Essen & Trinken · Erklärt

Sieben Prozent auf dem Teller: Was die Steuersenkung bringt

Auf Speisen gilt in der Gastronomie dauerhaft der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent, Getränke bleiben bei 19. Eine Stichprobe bei 14 Frankfurter Lokalen zeigt, wer Preise senkt und wer verrechnet — und warum die ehrlichste Bilanz „nicht schon wieder teurer" lautet.

Von Marie Brandt 7 Min. Lesezeit
Ein Kassenbon liegt auf einem Tellerrand mit Stift, dahinter unscharf eine gut gefüllte Gaststube.
01Bornheim, 13:25 Uhr— Der Bon auf dem Tellerrand trägt seit Jahresbeginn eine neue Zahl — die Frage ist, wer sie zu sehen bekommt.Foto: Zeit Frankfurt

Auf den ersten Blick hat sich nichts verändert: Das Schnitzel kostet, was es im Dezember kostete, der Bon kommt wie immer auf dem Tellerrand. Wer ihn genauer liest, findet die Neuigkeit im Kleingedruckten — hinter den Speisen steht seit dem 1. Januar 2026 eine Sieben, wo jahrelang eine 19 stand. Die Gastronomie hat bekommen, wofür ihre Verbände seit Jahren kämpfen: den dauerhaft ermäßigten Mehrwertsteuersatz auf Essen im Lokal. Die Frage, die sich seither an jedem Frankfurter Tisch stellt, ist so einfach wie unbeliebt: Wo sind die zwölf Prozentpunkte hin?

Wir haben nachgesehen — bei 14 Lokalen zwischen Berger Straße, Innenstadt und Sachsenhausen, vom Traditionshaus bis zum Mittagsbistro. Vorher aber lohnt ein Blick darauf, was da eigentlich beschlossen wurde. Denn die Senkung ist keine Erfindung dieser Bundesregierung, sondern die Rückkehr eines Krisenprivilegs.

Die Senkung ist die Rückkehr eines Krisenprivilegs

Zur Vorgeschichte: Im Juli 2020, mitten in der Pandemie, senkte der Bund die Mehrwertsteuer auf Speisen in der Gastronomie erstmals auf sieben Prozent — als Rettungsmaßnahme für eine Branche, deren Gasträume per Verordnung leer waren. Die Regelung wurde mehrfach verlängert und lief Ende 2023 aus; ab Januar 2024 galten wieder 19 Prozent. Was folgte, war ein zäher Verteilungskampf: Der Branchenverband DEHOGA warnte vor einer Pleitewelle und verwies auf die Nachbarländer, in denen ermäßigte Sätze für Restaurants üblich sind; Kritiker hielten dagegen, die Subvention komme vor allem den Betreibern zugute und koste den Staat Milliarden. Die Koalition aus Union und SPD entschied den Streit 2025 zugunsten der Branche: Seit dem 1. Januar 2026 gilt der ermäßigte Satz dauerhaft — nicht als Krisenhilfe, sondern als Regelfall.

Eine Grenze blieb allerdings bestehen, und sie prägt seither jede Rechnung: Getränke sind weiter mit 19 Prozent besteuert. Der Apfelwein zum Handkäs, der Espresso nach dem Essen, das Wasser zur Pasta — alles voller Satz. Für die Betriebe bedeutet das zwei Steuersätze auf einem Bon und einigen Umstellungsaufwand in den Kassensystemen; für die Staatskasse dämpft es die Ausfälle, die Schätzungen zufolge dennoch bei mehreren Milliarden Euro im Jahr liegen.

