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Das IG-Farben-Haus: Poelzigs Koloss im Westend
Ein sanft geschwungener Steinkoloss, sechs Flügel, Paternoster, die nie stehen bleiben: Der Poelzigbau im Westend war Konzernzentrale, US-Hauptquartier und ist heute Universität. Die vielen Leben eines Gebäudes.
Am Rand des Westends, hinter weiten Rasenflächen, liegt ein Gebäude, das sich jeder schnellen Einordnung entzieht. Der Poelzigbau ist kein Turm und kein klassischer Kasten, sondern ein langgestreckter, sanft geschwungener Steinkoloss: Von einem gebogenen Mittelbau gehen sechs Seitenflügel ab wie die Zinken eines Kamms. Die Fassade misst rund 250 Meter; als das Haus 1930 bezugsfertig war, galt es bis in die 1950er Jahre als größtes Bürogebäude Europas.
Errichtet wurde es um 1928 bis 1930 nach dem Entwurf von Hans Poelzig, einem der bedeutendsten deutschen Architekten seiner Zeit. Auftraggeber war die IG Farben, damals einer der größten Chemiekonzerne der Welt. Konstruktiv ruht der Bau auf einem Stahlskelett; es trägt die Lasten, sodass der helle Cannstatter Travertin nur noch als vorgehängte Haut nötig war – für 1930 eine hochmoderne Bauweise. Die strenge Rasterfassade wirkt gewaltig, doch die weite Krümmung des Baukörpers nimmt ihr die Schwere.
Berühmt ist der Bau auch für ein technisches Detail: die Paternoster. Der Neubau war für einen Massenbetrieb mit tausenden Angestellten geplant, und die offenen Umlaufaufzüge sollten sie rasch auf die sechs Flügel verteilen. Diese Kabinen laufen ohne Türen und ohne Halt durch die Etagen; man muss im richtigen Moment ein- und aussteigen. Sie fahren bis heute – ein Stück funktionierende Technikgeschichte mitten im Universitätsalltag.

Ein Haus mit vielen Leben
Die Geschichte des Gebäudes ist untrennbar mit den Brüchen des 20. Jahrhunderts verbunden. Die IG Farben war tief in die Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt: In den Buna-Werken bei Auschwitz-Monowitz ließ der Konzern Häftlinge unter tödlichen Bedingungen arbeiten, über eine Beteiligungsgesellschaft war er zudem am Vertrieb des Giftgases Zyklon B beteiligt. An diese Opfer erinnert seit 2008 das Wollheim-Memorial auf dem Norbert-Wollheim-Platz direkt vor dem Haus – benannt nach einem Überlebenden, der den Konzern nach dem Krieg vor einem Frankfurter Gericht auf Entschädigung verklagte.
Den Krieg überstand der Bau nahezu unzerstört. Schon 1945 zog die US-Armee ein und machte das Haus zu einem ihrer wichtigsten Standorte in Europa. Wie sehr die Stadt in jenen Jahren ums Wiederaufstehen rang, lässt sich am zerstörten Frankfurt von 1945 ablesen – der Poelzigbau aber stand fast makellos da.
Ein Gebäude, das im Lauf eines Jahrhunderts fast alles war – Konzern, Kaserne, Campus.
Hauptquartier der Amerikaner
Von hier aus regierte die amerikanische Militärverwaltung ihre Besatzungszone; General Eisenhower hatte im Haus sein Hauptquartier, und im September 1945 schuf die Militärregierung per Proklamation das Land Groß-Hessen. Jahrzehntelang blieb das Areal abgeriegelt, ein Stück Amerika mitten in Frankfurt. Am 11. Mai 1972 verübte die RAF hier einen Sprengstoffanschlag auf das V. US-Korps, bei dem ein amerikanischer Offizier starb. Mitte der 1970er Jahre wurde der Komplex nach General Creighton Abrams benannt; als „Abrams Building“ kannte ihn eine ganze Soldatengeneration. Erst 1995 zogen die Amerikaner ab.
Vom Machtsymbol zum Campus
Die Goethe-Universität übernahm das leerstehende Gelände und richtete hier ihren Campus Westend ein, der 2001 eröffnete. Wo einst Konzernvorstände und Generäle residierten, sitzen heute Studierende in Seminaren und steigen in dieselben Paternoster. Das benachbarte Casino, in dem Poelzig den Speise- und Gesellschaftssaal des Ensembles untergebracht hatte und das den US-Offizieren als Klub diente, dient heute Vorträgen, Feiern und der universitären Gastronomie; hinter dem Haus geht der Campus unmittelbar in den Grüneburgpark über. Zur Geschichte der Goethe-Universität passt dieser Ort: eine Stiftungsuniversität, die sich ein Haus der Macht aneignet und öffnet.
Denkmal und Alltag zugleich
Der Poelzigbau ist heute ein geschütztes Kulturdenkmal – und zugleich ein Ort des ganz normalen Uni-Alltags. Der Denkmalschutz umfasst nicht nur die Travertinfassade, sondern auch die Treppenhäuser und die laufenden Paternoster. Anders als ein Museumsstück wird das Haus täglich benutzt, und die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft gehört zu diesem Betrieb: Wer zur Vorlesung über den Norbert-Wollheim-Platz geht, passiert das Mahnmal für die Zwangsarbeiter des Konzerns. Was Frankfurt mit solchen Bauten anfängt, verhandelt auch die städtische Denkmalpflege immer wieder neu.
So steht der geschwungene Koloss am Grüneburgplatz für die Widersprüche eines ganzen Jahrhunderts: Konzernzentrale, Kaserne, Campus. Er erinnert an eine schwere Vergangenheit und zeigt zugleich, dass Orte sich wandeln können – vom Symbol der Macht zum Haus des Lernens. Wenige Gebäude in Frankfurt erzählen dieses Jahrhundert so vollständig wie dieses.
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