Mainhattan · Getestet

Test: Die Aussichtsplattform des Main Tower — lohnt der Aufstieg?

Der Main Tower ist das einzige Frankfurter Hochhaus, das jeden hinauflässt. Wir haben den Aufstieg getestet: Ticket, Sicherheitsschleuse, 45 Sekunden Aufzug — und oben rund 200 Meter freier Blick über Dom, Main und Bankenviertel. Mit klarem Verdikt und Punktwertung.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Blick von der Aussichtsplattform des Main Tower über die Dächer Frankfurts zum Kaiserdom St. Bartholomäus.
01Main Tower, Aussichtsplattform, 14:20 Uhr— Rund 200 Meter unter der Brüstung sortiert sich die Stadt — vorn die Dächer der Innenstadt, dahinter der rote Sandstein des Doms.Foto: Zeit Frankfurt

Frankfurt leistet sich die dichteste Hochhauskulisse des Landes, aber sie ist im Kern eine geschlossene Gesellschaft: Wer die Stadt von oben sehen will, braucht in der Regel einen Arbeitsvertrag, eine Einladung oder eine Reservierung. Die eine verlässliche Ausnahme steht an der Neuen Mainzer Straße und heißt Main Tower — 200 Meter hoch, 56 Etagen, und als einziges Hochhaus der Stadt mit einer öffentlich zugänglichen Aussichtsplattform. Wir wollten wissen, was der Aufstieg taugt, und haben ihn an einem klaren Dezembersonntag getestet: Kasse, Schleuse, Aufzug, Aussicht — und am Ende ein Verdikt mit Punkten.

Zum Haus selbst muss man wenig Ehrfurcht mitbringen, aber ein paar Fakten: Der Turm, benannt nicht nach einer Bank, sondern schlicht nach dem Fluss, gehört der Landesbank Hessen-Thüringen und wurde zur Jahrtausendwende eröffnet. Er war von Beginn an als öffentliches Hochhaus gedacht, was in Frankfurt eine kleine Kulturrevolution darstellte: Im Foyer hängt Stephan Hubers monumentales Wandbild „Frankfurter Treppe", daneben flimmert eine Videoinstallation von Bill Viola, der Hessische Rundfunk betreibt hoch oben ein Fernsehstudio — die hr-Sendung „maintower" trägt den Namen des Hauses —, und über allem liegt die Plattform, um die es hier geht.

Der Einlass funktioniert wie am Flughafen — nur schneller

Der Test beginnt um 13:45 Uhr an der Kasse im Erdgeschoss. Das Ticket kostet 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, mit der Frankfurt Card gibt es 20 Prozent Rabatt; verkauft wird vor Ort. An diesem Sonntagmittag stehen wir knapp fünfzehn Minuten an — machbar, aber kein Zufall: „Ab Mittag wird es voll, zur Dämmerung am vollsten", sagt die Frau an der Kasse. Wer die Plattform halbwegs für sich haben will, kommt unter der Woche am Vormittag.

Dann die Sicherheitsschleuse, und die ist wörtlich zu nehmen: Taschen aufs Band, Jacke ausziehen, Metalldetektor — Flughafenroutine, nur ohne Boarding-Stress. „Bei Gewitter schließen wir sofort, da oben sind Sie der höchste Punkt weit und breit", sagt der Mitarbeiter an der Schleuse, halb Warnung, halb Werbung. Der Aufzug schafft rund sieben Meter pro Sekunde und gehört damit zu den schnellsten des Landes; die Fahrt dauert etwa 45 Sekunden, der Druck auf den Ohren ist inklusive. Oben führt eine letzte Treppe hinaus ins Freie — und der erste Eindruck ist tatsächlich Wind, dann erst Weite.

