Damals

Paulskirche 1848: Als hier Demokratie geprobt wurde

Am 18. Mai 1848 zogen 585 Abgeordnete in eine Frankfurter Kirche ein und versuchten etwas, das es in Deutschland noch nie gegeben hatte: ein Parlament. Ein Jahr später war alles vorbei — und doch beginnt in der Paulskirche fast alles, was unsere Verfassung heute ausmacht.

Von Johanna Roth Aktualisiert am 8 Min. Lesezeit
Die rote Sandstein-Rotunde der Frankfurter Paulskirche, nasses Kopfsteinpflaster auf dem Paulsplatz.
01Paulsplatz, 9:10 Uhr— Regen auf dem Pflaster, Ruhe um die Rotunde — hier tagte Deutschlands erstes Parlament.Foto: Zeit Frankfurt

Wer heute über den Paulsplatz geht, zwischen Eiscafé-Stühlen und Fahrradständern, überquert den Ort, an dem Deutschland zum ersten Mal versucht hat, sich selbst zu regieren. Es gibt keine Absperrung, kein Pathos, nicht einmal besonders viel Publikum: eine backsteinrote Rotunde, ein Turm, ein paar Tauben. Dass in diesem Haus vor bald 180 Jahren die Sätze fielen, aus denen später Artikel unseres Grundgesetzes wurden, muss man wissen, um es zu sehen. Man sollte es wissen. Es ist die beste Geschichte, die diese Stadt zu erzählen hat.

Sie beginnt nicht in Frankfurt, sondern überall: Im Frühjahr 1848 kippt die Stimmung in Europa. In Paris wird im Februar der König gestürzt, binnen Wochen brennen die Barrikaden auch in Wien und Berlin. Die Forderungen sind auf allen Plakaten dieselben — Pressefreiheit, Schwurgerichte, Volksbewaffnung, und über allem: ein deutsches Parlament. Denn „Deutschland" ist zu diesem Zeitpunkt kein Staat, sondern ein loser Bund aus fast vierzig Fürstentümern und freien Städten, zusammengehalten von einem Gesandtenkongress, der in Frankfurt tagt und ungefähr so volksnah ist wie sein Name: Bundestag des Deutschen Bundes.

Warum ausgerechnet eine Kirche zum Parlament wurde

Dass die Revolution ihre Versammlung nach Frankfurt legt, ist folgerichtig: Die Freie Stadt ist Sitz des Bundes, sie gehört keinem König, und sie liegt in der Mitte. Im März 1848 trifft sich hier zunächst ein selbsternanntes Vorparlament, das die Wahlen organisiert — und dann geht alles erstaunlich schnell. Ende April wird gewählt, in den Einzelstaaten nach unterschiedlichem Recht, aber erstmals mit dem Anspruch, alle Deutschen zu vertreten. Am 18. Mai 1848 ziehen die Abgeordneten vom Römer hinüber in die Paulskirche, 585 sind beim Auftakt erschienen; im Lauf der Monate werden über 800 Männer ein Mandat wahrnehmen. Frauen sind nicht wählbar und nicht stimmberechtigt — sie sitzen, wie die Journalisten, auf den Emporen.

Man muss sich die Kirche dabei als Provisorium vorstellen: Deutschland hatte kein Parlamentsgebäude, weil es Deutschland nicht gab. Die Paulskirche, erst 1833 nach jahrzehntelanger Bauzeit geweiht, war schlicht der größte runde Saal der Stadt — gut dreitausend Menschen fasste er, die Orgel wurde mit den Fahnen Schwarz-Rot-Gold verhängt, über dem Präsidententisch hing eine allegorische Germania. Die Akustik war miserabel, geheizt wurde schlecht, und doch entstand hier binnen Tagen, was es nie gegeben hatte: Fraktionen, die sich nach Frankfurter Gasthäusern nannten, eine Geschäftsordnung, Ausschüsse, Zwischenrufe — der ganze Maschinenraum parlamentarischer Demokratie, improvisiert zwischen Kirchenbänken.

