Stadtteile · Guide

Bergen-Enkheim-Guide: Markt, Ried und der höchste Punkt

Frankfurt hat sich Bergen-Enkheim erst 1977 einverleibt — aufgelöst hat sich der Stadtteil darin bis heute nicht. Ein Guide zwischen Berger Warte, Schelmenburg, Enkheimer Ried und dem Berger Markt, bei dem Ende August zum 53. Mal der Stadtschreiber von Bergen gekürt wird.

Von Georg Böhm 9 Min. Lesezeit
Fachwerkhäuser an einer ansteigenden Kopfsteinpflasterstraße im historischen Ortskern von Frankfurt-Bergen.
01Marktstraße, Frankfurt-Bergen, 10:15 Uhr— Fachwerk, Kopfsteinpflaster, ein Anstieg: In Bergen sieht Frankfurt aus wie eine Kleinstadt in der Wetterau — und ist doch nur zwanzig Minuten von der Konstablerwache entfernt.Foto: Zeit Frankfurt

Die Marktstraße in Bergen steigt an, und das ist schon der halbe Stadtteil. Wer aus der U-Bahn an der Endstation Enkheim kommt, steht zunächst in einer flachen, verkehrsreichen Gegend zwischen Wohnblöcken und einem Einkaufszentrum. Zwanzig Minuten und siebzig Höhenmeter später steht man zwischen Fachwerkhäusern, vor einer Kapelle, an einem alten Rathaus — und schaut über Obstwiesen nach Süden, wo die Frankfurter Skyline als graue Zacke im Dunst liegt. Bergen-Enkheim ist nicht ein Stadtteil mit zwei Namen. Es sind zwei Orte, die die Verwaltung 1977 in dieselbe Zeile geschrieben hat.

Frankfurt hat sich diesen Zuwachs spät geholt. Am 1. Januar 1977 wurde die bis dahin selbständige Stadt Bergen-Enkheim im Zuge der hessischen Gebietsreform eingemeindet, als 46. Stadtteil. Heute leben hier nach der amtlichen Zählung zum 31. Dezember 2024 genau 18.281 Menschen auf 12,601 Quadratkilometern — das ist flächenmäßig üppig und in der Dichte mit rund 1.450 Einwohnern je Quadratkilometer nach Frankfurter Maßstäben geradezu ländlich. Zum Vergleich: Im Nordend drängen sich auf einem Quadratkilometer ein Vielfaches davon. Wer hier wohnt, hat statistisch mehr Platz und weniger Nachbarn als fast überall sonst in dieser Stadt.

Der Grund dafür ist Geologie. Bergen-Enkheim liegt genau dort, wo das Maintal aufhört und die Wetterau anfängt. Der Berger Rücken schiebt sich als letzter Ausläufer nach Westen, seine Südhänge sind so gut belichtet, dass hier seit Jahrhunderten Obst wächst — der Berger Hang ist bis heute eine der großen zusammenhängenden Streuobstflächen im Stadtgebiet, vergleichbar mit den Wiesen am Lohrberg. Enkheim liegt unten in der Ebene, Bergen oben auf dem Hang. Wer beide an einem Tag ablaufen will, sollte gute Schuhe und Zeit für den Anstieg einplanen.

Die höchste Stelle Frankfurts liegt hier oben — knapp daneben

Ganz oben, auf 212,4 Metern über dem Meer, steht die Berger Warte. Es ist der höchste Punkt des Frankfurter Stadtgebiets, und er sieht nicht danach aus: ein rundes, etwa zwölf Meter hohes Türmchen aus rotem Mainsandstein, das man aus dem Auto heraus für eine Kapelle halten könnte. Zur Ehrlichkeit gehört, dass die Warte verwaltungstechnisch bereits auf Seckbacher Gemarkung steht, direkt an der Grenze zu Bergen-Enkheim. Die Bergen-Enkheimer betrachten sie trotzdem als ihre, und wer den Weg von Seckbach über den Lohrberg gelaufen ist, wird ihnen das nicht bestreiten wollen.

Der Turm war nie eine Festung. Er war ein Beobachtungsposten und eine Geleitwechselstelle: Auf der alten Handelsstraße von Frankfurt nach Bischofsheim begann beziehungsweise endete an dieser Stelle der Geleitschutz für Kaufleute. In seiner heutigen Form wurde er 1557 wieder aufgebaut, nachdem der Fürstenaufstand ihn zerstört hatte; er steht unter hessischem Denkmalschutz. Erreichbar ist er zu Fuß von Seckbach über den Lohrberg, mit der Buslinie 551 oder mit dem Auto — ein Parkplatz liegt direkt daneben.

