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Höchst-Guide: Altstadt, Schloss und der Blick über den Main
Fachwerk-Altstadt, Renaissanceschloss und mit der Justinuskirche das älteste Gebäude der Stadt: Höchst ist Frankfurts unterschätzter Westen. Der Guide erklärt, warum sich der Stadtteil bis heute wie eine eigene Stadt anfühlt — und wo Wohnen noch bezahlbar ist.
Es gibt einen einfachen Trick, um Frankfurter Gäste zu verblüffen: Man setzt sie in die S-Bahn Richtung Westen, steigt nach einer Viertelstunde aus und führt sie durch Gassen, in denen sich Fachwerkgiebel über Kopfsteinpflaster neigen, an einem Renaissanceschloss vorbei zu einer Kirche aus dem 9. Jahrhundert — und erklärt dann, dass man Frankfurt nie verlassen hat. Höchst ist der am meisten unterschätzte Stadtteil dieser Stadt, und das liegt weniger an Höchst als an der Hartnäckigkeit, mit der der Frankfurter Blick nach Osten und in die Höhe geht statt nach Westen und in die Geschichte.
Dabei ist die Geschichte hier älter als fast alles, was die Kernstadt zu bieten hat. Höchst erhielt 1355 die Stadtrechte und blieb beinahe sechs Jahrhunderte lang eigenständig — kurmainzisch geprägt, während Frankfurt freie Reichsstadt war, also jahrhundertelang buchstäblich Ausland vor den Toren. Erst 1928 wurde die Industriestadt am Main eingemeindet, und wer heute mit Höchstern spricht, merkt schnell: Ganz angekommen ist diese Eingemeindung im Selbstverständnis bis heute nicht. Man ist hier zuerst Höchster, dann Frankfurter. Das ist keine Folklore, sondern der Schlüssel zum Verständnis des Stadtteils.
Die Altstadt ist die schönste Überraschung im Frankfurter Westen
Das historische Höchst liegt kompakt zwischen Bahnhof und Main, und es ist — anders als die rekonstruierte neue Altstadt am Römer — schlicht stehen geblieben: Der Zweite Weltkrieg hat den alten Kern weitgehend verschont. Rund um den Schlossplatz und den Marktplatz reihen sich Fachwerkhäuser vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, dazwischen Handwerkerhöfe, kleine Läden und Wirtschaften, die von Laufkundschaft nichts wissen müssen. Über allem steht der Turm des Höchster Schlosses, dessen Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen und das einst den Mainzer Erzbischöfen als Zollburg diente — der Fluss war die Einnahmequelle, die Burg das Inkasso.

Der eigentliche Schatz aber steht ein paar Schritte weiter am Hang über dem Main: die Justinuskirche, errichtet im 9. Jahrhundert und damit das älteste erhaltene Gebäude Frankfurts überhaupt. Von außen wirkt sie unscheinbar, innen tragen karolingische Säulen mit fein gearbeiteten Kapitellen ein Kirchenschiff, in dem seit weit über tausend Jahren Gottesdienst gefeiert wird. Man steht dort und rechnet nach: Als diese Säulen aufgestellt wurden, lag die Kaiserpfalz in Frankfurt noch in ihren Anfängen. Der kleine Garten neben der Kirche, mit Blick über den Main, ist einer der stillsten Orte der ganzen Stadt — und einer jener Plätze, die wir in unserer Sammlung der dörflichsten Orte Frankfurts gar nicht hoch genug hängen konnten.
Bolongaropalast und Porzellan: Höchst pflegt sein Erbe
Dass Höchst mehr war als Ackerbürgerstadt, zeigt der Bolongaropalast an der Bolongarostraße: eine barocke Palastanlage, die sich die aus Italien stammenden Tabakhändler Bolongaro in den 1770er-Jahren errichten ließen — Kaufleute, die in Frankfurt kein Bürgerrecht erhielten und ihren Reichtum deshalb demonstrativ vor die Tore der Reichsstadt setzten. Der Palast, lange Sitz von Verwaltung und Ortsbeirat, wird seit Jahren aufwendig saniert; nach derzeitigem Stand soll er ab 2027 als Kultur- und Bürgerzentrum wiedereröffnen. Man darf gespannt sein: Räume dieser Größenordnung mit Garten zum Main hat der Frankfurter Westen sonst nicht zu vergeben.
Zum Erbe gehört auch das Porzellan. Die Höchster Porzellanmanufaktur, 1746 gegründet und damit eine der ältesten Deutschlands, hat mit ihren figürlichen Arbeiten und dem Raddekor Sammlergeschichte geschrieben. Ihre wirtschaftliche Geschichte verlief zuletzt wechselhaft, die Tradition aber wird weitergeführt — und wer ein Mitbringsel sucht, das wirklich nur von hier kommen kann, wird beim Höchster Porzellan eher fündig als in jedem Museumsshop der Innenstadt.
