Kultur · Porträt

Doktor Struwwelpeter: Heinrich Hoffmann und sein Museum

Weihnachten 1844 zeichnete ein Frankfurter Arzt ein Bilderbuch für seinen dreijährigen Sohn — und schuf den größten Buchexport dieser Stadt. Wer Heinrich Hoffmann nur als Struwwelpeter-Autor kennt, verpasst den Psychiater, dessen Anstalt dort stand, wo heute das IG-Farben-Haus steht.

Von Lukas Schardt 8 Min. Lesezeit
Rekonstruiertes Altstadthaus mit Sandsteinfassade in der Gasse Hinter dem Lämmchen in Frankfurt.
01Hinter dem Lämmchen, Neue Altstadt, 11:10 Uhr— Im rekonstruierten Haus zum Esslinger residiert seit 2019 das Struwwelpeter-Museum — zwischen Dom und Römerberg.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt ein Buch, das mehr Menschen kennen als die Paulskirche, den Römer und den Kaiserdom zusammen, und fast niemand weiß, dass es hier entstanden ist. Zwischen Dom und Römerberg, in einer Gasse, die Hinter dem Lämmchen heißt, steht das Haus, in dem dieses Buch heute ausgestellt wird. Es ist ein rekonstruiertes Altstadthaus mit dem Namen „Zum Esslinger", und was drinnen erzählt wird, ist gleichzeitig harmloser und ernster, als der Ruf des Buches vermuten lässt.

Heinrich Hoffmann wurde am 13. Juni 1809 in Frankfurt geboren und starb am 20. September 1894 in Frankfurt. Dazwischen liegen fünfundachtzig Jahre, in denen er fast alles war, was ein bürgerlicher Frankfurter im 19. Jahrhundert sein konnte: Arzt, Anatomiedozent, Psychiater, Kommunalpolitiker, Vereinsgründer, Gelegenheitsdichter. Berühmt wurde er für zwei Wochen Arbeit im Dezember 1844.

Ein Buch, das eigentlich nur ein Weihnachtsgeschenk war

Die Geschichte ist gut belegt und trotzdem kaum zu glauben. Hoffmann suchte für seinen dreijährigen Sohn Carl ein Bilderbuch zu Weihnachten, fand in den Frankfurter Läden nur Belehrendes und Langweiliges, kaufte stattdessen ein leeres Heft und zeichnete und dichtete selbst. Das Ergebnis lag Weihnachten 1844 unter dem Baum. Freunde sahen es, drängten zur Veröffentlichung, und im Oktober 1845 erschien die erste Druckausgabe.

Lustige Geschichten und drollige Bilder mit 15 schön kolorirten Tafeln für Kinder von 3–6 Jahren

Titel der ersten gedruckten Ausgabe, Frankfurt 1845

Der Autor traute der Sache nicht. Hoffmann veröffentlichte anonym, unter dem Pseudonym „Reimerich Kinderlieb", weil er fürchtete, ein Kinderbuch könne seinem Ruf als Arzt schaden. Der Name Struwwelpeter, der später auf den Titel rückte, gehörte ursprünglich nur einer der Figuren. Die Sorge war unbegründet: Bis 1939 zählte man rund fünftausend Ausgaben, das Buch wurde in dutzende Sprachen übersetzt, und der Verkaufserfolg überdauerte alles, was Hoffmann sonst geschrieben hat.

Über die Frage, was der „Struwwelpeter" eigentlich ist, wird seit Generationen gestritten. Die eine Lesart sieht ein Erziehungsbuch der schwarzen Pädagogik: Wer nicht hört, verliert die Daumen, verbrennt, verhungert, ersäuft. Die andere sieht eine Groteske, ein maßlos übertriebenes Spiel mit der Drohung, das Kinder gerade deshalb komisch finden. Hoffmann selbst hat sich zeitlebens als jemand beschrieben, der Kinder ernst nahm — der Arzt, der in der Sprechstunde zeichnete, um kleine Patienten abzulenken. Das Museum in der Neuen Altstadt lässt beide Deutungen nebeneinander stehen, statt eine davon zu erledigen, und das ist die klügste Entscheidung seiner Dauerausstellung.

Zum Streit gehört auch, dass der „Struwwelpeter" Stellen enthält, die man heute nicht mehr vorlesen mag: eine Geschichte, die schwarze Kinder zum Anlass für Spott nimmt und die in vielen Ausgaben des 20. Jahrhunderts stillschweigend weiterlief. Museen und Verlage gehen damit unterschiedlich um — durch Kommentierung, durch Weglassen, durch Konfrontation mit Bearbeitungen. Ein Haus, das ein historisches Buch zeigt, kann diese Seiten nicht verstecken, ohne sein eigenes Thema zu verfehlen; es kann sie aber einordnen. Genau das ist die Aufgabe, die eine Dauerausstellung zu einem Klassiker im Jahr 2026 zu lösen hat.