Zweihundert Jahre nach dem Wiederaufbau wurde von diesem Punkt aus ein Gefecht befehligt, das in Frankfurt bis heute kaum jemand kennt, obwohl es eines der größten der Region war. Am 13. April 1759, im Siebenjährigen Krieg, standen sich bei Bergen rund 24.000 alliierte Soldaten unter Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel und etwa 30.000 französische unter Victor-François de Broglie gegenüber. Broglie kommandierte von der Warte aus. Die Alliierten griffen sofort an, wurden dreimal zurückgeschlagen, und Ferdinand zog ab, weil er seine Armee nicht riskieren wollte. 2.373 Gefallene und Verwundete auf alliierter Seite, knapp 4.000 auf französischer — für einen Frühlingsnachmittag am Rand von Frankfurt ist das eine erschütternde Bilanz.

Barockes Wasserschloss mit Schieferdach und Gauben hinter alten Bäumen, davor eine Rasenfläche.
02Schelmenburg, Bergen, 11:40 Uhr— Rund 16 mal 18 Meter, drei Geschosse, ein Renaissanceportal: Vom Sitz der Schelme von Bergen ist nur der Barockbau um 1700 geblieben.Foto: Zeit Frankfurt

Ein Wasserschloss, ein Raubritterclan und siebzehn Vereine

Wer vom Höhenzug hinunter in den Ortskern von Bergen geht, kommt an der Schelmenburg vorbei, dem architektonisch interessantesten Gebäude des Stadtteils. Der Name ist Programm: Die Familie Schelm von Bergen taucht 1194 erstmals in den Quellen auf und saß über Jahrhunderte auf dieser Anlage, die archäologischen Befunden zufolge als Turmhügelburg im 12. oder 13. Jahrhundert begann. 1354 wurden die Schelme Lehnsleute der Grafen von Hanau und bauten die Burg zu einem festen Haus aus. Später legte sich die Familie mit der falschen Stadt an: Sie überfiel Kaufleute auf den Handelswegen, woraufhin Frankfurt die Burg 1381/82 militärisch besetzte.

Zwischen 1500 und 1520 ließ Adam Schelm einen äußeren, wassergefüllten Graben anlegen; von der mittelalterlichen Anlage ist heute trotzdem nichts mehr zu sehen. Erhalten ist allein das barocke Wasserschloss, das Friedrich Adolph Schelm um 1700 errichten ließ: ein Baukörper von rund 16 mal 18 Metern, drei Geschosse, Schieferdach, Gauben, ein Renaissanceportal mit Wappen. Ursprünglich führte eine Zugbrücke über die von Quellen gespeisten Gräben. Seit 1942 gehört das Gebäude der Kommune; heute nutzen es eine Jugendmusikschule und siebzehn Vereine — 2002 wurde es offiziell zum „Haus der Vereine" erklärt. Das ist ein unspektakuläres Schicksal für ein Adelshaus und vermutlich das beste, das ihm passieren konnte.

Der Berger Markt: vier Tage Jahrmarkt, ein Literaturpreis, ein Viehmarkt

Ende August wird es im Stadtteil laut. Der Berger Markt läuft traditionell vom Samstag vor dem ersten Dienstag im September bis zu diesem Dienstag — in diesem Jahr also von Samstag, dem 29. August, bis Dienstag, dem 1. September. Bergen besaß historisch nie das Marktrecht; belegt sind für 1728 drei Märkte, von denen der September-Termin der Hauptsommermarkt war. Wahrscheinlich entstand er in den Jahrzehnten nach dem Westfälischen Frieden von 1648. Ausgerichtet wird er heute von der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim in Zusammenarbeit mit der städtischen Wirtschaftsförderung.

Der Ablauf ist über Jahrzehnte gewachsen und wird streng eingehalten: Am Freitagabend wird der Titel „Stadtschreiber von Bergen" übergeben, am Samstagabend die Apfelweinkönigin von Bergen-Enkheim gekrönt, am Dienstagmorgen findet auf einer Wiese nördlich des Festplatzes noch immer ein Viehmarkt statt, und am Dienstagabend gibt es Feuerwerk. Für die Sachsenhäuser war der Berger Markt einmal ein Pflichttermin, und aus dem Umland kamen Menschen, die Vieh und Waren tauschten. Beides ist heute Folklore — aber es ist eine, die nicht rekonstruiert wurde, sondern nie abgerissen ist.

Judith Kuckart schaut Menschen zweimal an.

