Essen & Trinken · Reportage
Der Lohrberger Hang: Frankfurts einziger eigener Weinberg
Rund 1,3 Hektar Riesling in Seckbach, amtlich zugehörig zum Rheingau: Der Lohrberger Hang ist der letzte Weinberg auf Frankfurter Stadtgebiet. Eine Reportage über Handarbeit am Steilstück, das MainÄppelHaus nebenan — und die Frage, wo man den seltensten Wein der Stadt tatsächlich bekommt.
Man riecht den Frühling hier oben, bevor man ihn sieht. An diesem Märzmorgen liegt der Lohrberg noch im Halbschlaf, über den Wiesen hängt Dunst, und zwischen den Drahtrahmen des Weinbergs knirschen Schritte auf kaltem Boden. Unten glitzert die Stadt: Bankentürme, Baukräne, der Fernsehturm — und davor, in ordentlichen Zeilen den Hang hinab, Frankfurts unwahrscheinlichstes Stück Landwirtschaft. Der Lohrberger Hang ist der letzte Weinberg auf dem Boden dieser Stadt, rund 1,3 Hektar Riesling in Seckbach, und wer hier zwischen den Reben steht, begreift schnell, warum die Frankfurter diesen Ort mit einer Zärtlichkeit behandeln, die sie sonst eher für ihren Apfelwein reservieren.
Dass hier überhaupt Wein wächst, ist keine Marketingidee, sondern der Rest einer langen Geschichte. Weinbau am Lohrberg ist seit dem Mittelalter belegt; schon in einer der frühesten urkundlichen Erwähnungen Seckbachs aus dem Jahr 882 ist von Weinbergsparzellen die Rede. Über Jahrhunderte zogen sich Rebhänge durch den gesamten Frankfurter Osten, bis Reblaus, Industrialisierung und der billigere Apfelwein den Reben den Garaus machten. Übrig blieb dieser eine Hang, seit 1803 im Besitz der Stadt — ein grünes Komma in der Stadtgeschichte, das sich hartnäckig weigert, zum Punkt zu werden.
Ein Stück Rheingau, das nie am Rhein lag
Die schönste Kuriosität des Lohrbergs steht in keinem Reiseführer besonders groß, dabei ist sie amtlich: Der Lohrberger Hang gehört offiziell zum Anbaugebiet Rheingau. Seit die Lage 1971 in die Weinbergsrolle eingetragen wurde, firmiert der Frankfurter Osten weinrechtlich als östlicher Außenposten jener Region, die man sonst mit Klöstern, Schlössern und Rheinblick verbindet. Vom Rhein ist hier weit und breit nichts zu sehen — aber die Logik dahinter ist praktischer Natur: Bewirtschaftet wird der Hang vom Weingut der Stadt Frankfurt am Main, das seinen Sitz im Rheingauer Weinstädtchen Hochheim hat. Die Winzer pendeln also zu ihrem Frankfurter Filialbetrieb, und die Trauben reisen zur Kelter in die Gegenrichtung.
Etwa 10.000 Flaschen kommen so in einem normalen Jahr zusammen, fast alles Riesling, das meiste trocken ausgebaut. Das ist, um die Dimension einzuordnen, weniger, als manches Rheingauer Weingut aus einer einzigen guten Lage holt — und genau das macht den Wein zum Sammlerstück mit Ortskenntnis. Wer eine Flasche „Frankfurter Lohrberger Hang" auf den Tisch stellt, serviert kein Statussymbol, sondern eine Pointe: Es ist der einzige Wein, auf dessen Etikett diese Stadt selbst als Herkunft steht. Entsprechend gern schenkt ihn die Stadt bei offiziellen Anlässen aus, wenn es etwas Eigenes sein soll.