Fast unbemerkt hat Hoffmanns Heft außerdem eine Karriere in der Fachsprache gemacht. Der „Zappelphilipp", der bei Tisch nicht stillsitzen kann, ist als Wort in die deutsche Alltagssprache und von dort in die Debatte über kindliche Aufmerksamkeitsstörungen gewandert; „Hans Guck-in-die-Luft" steht bis heute für Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr. Dass ausgerechnet ein Psychiater diese Figuren erfunden hat, ist kein Zufall, aber auch keine Diagnose: Hoffmann schrieb keine Fallgeschichten, er schrieb Verse für ein dreijähriges Kind. Die Fachwelt hat sich die Bilder später geliehen.

Aufgeschlagenes altes Bilderbuch mit handkolorierten Tafeln in einer Museumsvitrine, gedämpftes Licht.
02Struwwelpeter-Museum, Dauerausstellung, 11:45 Uhr— Die erste Druckausgabe erschien 1845 mit fünfzehn kolorierten Tafeln — Hoffmann veröffentlichte sie unter Pseudonym.Foto: Zeit Frankfurt

Der andere Hoffmann: Armenarzt, Anatom, Psychiater

Wer nur den Struwwelpeter kennt, kennt Hoffmanns Nebenberuf. Nach dem Medizinstudium in Heidelberg von 1829 bis 1832 und in Halle von 1832 bis 1833, wo er 1833 promovierte, eröffnete er 1834 in Frankfurt eine Praxis — im Gasthaus „Zum Tannenbaum", an der Adresse, die heute Brückenstraße 17 bis 19 lautet, in Sachsenhausen. Er arbeitete als Leichenschauarzt, unterrichtete von 1844 bis 1851 Anatomie am Senckenbergischen Anatomischen Institut und gehörte 1845 zu den Gründern des Ärztlichen Vereins Frankfurt. Sein Publikum waren nicht die Villenbewohner, sondern die einfachen Leute der Altstadt.

Politisch war er ein Kind seiner Zeit: Von 1846 bis 1849 gehörte er der Frankfurter Gesetzgebenden Versammlung an, in den Debatten des Revolutionsjahres stand er für eine konstitutionelle Monarchie und für eine deutsche Führungsrolle Preußens — eine Position, die im Umfeld der Nationalversammlung in der Paulskirche verbreitet war und die Geschichte bekanntlich nicht bestätigt hat.

Am 12. Juni 1851 übernahm Hoffmann die ärztliche Leitung der städtischen „Anstalt für Irre und Epileptische". Er behielt sie bis 1888, siebenunddreißig Jahre lang. Was er dort vorfand, war nach heutiger Lesart weniger Krankenhaus als Verwahrung. Was er daraus machte, ist die eigentliche Leistung seines Lebens.

Das Irrenschloss auf dem Affenstein

Hoffmann warb bei Frankfurter Bürgern jahrelang für einen Neubau, und er war darin erfolgreich, wie es in dieser Stadt nur wenige waren: Aus anfänglich 46.000 Gulden wurden durch Spenden 380.000 Gulden, allein 100.000 davon aus dem Vermächtnis des Freiherrn von Wiesenhütten. Es ist dieselbe Mechanik, mit der Frankfurt sein Städel und seine Universität finanziert hat: privates Geld für öffentliche Zwecke, weil die Stadt keinen Fürsten hatte, der es bezahlt hätte.

Gebaut wurde von 1859 bis 1864 auf dem Affenstein, einem damals weitgehend unbebauten Feld im Westen der Stadt. Der Architekt Oskar Pichler entwarf eine neugotische Anlage, die der Volksmund bald „Irrenschloss" nannte. Die Innovationen lagen im Detail und waren im Anstaltsbau der Zeit fast revolutionär: Fenster ohne Gitter, Flure ohne Abteilungen, dazu Gärten, Wasserklosetts und eine Trennung der Kranken nach Geschlecht und Krankheitsbild — es gab, in der Sprache der Zeit, eine „Abteilung für Tobende" und einen „Garten für Unruhige". Frische Luft, Ernährung und Hygiene standen im Zentrum der Behandlung, weil man psychische Erkrankungen als körperlich verursacht verstand.

Die Anstalt überlebte ihren Gründer um Jahrzehnte. Unter Hoffmanns Nachfolger Emil Sioli entstand hier bis 1909 eine der ersten Kinder- und Jugendpsychiatrien Deutschlands; nach Darstellung der Goethe-Universität und der einschlägigen Literatur beschrieb Alois Alzheimer an diesem Haus 1901 jenes Krankheitsbild, das heute seinen Namen trägt. 1914 wurde die Klinik in die neu gegründete Universität eingegliedert. Ende der 1920er Jahre entsprach der Bau den technischen Anforderungen nicht mehr und wurde abgerissen; Wikipedia datiert den Abbruch auf 1928, die Universität auf 1929.

Und dann kommt die Pointe, die Frankfurter Stadtgeschichte so gern liefert: Das frei gewordene Grundstück auf dem Affenstein kaufte die I.G. Farben. Dort, wo Hoffmann die Gitter aus den Fenstern hatte nehmen lassen, steht seit den frühen dreißiger Jahren das IG-Farben-Haus, später Hauptquartier der US-Armee, heute Campus Westend der Goethe-Universität. Kaum ein Frankfurter Grundstück trägt so viele Schichten.