Aus der Begründung der Jury zur Wahl der 53. Stadtschreiberin von Bergen

Der literarische Teil ist der bemerkenswerteste. Den Stadtschreiber von Bergen gibt es seit 1974; erster Preisträger war Wolfgang Koeppen. Er zählt zu den angesehensten Stadtschreiberpreisen im deutschsprachigen Raum, und das liegt auch an seiner Konstruktion: 20.000 Euro Preisgeld, ein Jahr freies Wohnen im Stadtschreiberhaus An der Oberpforte 4 — und keinerlei Verpflichtungen. Kein Werkauftrag, keine Lesereihe, kein Nachweis. Über die Vergabe entscheidet eine neunköpfige Jury, in der neben Literaturfachleuten auch Bürgerjuroren sitzen; zur aktuellen Jury gehören unter anderem Adrienne Schneider, Renate Müller-Friese, Charlotte Brombach, Anna Döpfner und Ortsvorsteher Wilfried Bender.

Für 2026/27 fällt der Titel an Judith Kuckart, die 53. Stadtschreiberin. Die 1959 in Schwelm geborene Autorin ist Romanschriftstellerin, Tänzerin, Choreografin und Regisseurin; 1984 gründete sie das Tanztheater Skoronel, elf Romane hat sie veröffentlicht, darunter „Wahl der Waffen" (1990) und „Die Welt zwischen den Nachrichten" (2024). Die Jury begründete ihre Wahl unter anderem mit dem Satz, Judith Kuckart schaue Menschen zweimal an. Sie folgt auf José F. A. Oliver, den 52. Stadtschreiber. Die Schlüsselübergabe ist für Freitag, den 28. August 2026, 19.30 Uhr im Zelt auf dem Berger Marktplatz angesetzt und eröffnet damit den Markt.

Schilfgürtel und stilles Wasser eines Teichs im Gegenlicht, dahinter dichte Erlen, Hochformat.
03Enkheimer Ried, 18:20 Uhr— Ein verlandeter Altarm des Mains, seit 1937 unter Schutz: 28 Hektar, in denen rund 140 Vogelarten nachgewiesen sind.Foto: Zeit Frankfurt

Drei Naturschutzgebiete, eine Sumpfschildkröte

Bergen-Enkheim hat, was in Frankfurt selten ist: richtige Natur, und zwar amtlich. Drei der sieben Frankfurter Naturschutzgebiete liegen im Stadtteil. Das bekannteste ist das Enkheimer Ried am östlichen Rand, 28,23 Hektar groß. Sein Kern, der Riedteich mit 4,5 Hektar Wasserfläche, ist ein teilweise verlandeter Altarm des Mains; die heutige Teichlandschaft entstand allerdings durch Menschenhand, nämlich durch Torfstich zwischen 1829 und 1864.

Unter Schutz steht das Gebiet seit 1937, damals als „NSG Enkheimer Riedteiche"; 1973 wurde der Schutz ausgeweitet, seine heutige Größe erreichte das Reservat 1995. Seit 1991 gehört es zum GrünGürtel. Nachgewiesen sind hier rund 140 Vogelarten, dazu seltene Orchideen und die Europäische Sumpfschildkröte, deren Bestand Ende der 1990er Jahre auf weniger als zehn Tiere geschrumpft war. Wer hin will: Der GrünGürtel-Radrundweg führt am Westufer vorbei, das Ufer selbst ist zum Schutz der Brutvögel gesperrt. Ein Fernglas ist hier deutlich nützlicher als ein Badetuch.

Für Letzteres ist das Riedbad zuständig, gleich nebenan am Fritz-Schubert-Ring 2. Es ist ein Kombibad mit Fünfzig-Meter-Sportbecken auf acht Bahnen, einem beheizten Erlebnisbecken von 414 Quadratmetern, Nichtschwimmerbereich, Sprungturm mit Ein-, Drei- und Fünf-Meter-Anlage, Kinderplanschbereich, Beachvolleyballfeld, Tischtennisplatten und einer frei zugänglichen Kneippanlage. Erwachsene zahlen fünf Euro, ab 18 Uhr 3,50 Euro; Kinder unter 15 Jahren kommen kostenlos hinein. Im Winter verschwindet das Sportbecken unter einer Traglufthalle. Anfahrt: Buslinie 42 bis Riedbad oder U4/U7 bis Enkheim.

