Essen & Trinken · Porträt

Die Frankfurter 38: Lorsbacher Thal, wo der Handkäs regiert

Hinter einer Tordurchfahrt in der Großen Rittergasse liegt ein Innenhof unter Weinlaub — und eine Speisekarte, die dem Handkäs eine eigene Abteilung widmet. Seit 1803 wird an dieser Adresse gewirtet. Warum das Lorsbacher Thal zu den 38 essenziellen Adressen der Stadt gehört.

Von Marie Brandt Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Weinlaubberankter Innenhof der Apfelweinwirtschaft Lorsbacher Thal mit langen Holztischen und grauen Bembeln.
01Lorsbacher Thal, Innenhof, 19:40 Uhr— Weinlaub über langen Holztischen, graue Bembel im Abendlicht — der Hof ist das Herzstück des Hauses.Foto: Zeit Frankfurt

Alt-Sachsenhausen ist ein Viertel, über das Frankfurt gern die Nase rümpft: zu laut, zu klebrig, zu viele Junggesellenabschiede auf zu wenig Kopfsteinpflaster. Und dann biegt man in die Große Rittergasse ein, tritt bei Hausnummer 49 durch eine unscheinbare Tordurchfahrt — und steht in einem Innenhof, in dem Weinlaub über langen Holztischen hängt, graue Bembel zwischen den Gläsern stehen und das Abendlicht so warm auf die Fassaden fällt, als hätte jemand die letzten hundertfünfzig Jahre einfach ausgelassen. Das Lorsbacher Thal ist der Beweis, dass die Klischees über dieses Viertel nur die halbe Wahrheit erzählen. Und es ist der Ort, an dem ein unscheinbarer Sauermilchkäse zur Hauptsache wird.

In unserer Serie „Die Frankfurter 38" versammeln wir die Adressen, ohne die man diese Stadt kulinarisch nicht verstehen kann — vom Seven Swans im schmalsten Haus der Stadt bis zu Erno's Bistro im Westend. Das Lorsbacher Thal steht in dieser Liste nicht als Denkmal, sondern als Arbeitsnachweis: Hier wird eine sehr alte Frankfurter Idee — Apfelwein, Handkäs, lange Tische — so ernst genommen, dass daraus etwas Eigenes geworden ist.

Der Innenhof ist das beste Gegenargument zu allen Klischees

Die Chronik des Hauses reicht nach eigener Darstellung bis ins Jahr 1803 zurück; seither wird an dieser Adresse gewirtet, gekeltert und ausgeschenkt, und das Anwesen gehört bis heute Nachfahren der Gründerfamilie. Das ist mehr als eine Fußnote: In einem Viertel, in dem Lokale ihre Namen schneller wechseln als ihre Zapfanlagen, ist eine solche Kontinuität die eigentliche Sehenswürdigkeit. Man sieht sie dem Ort an. Der Hof mit seinem Weinlaub wirkt nicht dekoriert, sondern gewachsen, die Gaststuben haben die Patina, die man nicht kaufen kann, und im Gewölbekeller lagern noch die großen Holzfässer aus der Zeit, als das Haus seinen Apfelwein selbst presste.

Diese Fässer haben ihre eigene Nachbarschaftsgeschichte: Gefertigt wurden viele von ihnen zwischen den 1930er- und 1960er-Jahren von der Küferfamilie Hinnerkopf, deren Werkstatt schräg gegenüber in der Großen Rittergasse lag — der Fassmacher lieferte buchstäblich über die Straße. Bis 1980, so erzählt es die Hauschronik, wurden hier jährlich rund 100.000 Liter Apfelwein gekeltert. Heute wird nicht mehr im eigenen Keller gepresst, aber die Fässer sind geblieben, und mit ihnen das Selbstverständnis: Dies ist kein Themenrestaurant zum Thema Apfelwein, dies ist eine Apfelweinwirtschaft.

