Kultur · Damals
Wie ein Bankier ohne Erben Frankfurt die Kunst schenkte
Als der Bankier Johann Friedrich Städel 1816 starb, vermachte er Vermögen und Sammlung einer Stiftung — gegen den erbitterten Widerstand seiner Verwandten. Die Geschichte des Städel ist das Gegenmodell zur Fürstensammlung: In Frankfurt gehört die Kunst seit 200 Jahren den Bürgern.
Man stelle sich die Szene vor: Frankfurt im Dezember 1816, eine freie Stadt von Kaufleuten und Bankiers, noch erschöpft von den napoleonischen Jahren. In seinem Haus stirbt ein Mann von 88 Jahren, unverheiratet, kinderlos, wohlhabend — und hinterlässt der Stadt eine Zumutung. Johann Friedrich Städel, Bankier und Kaufmann, vermacht sein gesamtes Vermögen samt seiner Gemälde-, Zeichnungs- und Grafiksammlung nicht etwa der Verwandtschaft, sondern einer Stiftung, die es noch gar nicht gibt: einem „Kunstinstitut", das Kunst sammeln, öffentlich zeigen und junge Künstler ausbilden soll. Zu einer Zeit, in der Kunstsammlungen Fürsten gehörten und deren Gnade unterlagen, verfügt ein Frankfurter Bürger, dass seine Bilder fortan allen gehören sollen. Es ist die Geburtsurkunde des Städel — und einer Idee, die diese Stadt bis heute prägt.
Wer war dieser Mann? Die Quellenlage zu seiner Person ist erstaunlich dünn für jemanden, dessen Name heute an einem Weltmuseum steht: Städel, Jahrgang 1728, machte sein Geld im Handels- und Bankgeschäft, blieb zeitlebens Junggeselle und verwandte seine freien Stunden und Mittel auf das Sammeln — Gemälde, vor allem aber Zeichnungen und Druckgrafik, Tausende Blätter. Sein Haus soll mehr Kabinett als Wohnung gewesen sein. Und irgendwann muss er sich die Frage gestellt haben, die jeder Sammler ohne Erben kennt: Was wird aus all dem? Städels Antwort war radikal für seine Zeit — nicht Verkauf, nicht Verwandtschaft, sondern Verstetigung. Sein Testament machte die Sammlung zum Grundstock und das Vermögen zum Motor einer Stiftung, die seinen Namen tragen und seiner Stadt dienen sollte.
Erst ein jahrelanger Erbstreit machte die Stiftung unumstößlich
Die Verwandtschaft sah das anders. Entfernte Erben fochten das Testament an, und aus dem Vermächtnis wurde ein Rechtsstreit, der sich über Jahre hinzog und die junge Stiftung zeitweise lähmte. Es ging um viel Geld — und um eine Grundsatzfrage: Durfte ein Bürger sein Vermögen einfach einer Idee hinterlassen? Am Ende stand ein Vergleich: Die Verwandten wurden abgefunden, das Institut behielt Sammlung und Kapital, und die Stiftung war fortan gerichtsfest — härter geprüft als manche Fürstengalerie. Man kann diesen unschönen Auftakt im Rückblick sogar als Glücksfall lesen: Der Streit zwang die Stadt, sich früh und verbindlich zu Städels Idee zu bekennen.
In den Jahrzehnten danach wuchs das „Städelsche Kunstinstitut" von der Privatsammlung zum echten Museum samt Kunstschule, zog innerhalb der Stadt in größere Quartiere und begann, planvoll zuzukaufen — beraten von Kennern wie dem Maler und Kunstforscher Johann David Passavant, der die Sammlung im 19. Jahrhundert entscheidend formte. Das Geld dafür kam, ganz im Sinne des Stifters, immer wieder auch von Frankfurter Bürgern: Wer in dieser Stadt zu Vermögen gekommen war, stiftete — Bilder, Geld, ganze Konvolute. Frankfurt hatte keinen Hof, der Kunst anhäufte. Es hatte Kaufleute mit schlechtem Gewissen und gutem Geschmack, und es hatte mit dem Städel eine Adresse dafür. Wie eng Geldgeschäft und Bürgersinn in dieser Stadt verflochten waren, zeigt übrigens auch die Geschichte der Familie Rothschild, deren Aufstieg aus der Judengasse in dieselbe Epoche fällt.

