Mainhattan · Erklärt

Warum die Deutsche Börse gar nicht in Frankfurt sitzt

Die wichtigste Adresse des deutschen Kapitalmarkts liegt nicht in Mainhattan, sondern hinter der Stadtgrenze: Seit 2010 arbeitet die Deutsche Börse in Eschborn. Die Geschichte eines Umzugs, bei dem es um viel Geld ging — und um die Frage, was ein Finanzplatz eigentlich ist.

Von Deniz Kaya Aktualisiert am 7 Min. Lesezeit
Der gläserne Würfelbau „The Cube" der Deutschen Börse in Eschborn spiegelt Wolken im Mittagslicht.
01Eschborn, Mergenthalerallee, 12:40 Uhr— Wolken ziehen über die Glasfassade von „The Cube" — hier wird verwaltet, was die Welt „Börse Frankfurt" nennt.Foto: Zeit Frankfurt

Es gehört zu den feineren Pointen dieser Stadt, dass ihr bekanntestes Wirtschaftsunternehmen gar nicht in ihr wohnt. Wer die Konzernzentrale der Deutschen Börse AG sucht, steigt in die S-Bahn Richtung Taunus, fährt an Rödelheim vorbei über die Stadtgrenze hinaus und steht wenige Minuten später in Eschborn: Main-Taunus-Kreis, gut 21.000 Einwohner, Gewerbegebiet mit Autobahnanschluss. Dort, zwischen Parkhäusern und Firmenschildern, erhebt sich ein gläserner Würfel, in dem organisiert wird, was in Nachrichtensendungen, auf Kurstafeln und Depotauszügen weltweit „Börse Frankfurt" heißt. Die wichtigste Finanzmarke der Republik hat ihren Maschinenraum vor den Toren der Stadt — und das ist kein Versehen, sondern das Ergebnis einer sehr nüchternen Rechnung.

Am 4. November 2010 eröffnete der Konzern seine neue Zentrale, die den englischen Namen „The Cube" trägt: zwei ineinander verschränkte, L-förmige Baukörper, 21 Geschosse, rund 90 Meter hoch, verbunden durch ein lichtes Atrium, etwa 200 Millionen Euro teuer und ausgelegt für rund 2.000 Beschäftigte. Sie zogen aus einem Bürokomplex in Frankfurt-Hausen hierher — Luftlinie sind das kaum fünf Kilometer, verwaltungstechnisch liegt jedoch eine Welt dazwischen. Denn Hausen gehört zu Frankfurt, Eschborn nicht. Und genau darum ging es.

Am Anfang stand keine Vision, sondern eine Steuertabelle

Die Gewerbesteuer ist die wichtigste eigene Einnahmequelle deutscher Städte, und jede Kommune legt ihren Hebesatz selbst fest — jenen Multiplikator, der darüber entscheidet, wie viel ein Unternehmen am Ende zahlt. Als die Deutsche Börse 2008 ihre Umzugspläne bekannt machte, verlangte Frankfurt 460 Prozentpunkte, Eschborn dagegen 280. Für einen Konzern mit Milliardenumsätzen ist das keine Fußnote: Die kolportierten Ersparnisse reichten, je nach Rechnung und Geschäftsjahr, von gut 20 bis zu 60 Millionen Euro — pro Jahr, wohlgemerkt. Aus dem Motiv machte das Unternehmen nie ein Geheimnis. Es ging nicht um Aussicht, Architektur oder kurze Wege. Es ging um den Hebesatz.

Für Frankfurt war das ein Schlag mit Ansage. Die Stadt hatte ihren Hebesatz 2007 bereits von 490 auf 460 Punkte gesenkt, auch um Abwanderungen zu bremsen — gegen die 280 des Nachbarn blieb das chancenlos. Im Römer war die Verstimmung entsprechend groß: Da verabschiedete sich ausgerechnet jenes Unternehmen aus dem Stadtsäckel, das den Namen der Stadt im Schaufenster trägt und von ihrem Ruf als Finanzplatz lebt. Zurückhalten konnte die Politik den Konzern nicht, und ein Blick in das Aktienrecht erklärt, warum: Eine Aktiengesellschaft schuldet ihren Anteilseignern eine plausible Kostenrechnung, keiner Stadt die Treue. So unsentimental muss man diese Episode erzählen.