Enge Gasse mit rekonstruierten Fachwerk- und Steinhäusern, Kopfsteinpflaster, Blick nach oben zum Himmel, Hochformat.
03Neue Altstadt, Hinter dem Lämmchen, 12:30 Uhr— Das Museum zog 2019 aus dem Westend hierher — in ein Haus, das es hundert Jahre lang nicht gab.Foto: Zeit Frankfurt

Vom Westend in die Neue Altstadt

Das Museum, das Hoffmanns Andenken pflegt, ist selbst ein Stück Stadtgeschichte. 1977 wurde es als Heinrich-Hoffmann- und Struwwelpeter-Museum gegründet und lag jahrzehntelang in der Schubertstraße 20 im Westend — gut versteckt, ein Museum für Kenner. Im September 2019 zog es in die Neue Altstadt, in das rekonstruierte Haus zum Esslinger an der Adresse Hinter dem Lämmchen 2 bis 4. Die neu gestalteten Ausstellungsräume erhielten 2022 den German Design Award.

Der Umzug war ein Standortwechsel mit Ansage. Die Neue Altstadt zwischen Dom und Römer wurde 2018 eröffnet und ist seither das meistdiskutierte Stadtquartier Frankfurts: Rekonstruktion oder Kulisse, Heimat oder Postkarte. Ein Museum über ein Kinderbuch von 1844, das in einem Haus untergebracht ist, das es hundert Jahre lang nicht gab, steht mitten in dieser Debatte — und zieht daraus seinen Vorteil. Wo vorher wenige Interessierte ins Westend fuhren, laufen heute Besucher zufällig vorbei.

Getragen wird das Haus von der Frankfurter Werkgemeinschaft, einem gemeinnützigen Verbund, der seit 1967 im Umfeld der Caritas arbeitet und Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen bei Rehabilitation und Teilhabe unterstützt. Das Museum ist ein barrierefreier Inklusionsbetrieb: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier zusammen, im Shop stehen Produkte aus Werkstätten. Man muss das nicht symbolisch überhöhen, aber es ist doch bemerkenswert, dass ausgerechnet das Museum des Anstaltsdirektors Hoffmann von einer Einrichtung betrieben wird, die seine andere Lebensaufgabe fortsetzt.

Die Dauerausstellung erzählt Hoffmanns Leben, seine psychiatrischen Reformen und die Entstehung des Buchs, zeigt seltene Ausgaben in vielen Sprachen, Bearbeitungen, Parodien und Kunst, die sich am Struwwelpeter abgearbeitet hat. Für Kinder ist das Haus interaktiv angelegt; ein kostenloser Mobile Guide führt in mehreren Sprachen durch die Räume, für die jüngsten Gäste übernimmt eine Museumsmaus. Geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag zwischen 11 und 18 Uhr, Gruppen kommen nach Anmeldung schon ab 10 Uhr hinein.

Dazu kommt ein Programm, das eher an ein Nachbarschaftshaus erinnert als an ein Literaturmuseum: Ferienangebote für Kinder, Führungen, Kindergeburtstage, Sonderausstellungen, und für Privatfeiern lassen sich Räume mieten. Gefördert wird das Haus vom Kulturamt der Stadt Frankfurt, außerdem gehört es der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften an. Das klingt nach Verwaltung und ist doch der Grund, warum ein Spezialmuseum dieser Größe in einer Innenstadtlage überleben kann, in der die Quadratmeterpreise sonst nur Handel und Gastronomie tragen.

Was von Hoffmann bleibt

Hoffmann wohnte von 1851 bis 1859 in der Hochstraße 45, später am Grüneburgweg 95 — beides Adressen im Westend, beides fußläufig zu seiner Anstalt. Begraben ist er auf dem Frankfurter Hauptfriedhof, Gewann G an der Mauer, Nummer 541. Es ist ein Grab, an dem man vorbeigeht, wenn man nicht danach sucht.

Das Missverhältnis zwischen dem Ruhm des Buches und der Unauffälligkeit seines Autors ist die interessanteste Größe dieser Geschichte. Ein Frankfurter Arzt schreibt in zwei Wochen nebenher ein Heft für seinen Sohn und produziert damit ein Weltbuch; derselbe Mann arbeitet siebenunddreißig Jahre an der Reform einer psychiatrischen Anstalt, und kaum jemand weiß davon. Dass beides zusammengehört, ist die These des Museums: Wer den Struwwelpeter für pure Grausamkeit hält, sollte sich ansehen, wie dieser Arzt mit den Menschen umging, für die im 19. Jahrhundert sonst niemand zuständig war.

Am Ausgang, zurück in der Gasse Hinter dem Lämmchen, steht man dann wieder in dieser sehr neuen alten Stadt, zwischen Sandstein, Fachwerk und Handykameras, und hört von irgendwoher das Glockenspiel. Der Dom ist keine dreißig Schritte entfernt, der Römerberg auch nicht, und irgendwo dazwischen liegt die Erkenntnis, dass Frankfurts größter Kinderbuch-Export von einem Mann stammt, der Kinder vor allem eines nicht wollte: langweilen.

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