Essen & Trinken · Guide
Rheingauer Weinmarkt: Riesling-Wochen auf der Freßgass
Seit 1978 verwandelt der Rheingauer Weinmarkt die Freßgass Ende August für rund zehn Tage in eine Open-Air-Vinothek — ausgeschenkt wird ausschließlich Rheingau. Wie man klug verkostet, was zum Riesling gehört und wann der Markt den Genießern statt der Menge gehört: der Guide.
Es gibt einen Moment im Frankfurter Spätsommer, an dem die Stadt ihre Krawatte lockert, und er hat ein festes Datum: Wenn Ende August auf der Freßgass die weißen Stände aufgebaut werden, die Kühlschränke summen und das erste Stimmengewirr zwischen Opernplatz und Börsenstraße hängt, beginnt der Rheingauer Weinmarkt. Zehn Tage lang wird die Flaniermeile zwischen Alter Oper und Börse dann zu dem, was ihr Spitzname immer versprochen hat: ein einziges großes Buffet, nur dass hier vor allem getrunken wird — Riesling, Riesling und, für die Abtrünnigen, ein wenig Spätburgunder. Wer den Markt zum ersten Mal besucht, ist von der schieren Auswahl schnell überfordert. Dieser Text ist die Gebrauchsanweisung.
Zunächst die Grundordnung: Der Weinmarkt ist kein gewöhnliches Stadtfest mit angeschlossenem Ausschank, sondern eine Leistungsschau mit strenger Herkunftsregel. Seit der Premiere 1978 schenken hier ausschließlich Weingüter aus dem Rheingau aus — von den großen Namen zwischen Hochheim und Lorch bis zu kleinen Familienbetrieben, die man sonst nur im Hofausschank trifft. Mehrere hundert Weine und Sekte kommen so zusammen, und hinter den meisten Theken stehen keine gemieteten Aushilfen, sondern die Winzerinnen und Winzer selbst. Das ist der eigentliche Luxus dieses Markts: Man kann zu jedem Glas eine Frage stellen und bekommt eine Antwort aus erster Hand.
Verkosten ist ein Handwerk, kein Sprint
Der häufigste Anfängerfehler lässt sich jeden Abend beobachten: zu schnell, zu süß, zu durcheinander. Wer an Stand eins mit einer Auslese beginnt, schmeckt an Stand drei nichts mehr. Die bewährte Dramaturgie geht andersherum — erst Sekt oder ein leichter trockener Riesling zum Ankommen, dann die gehaltvolleren trockenen Gewächse, die feinherben und edelsüßen Weine ganz am Schluss, wenn überhaupt. Dazu drei Handwerksregeln: Teilen Sie sich Gläser, wenn Sie zu zweit unterwegs sind, sonst ist nach einer Stunde Schluss mit der Urteilskraft. Fragen Sie nach kleinen Probiermengen — die meisten Stände schenken auf Wunsch auch ein halbes Glas aus. Und trinken Sie Wasser, konsequent, am besten zu jedem zweiten Glas eines.
Welche Stände lohnen? Die ehrliche Antwort: Es gibt keine schlechten, aber es gibt Strategien. Verlässlich spannend sind die Stände der kleineren Güter, bei denen der Jahrgang noch Handschrift zeigt und das Gespräch gleich mitgeliefert wird. Wer Orientierung sucht, hangelt sich an den Ortsnamen entlang, die der Rheingau wie Kapitelüberschriften sortiert: kräftige, erdige Weine aus Hochheim — wo übrigens auch das Weingut der Stadt Frankfurt sitzt, das Frankfurts eigenen Weinberg am Lohrberg bewirtschaftet —, mineralische Präzision aus Rüdesheim und Lorch, Eleganz aus Eltville, Erbach und Winkel. Ein guter Trick für den ersten Abend: An drei verschiedenen Ständen denselben Weintyp bestellen, etwa einen trockenen Gutsriesling des jüngsten Jahrgangs, und vergleichen. Kein Seminar der Welt lehrt schneller, was Herkunft im Glas bedeutet.

