Mainhattan · Damals

Bulle und Bär: Die Geschichte der zwei Berühmtheiten am Börsenplatz

Sie sind das wohl meistfotografierte Tierpaar der Stadt: Seit 1988 stehen Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse. Die Geschichte zweier Bronzen zwischen Kunst, Kommerz und Touristenritual — und was das Denkmal über das Verhältnis der Stadt zu ihrem Geld erzählt.

Von Johanna Roth 6 Min. Lesezeit
Die Bronzeskulpturen Bulle und Bär vor der Sandsteinfassade der Frankfurter Börse, der Börsenplatz noch menschenleer.
01Börsenplatz, 6:10 Uhr— Noch gehört der Platz den Tieren: Bulle und Bär im ersten Licht, bevor die Stadt ihre Kameras zückt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt Denkmäler für Goethe, für Schiller, für Kaiser und Kurfürsten — aber vor keinem wird so ausdauernd posiert wie vor zwei Tieren. Der Bulle senkt die Hörner, der Bär duckt sich ihm entgegen, dazwischen liegen wenige Meter Pflaster und, an guten Tagen, eine Traube von Menschen mit gezückten Telefonen. Bulle und Bär am Börsenplatz sind das wohl meistfotografierte Tierpaar der Stadt: Kulisse für Reisegruppen, Fernsehkorrespondenten und frisch gebackene Börsenvorstände. Wer das Duo allerdings länger betrachtet, als ein Foto dauert, entdeckt eine erstaunlich vielschichtige Geschichte — über eine mehr als 400 Jahre alte Institution, einen Frankfurter Bildhauer, ein englisches Sprichwort und die Frage, wie diese Stadt eigentlich zu ihrem Geld steht.

Zunächst die Choreografie, denn sie ist kein Zufall. Der Bulle steht aufgerichtet und massig da, das Haupt gesenkt, als setze er gerade zum Stoß an — nach oben, versteht sich. Der Bär kauert ihm geduckt gegenüber, die Tatze schwer am Boden: steigende Kurse hier, fallende dort, das ewige Auf und Ab der Märkte, in Bronze gegossen. Und ein Detail erzählen sich Börsenführungen bis heute gern: Der Bulle steht zwischen dem Bären und dem Börsengebäude — als solle der Optimist das Haus mit gesenkten Hörnern vor dem Schlechten abschirmen. Man kann das für Zufall halten. Muss man aber nicht.

Ein Geburtstagsgeschenk zum 400. Jubiläum der Börse

Die Geschichte der beiden beginnt mit einem Jubiläum. Im Jahr 1585 einigten sich Kaufleute während der Frankfurter Messe auf einheitliche Wechselkurse für die vielen umlaufenden Münzsorten — dieses Treffen gilt als Gründungsakt der Frankfurter Börse und macht sie zu einer der ältesten der Welt. Als sich das Datum 1985 zum 400. Mal jährte, wollte die Börse sich und der Stadt etwas Bleibendes schenken: kein Festakt, keine Jubiläumsschrift, sondern ein Denkmal — und zwar eines für die beiden Wappentiere des Kapitalmarkts. Den Auftrag erhielt Reinhard Dachlauer, ein Bildhauer, der sein Handwerk gleich um die Ecke gelernt und verfeinert hatte: in Frankfurt.

Dachlauer, 1922 in Frankfurt geboren, galt als einer der bedeutenden Tierplastiker seiner Zeit. Seine Tiere sind keine naturalistischen Kopien und keine abstrakten Chiffren, sondern etwas dazwischen: kraftvoll verdichtete Körper, denen man Spannung und Bewegung ansieht, noch bevor man sie als Kunst begreift. Für den Börsenauftrag war das die ideale Handschrift, denn Bulle und Bär sollten ja beides zugleich sein — echte Tiere, denen man die Muskeln glaubt, und Sinnbilder, die jeder auf einen Blick versteht.