Geführt wird das Haus heute von Pia und Frank Winkler unter dem Namen „Daheim im Lorsbacher Thal" — Wirtsleute, die zur überschaubaren Gruppe jener Frankfurter Gastronomen gehören, die Tradition weder musealisieren noch modernisieren wollen, sondern schlicht weiterbetreiben. Rund 170 Plätze gibt es innen, in der warmen Jahreszeit kommen etwa 250 im Hof dazu. Dass an einem gewöhnlichen Dienstag trotzdem Stammgäste neben Touristen und Bankern neben Rentnern sitzen, liegt an der Karte. Genauer: an ihrer ungewöhnlichsten Abteilung.

Aus einem einfachen Käse ist eine Philosophie geworden

Der Handkäs ist, nüchtern betrachtet, ein Sauermilchkäse aus Magermilchquark: kaum Fett, viel Eiweiß, früh in der Reife quarkig-weiß und stur, gut gereift goldgelb, durchscheinend und weich. Jahrzehntelang war er das Aschenputtel der deutschen Käsetheke — ein Arme-Leute-Essen, das man in Frankfurt mit Essig, Öl, rohen Zwiebeln und Kümmel ansetzt und dann „mit Musik" serviert. Warum die Marinade Musik heißt und wie das Ritual korrekt abläuft, haben wir an anderer Stelle ausführlich aufgeschrieben. Im Lorsbacher Thal aber ist der Handkäs kein Ritual unter vielen. Er ist das Zentrum der Speisekarte.

Teller mit Handkäs in Marinade, Zwiebelringen und Kümmel, daneben ein geripptes Glas Apfelwein auf dunklem Holz.
02Lorsbacher Thal, Gaststube, 20:05 Uhr— Handkäs mit Musik, wie er sein soll: goldgelb durchgereift, die Zwiebeln frisch, der Kümmel extra.Foto: Zeit Frankfurt

Wo andere Wirtschaften eine Position führen, führt das Lorsbacher Thal eine ganze Abteilung. Da steht der Klassiker mit Musik, für den das Haus auf handwerklich gereiften Käse aus einer hessischen Landkäserei setzt. Daneben: Handkäs als Salätchen mit Apfelstückchen und saurer Sahne, Handkäs zu Grüner Soße, gebackene und überbackene Varianten, dazu wechselnde Spielarten je nach Saison. Das Prinzip dahinter ist ernster, als es klingt: Der Käse wird hier wie ein Produkt behandelt, das Reifegrade, Herkünfte und Zubereitungen kennt — so, wie andernorts über Ziegenkäse oder Burrata gesprochen wird. Wer den Handkäs nur als klebrige Mutprobe vom Volksfest kennt, isst hier ein anderes Lebensmittel.

„Der Käse muss stehen können, aber er darf nicht mehr stur sein", sagt eine Kellnerin, die seit vielen Jahren im Haus arbeitet, und hält einen Teller ins Licht: goldgelb, glasig am Rand, der Kern gerade noch matt. „Wenn er so aussieht, brauchen Sie keine Gabel. Nur Messer, Brot, Butter." Es ist diese Mischung aus Beiläufigkeit und Präzision, die den Ton des Hauses ausmacht: Niemand doziert, aber alle wissen genau, was sie tun.

Der Handkäs ist hier keine Mutprobe und keine Beilage — er ist der Grund, aus dem man kommt.

Auch die Apfelweinkarte kennt keine Bescheidenheit

Es wäre allerdings ein Missverständnis, das Lorsbacher Thal auf den Käse zu reduzieren. Die zweite Obsession des Hauses gilt dem Getränk, dem das Viertel seinen Ruf verdankt: Die Apfelweinkarte umfasst weit über hundert Positionen — nach eigener Auskunft ist es eine der umfangreichsten überhaupt. Neben dem eigenen Schoppen stehen dort Keltereien aus Hessen, dazu Cidre, Cider und Sidra aus Frankreich, England, Spanien und Übersee, stille und schäumende, trockene und restsüße. Man kann das für Angeberei halten. Man kann darin aber auch die konsequenteste Form von Lokalpatriotismus sehen: Wer den Frankfurter Apfelwein ernst nimmt, stellt ihn in die Welt und lässt vergleichen.