Der helle, schlichte Rundsaal der Paulskirche mit einem Ring weißer Säulen, Stuhlreihen und weichem Tageslicht von oben.
02Paulskirche, Rundsaal, 10:30 Uhr— Der Wiederaufbau von 1948 machte aus der Kirche einen Saal von fast strenger Nüchternheit — mit Absicht.Foto: Zeit Frankfurt

Die Grundrechte waren das eigentliche Ereignis

Den Vorsitz übernimmt Heinrich von Gagern, ein liberaler Hesse mit der seltenen Gabe, achthundert Professoren, Advokaten und Fabrikanten gleichzeitig zu bändigen — die Versammlung ist so akademisch besetzt, dass der Spott vom „Professorenparlament" bis heute hält. Er ist unfair: Was diese Männer zwischen Mai 1848 und März 1849 erarbeiten, ist keine Seminarübung, sondern das Fundament des deutschen Verfassungsstaats.

Wie dieses Parlament arbeitete, kann man sich lebhafter vorstellen, als Schulbücher es erlauben. Die Fraktionen — das Wort entsteht in diesen Monaten — benannten sich nach ihren Stammlokalen: Die Rechte traf sich im „Café Milani", das linke Zentrum im „Württemberger Hof", die radikale Linke im „Deutschen Hof" beim Wirt am Mainufer. Politik wurde also buchstäblich in Frankfurter Gasthäusern gemacht, zwischen Braten und Flaschenwein, und wer die Sitzordnung im Saal verstehen wollte, musste die Kneipenlandschaft der Stadt kennen. Auf den Emporen drängte sich derweil das Publikum: Bis zu zweitausend Zuhörer verfolgten die Debatten, darunter auffallend viele Frauen, die zwar weder wählen noch reden durften, aber Petitionen einreichten, Zeitungen gründeten und in den Vereinen der Revolution die Infrastruktur stellten. Die Paulskirche war, für dreizehn Monate, das lauteste öffentliche Wohnzimmer Deutschlands.

Im Dezember 1848 verkündet die Versammlung die „Grundrechte des deutschen Volkes": Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Schutz vor willkürlicher Verhaftung, Unverletzlichkeit der Wohnung, Abschaffung der Todesstrafe in den meisten Fällen, Aufhebung aller Standesvorrechte. Wer heute Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes liest, liest über weite Strecken die Enkel dieser Paragrafen; die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben sich 1948/49 ausdrücklich auf die Paulskirche bezogen. Die Reichsverfassung vom März 1849 fügt hinzu, was bis heute Bestand hat: ein Wahlrecht, das für seine Zeit radikal demokratisch ist — alle volljährigen Männer, gleich, geheim.

Man muss sich diese Kirche als Provisorium vorstellen: Deutschland hatte kein Parlamentsgebäude, weil es Deutschland nicht gab.

Gescheitert ist die Versammlung nicht an sich selbst

Und dann scheitert es doch, und zwar nicht an den Debatten, sondern an der Macht. Die Verfassung sieht einen erblichen „Kaiser der Deutschen" vor; die Versammlung wählt im März 1849 den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. Eine Delegation, die Kaiserdeputation, reist nach Berlin — und wird abgewiesen. Der König mag keine Krone annehmen, die ihm ein gewähltes Parlament anträgt statt Gottes Gnaden; im privaten Brief spricht er verächtlich von einem „Reif aus Dreck und Letten". Es ist der Moment, in dem die Revolution ihre Machtfrage verliert: Preußen und Österreich ziehen ihre Abgeordneten zurück, die Fürsten schlagen die Maiaufstände nieder, die auf die Verfassung pochen. Ein Rumpf des Parlaments flieht nach Stuttgart und wird im Juni 1849 von württembergischem Militär auseinandergetrieben. Die Demokratieprobe ist vorbei, gut dreizehn Monate nach dem Einzug.