Besucher stehen als Rückenfiguren an der Brüstung der Aussichtsplattform, vor ihnen das Häusermeer der Frankfurter Innenstadt.
02Main Tower, Aussichtsplattform, 15:05 Uhr— An der Brüstung wird erstaunlich wenig geredet — die Stadt übernimmt das Programm.Foto: Zeit Frankfurt

Oben sortiert die Himmelsrichtung das Programm

Nach Osten liegt das alte Frankfurt wie ein Modell seiner selbst: der Kaiserdom St. Bartholomäus, dessen roter Sandsteinturm jahrhundertelang das höchste Bauwerk der Stadt war, davor die rekonstruierten Dächer der Neuen Altstadt und der Römerberg, dahinter der Main mit seinen Brücken bis hinüber zur Doppelspitze der Europäischen Zentralbank im Ostend. Es ist der Blick, für den die meisten hier heraufkommen, und er hält, was er verspricht — vor allem am frühen Nachmittag, wenn die tiefe Wintersonne den Sandstein warm anleuchtet.

Nach Westen und Norden steht man mitten im Bankenviertel, auf Augenhöhe mit den Nachbarn: Der Commerzbank Tower ragt noch ein gutes Stück höher, die Zwillingstürme der Deutschen Bank spiegeln den Himmel, in der Ferne schließen Messeturm und Taunuskamm das Panorama. Wer die Türme sortieren kann, liest diese Skyline wie eine Bilanz — was hinter den Glasfassaden eigentlich verhandelt wird, erklärt unser Überblick zum Dax und seinen 40 Konzernen. Ein paar Straßenzüge weiter nördlich duckt sich die Börse zwischen die Höhenmeter; Bulle und Bär auf dem Börsenplatz sind von hier oben allenfalls zu erahnen, und wie ein Handelstag dort unten tatsächlich abläuft, erzählt unsere Reportage vom Parkett.

Der unterschätzte dritte Blick geht senkrecht nach unten: auf Straßenschluchten, Hinterhöfe, Dachterrassen, auf das Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs, das sich im Südwesten auffächert wie ein Kabelstrang. Aus 200 Metern versteht man die Stadt als Grundriss — wo die Wallanlagen das alte Frankfurt umschließen, warum die Berger Straße kein Ende nimmt, wie nah Sachsenhausen wirklich liegt. Das leistet keine Postkarte und kein Mainufer-Spaziergang.

Für neun Euro bekommt man, was in dieser Stadt sonst Chefetagen vorbehalten ist: Frankfurt als Übersicht.

Auffällig ist, wer hier oben steht: erstaunlich viele Frankfurter. Neben den erwartbaren Touristengruppen und einem Paar, das Selfies vor dem Dom arrangiert, hören wir an diesem Nachmittag viel Hessisch — Großeltern mit Enkeln, ein Vater, der seinem Sohn die Banktürme erklärt wie andere Leute Fußballaufstellungen. „Ich wohne seit dreißig Jahren in Bornheim und war heute zum ersten Mal hier", sagt eine Besucherin an der Brüstung, „das hätte ich früher machen sollen." Der Satz fasst den Ort gut zusammen: Die Plattform ist keine Touristenfalle, an der Einheimische vorbeigehen, sondern eher ein Klassiker, den viele vor sich herschieben.

Das beste Licht liefert der Winter gratis dazu

Fotografisch ist die Plattform ein Glücksfall, weil sie offen ist: keine Panoramaverglasung, keine Spiegelungen, keine verschmierten Scheiben zwischen Objektiv und Stadt. Die Brüstung ist hoch genug für ruhige Nerven und niedrig genug für freie Sicht. Im Test war die beste Zeit die letzte Stunde vor Sonnenuntergang — im Dezember also ab etwa halb vier: erst tiefes, warmes Licht über den Dächern, dann die blaue Stunde, in der die Bürotürme ringsum aufleuchten. Freitags und samstags bleibt die Plattform auch im Winter bis 21 Uhr geöffnet, für Nachtaufnahmen reicht das locker.