Ohne Essen gewinnt der Wein — und Sie verlieren
Der zweite Anfängerfehler ist das Auslassen der Grundlage. Die Freßgass wäre nicht die Freßgass, wenn sie dagegen nichts anzubieten hätte: Zwischen den Weinständen und in den umliegenden Lokalen findet sich alles vom Flammkuchen über Käse- und Schinkenteller bis zum Winzergulasch, und die klassische Rheingauer Begleitung — Spundekäs mit Brezel — ist die vielleicht beste Investition des Abends: cremig, salzig, gemacht für Riesling. Auch der Handkäs, sonst treuer Begleiter des Apfelweins, verträgt sich mit einem trockenen Riesling erstaunlich gut. Als Faustregel gilt: je säurebetonter der Wein, desto herzhafter darf der Teller sein. Wer es festlicher mag, reserviert nach dem Markt in einem der Restaurants der Umgebung — und behandelt den Weinmarkt als längsten Aperitif der Stadt.
Bleibt die Frage des Timings, und sie entscheidet über den Charakter des Abends. Werktags zwischen Mittag und etwa 18 Uhr gehört der Markt den Genießern: Man bekommt Platz an den Stehtischen, die Winzer haben Zeit, und die Freßgass zeigt sich von ihrer zivilisiertesten Seite. Ab Donnerstagabend und an den Wochenenden kippt die Veranstaltung ins Gesellige — dann schiebt sich die Menge in Zeitlupe zwischen den Ständen hindurch, und aus der Verkostung wird ein Stehempfang mit mehreren zehntausend Gästen. Beides hat seinen Reiz; nur verwechseln sollte man es nicht. Wer wirklich probieren will, kommt früh. Wer den Spätsommer feiern will, kommt spät.
Der Rheingau muss nicht zu Frankfurt kommen, er ist praktisch schon da — der Weinmarkt macht aus der Nachbarschaft einmal im Jahr eine Umarmung.
Frankfurt und der Rheingau sind ein altes Paar
Dass ausgerechnet Frankfurt dem Rheingau jedes Jahr den roten Teppich ausrollt, hat Geschichte. Die Stadt war über Jahrhunderte der wichtigste Handelsplatz für Rheingauer Wein, die Bankiers und Bürger der Stadt kauften sich in die Weinberge ein, und bis heute besitzt Frankfurt mit dem städtischen Weingut in Hochheim ein eigenes Stück der Region. Der Weinmarkt, 1978 als Schaufenster der Rheingauer Winzerschaft gegründet, formalisiert diese Beziehung nur: Einmal im Jahr kommt das Anbaugebiet geschlossen zu Besuch und baut seine Theke direkt vor der Alten Oper auf — jenem Haus, dessen wundersame Rettung ihre eigene Frankfurter Geschichte ist und das als Kulisse für ein Weinfest schwer zu überbieten bleibt.
Bemerkenswert ist, wie sehr der Markt dabei Frankfurter Trinkkultur im Kleinen abbildet. Es gibt kein Festzelt, keine Bühne mit Schlagerprogramm, keinen Eintritt — nur Stände, Stehtische und Gespräche. Man kommt nach der Arbeit im Anzug oder in Jeans, bleibt für zwei Gläser oder vier Stunden, und die Grenze zwischen Weinkennern und Durstigen verläuft quer durch jede Gruppe. Wer die hiesige Etikette des Apfelweins kennt, die wir an anderer Stelle ausbuchstabiert haben, wird die Parallele bemerken: Auch beim Wein gilt in Frankfurt das Prinzip der unaufgeregten Ernsthaftigkeit. Getrunken wird gut, geredet wird viel, angegeben wird wenig.
Der beste Moment gehört dem letzten Glas

Ein paar praktische Wahrheiten zum Schluss. Erstens: Das Preisniveau ist fair, aber kein Discounter — ein Glas kostet je nach Wein meist irgendwo zwischen Apfelweinpreis und Barpreis, Flaschen für zu Hause verkaufen viele Stände günstiger, als es der Handel tut. Zweitens: Das Glas gibt es gegen Pfand, und es ist völlig akzeptiert, mit demselben Glas von Stand zu Stand zu ziehen. Drittens: Bei Regen findet der Markt trotzdem statt, und mancher Stammgast schwört auf genau diese Abende, wenn sich das Publikum unter die Schirme sortiert und die Winzer Zeit für lange Gespräche haben. Viertens, und das ist die wichtigste Regel: Notieren Sie sich, was Ihnen schmeckt. Der Jahrgang, das Gut, die Lage — nichts ist ärgerlicher als die Erinnerung an einen großartigen Riesling ohne Namen.
Wer es ernst meint, plant übrigens zwei Besuche. Der erste Abend dient der Erkundung: treiben lassen, quer probieren, Notizen machen. Der zweite Besuch — idealerweise ein ruhiger Werktagnachmittag — gilt dann gezielt den zwei, drei Ständen, die hängen geblieben sind: dort ausführlich verkosten, Fragen stellen, Flaschen für den Herbst mitnehmen. So wird aus zehn Tagen Weinmarkt ein privater Jahrgangsüberblick, für den man sonst durch den halben Rheingau fahren müsste. Viele Stammgäste halten es seit Jahren so und behandeln den Markt als das, was er der Sache nach ist: die kürzeste Weinreise Deutschlands, U-Bahn-Anschluss inklusive.

Und dann ist da dieser Moment gegen Ende des Abends, wenn die Menge sich lichtet, die Alte Oper angestrahlt über dem Opernplatz steht und an den Ständen die leeren Holzkisten gestapelt werden. Dann sieht man, was der Rheingauer Weinmarkt im Kern ist: kein Volksfest mit Weinbeteiligung, sondern eine sehr alte Nachbarschaft, die sich einmal im Jahr in der Stadtmitte verabredet. Der Rheingau bringt den Wein mit, Frankfurt den Durst und die Kulisse. Es ist, seit 1978, eine bemerkenswert stabile Arbeitsteilung — und einer der wenigen Termine, zu dem diese Stadt vollzählig erscheint, ohne dass jemand eine Einladung verschicken müsste.
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