Guide · Reportage

Die Dino-Halle im Senckenberg: mehr als ein Ausflug

Ein schwebender Diplodocus, eine seltene Dino-Mumie und die Fossilien aus der Grube Messel: warum das Senckenberg an der Senckenberganlage nicht nur Schaubühne ist, sondern ein Forschungsmuseum, das selbst gräbt.

Von Dr. Nadine Vogt 4 Min. Lesezeit
Weite Museumshalle mit montierten Dinosaurierskeletten unter hoher Decke und einfallendem Tageslicht
01Senckenberg Naturmuseum, Senckenberganlage, 10:05 Uhr— Kurz nach der Öffnung gehört die Dinosaurierhalle für einen Moment fast den ersten Besuchern allein.Foto: Zeit Frankfurt

Wer das Senckenberg Naturmuseum an der Senckenberganlage betritt, blickt fast automatisch nach oben. Im Lichthof schwebt, langhalsig und erstaunlich leicht wirkend, ein Diplodocus – jener Pflanzenfresser, der vor rund 150 Millionen Jahren durch das heutige Nordamerika stapfte. Weit über zwanzig Meter misst das Tier von der Schnauze bis zur Schwanzspitze, und wer sich unter den geschwungenen Hals stellt, sieht die Halle mit anderen Augen. Dass das Frankfurter Exemplar ein originalgetreuer Abguss ist und kein einzelner echter Knochen, mindert die Wirkung nicht. Es gehört zu den Dingen, an die sich Frankfurter Kinder ein Leben lang erinnern.

Eine Halle voller Superlative

Das Senckenberg zählt zu den größten Naturkundemuseen Deutschlands, und seine Dinosaurierhalle ist sein bekanntestes Kapitel. Neben dem Diplodocus stehen hier ein Tyrannosaurus mit aufgerissenem Rachen, ein Triceratops mit mächtigem Nackenschild und – die eigentliche wissenschaftliche Kostbarkeit – ein Edmontosaurus, von dem versteinerte Hautabdrücke erhalten sind. Solche Dinosaurier-Mumien sind weltweit selten. Sie belegen, dass diese Tiere keine nackten Echsen waren, sondern eine strukturierte, genarbte Haut trugen, und sie erlauben Rückschlüsse auf Muskeln und Statur. Kinder drücken sich an den Vitrinen die Nasen platt, während daneben die kleinen Tafeln erklären, was diese Funde so ungewöhnlich macht.

Ein Museumsbesuch ist hier immer auch ein Gang durch die Geschichte des Sammelns. Viele Exponate kamen im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Frankfurt, als Expeditionen, Ankäufe und Tauschgeschäfte die Naturkunde prägten; die großen Sauriermontagen stammen aus einer Zeit, in der Häuser mit der schieren Größe ihrer Funde um Ansehen rangen. Manche Stücke tragen noch die Handschrift einer Zeit, als Naturkunde Abenteuer und Wissenschaft zugleich war. Wer mit Kindern kommt, findet in unserem Familienbesuch im Senckenberg praktische Tipps für den Rundgang.

Nahaufnahme eines versteinerten Dinosaurier-Hautabdrucks mit feiner Schuppenstruktur in einer Vitrine
02Senckenberg Naturmuseum, Dinosaurierhalle, 11:40 Uhr— Versteinerte Hautabdrücke zeigen, dass die Tiere keine nackten Echsen waren.Foto: Zeit Frankfurt

Frankfurt, die Fossilstadt

Der eigentliche Schatz des Hauses liegt jedoch nicht bei den ganz großen Sauriern, sondern im Kleinen. Rund eine halbe Autostunde entfernt, zwischen Frankfurt und Darmstadt, liegt die Grube Messel, ein früherer Ölschiefer-Tagebau und seit 1995 UNESCO-Weltnaturerbe. In ihren fein geschichteten Sedimenten haben sich Tiere aus dem Eozän erhalten, rund 48 Millionen Jahre alt – mit Fell, Federn, Mageninhalt und schillernden Käferpanzern, an denen sich die einstige Farbe noch erahnen lässt. Urpferdchen von der Größe eines Foxterriers, deren letzte Mahlzeit noch im Bauch liegt; frühe Primaten wie das 2009 vorgestellte Fossil ‚Ida'; dazu Fledermäuse, Krokodile und tropische Vögel: Messel ist ein Fenster in eine subtropische Welt. Dass es die Fundstätte überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit – nach dem Ende des Bergbaus sollte die Grube verfüllt und zur Mülldeponie werden, ehe Forscher und Bürger sie retteten. Senckenberg gräbt und forscht dort bis heute.

Diese Verbindung aus Schausammlung und Feldforschung ist kein Zufall. Wer die Vitrinen füllt, muss draußen graben, präparieren und vergleichen. Das Museum an der Senckenberganlage ist deshalb nur die Bühne – die eigentliche Arbeit geschieht in Depots, Laboren und an den Grabungskanten von Messel, wo jede Schieferplatte ein weiteres Tier aus der Tiefenzeit ans Licht bringen kann.

Ein Museum, das nur zufällig auch die schönsten Knochen der Stadt besitzt.

Die Redaktion

Ein Museum, das forscht

Getragen wird all das von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, die schon 1817 von Frankfurter Bürgern gegründet wurde – fast hundert Jahre, bevor die Stadt ihre eigene Universität bekam; auch Goethe zählte damals zu ihren Fürsprechern. Aus diesem bürgerschaftlichen Impuls ist eine Forschungseinrichtung mit Standorten in ganz Deutschland geworden, die Biodiversität und Erdgeschichte untersucht und heute zur Leibniz-Gemeinschaft gehört. Gerade in Zeiten von Artensterben und Klimawandel sind solche Sammlungen mehr als Kuriositätenkabinette; sie sind Vergleichsmaterial, an dem sich Veränderungen über Jahrzehnte ablesen lassen. Das Museum an der Senckenberganlage ist ihr Schaufenster: Hier wird sichtbar, was Sammlungen leisten, wenn man sie als Archiv des Lebens versteht.

Und so lohnt der zweite Blick. Hinter dem berühmten Diplodocus warten Wale unter der Decke, eine Abteilung zur Tiefsee mit ihren gläsernen, lichtlosen Bewohnern, dazu Vulkane und ein neu gedachter Bereich zur Evolution des Menschen, in dem Schädelabgüsse die lange Linie von den frühen Vormenschen bis zu uns nachzeichnen. Das Senckenberg gehört zu den Ausflugszielen, die man nicht nur einmal in der Grundschulzeit sehen sollte. Es belohnt jeden, der wiederkommt.

Wer zur Öffnung kommt, hat die Halle für einen Moment fast für sich – und versteht schnell, warum der Abguss eines Diplodocus ein echtes Frankfurter Wahrzeichen sein kann.

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