Die Kehrseite der offenen Bauweise erlebt man am eigenen Kragen: Auf 200 Metern weht fast immer Wind, im Dezember ein schneidender. Handschuhe sind keine Übertreibung, und wer an einem diesigen Tag hinauffährt, zahlt neun Euro für eine Ahnung von Stadt. Bei starkem Wind, Regen oder Gewitter schließt die Plattform kurzfristig ganz — der Besuch bleibt eine Wetterwette, die man vor dem Losgehen kurz prüfen sollte.

Die Bar im 53. Stock ist ein eigenes Kapitel

Wer den Abend verlängern will, muss nicht zurück auf die Straße: Im 53. Stockwerk liegen Restaurant und Bar des Hauses, verglast, gediegen, mit demselben Panorama in beheizt. Es gelten eigene Öffnungszeiten und eigene Preise — deutlich oberhalb der Erdgeschoss-Gastronomie der Umgebung, wie man es in dieser Höhe erwarten darf —, und ohne Reservierung wird es gerade am Wochenende eng. Für den reinen Aussichtstest braucht es die Bar nicht; als Verabredung mit Fallhöhe funktioniert sie tadellos. Nur eines sollte man wissen: Das Plattformticket ist hier keine Eintrittskarte, beides sind getrennte Besuche.

Die kostenlose Konkurrenz arbeitet vom Boden aus

Der runde Glasschaft des Main Tower, von der Straße aus senkrecht nach oben fotografiert, vor blassem Winterhimmel.
03Neue Mainzer Straße, 13:45 Uhr— Von unten ein Zylinder aus Glas — der einzige Turm der Stadt, der oben für alle aufmacht.Foto: Zeit Frankfurt

Natürlich gibt es die Skyline auch umsonst, und zwar in guter Qualität: vom Eisernen Steg und vom Sachsenhäuser Mainufer, wo die Türme sich abends im Fluss spiegeln; von der Deutschherrnbrücke im Osten, dem Klassiker der Fotografen; vom Lohrberg, wo Frankfurts einziger Weinberg den Fernblick liefert; oder vom frei zugänglichen Dachgarten des Skyline Plaza. Wer nur ein Postkartenmotiv sucht, wird dort glücklich, ohne ein Ticket zu lösen.

Aber alle diese Blicke zeigen die Skyline von außen, als Kulisse. Der Main Tower zeigt sie von innen und von oben — man steht nicht vor dem Bild, man steht darin. Diesen Unterschied kann kein Brückengeländer ersetzen, und er ist am Ende das eigentliche Produkt, für das man hier bezahlt.

Der Aufstieg lohnt sich — zu den richtigen Bedingungen

Die Gebrauchsanweisung nach diesem Test ist kurz: Kommen Sie an einem klaren Tag, möglichst unter der Woche, rund eine Stunde vor Sonnenuntergang, und planen Sie oben mehr Zeit ein, als Sie denken — unter 45 Minuten war an diesem Nachmittag niemand wieder unten. Prüfen Sie vorher das Wetter, denken Sie an die letzte Auffahrt 45 Minuten vor Schließung, und lassen Sie die dicke Jacke an.

Der lange Schatten des Main Tower fällt bei tiefer Abendsonne über die Dächer der Frankfurter Innenstadt.
04Main Tower, Aussichtsplattform, 15:55 Uhr— Kurz vor Sonnenuntergang legt der Turm seinen Schatten quer über die Innenstadt — das Abschiedsbild dieses Tests.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende unseres Testtags, kurz vor vier, legt der Turm seinen eigenen Schatten quer über die Innenstadt, ein dunkler Zeiger auf einem Zifferblatt aus Dächern. Unten schaltet die Stadt die Lichter an, oben stehen zwei Dutzend Menschen schweigend an der Brüstung. Neun Euro für die Erfahrung, Frankfurt einmal als Ganzes zu sehen statt in Ausschnitten — das ist, für hiesige Verhältnisse, ein bemerkenswert ehrlicher Preis.

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