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Max-Planck in Frankfurt: Was hier erforscht wird
Hinter den Bankentürmen betreibt Frankfurt Grundlagenforschung auf Weltniveau. Drei Max-Planck-Institute untersuchen die Moleküle des Lebens, die Schaltkreise des Gehirns – und was Kunst mit uns macht.
Frankfurt ist als Finanzplatz bekannt, als Messestadt, als Verkehrsdrehscheibe. Dass hier auch Grundlagenforschung auf Weltniveau betrieben wird, verschwindet dagegen leicht hinter den Bankentürmen. Dabei unterhält die Max-Planck-Gesellschaft gleich drei Institute in der Stadt – und in mindestens einem von ihnen steht ein Nobelpreis im Regal.
Drei Institute, drei Welten
Am tiefsten in die Materie dringt das Max-Planck-Institut für Biophysik auf dem Riedberg vor. Seine Wurzeln reichen bis 1937 zurück, als in Frankfurt ein Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik gegründet wurde; seit 2003 forscht es in einem markanten Neubau an der Max-von-Laue-Straße. Im Mittelpunkt stehen die Moleküle des Lebens, vor allem Membranproteine – jene winzigen Maschinen, die Zellen mit Energie versorgen und Signale weiterleiten. Um sie sichtbar zu machen, nutzen die Forschenden in den Abteilungen des Hauses Verfahren wie die Kryo-Elektronenmikroskopie, die einzelne Moleküle im schockgefrorenen Zustand abbildet. 1988 erhielt der Direktor Hartmut Michel gemeinsam mit zwei Kollegen den Chemie-Nobelpreis, weil er die räumliche Struktur eines Proteins der Photosynthese entschlüsselt hatte – ein Meilenstein, der bewies, dass sich selbst komplizierteste Membranproteine bis auf das einzelne Atom kartieren lassen.

Ganz anders arbeitet das Max-Planck-Institut für Hirnforschung, eines der ältesten seiner Art: 1914 in Berlin gegründet, gehörte es zu den frühen Instituten der damaligen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, ehe es in den 1960er Jahren nach Frankfurt zog und 2013 ebenfalls auf den Riedberg wechselte. Seine Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen verstehen, wie Nervenzellen sich verschalten, wie aus dem Feuern einzelner Zellen Wahrnehmung, Gedächtnis und Verhalten entstehen. In der sogenannten Konnektomik etwa rekonstruieren sie mithilfe von Elektronenmikroskopen und enormer Rechenleistung ganze Schaltpläne des Gehirns, Synapse für Synapse. In seinen Abteilungen und Forschungsgruppen arbeiten Menschen aus Dutzenden Nationen zusammen. Die Fragen sind so alt wie die Frankfurter Hirnforschung, die schon um 1900 mit Ludwig Edinger begann; die Werkzeuge dagegen sind brandneu.
Wenn Forschung die Kunst trifft
Das dritte Institut fällt aus dem naturwissenschaftlichen Rahmen und macht Frankfurt gerade dadurch besonders. Das erst 2012 gegründete Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik sitzt nicht auf dem Riedberg, sondern am Grüneburgweg im Westend, in Rufweite des Campus Westend. Es untersucht, was in uns vorgeht, wenn wir Musik hören, Gedichte lesen oder ein Bild betrachten. Warum berührt uns eine Melodie? Was macht Sprache schön? Hier arbeiten Psychologinnen, Musikwissenschaftler und Neurowissenschaftlerinnen zusammen, messen Herzschlag, Hautleitwert und Hirnaktivität – ein ungewöhnlicher Brückenschlag zwischen Labor und Konzertsaal, den es in dieser Form an keinem anderen Max-Planck-Institut gibt.
Man erforscht, was man nicht versteht, und vertraut darauf, dass echtes Wissen sich irgendwann auszahlt.
Die Redaktion
Gemeinsam ist den drei Häusern das Prinzip der Max-Planck-Gesellschaft: Grundlagenforschung ohne den Zwang zur schnellen Anwendung. Man erforscht, was man nicht versteht, und vertraut darauf, dass echtes Wissen sich irgendwann auszahlt – oft auf Wegen, die niemand vorhergesehen hat. Diese Freiheit ist teuer, und sie ist, wie die Frankfurter Beispiele zeigen, ihr Geld wert: Aus der Strukturbiologie von heute werden die Wirkstoffe von morgen, aus der Hirnforschung erwächst womöglich ein besseres Verständnis von Alzheimer oder Epilepsie.
Eine unsichtbare Stärke
Für die Stadt sind diese Institute ein stiller Standortfaktor. Sie ziehen Forschende aus aller Welt an, betreuen gemeinsam mit der Goethe-Universität Doktorandinnen und Doktoranden und prägen den Wissenschaftscampus Riedberg mit, wo Chemie, Physik, Biowissenschaften und die Max-Planck-Institute auf engem Raum zusammenrücken. Die kurzen Wege sind hier Programm: Ein Strukturbiologe kann am Vormittag mit einem Physiker über Bildgebung sprechen und am Nachmittag mit Studierenden am Mikroskop stehen. Wer über den Campus geht, ahnt kaum, welche grundlegenden Fragen hinter den nüchternen Fassaden verhandelt werden.
Frankfurt hat sich lange über Geld und Handel definiert. Die Max-Planck-Institute erinnern daran, dass zur Stadt auch eine andere Währung gehört: Erkenntnis. Sie machen den Standort für Spitzenforscherinnen und Spitzenforscher aus aller Welt attraktiv, lassen Kooperationen und Ausgründungen entstehen und tragen den Namen der Stadt in die Fachjournale rund um den Globus. So zählen sie zu den stillsten und zugleich strahlkräftigsten Adressen Frankfurts – unsichtbar für Touristen, aber weithin präsent in der internationalen Wissenschaft.
Wer das nächste Mal über den Riedberg fährt, darf ruhig kurz innehalten: Hinter den ruhigen Fassaden wird an einigen der größten Fragen gearbeitet, die die Wissenschaft überhaupt kennt.
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