Die Bilanz liest sich bitter: Die Verfassung tritt nie in Kraft, viele Abgeordnete gehen in Haft oder ins Exil, der Abgeordnete Robert Blum war schon im November 1848 in Wien standrechtlich erschossen worden — trotz parlamentarischer Immunität. Und doch greift das Wort „gescheitert" zu kurz. Die Grundrechte von 1848 bleiben als Text in der Welt, das Verfassungsdenken der Paulskirche überlebt in der Weimarer Verfassung und wird 1949 im Grundgesetz eingelöst. Demokratie, das lehrt dieser Ort, ist keine Erfindung der Sieger von 1945 — sie hat in Deutschland eine eigene, ältere Adresse. Diese hier.

Was Sie heute sehen — und was absichtlich fehlt

Regennasse rote Sandsteinmauer der Paulskirche mit hohem Rundbogenfenster, warme Steintöne vor blassem Himmel.
03Paulskirche, Südseite, 9:35 Uhr— Roter Mainsandstein, seit 1789 gebaut, 1944 ausgebrannt, 1948 wieder errichtet.Foto: Zeit Frankfurt

Die Kirche selbst hat ihre eigene Symbolgeschichte. Im März 1944 brannte sie im Bombenkrieg aus, mit der gesamten Altstadt. Dass ausgerechnet sie als erstes Großgebäude der Stadt wieder aufgebaut wurde — rechtzeitig zur Hundertjahrfeier am 18. Mai 1948, mit Spenden aus ganz Deutschland —, war eine bewusste Entscheidung des zerstörten Landes: Man wollte an die eigene demokratische Tradition anknüpfen, bevor überhaupt wieder ein Staat existierte. Der Architekt Rudolf Schwarz und seine Kollegen verzichteten dabei demonstrativ auf Rekonstruktion: Der Rundsaal ist hell, karg, beinahe streng — kein Kirchenraum mehr, sondern ein Versammlungsort, dem man das Fehlen von Prunk als Programm ansieht. Seit 1948 ist die Paulskirche keine Kirche, sondern „Haus aller Deutschen": Hier wird der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen, hier hängt Johannes Grützkes ironisch-monumentales Wandbild vom Zug der Volksvertreter, hier unten erklärt eine Ausstellung, was oben verhandelt wurde.

Wer genauer hinsieht, entdeckt die Zwischentöne dieser Erinnerungsarbeit. Draußen an der Fassade erinnert eine Gedenktafel an John F. Kennedy, der 1963 hier sprach; eine andere an Robert Blum, den erschossenen Abgeordneten. Das Grützke-Bild im Umgang wiederum ist alles andere als ein Heldenfries: Sein „Zug der Volksvertreter" zeigt die Parlamentarier als zerknautschte, streitende, sehr menschliche Prozession — die Nachwelt hat lange darüber gestritten, ob das Spott sei oder die ehrlichste Form von Respekt. Vermutlich beides, und genau darin liegt die Stärke dieses Ortes: Er verklärt nicht, er erzählt.

Zur Wahrheit gehört auch die Gegenwart: Das Haus ist in die Jahre gekommen, seit Langem wird über die Generalsanierung und ein ergänzendes „Haus der Demokratie" am Paulsplatz diskutiert — wie immer in Frankfurt gründlich und nicht eben schnell. Von den Plänen sollten Sie sich einen Besuch nicht verderben lassen. Zwanzig Minuten genügen: der Saal, das Bild, die Ausstellung.

Der Paulsplatz am Abend: warme Cafébeleuchtung, die dunkle Silhouette der Paulskirchen-Rotunde vor tiefblauem Himmel.
04Paulsplatz, 21:40 Uhr— Wo 1848 Barrikaden diskutiert wurden, stehen heute Espressotassen — auch das ist ein Ergebnis.Foto: Zeit Frankfurt

Am schönsten aber ist die Paulskirche von draußen, am Abend, wenn die Cafés auf dem Platz leuchten und die Rotunde dunkel dagegen steht. Dann sieht man, was dieser unspektakuläre Ort eigentlich ist: kein Denkmal eines Sieges, sondern das Denkmal eines Versuchs. Er ging schief, und er hat trotzdem gewonnen — es hat nur hundert Jahre gedauert. Für eine Stadt, die sonst gern in Quartalen rechnet, ist das eine bemerkenswert langfristige Rendite.

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