Mainhattan · Damals
Von der Messe zur EZB: Wie Frankfurt zum Finanzplatz wurde
Feste Wechselkurse auf der Messe von 1585, ein Bankhaus aus der Judengasse, eine Standortentscheidung von 1948: Frankfurts Aufstieg zur Geldstadt ist kein Zufall, sondern eine Kette von Weichenstellungen. Die ganze Geschichte — und ein Spaziergang, auf dem Sie sie ablaufen können.
Es gibt in Frankfurt einen Blick, der die ganze Geschichte dieser Stadt in ein einziges Bild packt: Wer früh am Morgen auf dem Römerberg steht, sieht vorn die Fachwerkgiebel der Ostzeile — und dahinter, ein paar hundert Meter weiter, die Glasfassaden der Banktürme. Mittelalter und Mainhattan, Messeplatz und Finanzplatz, keine zehn Gehminuten voneinander entfernt. Das ist keine zufällige Kulisse, es ist eine Kausalkette. Dass die Europäische Zentralbank heute am Main residiert und nicht an der Spree oder der Themse, hat mit Entscheidungen zu tun, die Jahrhunderte zurückliegen. Die erste davon fiel im Jahr 1585, nur ein paar Schritte von dieser Stelle entfernt.
Am Anfang steht keine Bank, sondern ein Marktplatz. 1240 stellte Kaiser Friedrich II. die Frankfurter Herbstmesse unter seinen Schutz, 1330 kam per Privileg Ludwigs des Bayern die Frühjahrsmesse hinzu. Zweimal im Jahr verwandelte sich die Stadt damit in einen der wichtigsten Handelsplätze Europas: Tuch aus Flandern, Bücher aus halb Europa, Gewürze, Metallwaren — und mit den Waren kamen die Kaufleute, aus Italien, Frankreich, den Niederlanden. Die Lage tat das Ihre: Frankfurt liegt an einer flachen Furt über den Main, dort, wo sich alte Handelsstraßen kreuzten. Wer von Nord nach Süd wollte oder von West nach Ost, kam hier durch.
Mit den Kaufleuten kam das Geldproblem. Wer auf der Messe handelte, hatte es mit Dutzenden Münzsorten zu tun — Gulden, Taler, Batzen, dazu Prägungen ferner Fürstentümer, deren Silbergehalt niemand auf Anhieb kannte. Jeder rechnete anders, jeder Geldwechsel war ein kleines Glücksspiel. 1585 rissen die Kaufleute die Sache an sich: Während der Herbstmesse einigten sie sich auf feste, verbindliche Wechselkurse für die gängigen Münzsorten und baten den Rat der Stadt, über deren Einhaltung zu wachen. Dieses Datum gilt bis heute als Geburtsstunde der Frankfurter Börse — nicht, weil damals ein Gebäude eröffnet worden wäre, sondern weil sich Händler von nun an regelmäßig trafen, um Preise für Geld festzulegen. Eine Börse ist zunächst nichts anderes als das: ein verabredeter Ort, an dem aus Angebot und Nachfrage ein verlässlicher Kurs wird.
Gehandelt wurde zuerst mit Schulden, nicht mit Aktien
Was danach an dieser Börse den Ton angab, würde heutige Anleger überraschen: keine Aktien, sondern Wechsel — und später vor allem Anleihen, also verbriefte Schulden von Fürsten und Staaten. Frankfurter Privatbankhäuser wie Bethmann oder Metzler machten die Stadt im 18. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Plätze für Staatskredite in Europa. Das Bankhaus Gebrüder Bethmann hatte dabei eine Idee, die man rückblickend als Demokratisierung des Kapitalmarkts bezeichnen kann: Es stückelte große Fürstenanleihen in kleine Teilschuldverschreibungen, sogenannte Partialobligationen. Plötzlich konnten auch vermögende Bürger dem Kaiser in Wien Geld leihen — ein Geschäft, das zuvor Fürsten und wenigen Großhändlern vorbehalten war.
