Ausgabe der jüdischen Festtagsgebete in Hebräisch und Deutsch mit Kommentar. Der Rödelheimer Machsor wurde weit über die Region hinaus verbreitet. Finanziell trug sich das Unternehmen nicht: 1806 trennten sich die Partner, Baschwitz überschrieb seinen Anteil an Heidenheim und wandte sich Finanzgeschäften zu, unter anderem für das Haus Rothschild. 1833 und 1836 saß er im Gemeindevorstand. Beide sind heute im Straßenbild präsent — der Vorplatz am Bahnhof heißt Baruch-Baschwitz-Platz.
Der Bruch kam wie überall. 1933 lebten noch rund hundert Juden in Rödelheim. Die Synagoge überstand die Pogromnacht 1938 vergleichsweise unbeschädigt, weil in unmittelbarer Nähe ein Benzintank stand; 1939 verlangten die Behörden Abriss oder Umbau, im Frühjahr 1944 zerstörten Bomben den Bau vollständig. Erinnert wird seit 1979 mit einem Gedenkstein, seit 2006 mit Stolpersteinen und seit 2015 mit einem im Boden markierten Umriss der ehemaligen Synagoge. Es ist, zufällig und passend, dieselbe Form des Erinnerns wie im Solmspark: ein Grundriss ohne Gebäude.

Rechenzentren, Apfelwein und ein Album von 1994
Rödelheim arbeitet auch. Zu den größeren Arbeitgebern gehören Rechenzentrumsbetreiber wie NTT Data und Global Switch — Frankfurt ist einer der wichtigsten Rechenzentrumsstandorte Europas, und ein Teil davon steht eben hier im Westen und nicht in der Skyline. Dazu kommt der Automobilzulieferer AUMOVIO. Und dann ist da die Kelterei Possmann, 1881 von Philipp Possmann gegründet und bis heute in Familienbesitz, mit rund 62 Beschäftigten.
Possmann ist eine der kuriosesten Industriegeschichten der Stadt: Nach den Kriegszerstörungen baute der Betrieb seine Saftlagerung mit Tanks aus U-Booten des Typs XXI wieder auf, die zehn Bar aushalten und deshalb steriles Lagern erlauben. Auf den Flaschen steht seit Langem die Figur der Frau Rauscher, seit 1973 hat das Haus 102 DLG-Goldmedaillen gesammelt, und es verarbeitet Speierling aus eigenen Streuobstwiesen. Wie es dort im Herbst zugeht, haben wir während der Keltersaison aufgeschrieben.
Bleibt der Popkultur-Teil, den in Frankfurt jeder über vierzig sofort mitsingen kann. 1993 gründeten Moses Pelham und Thomas Hofmann das Rödelheim Hartreim Projekt, benannt nach genau diesem Stadtteil. Das Debütalbum „Direkt aus Rödelheim" erschien 1994 und verkaufte sich über 160.000-mal; Gastauftritte hatten damals noch weitgehend unbekannte Künstler wie Sabrina Setlur und Xavier Naidoo. Das zweite Album „Zurück nach Rödelheim" stieg 1996 auf Platz drei der deutschen Charts ein und verkaufte sich im selben Jahr über 180.000-mal. Danach war Schluss: zwei Studioalben, ein Livealbum, ein drittes Album mit dem geplanten Titel „Odyssee in Rödelheim", das nie fertig wurde. Gold gab es für das Debüt 2004 — und für „Zurück nach Rödelheim" erst 2025, fast drei Jahrzehnte nach Erscheinen.
Ankommen und wieder weg
Verkehrlich ist Rödelheim besser angebunden als die meisten Frankfurter Stadtteile, und das seit sehr langer Zeit. Der Bahnhof wurde 1860 als Station der Homburger Bahn eröffnet; 1874 kam die Cronberger Bahn dazu, und die Anlage wurde an ihren heutigen Standort verlegt. Heute halten die S-Bahn-Linien S3, S4 und S5 sowie die Regionalbahn RB 15. Gleis 1 ist das Streckengleis der Homburger, Kronberger und Bäderbahn, der Mittelbahnsteig an den Gleisen 2 und 3 ist über eine Unterführung erreichbar und 210 Meter lang, also auf volle S-Bahn-Länge ausgelegt. 2011 wurde der Bahnhof barrierefrei umgebaut, mit Bahnsteigen auf S-Bahn-Höhe von 96 Zentimetern, Aufzügen und Rampen. Am Baruch-Baschwitz-Platz halten die Buslinien 56, M55, M60, M34 und M72, dazu kommt die U7.
Ein guter Rödelheimer Tag beginnt deshalb am Bahnhof und endet dort auch. Dazwischen liegen: der Ortskern, zwei Parks mit unterschiedlichem Temperament, ein Fachwerkhaus mit Museum, ein Baum, der älter ist als die Vereinigten Staaten, ein Freibad von der Größe eines Sees und, wenn man die Augen offen hält, drei Formen von Erinnerung an Gebäude, die es nicht mehr gibt. Dass all das in einem Stadtteil liegt, den viele nur vom Durchfahren kennen, sagt weniger über Rödelheim als über die Fahrgäste.

Am späten Nachmittag, wenn im Brentanobad die Liegewiese Schatten bekommt und auf dem Niddaweg die Radfahrer Richtung Höchst rollen, wird deutlich, warum dieser Stadtteil so hartnäckig eigenständig wirkt. Die Nidda ist keine Kulisse, sie ist eine Grenze: Sie hat den Ort geformt, seine Mühlen angetrieben, sein Bad gefüllt und seine Insel gemacht. Frankfurt hat Rödelheim 1910 eingemeindet, aber den Fluss hat es dabei nicht mitbekommen. Der gehört hier immer noch dem Stadtteil.
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