Der Umzug ans Ufer machte aus dem Institut ein Wahrzeichen
Den entscheidenden architektonischen Schritt tat die Stiftung 1878: Am Schaumainkai, auf der Sachsenhäuser Mainseite, bezog das Städel seinen bis heute genutzten Neubau — eine Dreiflügelanlage im Stil der Neorenaissance, mit Marmortreppenhaus und Oberlichtsälen, entworfen vom Architekten Oskar Sommer. Die Botschaft des Baus war unübersehbar: Hier leistete sich das Bürgertum, was andernorts Residenzen vorbehalten war, und stellte es demonstrativ ans Flussufer, allen sichtbar. Das Kalkül ging weiter auf, als es die Gründer ahnen konnten — um das Städel herum siedelten sich über die Jahrzehnte weitere Häuser an, bis aus dem Sachsenhäuser Ufer jene Museumsmeile wurde, die man heute an einem — gut geplanten — Tag abschreiten kann; wie, das beschreibt unser Guide Das Museumsufer an einem Tag.
In diese Blütezeit fällt auch der berühmteste Ankauf des Hauses: 1887 holte das Städel Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins „Goethe in der römischen Campagna" nach Frankfurt — das Bildnis des größten Sohnes der Stadt, lagernd auf antiken Trümmern, wurde zur heimlichen Ikone des Museums und ist es geblieben. Dass ausgerechnet ein Bürgerinstitut und kein Fürstenhaus dieses Nationalbild besitzt, hätte dem Stifter gefallen.
Das Städel ist das Gegenmodell zur Fürstensammlung: In Frankfurt gehört die Kunst seit mehr als 200 Jahren den Bürgern.
Das 20. Jahrhundert stellte die Stiftung auf ihre härteste Probe
Dann kamen die Brüche. Im Nationalsozialismus griff der Staat nach der Sammlung: Bei der Beschlagnahmungsaktion „Entartete Kunst" 1937 verlor das Städel zahlreiche Werke der Moderne — Bilder von Expressionisten und Zeitgenossen verschwanden aus den Sälen, wurden verkauft, verschleudert oder blieben verschollen. Zugleich profitierte auch der Frankfurter Kunstbetrieb jener Jahre von Enteignung und Verfolgung jüdischer Sammler; die Aufarbeitung dieser Provenienzen beschäftigt das Haus bis heute und gehört zu den leiseren, aber wichtigsten Kapiteln seiner Geschichte. Im Bombenkrieg wurde das Gebäude am Schaumainkai schwer getroffen; die Sammlung war ausgelagert und überstand, das Haus musste in Teilen neu erstehen. Als es wieder öffnete, war das Städel eines der ersten Zeichen dafür, dass die zerstörte Stadt mehr sein wollte als ein Wiederaufbauprojekt.
Die Bundesrepublik wurde dann zur zweiten Gründerzeit der Stiftung: Erweiterungen in den 1920er-Jahren hatte es gegeben, nun folgten Umbauten, ein Anbau für die Moderne — und schließlich, 2012, der kühnste Schritt seit 1878. Weil am Ufer kein Platz mehr war, ging das Städel in den Untergrund: Unter dem Garten hinter dem Altbau entstanden die Gartenhallen für die Gegenwartskunst, ein einziger weiter Saal, belichtet durch fast 200 runde Oberlichter, die den Rasen darüber in eine sanft gewölbte Hügellandschaft verwandeln. Bezahlt wurde der Erweiterungsbau zu einem erheblichen Teil so, wie in diesem Haus seit jeher bezahlt wird: durch Spenden von Bürgern, Unternehmen und Stiftungen der Stadt. Die Kampagne machte Schule — und bewies, dass Städels Modell auch im 21. Jahrhundert funktioniert.

Städels Idee wurde zum Betriebssystem der Frankfurter Kultur
Fast unterschlagen wird dabei gern, dass Städels Testament nicht nur ein Museum stiftete, sondern auch eine Schule: Die Ausbildung junger Künstler gehörte von Anfang an zum Auftrag des Instituts, und aus dieser Keimzelle wuchs die Städelschule — heute als Staatliche Hochschule für Bildende Künste eine der angesehensten Kunstakademien Europas, deren Absolventen in den Biennalen und Museen der Welt hängen. Dass ein Frankfurter Kaufmannstestament des Jahres 1815 bis in die Gegenwartskunst des 21. Jahrhunderts fortwirkt, ist vielleicht der schlagendste Beweis für die Reichweite dieser einen Unterschrift.
Denn das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Das Städel ist nicht einfach ein Museum mit ungewöhnlicher Gründungsurkunde. Es ist der Prototyp eines Kulturmodells, das Frankfurt bis heute von den meisten deutschen Städten unterscheidet. Wo andernorts Hofsammlungen verstaatlicht wurden, ist hier die Bürgerstiftung der Normalfall — vom Freien Deutschen Hochstift mit dem Goethe-Haus über die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft bis zu den vielen Fördervereinen, ohne die kein Haus am Museumsufer auskäme. Kunst gehört in dieser Stadt niemandem von oben herab; sie gehört denen, die sie tragen. Das macht die Kultur abhängiger von Konjunkturen und Kassenlagen, gewiss. Aber es macht sie auch unabhängiger von jedem einzelnen Geldgeber — und es verpflichtet jede Generation neu.
Johann Friedrich Städel hat von alledem nichts gesehen. Es gibt kein großes Denkmal für ihn, kein Mausoleum, nicht einmal ein verlässliches Porträt, das seiner Bedeutung entspräche — nur diesen einen Namen über der Tür am Schaumainkai, den Millionen Besucher aussprechen, ohne an einen Menschen zu denken. Vermutlich hätte ihm das genügt. Er wollte kein Andenken, er wollte eine Einrichtung; nicht Ruhm, sondern Wirkung. Zwei Jahrhunderte, einen Erbstreit, zwei Kriege und eine Diktatur später hängt seine Sammlung noch immer dort, wo er sie hinverfügt hat: im Besitz der Bürger seiner Stadt.

Am schönsten begreift man das abends im Städel-Garten, wenn die runden Oberlichter der Gartenhallen aus dem dunklen Rasen glühen. Unter den Füßen der Spaziergänger liegt dann die Gegenwartskunst, finanziert von einer Stadt, die sich ihr Museum immer wieder selbst geschenkt hat. Ein Bankier ohne Erben, stellt man dann fest, hat am Ende die meisten Erben von allen: Es sind, Stand heute, etwa 750.000 Frankfurterinnen und Frankfurter — und jeder Gast, der die Treppe am Schaumainkai hinaufsteigt.
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