Riedbogen: 220 Wohnungen am Rand eines Naturschutzgebiets

Genau zwischen diesen beiden Polen — Ried und Wohnbedarf — verläuft die interessanteste Debatte des Stadtteils. Im Baugebiet Leuchte, südwestlich des Enkheimer Rieds und begrenzt von Rangenbergstraße, Barbarossastraße und der Straße Leuchte, entsteht das Neubauquartier Riedbogen. Bauherrin ist die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte Wohnstadt, die dort insgesamt 220 Wohneinheiten errichtet: 102 Mietwohnungen und 118 Eigentumswohnungen, verteilt auf Gebäude mit drei Vollgeschossen und Staffelgeschoss. Das Richtfest fand am 1. September 2025 statt, die Fertigstellung ist für 2026 vorgesehen.

Die Zahlen dahinter sind für Frankfurter Verhältnisse ungewöhnlich transparent. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 100 Millionen Euro. 68 Prozent der Mietwohnungen sind öffentlich gefördert; das Land Hessen steuert nach eigenen Angaben rund neun Millionen Euro bei, die Stadt Frankfurt 5,5 Millionen über zinslose Darlehen und Zuschüsse. Die Wohnungen umfassen 1,5 bis 6 Zimmer und 41 bis 186 Quadratmeter, dazu kommen zwei Gewerbeeinheiten mit zusammen 122 Quadratmetern, sechs Tiefgaragen mit 177 Stellplätzen und sieben oberirdische Plätze, davon drei fürs Carsharing. Die Mieten sind gestaffelt: fünf Euro je Quadratmeter im untersten Förderweg, 8,50 bis 10,50 Euro im mittleren, ab 16,40 Euro frei finanziert. Die NHW-Geschäftsführerin Monika Fontaine-Kretschmer erklärte zum Richtfest, das Projekt entlaste den Frankfurter Wohnungsmarkt und schaffe ein Quartier in ruhiger, ländlicher Lage.

Wer die Streuobstwiesen am Berger Hang und die Ruhe im Ried kennt, versteht sofort, warum genau dieser Satz im Stadtteil unterschiedlich gelesen wird. Bergen-Enkheim ist der Frankfurter Stadtteil mit der geringsten baulichen Dichte und zugleich einer der wenigen, in denen überhaupt noch nennenswerte Flächen liegen. Dass die Stadt dort baut, ist ökonomisch folgerichtig — und dass die Anwohner dabei genau hinsehen, ebenso.

Und dann ist da noch das Einkaufszentrum

Ein letztes Kapitel gehört zur Ehrlichkeit dieses Guides: das Hessen-Center. Es eröffnete am 1. April 1971, hat 38.000 Quadratmeter Verkaufsfläche, 115 Geschäfte, rund 15.000 Besucher am Tag, 1.600 Pkw- und 100 Fahrradstellplätze und wird von ECE betrieben. Gebaut wurde es strategisch klug: damals noch auf dem Gebiet der selbständigen Stadt Bergen-Enkheim, auf kommunalem Grund, dessen Verkaufserlös anschließend Rathaus und Schwimmbad finanzierte. Der Bau vor der Haustür Frankfurts wirkte weit über den Stadtteil hinaus und ist bis heute im Einzelhandel der Nachbarstädte messbar, etwa in der Hanauer Innenstadt.

Verkehrlich ist der Stadtteil seit 1992 gut erschlossen: U4 und U7 enden gemeinsam in Enkheim, Busse fahren von dort nach Bad Vilbel, Maintal, Offenbach und Hanau. Wer aus der Innenstadt kommt, braucht mit der U7 vom Zoo aus keine halbe Stunde. Genau das ist der Reiz dieses Ausflugs: Man fährt eine U-Bahn-Linie bis zum Ende und steht in einem Ort, der sich nie ganz entschieden hat, ob er zu Frankfurt gehören will.

Blick von einer bewaldeten Anhöhe über Obstwiesen und Dächer hinweg auf eine ferne Hochhausgruppe im Dunst.
04Berger Rücken oberhalb von Bergen, 20:05 Uhr— Von hier oben, 212 Meter über dem Meer, ist die Skyline eine Silhouette am Horizont — und der Main ein Gerücht.Foto: Zeit Frankfurt

Der beste Zeitpunkt für einen ersten Besuch ist ohnehin der letzte Augustsamstag. Dann steht auf dem Marktplatz ein Zelt, in dem am Abend zuvor eine Schriftstellerin einen Schlüssel bekommen hat, draußen drehen sich die Fahrgeschäfte, und am Dienstagmorgen kommen die Tiere. Danach wird es wieder still, und der Stadtteil gehört den Spaziergängern am Ried, den Läufern auf dem Berger Rücken und den Leuten, die auf der Marktstraße bergauf gehen, weil sie da wohnen. Frankfurt hat sich Bergen-Enkheim spät einverleibt. Aufgelöst hat es sich darin bis heute nicht.

Mehr aus Stadtteile

Alle Artikel →