Mainhattan · Porträt
In 200 Metern Höhe: Unterwegs mit einem Industriekletterer
Er reinigt Glasfassaden, prüft Fugen und hängt dabei an zwei Seilen über dem Bankenviertel: Ein Industriekletterer kennt Frankfurts Türme von einer Seite, die sonst niemand sieht. Wir haben ihn einen Sommertag lang begleitet — vom Gerätecheck im Morgengrauen bis zum Feierabend auf der Dachkante.
Es ist kurz nach sechs an einem Augustmorgen, und Frankfurt gehört noch den Lieferwagen und den Amseln, als Denis über die Brüstung steigt. Kein Zögern, keine große Geste: Er prüft ein letztes Mal die beiden Seile, die über die gepolsterte Dachkante laufen, lehnt sich in den Gurt und verschwindet aus dem Blickfeld — so beiläufig, als stiege er in eine S-Bahn. Unter seinen Sohlen liegen rund 200 Meter Luft, dann Straßenbahngleise, Ampeln, ein Kiosk, in den gerade die Zeitungsstapel getragen werden. „Die beste Stunde des Tages", wird er später sagen. „Kein Wind, kein Publikum, und das Glas ist noch kühl."
Denis ist 39, gelernter Dachdecker aus Offenbach und arbeitet seit elf Jahren als Industriekletterer — Seilzugangstechniker, wie der Beruf offiziell heißt. Seinen Nachnamen möchte er nicht gedruckt sehen; nicht aus Scheu, sondern weil seine Auftraggeber Diskretion erwarten: Wer an den Türmen von Banken hängt, redet nicht über Banken. An diesem Morgen ist es ein Büroturm nahe der Mainzer Landstraße, dessen oberste Fassadenmeter gereinigt und dessen Silikonfugen kontrolliert werden sollen — genau dort, wo die fest installierte Befahranlage, die Reinigungsgondel auf dem Dach, nicht hinreicht. Vorsprünge, Rücksprünge, verwinkelte Technikaufbauten: Es sind die unbequemen Stellen der Architektur, von denen Leute wie Denis leben.
Die Sicherheit hängt nie an einem einzigen Seil
Wer ihm bei der Vorbereitung zusieht, begreift schnell, dass dieser Beruf mit Abenteuer wenig zu tun hat. Alles existiert doppelt: zwei Seile an zwei unabhängigen Anschlagpunkten, zwei Systeme am Gurt. Am Arbeitsseil hängt Denis mit seinem Abseilgerät; das zweite Seil läuft durch ein mitlaufendes Auffanggerät, das in dem Moment blockiert, in dem irgendetwas nicht stimmt. „Zwei-Seil-Prinzip", sagt er. „Darüber machen wir nicht mal Witze." Die Vorschriften für diese Arbeit — in Deutschland regeln Berufsgenossenschaften und technische Regelwerke sie bis ins Detail — lesen sich entsprechend unromantisch: Anschlagpunkte, Kantenschutz, Rettungskonzept, alles muss vor dem ersten Meter feststehen.
Und niemand arbeitet allein. Oben auf dem Dach steht an diesem Morgen sein Kollege Artur, per Funk verbunden, der jede Bewegung verfolgt und Denis im Ernstfall binnen Minuten ablassen oder hochholen könnte. Die Rettung aus eigener Kraft ist Teil jeder Ausbildung und jedes Auftrags — man verlässt sich nicht darauf, dass die Feuerwehr rechtzeitig eine Drehleiter findet, die bis hier oben ohnehin nicht reicht. Das Material wird geführt wie in der Luftfahrt: Jedes Seil, jeder Karabiner, jeder Gurt hat eine Nummer, ein Prüfdatum, eine Akte. Vor dem Einsatz geht Denis die ganze Kette einmal durch, danach Artur ein zweites Mal. Erst dann steigt einer über die Kante.

In den Beruf führt kein Lehrvertrag, sondern ein Zertifikat
Einen Ausbildungsberuf „Industriekletterer" gibt es in Deutschland nicht. Wer in die Seile will, kommt in aller Regel aus einem Handwerk — Dachdecker wie Denis, Elektriker, Metallbauer, Gebäudereiniger — und setzt eine Zertifikatsausbildung obendrauf, meist nach den Standards des deutschen Fachverbands FISAT oder des internationalen Verbands IRATA. Drei Stufen gibt es: vom Einsteiger, der unter Aufsicht arbeitet, bis zum aufsichtsführenden Techniker, der Einsätze plant und verantwortet. Dazu kommen regelmäßige Wiederholungsschulungen, eine arbeitsmedizinische Eignungsuntersuchung für Arbeiten mit Absturzgefahr — und eine Eigenschaft, die in keinem Zeugnis steht: die Bereitschaft, Checklisten ernster zu nehmen als das eigene Bauchgefühl.
Und die Höhenangst? Denis überlegt keine Sekunde. Respekt sei das richtige Wort, sagt er, Angst das falsche. „Die ersten zwei Meter unter der Kante kribbeln auch nach elf Jahren. Danach ist es ein Arbeitsplatz — ein ziemlich gut gesicherter sogar." Kollegen, die den Beruf wegen des Nervenkitzels wollten, erzählt er, seien selten alt darin geworden; wer bleibe, seien die Ruhigen, die Pedanten, die Leute, die auch zu Hause die Leiter festhalten. Dann sagt er den Satz, der von diesem Tag hängen bleibt:
Mut ist das falsche Wort. Mut braucht man für Dinge, die man nicht kontrollieren kann — wir kontrollieren alles, und zwar zweimal.
Von oben ist die Skyline kein Panorama, sondern ein Auftragsarchiv
Gegen neun hat die Stadt zu ihm aufgeschlossen. Unten schieben sich die S-Bahnen Richtung Hauptwache, die Straßen füllen sich, und um Denis herum sortiert sich das bekannteste Panorama des Landes: der Commerzbank Tower, mit 259 Metern das höchste Hochhaus Deutschlands, dahinter der Messeturm mit seiner Bleistiftspitze, gegenüber der Main Tower, auf dessen Aussichtsplattform in ein paar Stunden die ersten Touristen stehen werden. Denis liest diese Ansicht anders als sie. „Das Dach da drüben hatten wir im Winter, Taubenschutz. Die Natursteinfassade dahinter haben wir vor zwei Jahren neu verfugt." Die Skyline, sagt er, sei für ihn kein Postkartenmotiv, sondern ein Archiv erledigter und kommender Aufträge.
Es ist eine eigentümliche Perspektive auf den Finanzplatz. Ein paar Straßenzüge weiter, am Börsenplatz, beginnt um diese Zeit der Handelstag — wie so ein Vormittag zwischen Parkett und Xetra abläuft, lesen Sie in unserer Reportage von der Börse Frankfurt —, und vor dem Portal fotografieren die ersten Besucher Bulle und Bär. Die Konzerne, deren Namen an den Türmen und im Dax stehen, sind aus Denis’ Blickwinkel vor allem eines: Fassadenfläche. „Was hinter dem Glas passiert, weiß ich nicht", sagt er. „Ich weiß, wie das Glas gelagert ist." Ab und zu winkt ihm jemand durch die Scheibe zu, meist aus den mittleren Etagen. Ganz oben, sagt er, schaue selten jemand auf.