Die Hand einer Bedienung gießt Apfelwein aus einem blaugrauen Bembel in ein geripptes Glas, von der Seite aufgenommen.
03Lorsbacher Thal, Schankraum, 20:30 Uhr— Aus dem Bembel ins Gerippte: Der Ausschank folgt hier einer Choreografie, die niemand erklären muss.Foto: Zeit Frankfurt

Ausgeschenkt wird trotzdem, wie es sich gehört: aus dem blaugrauen Bembel ins Gerippte, jenes Glas, dessen Rautenschliff das Licht bricht und früher ganz praktisch dafür sorgte, dass fettige Finger nicht abrutschen. Der Schoppen pur ist hier die Referenz — säurebetont, trocken, ein Getränk, das nicht gefallen will, sondern passen. Und zum Handkäs passt er so zwingend, dass man sich fragt, warum diese Kombination je erklärungsbedürftig war: Das Fettarme, Salzige, Zwiebelscharfe auf der einen Seite, das Herbe, Kühle, Säurefrische auf der anderen. Es ist die Frankfurter Antwort auf Austern und Chablis, nur ohne den Preis und ohne die Attitüde.

Für den ersten Besuch genügen drei Entscheidungen

Erstens: der Platz. In der warmen Saison gehört er in den Hof, unter das Weinlaub, an einen der langen Tische — und ja, man rückt zusammen, das ist keine Zumutung, sondern die Betriebsanleitung. Zweitens: der Klassiker. Handkäs mit Musik, dazu Brot und Butter, gegessen nach alter Sitte nur mit dem Messer; wer mag, bestellt den Kümmel extra, um selbst zu dosieren. Drittens: der Schoppen, pur, im Gerippten. Erst wenn diese Grundausstattung auf dem Tisch steht, lohnt der Blick in die Tiefe der Karte — auf die gebackenen Varianten, die Salätchen, die Grüne Soße, die hier so selbstverständlich zur Frankfurter Grundversorgung gehört wie im Rest der Stadt.

Was Sie nicht tun sollten: den Handkäs bestellen und dann am Rand liegen lassen wie ein Souvenir. Das Haus hat für Skeptiker mildere Einstiege — die Salätchen-Variante mit Apfel und saurer Sahne ist der freundlichste Weg in dieses Lebensmittel, den wir kennen. Und wer an diesem Abend endgültig zum Wiederholungstäter wird, hat mit der Karte ein Programm für viele weitere Besuche: Es gibt Gäste, die sich seit Jahren durch die Handkäs-Abteilung arbeiten wie andere durch Weinkarten.

In die 38 gehört dieses Haus, weil es nichts beweisen muss

Man kann in Frankfurt aufwendiger essen, feiner, teurer, überraschender — dafür stehen andere Adressen dieser Serie. Das Lorsbacher Thal steht für etwas Selteneres: für die Fähigkeit einer Stadt, ihre einfachste Küche ernst zu nehmen, ohne sie zu verkitschen. Hier wird kein Brauchtum aufgeführt, hier wird gearbeitet — mit einem Käse für wenig Geld, einem Wein aus Äpfeln und einem Hof, der seit Generationen derselbe ist. Dass daraus ein Lokal wurde, dessen Karte auswärtige Gäste eigens ansteuern, ist keine Marketingleistung, sondern die logische Folge von Sturheit im besten Sinn.

Kopfsteingepflasterte Gasse in Alt-Sachsenhausen in der Dämmerung, warmes Licht fällt aus den Fenstern der Wirtshäuser.
04Große Rittergasse, 21:50 Uhr— Wenn die Gasse in der Dämmerung liegt, versteht man, was Alt-Sachsenhausen einmal war — und hier noch ist.Foto: Zeit Frankfurt

Am Ende des Abends, wenn man durch die Tordurchfahrt zurück in die Große Rittergasse tritt, liegt Alt-Sachsenhausen in der Dämmerung, und aus den Fenstern der Wirtshäuser fällt warmes Licht aufs Kopfsteinpflaster. Das Viertel wird morgen wieder laut sein, und übermorgen wird wieder jemand schreiben, es sei nicht mehr das, was es einmal war. Beides stimmt. Aber hinter der Hausnummer 49 sitzt man unter Weinlaub, vor einem goldgelben Käse und einem Gerippten, und weiß für die Dauer eines Schoppens sehr genau, was diese Stadt einmal war — und was sie, an den richtigen Adressen, immer noch ist.

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