Und dann ist da die Geschichte, die aus der engsten Gasse der Stadt kommt. Seit 1462 mussten Frankfurts Juden in der Judengasse leben, einem ummauerten Ghetto am östlichen Altstadtrand — eng, überbevölkert, mit nachts verschlossenen Toren. Ausgerechnet hier baute Mayer Amschel Rothschild ab den 1760er-Jahren aus einem Münz- und Wechselhandel ein Bankhaus auf. Sein eigentlicher Geniestreich war die Familie selbst: Vier seiner fünf Söhne schickte er nach London, Paris, Wien und Neapel, der älteste blieb in Frankfurt. So entstand das erste wirklich europäische Bankennetz — mit eigenem Kurierdienst, der Nachrichten schneller transportierte als jede Staatspost, und mit Frankfurt als Stammhaus. Im 19. Jahrhundert war der Name Rothschild das Synonym für Finanzmacht schlechthin; wer wissen will, wo alles begann, findet die Fundamente der Judengasse heute im Museum Judengasse an der Battonnstraße.

Berlin gewann das Kaiserreich — und Frankfurt verlor ein Jahrhundert
Man vergisst leicht, dass diese Erfolgsgeschichte einen langen Durchhänger hat. 1866 endete Frankfurts Zeit als Freie Stadt: Preußen annektierte die Stadt nach dem Deutschen Krieg, und mit der Reichsgründung 1871 wanderte das politische und bald auch das finanzielle Gewicht nach Berlin. Die Gründerzeit war das Zeitalter der Industrie — Eisenbahnen, Stahl, Elektrotechnik —, und finanziert wurde sie über Aktien, das Instrument der neuen Epoche. Genau darin aber war Berlin stark und Frankfurt, der konservative Anleihenplatz, vergleichsweise schwach. Die Berliner Börse zog den Handel an sich, Frankfurter Häuser verloren an Bedeutung, das Frankfurter Stammhaus der Rothschilds schloss 1901 mangels männlicher Erben. Äußerlich ging es weiter aufwärts — 1879 bezog die Börse ihren bis heute genutzten Neubau am Börsenplatz, vor dem seit den 1980er-Jahren Bulle und Bär Wache stehen —, aber die Musik spielte woanders.
Was folgte, ist die dunkelste Passage dieser Geschichte. Die Nationalsozialisten zerstörten ab 1933 systematisch, was jüdische Kaufleute und Bankiers über Jahrhunderte für diese Stadt aufgebaut hatten: Enteignung, Vertreibung, Deportation. Von der Großmarkthalle im Ostend aus wurden zwischen 1941 und 1945 mehr als 10.000 Frankfurter Jüdinnen und Juden in die Ghettos und Vernichtungslager verschleppt. Dass ausgerechnet an diesem Ort heute die Europäische Zentralbank steht, wird am Ende dieser Geschichte noch wichtig. Der Krieg erledigte den Rest: 1944 lagen Altstadt und Börse in Trümmern.
1948 fiel die Entscheidung, die Frankfurt zur Geldhauptstadt machte
Dass aus der zerstörten Stadt die Finanzhauptstadt der Bundesrepublik wurde, verdankt Frankfurt einer einzigen Weichenstellung. 1948 errichteten die westlichen Besatzungsmächte die Bank deutscher Länder, die Vorläuferin der Bundesbank — und wählten als Sitz nicht Hamburg, das sich Hoffnungen gemacht hatte, sondern Frankfurt, mitten in der amerikanischen Zone. Im Juni desselben Jahres wurde von hier aus die D-Mark ausgegeben. Und wo die Zentralbank sitzt, folgt das Geld: Die Großbanken, nach dem Krieg zerschlagen und ihrer Berliner Zentralen beraubt, richteten ihre Konzernspitzen nach und nach am Main ein. Als 1957 aus der Bank deutscher Länder die Deutsche Bundesbank wurde, war die Sache entschieden — die Geldpolitik der Bundesrepublik wurde fortan in Frankfurt gemacht, nicht in der provisorischen Hauptstadt Bonn.