Dass der Stadtteil sein Erbe nicht nur verwaltet, sondern feiert, zeigt sich jeden Frühsommer: Das Höchster Schlossfest gehört zu den größten Stadtteilfesten Frankfurts und bespielt über Wochen Altstadt, Schlossplatz und Mainufer mit Konzerten, Märkten und Führungen — organisiert von einem Vereinswesen, um das mancher Innenstadtbezirk Höchst beneiden dürfte. Und wer es kleiner und feiner mag: Das Neue Theater Höchst hat sich mit Kabarett, Chanson und Varieté ein Publikum erspielt, das dafür regelmäßig quer durch die ganze Stadt anreist. Kulturell ist der Frankfurter Westen jedenfalls kein Notstandsgebiet — er ist nur schlecht vermarktet.
Höchst war fast sechshundert Jahre lang Stadt — und hat es in den knapp hundert Jahren als Stadtteil nie ganz verlernt.
Am Mainufer zeigt Höchst seine beste Seite

Unterhalb der Altstadt liegt das Höchster Mainufer, und es ist an Sommerabenden ein kleines Wunder an Beiläufigkeit: Wiesen, alte Bäume, Anglerruhe, dahinter die Silhouette von Schloss und Justinuskirche. Westlich mündet die Nidda in den Main, an der Wörthspitze beginnt einer der schönsten Uferwege des Frankfurter Westens. Und dann ist da die Fähre: Ein kleines Boot pendelt in der Saison zwischen Höchst und dem Schwanheimer Ufer, ein paar Minuten Fluss für kleines Geld, Fahrräder willkommen. Es gibt schnellere Wege über den Main, aber keinen, der mehr nach Ferien schmeckt.
Der Alltag spielt derweil eine Straße weiter nördlich: Die Königsteiner Straße ist Höchsts Einkaufsmeile, robust und durchmischt, mit allem, was ein Zentrum braucht — hier merkt man, dass Höchst nicht Kulisse ist, sondern Versorgungszentrum für den gesamten Frankfurter Westen samt Klinikum und Industriepark. Auf dem Marktplatz der Altstadt findet mehrmals in der Woche der Wochenmarkt statt, kleiner als die berühmten Märkte der Innenstadtviertel, aber mit treuer Stammkundschaft; wie er sich im Vergleich schlägt, zeigt unser großer Wochenmarkt-Test.
Wohnen in Höchst: mehr Platz fürs Geld — mit ehrlichen Abstrichen
Nun zur Frage, die viele hierher führt: Kann man in Höchst wohnen? Man kann, und zwar für Mieten und Kaufpreise, die spürbar unter denen der Viertel östlich des Zentrums liegen — bei Altbausubstanz, die sich vor Nordend-Straßenzügen nicht verstecken muss. Rund um die Altstadt und in den gründerzeitlichen Straßen Richtung Unterliederbach findet sich ein Bestand, für den man anderswo in Frankfurt Schlange steht. Wie groß der Abstand zu den Innenstadtlagen tatsächlich ist, lässt sich im Mietspiegel 2026 nachlesen, der Höchst regelmäßig unter den günstigeren Lagen der Stadt führt.
Zur Ehrlichkeit gehören die Abstriche. Der Industriepark, Nachfolger der Hoechst AG, ist ein dominanter Nachbar — Arbeitgeber für Zehntausende, aber eben auch ein Chemiestandort mit allem, was dazugehört. Teile des Bahnhofsumfelds und der Königsteiner Straße wirken rau und haben mit Leerstand zu kämpfen; die soziale Mischung ist deutlich breiter als in den bürgerlichen Vierteln, was man als Qualität oder als Herausforderung empfinden kann. Und der Weg in die Innenstadt bleibt ein Weg, auch wenn die S-Bahn ihn in gut zehn Minuten erledigt. Höchst ist kein Geheimtipp mit Haken — es ist ein ehrlicher Stadtteil mit einem außergewöhnlichen Kern.
Ein halber Tag in Höchst: die Route
Nehmen Sie die S-Bahn bis Frankfurt-Höchst und gehen Sie die Königsteiner Straße hinunter Richtung Main — der Kontrast zwischen Einkaufsstraße und Altstadt ist Teil der Dramaturgie. Über den Marktplatz und den Schlossplatz geht es zur Justinuskirche, deren Inneres Sie sich auch dann ansehen sollten, wenn Kirchen sonst nicht Ihr Programm sind. Danach: hinunter ans Ufer, nach Westen bis zur Nidda-Mündung schlendern, zurück zum Fähranleger und — Saison vorausgesetzt — mit dem Boot über den Main und am Schwanheimer Ufer zurückblicken. Von dort sieht Höchst aus wie eine kleine Residenzstadt am Fluss. Genau das war es. Und ein bisschen ist es das noch.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieses Stadtteils: Während die Innenstadt ihre verlorene Altstadt für viel Geld rekonstruiert hat, steht zehn S-Bahn-Minuten entfernt eine echte — mit Schloss, Karolingerkirche und Fähre, weitgehend unbeachtet vom großen Strom der Besucher. Man muss Höchst nicht schönreden, es hat seine Mühen. Aber wer an einem klaren Morgen vom südlichen Mainufer auf die Silhouette aus Türmen und Giebeln schaut, versteht, warum die Menschen hier zuerst Höchster sind. Sie haben einen Grund.
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