Drei Jahre vergingen zwischen Auftrag und Enthüllung; Bronzeguss ist langsame Arbeit, und auch der Platz selbst wurde in dieser Zeit umgestaltet. Am 6. Oktober 1988 wurden die Figuren schließlich auf dem neu angelegten östlichen Teil des Börsenplatzes aufgestellt und dem Magistrat übergeben — seither gehören sie der Stadt. Dachlauer selbst konnte den Ruhm seiner Tiere nur wenige Jahre begleiten: Er starb 1995. Seine Bronzen dagegen fingen da gerade erst an, Karriere zu machen.

Nahaufnahme der blank polierten, golden glänzenden Hörner des bronzenen Bullen vor der unscharfen Sandsteinfassade der Börse.
02Börsenplatz, 11:20 Uhr— Unzählige Handflächen haben die Patina abgetragen: Die Hörner glänzen, als wären sie vergoldet.Foto: Zeit Frankfurt

Die Tiernamen sind älter als jedes Börsenlehrbuch

Warum überhaupt Bulle und Bär? Die Metaphern sind sehr viel älter als der Frankfurter Auftrag — sie stammen aus dem Londoner Börsenhandel des frühen 18. Jahrhunderts. Damals machte ein Sprichwort die Runde, das es auch ins Deutsche geschafft hat: Man solle die Haut des Bären nicht verkaufen, bevor man ihn erlegt hat. Genau das aber taten Spekulanten, die auf fallende Kurse setzten — sie verkauften Papiere, die sie noch gar nicht besaßen, in der Hoffnung, sie später billiger einsammeln zu können. Man nannte sie „bearskin jobbers", Bärenhauthändler; daraus wurde kurz der „bear". Der Bulle kam wenig später als kraftstrotzender Gegenspieler dazu. Was eine Aktie eigentlich ist und warum man mit ihr auf beide Richtungen setzen kann, haben wir an anderer Stelle Schritt für Schritt erklärt.

Die populäre Merkhilfe kam erst später auf, ist aber zu schön, um sie zu unterschlagen: Der Bulle stößt mit den Hörnern von unten nach oben, der Bär schlägt mit der Tatze von oben nach unten — Hausse und Baisse als Bewegungsstudie. Sprachlich haben sich die Tiere längst verselbstständigt. Vom „Bullenmarkt" spricht die Finanzwelt rund um den Globus, wenn die Kurse über Monate steigen, vom „Bärenmarkt", wenn sie tief und anhaltend fallen. Ob gerade das eine oder das andere herrscht, lässt sich in Frankfurt bequem ablesen — am Dax, dem Index der 40 größten börsennotierten Konzerne des Landes, den wir hier ausführlich erklärt haben.

Wer den Bullen aufstellt, muss auch den Bären ertragen — Frankfurt hat sich nicht für den Optimismus entschieden, sondern für das Gleichgewicht.

Vor der Bronze wird Finanzgeschichte inszeniert

Kaum standen die Tiere, wurden sie zur Bühne. Wenn ein Unternehmen an die Börse geht, entsteht das Pflichtfoto des Vorstands gern draußen am Bullen, bevor drinnen die Glocke läutet. Stürzen die Kurse ab, drehen die Fernsehteams ihre Kameras umgekehrt so, dass der Bär ins Bild ragt. Die Skulpturen sind damit zu einer Art Stimmungsbarometer der Republik geworden: Welches Tier im Vordergrund steht, verrät die Nachrichtenlage, noch bevor jemand ein Wort gesagt hat. Wie es hinter der Sandsteinfassade tatsächlich zugeht — deutlich unaufgeregter, als diese Dramaturgie vermuten lässt —, beschreibt unsere Reportage vom Frankfurter Parkett.