Der Rest ist die Skyline. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wuchsen die ersten Banktürme über die Stadt hinaus, 1988 startete die Börse den Dax — jenen Index aus heute 40 Konzernen, der seither als Fieberkurve der deutschen Wirtschaft gilt. 1997 folgte mit dem elektronischen Handelssystem Xetra der Umzug des Handels in den Computer; das berühmte Parkett gibt es noch, aber die Kurse entstehen längst in Rechenzentren. Aus der Messestadt, die zweimal im Jahr Geld wechselte, war ein Platz geworden, an dem im Sekundentakt gehandelt wird.
Es waren keine Naturgesetze, sondern Privilegien und Entscheidungen — und keine einzige Etappe war garantiert.
Die EZB schließt den Kreis — ausgerechnet im Ostend

Die vorerst jüngste Etappe begann mit einem europäischen Gipfel: Im Oktober 1993 einigten sich die Staats- und Regierungschefs darauf, das künftige Europäische Währungsinstitut — und damit die spätere Zentralbank — nach Frankfurt zu vergeben. Am 1. Juni 1998 nahm die Europäische Zentralbank ihre Arbeit auf, zunächst im Eurotower am Willy-Brandt-Platz, seit 2015 im Doppelturm im Ostend. Damit hütet die Stadt, die 1585 ihre ersten verbindlichen Wechselkurse festschrieb, heute die Währung von rund 350 Millionen Europäerinnen und Europäern.
Der Ort dieser Türme erzählt dabei selbst Geschichte: Die EZB baute nicht auf die grüne Wiese, sondern an und in die denkmalgeschützte Großmarkthalle — jenes Gebäude, aus dem die Deportationszüge abfuhren. Am östlichen Rand des Geländes erinnert eine Erinnerungsstätte daran; Rampe, Gleisreste und Signalhäuschen sind erhalten. Es gehört zur Ehrlichkeit dieser Stadtgeschichte, beides zusammen zu erzählen: dass Frankfurts Aufstieg zum Finanzplatz ohne seine jüdischen Kaufleute und Bankiers nicht denkbar ist — und dass diese Stadt zuließ, dass man sie beraubte, vertrieb und ermordete.
Warum das alles kein Zufall ist
Bleibt die Frage, was diese knapp achthundert Jahre zusammenhält. Die Antwort ist unbequem für alle, die an Standort-Magie glauben: Es waren keine Naturgesetze, sondern Privilegien und Entscheidungen. Das Messeprivileg von 1240 schuf den Markt, die Lage an Furt und Fernstraßen füllte ihn, der Kaufmannsbeschluss von 1585 machte aus dem Markt eine Börse, die Weichenstellung von 1948 aus der Börsenstadt die Geldhauptstadt — und der Beschluss von 1993 aus der Geldhauptstadt den Sitz einer Weltwährung. Jede Etappe baute auf der vorherigen auf, und keine einzige war garantiert. Berlin hat Frankfurt schon einmal überholt; London, Paris und Amsterdam hätten die EZB gern genommen.
Wer das nachlaufen will, braucht dafür einen Nachmittag. Beginnen Sie auf dem Römerberg, wo die Messen tagten und der Gerechtigkeitsbrunnen an das erste Kapital dieser Stadt erinnert: verlässliche Regeln. Gehen Sie die paar Minuten hinüber zur Battonnstraße und hinunter zu den Fundamenten der Judengasse, dann weiter zum Börsenplatz, wo hinter der klassizistischen Fassade bis heute gehandelt wird — wie so ein Handelstag dort inzwischen aussieht, haben wir hier aufgeschrieben. Und dann am Main entlang nach Osten, bis die Doppeltürme der EZB über der Großmarkthalle aufragen.

Am Ende dieses Weges, abends am Mainufer im Ostend, wenn die EZB das letzte Licht fängt und die Spaziergänger zu Silhouetten werden, zeigt sich die Pointe dieser Geschichte am klarsten: Frankfurt ist nicht reich geworden, weil hier zufällig Geld lag. Sondern weil sich hier seit dem Mittelalter verlässlich verabreden lässt, was Geld wert ist. Alles andere — die Türme, der Index, der Euro — ist Zins auf diese eine, sehr alte Idee.
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