Der senkrechte Blick nach unten, der Passanten den Magen umdreht, ist für ihn schlicht die Arbeitsrichtung. Was von der Straße wie Wagemut aussieht, ist von oben betrachtet Geometrie: Bahnen von gut einem Meter Breite, die er abfährt, reinigt, prüft — dann umsetzen, wieder von vorn. Anstrengend sei weniger der Kopf als der Körper, sagt er: Schultern, Unterarme, die Disziplin, in der Mittagshitze zu trinken, bevor der Durst kommt. Im Hochsommer beginnen die Einsätze deshalb im Morgengrauen; aufgeheiztes Glas und pralle Sonne sind ein schlechtes Team. Und es gibt Tage, an denen gar nichts geht: Ab einer bestimmten Windstärke bleiben die Seile im Sack, bei aufziehendem Gewitter wird die Fassade sofort geräumt. „Der Wetterbericht", sagt Artur oben auf dem Dach, „ist unser eigentlicher Chef."
Ein unsichtbarer Beruf hält die sichtbarste Architektur der Stadt in Schuss
Der Markt für diese Arbeit ist in Frankfurt so groß wie in keiner anderen deutschen Stadt, aus einem einfachen Grund: Nirgendwo sonst im Land stehen so viele Hochhäuser auf so wenigen Quadratkilometern. Und jede dieser Fassaden will gereinigt, geprüft, abgedichtet, nachgerüstet werden — Glasreinigung, Fugensanierung, Betonkontrolle, Blitzschutzmessung, Taubenabwehr, die Montage von Antennen, Sensoren und Werbebannern, im Advent auch einmal Beleuchtung. Vieles davon ließe sich theoretisch mit Hubsteigern oder Gerüsten erledigen, praktisch aber oft nicht: zu hoch, zu eng, zu teuer, zu langwierig. Ein eingespieltes Team am Seil ist an vielen Stellen die schnellste und leiseste Lösung — und die, die den Betrieb hinter den Scheiben am wenigsten stört.
Reich, sagt Denis, werde in den Seilen niemand; bezahlt werde die Verantwortung, nicht der Nervenkitzel. Was den Beruf trage, sei etwas anderes: die Ruhe da oben, das eingespielte Vertrauen im Team und die seltene Erfahrung, das Ergebnis der eigenen Arbeit am Feierabend von der Straße aus sehen zu können. „Wenn die Sonne tief steht und die Fassade glänzt, weißt du genau, welche Bahnen du gemacht hast", sagt er. „Das hat nicht jeder Bürojob."
Am Abend wird aus dem Arbeitsplatz wieder eine Skyline
Gegen halb neun ist Schluss. Die letzten Bahnen sind geschafft, die Fugenprotokolle fotografiert, unten hat der Kiosk längst wieder zugesperrt. Denis und Artur ziehen die Seile ein, Meter um Meter, und legen sie in sauberen Buchten in die Säcke — Seilpflege ist Lebensversicherung, auch dafür gibt es eine Checkliste. Über dem Taunus steht die Sonne schon tief, das Bankenviertel färbt sich in jenes Kupferlicht, für das die Stadt auf Fotos so gern gelobt wird. Denis setzt sich für einen Moment auf die Dachkante, die Beine sicher hinter der Brüstung, und schaut zu, wie unten die ersten Laternen angehen.

Ob er die Skyline eigentlich noch schön finde, nach elf Jahren an ihren Außenwänden? Denis überlegt länger als bei allen Fragen zuvor. „Schön ist das falsche Wort", sagt er dann. „Sie ist gepflegt. Das ist mehr." Wenn Sie also das nächste Mal im Bankenviertel den Kopf in den Nacken legen und an einer der Glaswände zwei dünne Linien entdecken, mit einem Punkt daran, der sich langsam bewegt: Das ist kein Artist und kein Draufgänger. Das ist ein Handwerker an seinem Arbeitsplatz, 200 Meter über Ihrem — und vermutlich gerade der gelassenste Mensch der Stadt.
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