Eine S-Bahn-Trasse am Stadtrand von Eschborn, im Dunst dahinter die Hochhäuser der Frankfurter Skyline.
02S-Bahn-Station Eschborn Süd, 13:15 Uhr— Ein paar S-Bahn-Minuten trennen den Konzern von der Stadt, deren Namen er trägt — am Horizont der Beweis.Foto: Zeit Frankfurt

Eschborn hat mehr Arbeitsplätze als Einwohner

Der Ort, der den Zuschlag bekam, ist selbst ein Lehrstück. Eschborn zählt gut 21.000 Einwohner, aber deutlich mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze — eine Gemeinde, die tagsüber ein Vielfaches ihrer selbst ist und abends wieder zusammenschnurrt. Mit niedrigen Hebesätzen hat sie über Jahrzehnte systematisch Unternehmen angezogen; neben der Börse haben etwa der Energiedienstleister Techem und der Personaldienstleister Randstad dort ihre Deutschland-Zentralen. Inzwischen hat Eschborn seinen Hebesatz auf 330 Punkte angehoben — noch immer weit unter Frankfurter Niveau, und die Kassenlage der kleinen Stadt bleibt eine, von der Kämmerer andernorts nur träumen können.

Man kann das als Steuerdumping schmähen oder als gesunden Standortwettbewerb loben; interessanter ist der Konstruktionsfehler dahinter. Frankfurt finanziert Oper und Museen, das Verkehrsnetz, die Feuerwachen und die gesamte Infrastruktur einer Metropole, von der das Umland selbstverständlich mitlebt — während ein Teil der Unternehmen seine Steuern dorthin trägt, wo der Acker ans Gewerbegebiet grenzt. Die Debatte über eine fairere Verteilung dieser Lasten in der Region ist so alt wie das Rhein-Main-Gebiet selbst und bis heute nicht gelöst. Der Fall der Börse hat ihr nur das prominenteste Gesicht gegeben.

Das Parkett blieb in der Stadt — weil eine Marke einen Ort braucht

Umgezogen ist 2010 nämlich nur der Konzern, nicht die Börse im engeren Sinne. Die Frankfurter Wertpapierbörse ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts, deren Trägerin die Deutsche Börse AG ist — und ihr Handelssaal residiert weiterhin dort, wo er hingehört: am Börsenplatz, in dem 1879 eröffneten Sandsteinbau der Architekten Heinrich Burnitz und Oskar Sommer, errichtet in einer Zeit, als Frankfurt sich anschickte, mit London und Paris zu konkurrieren. Die Institution selbst ist noch viel älter: Ihre Anfänge reichen bis ins Jahr 1585 zurück, als sich Kaufleute auf der Messe auf einheitliche Wechselkurse einigten.

Die historische Sandsteinfassade der Börse Frankfurt am Börsenplatz im warmen Abendlicht, Hochformat.
03Börsenplatz, 18:50 Uhr— Abendlicht auf Sandstein: Das Börsengebäude von 1879 blieb, was es immer war — die Adresse fürs Bild.Foto: Zeit Frankfurt

Dass das Parkett blieb, hat handfeste Gründe. Der Saal ist das wohl meistgesendete Interieur der deutschen Wirtschaftsberichterstattung: Von hier melden sich die Fernsehteams, wenn die Kurse fallen, hier hängt die Dax-Tafel, vor der Korrespondenten seit Jahrzehnten das Auf und Ab erklären, und vor der Tür stehen Bulle und Bär, deren Geschichte wir an anderer Stelle erzählen. Eine Besuchergalerie empfängt nach Voranmeldung Schulklassen und Neugierige. Wie ein Arbeitstag zwischen Händlerpulten und Kamerainseln tatsächlich aussieht, lesen Sie in unserer Reportage „Morgens um acht auf dem Parkett". Kurz: Das Gebäude ist Studio, Symbol und Schaufenster — und ein Schaufenster stellt man nicht ins Gewerbegebiet.