Auch als Projektionsfläche mussten die beiden immer wieder herhalten. Für eine Werbeaktion wurden sie 2007 kurzerhand grün gestrichen, 2008 gesellte sich vorübergehend eine bronzene Schildkröte dazu — ein Plädoyer für Geduld bei der Geldanlage —, und 2009, mitten in der Finanzkrise, packten Kritiker des Finanzsystems die Tiere demonstrativ in Watte. Man kann darin Respektlosigkeit sehen. Oder den besten Beweis dafür, dass ein Denkmal funktioniert: Es ist zur Chiffre geworden, an der sich Zustimmung wie Protest gleichermaßen abarbeiten.

Der bronzene Bär in geduckter Haltung von der Seite, im Hintergrund die Säulen des Börsenportals.
03Börsenplatz, Ostseite, 15:45 Uhr— Der Bär trägt seine dunkle Patina fast unberührt — fallende Kurse streichelt niemand.Foto: Zeit Frankfurt

Die blanken Hörner sind die eigentliche Pointe

Bronze dunkelt mit den Jahren nach; Wetter und Stadtluft legen eine fast schwarze Patina über das Metall. Es sei denn, unzählige Hände kommen dazwischen. Die Hörner des Bullen glänzen golden, weil sie seit Jahrzehnten berührt, gerieben und umklammert werden — von Touristen fürs Foto, von Anlegern für das Quäntchen Glück, von Berufsanfängern aus den Banktürmen ringsum, halb im Scherz, halb im Ernst. Der Bär dagegen trägt sein dunkles Fell nahezu unberührt. Niemand streichelt fallende Kurse. Ehrlicher ist das Verhältnis einer Stadt zu Risiko und Rendite selten dokumentiert worden — nicht in Akten, sondern im Metall selbst.

Den Rang des Frankfurter Paars begreift man am besten im Vergleich. Als in New York im Dezember 1989 der „Charging Bull" auftauchte — nachts, ungenehmigt, vom Bildhauer selbst vor der Wall Street abgeladen —, war das eine Trotzgeste nach dem Börsencrash von 1987: ein Bulle, nur ein Bulle, reiner Optimismus. Frankfurt war nicht nur ein Jahr früher dran, Frankfurt hat sich auch anders entschieden: für beide Tiere, einander zugewandt, im Gleichgewicht. Das ist, wenn man so will, die kaufmännische Weltsicht dieser Stadt in Bronze — wer auf steigende Kurse hofft, kalkuliert die fallenden mit ein. Kein Triumph, sondern eine Bilanz.

Ein Besuch lohnt sich zu jeder Kurslage

Der Weg zu den Tieren ist kurz: Von der Hauptwache sind es nur wenige Minuten zu Fuß, und plötzlich öffnet sich zwischen den Geschäftsstraßen der Börsenplatz. Dahinter erhebt sich das Börsengebäude von 1879, ein Neorenaissance-Bau mit heller Sandsteinfassade, im Krieg beschädigt und vereinfacht wieder aufgebaut. Der Handel selbst läuft heute fast vollständig elektronisch; das Parkett ist vor allem Kulisse und Fernsehstudio, besichtigen lässt es sich über die Besuchergalerie nach vorheriger Anmeldung. Die Tiere davor aber haben immer geöffnet — kostenlos, ohne Anmeldung, bei jedem Wetter.

Eine Hand berührt im warmen Abendlicht das golden glänzende Horn des Bullen, die Person bleibt unscharf im Hintergrund.
04Börsenplatz, 20:35 Uhr— Das Abendritual: eine Hand am Horn, eine stille Wette auf bessere Zeiten.Foto: Zeit Frankfurt

Am schönsten ist der Börsenplatz am Abend, wenn die Reisegruppen abgezogen sind und das letzte Licht die Fassade wärmt. Dann kommt fast immer noch jemand vorbei, verlangsamt den Schritt und legt wie beiläufig die Hand an das blanke Horn. Es ist eine kleine, stille Wette auf bessere Zeiten — und vielleicht die ehrlichste Form von Börsenoptimismus: Sie kostet nichts, niemand garantiert sie, und trotzdem hält sie sich nun schon seit 1988. Der Bär schaut zu. Er kann warten. Das konnte er schon immer.

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