Auf dem Bon ist der Effekt kleiner, als er klingt

Was würde die Senkung bedeuten, wenn sie vollständig beim Gast ankäme? Die Rechnung ist schnell gemacht. Ein Hauptgericht für 20 Euro enthielt bei 19 Prozent Mehrwertsteuer 3,19 Euro Steuer; bei sieben Prozent sind es 1,31 Euro. Gäbe ein Lokal die Differenz komplett weiter, kostete dasselbe Gericht 17,98 Euro — gut zwei Euro weniger. Behält es den alten Preis bei, bleiben ihm pro Gericht rund 1,88 Euro mehr in der Kasse. Über ein Jahr und Zehntausende Essen summiert sich das für einen mittleren Betrieb zu einer Größenordnung, die man mit einem Monatsgehalt einer Vollzeitkraft vergleichen kann — spürbar, aber kein Geldregen. Die Details der Beispielrechnung stehen im Kasten.

Eine Kellnerhand tippt auf das Display eines Kassensystems, die Zahlen und Schrift sind verschwommen und unleserlich.
02Innenstadt, Gastraum, 19:10 Uhr— Zwei Steuersätze auf einem Bon: Das Schnitzel läuft mit sieben Prozent durch die Kasse, der Schoppen mit 19.Foto: Zeit Frankfurt

Zwölf Prozentpunkte klingen nach Revolution — auf dem Bon sind es zwei Euro, in der Jahresrechnung eines Lokals ein Monatsgehalt.

In Frankfurt kommt die Senkung nur teilweise an

Und die Praxis? Unsere Stichprobe ist nicht repräsentativ, aber aufschlussreich. Von 14 Lokalen, deren Karten wir mit dem Stand vom Dezember verglichen und deren Betreiber wir gefragt haben, haben drei ihre Preise tatsächlich gesenkt — durchweg beim Mittagstisch, wo der Wettbewerb am härtesten ist. Vier weitere haben einzelne Gerichte billiger gemacht oder Erhöhungen zurückgestellt, die längst kalkuliert waren. Die übrigen sieben haben die Preise unverändert gelassen. „Die zwei Euro wandern nicht in meine Tasche, sie stopfen Löcher", sagt eine Wirtin an der Berger Straße, die ihre Karte nicht angefasst hat: Der Wareneinkauf sei binnen drei Jahren um ein Drittel teurer geworden, die Energiekosten ebenso, und zum Jahreswechsel sei zeitgleich der Mindestlohn auf 13,90 Euro gestiegen — für ihren Betrieb der größere Posten als die Steuer.

Ein Betreiber zweier Lokale in Sachsenhausen beschreibt dieselbe Lage von der anderen Seite: Er hat die Mittagsgerichte um einen Euro gesenkt, „weil die Gäste die Debatte kennen und zu Recht fragen, was bei ihnen ankommt". Abends aber bleibe alles beim Alten — dort verrechne er die Entlastung mit dem, was Personal und Einkauf zusätzlich kosten. Interessant ist, was beide unabhängig voneinander sagen: Ohne die Senkung hätten sie 2026 erhöhen müssen. Die ehrlichste Beschreibung des Effekts lautet also womöglich nicht „billiger", sondern „nicht schon wieder teurer".

Eine Kreidetafel mit teilweise weggewischten und überschriebenen, unleserlichen Preisangaben.
03Berger Straße, 11:40 Uhr— Wo Preise mit Kreide stehen, lässt sich Steuerpolitik schneller umsetzen — theoretisch.Foto: Zeit Frankfurt

Auffällig ist, wie unterschiedlich die Betriebsgrößen mit der Frage umgehen. Die Imbisse und Kioske, die wir gefragt haben, zucken mit den Schultern: Ihr Geschäft lief immer schon überwiegend außer Haus und damit zu sieben Prozent — für sie ändert sich wenig, außer dass der Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Restaurant nebenan geschrumpft ist. Die Mittelschicht der Gastronomie, das klassische Viertellokal mit 60 Plätzen, rechnet am härtesten, weil bei ihr Personalkosten und Steuerersparnis in derselben Größenordnung liegen. Und die gehobenen Häuser winken ab: Wer für ein Menü dreistellig kassiert, entscheidet über Preise nicht an der Steuertabelle. Wer selbst nachprüfen will, was sein Stammlokal macht, braucht übrigens nur den Bon zu lesen: Die Steuersätze müssen dort getrennt ausgewiesen sein — die Zeile mit der Sieben gehört seit Januar zu den ehrlichsten Auskünften der Frankfurter Gastronomie.