Das Weinjahr am Hang ist Handarbeit im Steilformat
Wie viel Arbeit in den 10.000 Flaschen steckt, sieht man dem idyllischen Hang nicht sofort an. Das Weinjahr beginnt hier wie überall im Winter, mit dem Rebschnitt: An kalten Vormittagen entscheiden wenige Schnitte pro Stock darüber, wie viele Trauben im Herbst hängen dürfen — zu viele, und der Wein wird dünn; zu wenige, und der Jahrgang lohnt die Mühe nicht. Im Frühjahr folgt das Biegen der Fruchtruten, im Frühsommer die Laubarbeit, bei der überzählige Triebe und Blätter entfernt werden, damit Luft und Licht an die Trauben kommen. „Am Ende ist das ein Beruf, der zu achtzig Prozent aus Wegnehmen besteht", sagt einer, der seit Jahren für das städtische Weingut in den Zeilen steht — und erst die Lese im Herbst, von Hand, Kiste für Kiste, macht aus all dem Verzicht ein Produkt.
Dass hier mitten im Stadtgebiet gearbeitet wird, hat eigene Gesetze. Spaziergänger bleiben am Zaun stehen und fragen, ob man probieren dürfe (dürfen sie nicht, jedenfalls nicht direkt vom Stock). Die Stare kommen pünktlich zur Traubenreife, die Wespen auch. Und während andernorts der Traktor durch die Zeilen fährt, bleibt am Lohrberg vieles Handarbeit — der Hang ist klein, die Wege sind es auch. Der Klimawandel schreibt inzwischen mit: Die Lesetermine rücken seit Jahren nach vorn, trockene Sommer stressen die Stöcke, und die Winzer beobachten genau, wie lange der Riesling, diese Diva unter den weißen Sorten, das Frankfurter Stadtklima noch als Vorteil verbuchen kann. Bislang tut er es: Die Wärme der Stadt und die Südlage machen den Hang zu einem verlässlich reifen Fleckchen.
Ein Weinberg mitten in der Stadt ist kein Denkmal — er muss jedes Jahr aufs Neue beweisen, dass er in die Flasche gehört.
Nebenan regiert der Apfel — und das ist kein Widerspruch
Wer vom Weinberg ein paar Schritte weitergeht, wechselt das Getränk, aber nicht die Haltung. Am Rand des Lohrparks liegt das MainÄppelHaus Lohrberg, ein Streuobstzentrum, das sich der anderen Frankfurter Flüssigkultur verschrieben hat: alten Apfelsorten, Most und Apfelwein, ausgeschenkt mit Blick über die Wiesen. Die Streuobstbestände rund um den Berg gehören zu den wertvollsten der Stadt, und an schönen Wochenenden sitzt hier ein Publikum, das sich vom Weinbergspublikum kaum unterscheidet — man ist ja wegen desselben Gefühls da: Landschaft mit Stadt im Hintergrund, Glas in der Hand, kein Termindruck. Dass Frankfurts einziger Weinberg und eines seiner wichtigsten Apfelrefugien direkte Nachbarn sind, ist eine hübsche Ironie der Stadtgeschichte — schließlich war es einst der Apfelwein, der dem Traubenwein hier das Wasser abgrub.
Zum Ensemble gehört auch ein Amt, das es so nur in dieser Stadt gibt: Frankfurt kürt eine eigene Weinkönigin, die den städtischen Wein repräsentiert — eine charmante Fußnote für eine Stadt, die in der öffentlichen Wahrnehmung sonst fest zwischen Bembel und Börsenglocke sortiert ist. Und wer die lange Vorgeschichte des hiesigen Kelterns nachlesen will, findet sie in unserem Stück darüber, wie Frankfurt einst vom Rebensaft auf den Apfel kam: Es ist exakt die Geschichte, deren letzter unbeugsamer Zeuge dieser Hang ist.
Der Lohrberg selbst, in den 1920er Jahren als Volkspark angelegt, ist ohnehin mehr als die Summe seiner Getränke. Er ist Frankfurts Balkon: Picknickwiesen, alte Baumreihen, ein Panorama, das an klaren Tagen vom Taunus über die Skyline bis in den Spessart reicht. Wie ein Sonntagmorgen hier oben abläuft, haben wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben — für diesen Text genügt der Befund, dass es kaum einen besseren Ort gibt, um zu verstehen, warum diese Stadt sich hartnäckig weigert, nur Bürostadt zu sein.
Wo Sie den Frankfurter Riesling tatsächlich bekommen

Bleibt die Gretchenfrage: Wie kommt man an den Wein? Die ehrliche Antwort: nicht im Vorbeigehen. Am Weinberg selbst gibt es keinen Verkaufsstand, und in Supermarktregalen taucht der Lohrberger so gut wie nie auf — dafür ist die Menge zu klein. Die verlässlichste Quelle ist der Hofverkauf des Weinguts der Stadt Frankfurt in Hochheim, wo der Lohrberger neben den Hochheimer Lagen des Hauses steht. In Frankfurt führen ihn einige gut sortierte Weinhandlungen, gelegentlich taucht er auf städtischen Empfängen, Festen und Weinständen auf — und wer ihn irgendwo auf einer Karte entdeckt, sollte zugreifen, allein der Geschichte wegen. Preislich bewegt er sich im Rahmen ordentlicher Rheingauer Gutsweine: kein Schnäppchen, kein Wucher.
Und wie schmeckt er? Wie ein Rheingauer, der in der Stadt wohnt: geradliniger, herber Riesling mit fester Säure, eher Werkzeug als Schmuckstück, gemacht für den Schoppen am Abend statt für die Vitrine. Kenner attestieren den besseren Jahrgängen eine erstaunliche Ernsthaftigkeit; Skeptiker sagen, der Blick vom Weinberg sei besser als der Wein. Beide haben recht, und beides ist in Ordnung — denn dieser Wein muss keinen Wettbewerb gewinnen. Er muss nur weiter existieren.

Am Abend, wenn die Sonne hinter dem Taunus verschwindet und die Bankentürme das letzte Licht auffangen, füllt sich die Wiese unterhalb des Hangs mit Decken, Körben und leisen Gesprächen. Dann liegt der Weinberg schon im Schatten, die Zeilen laufen dunkel den Hang hinab, und man versteht, was dieser Ort im Kern ist: keine Attraktion, sondern eine Haltung. Eine Stadt, die 1,3 Hektar besten Bauplatz seit über zweihundert Jahren mit Reben statt mit Rendite bepflanzt, hat sich ein Stück Eigensinn bewahrt. Man kann darauf anstoßen — am besten mit dem einzigen Wein, der von hier kommt.
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