„Börse Frankfurt" ist heute eine Marke, deren Maschinenraum vor den Toren der Stadt steht.

Gehandelt wird dort, wo die Server stehen

Die eigentliche Provokation des Falls liegt ohnehin tiefer, denn der Handel selbst hat beide Adressen längst verlassen. Seit 1997 läuft das Gros des deutschen Aktiengeschäfts über das elektronische System Xetra: Kauf- und Verkaufsaufträge treffen sich nicht mehr zwischen Menschen im Saal, sondern in einem Orderbuch auf Rechnern, die in einem gesicherten Rechenzentrum im Rhein-Main-Gebiet stehen. Wie aus diesem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ein Preis wird, erklären wir Schritt für Schritt in „Wie ein Aktienkurs entsteht". Das berühmte Parkett ist für die Preisbildung eine Randerscheinung geworden — geblieben ist es als Bühne, und als Bühne wird es gebraucht.

Was also macht einen Finanzplatz aus, wenn der Handel in Serverschränken stattfindet, die niemand je zu Gesicht bekommt? Die Antwort steht in Frankfurt herum, man muss sie nur zusammenzählen: die Europäische Zentralbank im Ostend, die Bundesbank in Ginnheim, Hunderte Banken zwischen Taunusanlage und Westend, dazu Kanzleien, Wirtschaftsprüfer, Fintechs — und die Menschen, die zwischen all dem hin- und herwechseln und ihr Wissen mitnehmen. Ein Finanzplatz ist kein Gebäude, sondern ein Netzwerk aus Institutionen, Erfahrung und kurzen Wegen, zusammengehalten von einer Erzählung. Die Erzählung heißt „Börse Frankfurt". Dass ihr Absender aus Eschborn schreibt, ändert daran erstaunlich wenig.

Im Handelsregister blieb die Stadt stehen

Die vielleicht schönste Fußnote dieser Geschichte: Ganz gelöst hat sich der Konzern von Frankfurt nie. Der juristische Sitz der Deutsche Börse AG blieb auch nach dem Umzug Frankfurt am Main — im Handelsregister, auf dem Papier also, wohnt das Unternehmen weiter in der Stadt, deren Gewerbesteuer es hinter sich gelassen hat. Und in der Selbstbeschreibung sowieso: Kein Prospekt, keine Pressemitteilung, kein Ticker verzichtet auf den Weltstadtnamen. „Deutsche Börse Eschborn" — das würde als Marke schlicht nicht funktionieren, und alle Beteiligten wissen es.

Gräser an einem Feldrand bei Eschborn im Gegenlicht, im Hintergrund verschwommen Bürogebäude.
04Feldrand bei Eschborn, 19:35 Uhr— Gräser im Gegenlicht, dahinter unscharf die Bürohäuser: Zwischen Acker und Aktienmarkt liegen hier nur ein paar Meter.Foto: Zeit Frankfurt

Wenn Sie die Pointe einmal besichtigen wollen, brauchen Sie dafür keinen Termin. Fahren Sie an einem klaren Abend nach Eschborn hinaus, stellen Sie sich an einen der Feldränder hinter dem Gewerbegebiet und schauen Sie zurück: vorne Gräser, dahinter Bürofassaden, am Horizont im Dunst die Bankentürme. Dazwischen verläuft, unsichtbar, eine Gemarkungsgrenze, die einem Dax-Konzern einen zweistelligen Millionenbetrag im Jahr wert war. Man kann darin eine Niederlage Frankfurts sehen. Man kann aber auch feststellen: Diese Stadt ist offenbar so sehr Marke, dass man sie mitnimmt — selbst wenn man geht.

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