Stadtleben · Reportage
Kleingärten in Frankfurt: Das grüne Erbe der Schrebergärten
Zwischen Bahntrassen, Nidda-Aue und Wohnblocks liegen rund 16.000 Parzellen. Wir gehen durch die Kolonien am Günthersburgpark, wo Tomaten, Gartenzwerge und ein handfester Streit um die Zukunft der Stadt wachsen.
Es ist kurz nach vier an einem Julinachmittag, und über der Kleingartenkolonie nahe dem Günthersburgpark liegt der Geruch von frisch gemähtem Gras. Ein Rasensprenger tickt, irgendwo läuft leise ein Radio, an einem Strauch leuchten reife Johannisbeeren. Hinter jeder Hecke öffnet sich eine eigene kleine Welt aus Gemüsebeeten, Obstbäumen, Lauben und gelegentlich einem Gartenzwerg. Solche Anlagen findet man überall in Frankfurt, wenn man einmal darauf achtet: hinter Bahndämmen, entlang der Nidda, am Rand der Wohnquartiere. Sie bilden ein grünes Adernetz, das sich durch die ganze Stadt zieht, und bleiben doch für viele unsichtbar, weil man selten hineingeht, wenn man nicht selbst eine Parzelle besitzt.
Der Kleingarten, im Volksmund noch immer Schrebergarten genannt, ist eine deutsche Erfindung des 19. Jahrhunderts, geboren aus der Not enger Mietskasernen. Wer in der Stadt kein Fleckchen Erde besaß, sollte am Rand wenigstens ein Stück Land zum Anbau bekommen. Diese soziale Idee trägt bis heute, und sie ist sogar gesetzlich verankert: Das Bundeskleingartengesetz von 1983 hält die Pacht bewusst niedrig und knüpft sie an eine Bedingung: Ein nennenswerter Teil der Parzelle, in der Praxis rund ein Drittel, muss dem Anbau von Obst und Gemüse dienen. Ein Kleingarten ist eben kein Wochenendgrundstück, sondern verpflichtet zur Arbeit mit der Hacke.
Ein Stück Land für jedermann
In Frankfurt sind die Gärten im Stadtverband Frankfurt der Kleingärtner organisiert, einem Dachverband, der mehr als hundert Vereine unter sich vereint. Zusammen kommen sie auf rund 16.000 Parzellen, viele davon im oder am GrünGürtel gelegen. Eine typische Parzelle misst zwischen 200 und 400 Quadratmeter, groß genug für Kartoffeln, Tomaten, Beerensträucher und eine bescheidene Laube. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei Weitem: In beliebten Lagen wie Bornheim oder dem Nordend stehen Interessenten oft mehrere Jahre auf Wartelisten. Der Kleingarten ist in der teuren Großstadt zum begehrten Gut geworden, gerade für Familien ohne eigenen Garten.

Was die Menschen suchen, ist leicht zu verstehen. Ein Kleingarten bietet, was eine Etagenwohnung nicht kann: Erde unter den Fingernägeln, ein selbst gezogenes Radieschen, einen Abend im Grünen ohne Fahrt ins Umland. In heißen Sommern sind die begrünten Kolonien zudem ein Rückzugsort vor der aufgeheizten Stadt, verwandt mit den Obst- und Gartenbetrieben am Stadtrand, die dieselbe Sehnsucht nach dem Selbstgemachten bedienen. Eine Pächterin, die seit den 1990ern eine Parzelle bewirtschaftet, bringt es beim Gießen auf einen einfachen Nenner: Hier wachse nicht nur Gemüse, sondern auch die Geduld.
Ein Kleingarten ist die kleinste Einheit, in der eine Großstadt sich noch selbst versorgt.
Mehr als Idylle
Doch die Gärten sind mehr als private Idylle. Ökologisch erfüllen sie Aufgaben, die man ihnen kaum zutraut. Mit ihrer Mischung aus Obstbäumen, Blumen, Beeten und wild belassenen Ecken sind die Kolonien wahre Hotspots der Artenvielfalt, oft reicher an Insekten und Vögeln als mancher kurz geschorene Park. Sie speichern Regenwasser, kühlen ihre Umgebung an Hitzetagen und bilden zusammen mit Parks und dem GrünGürtel ein durchlässiges grünes Netz, das für den Artenschutz in der Stadt immer wichtiger wird.
Genau daraus erwächst der Konflikt, der die Kleingärten seit Jahren begleitet. In einer Stadt, die verzweifelt Wohnungen sucht, geraten die zentral gelegenen Parzellen ins Visier der Planer. Am deutlichsten zeigt sich das rund um den Günthersburgpark: Auf altem Gartenland zwischen Bornheim und dem Nordend soll unter dem Namen Günthersburghöfe ein neues Quartier mit rund 1.500 Wohnungen entstehen. Dagegen kämpft seit Jahren die Bürgerinitiative Grüne Lunge, die in den Parzellen genau jenen Klimapuffer sieht, den eine wachsende Großstadt am wenigsten aufgeben dürfe.
Ein Erbe unter Druck
Der Streit ist nicht leicht zu schlichten, denn beide Seiten haben Argumente. Frankfurt braucht Wohnungen, und Frankfurt braucht Grün. Jede Kolonie, die weichen soll, wird deshalb zum Politikum, verhandelt zwischen Ortsbeiräten, Vereinen und Stadtplanern. Manche Parzellen sind bereits gefallen, andere wurden verlagert, wieder andere hartnäckig verteidigt. Wo verlorenes Grün nicht zurückkehrt, wiegt für die Gärtner die soziale und ökologische Funktion schwerer als ein weiterer Wohnblock.
Zurück in der Kolonie am Günthersburgpark, wo der Julinachmittag in einen langen, hellen Abend übergeht. An den Zäunen hängen Gießkannen, auf einem Tisch stehen Schalen mit Johannisbeeren, daneben röten sich die ersten Tomaten, ein paar Parzellen weiter wird gegrillt. Diese kleinen, selbstgebauten Paradiese sind ein Erbe aus einer anderen Zeit und zugleich überraschend zeitgemäß: in ihrer Bescheidenheit, ihrer Nachhaltigkeit und ihrer stillen Behauptung, dass auch die Großstadt ein Recht auf einen eigenen Garten hat.
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