Für die Betriebe ist es Luft, kein Geldregen

Diese Lesart deckt sich mit der Einordnung des Branchenverbands: Der DEHOGA Hessen hatte nie flächendeckende Preissenkungen versprochen, sondern von Stabilisierung gesprochen — die Steuersenkung solle Betriebe sichern, Investitionen ermöglichen und die Schließungswelle bremsen, die die Branche seit der Pandemie begleitet. Steuerfachleute, die Gastronomiebetriebe beraten, bestätigen den nüchternen Befund: Die Entlastung verschwinde in den meisten Kalkulationen schlicht in der Kostensäule. Kanzleien mit Gastronomie-Mandaten — etwa die auf kleine und mittlere Betriebe spezialisierte SGG Beratung — raten ihren Mandanten zudem, die Umstellung sauber zu dokumentieren: zwei Steuersätze auf einem Bon, Aufteilungsfragen bei Menüs und Buffets und die Kassenprogrammierung sind genau die Punkte, auf die Betriebsprüfer künftig zuerst schauen werden.

Dass die Steuerfrage über Wohl und Wehe eines Lokals allein nicht entscheidet, zeigt im Übrigen ein Blick auf die andere Seite der Theke: Wer wissen will, welche Posten ein Gastronomiebetrieb in dieser Stadt sonst noch stemmen muss — von der Gewerbemiete bis zur ersten Konzessionsfrage —, findet die ganze Rechnung in unserem Guide zum Eröffnen eines Lokals in Frankfurt. Die Mehrwertsteuer ist darin nur eine Zeile von vielen.

Gäste sollten auf den Mittagstisch schauen, nicht auf Wunder

Was heißt das alles nun für den Gast? Erstens: Erwarten Sie keine breite Preissenkung — sie war ökonomisch nie realistisch, und sie kommt erkennbar nicht. Zweitens: Wo der Wettbewerb funktioniert, wirkt die Steuer trotzdem. Am Mittagstisch, bei Tagesgerichten, in Vierteln mit hoher Lokaldichte tauchen die zwei Euro am ehesten auf — unsere Stichprobe legt nahe, dass genau dort verglichen wird. Drittens: Die alte Ungerechtigkeit zwischen Teller und Tüte ist verschwunden. Essen zum Mitnehmen war immer schon mit sieben Prozent besteuert, das Essen am Tisch mit 19 — dieser Anreiz, Gasträume zugunsten von Pappkartons zu meiden, ist seit Januar Geschichte. Man kann das für ein Detail halten. Für eine Branche, die vom gedeckten Tisch lebt, ist es vielleicht der nachhaltigste Teil der ganzen Reform.

Eine Bonrolle und ein Rechnungsteller mit Münzen liegen auf einem Holztresen im warmen Gegenlicht.
04Sachsenhausen, 22:30 Uhr— Am Ende des Abends bleibt die Frage jeder Steuersenkung: Bei wem ist sie angekommen?Foto: Zeit Frankfurt

Bleibt die Ausgangsfrage: Wo sind die zwölf Punkte hin? Die ehrliche Antwort ist unspektakulär — sie stecken in Löhnen, Einkaufspreisen und Energierechnungen, in zurückgestellten Preiserhöhungen und in einigen Mittagstischen, die tatsächlich billiger geworden sind. Wer am Monatsende Bilanz zieht, wird als Gast kaum reicher geworden sein. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sein Stammlokal auch nächstes Jahr noch aufschließt, ist ein Stück gestiegen. Es gibt schlechtere Verwendungen für zwei Euro.

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