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Tarifzonen, Kurzstrecke, Gruppenkarte: Den RMV verstehen

Tarifgebiete statt Kilometer, Kurzstrecke statt Taxi: Der Grundlagen-Guide löst das Tarif-Rätsel RMV auf. Mit den unterschätzten Spartickets, den wichtigsten App-Tricks und Antworten auf die häufigsten Neuankömmlings-Fragen.

Von Deniz Kaya 7 Min. Lesezeit
Panorama der belebten B-Ebene an der Hauptwache, Passantenströme in Bewegungsunschärfe unter warmem Kunstlicht.
01Hauptwache, B-Ebene, 8:25 Uhr— Passantenströme unter der Innenstadt: Wer das Prinzip hinter dem Tarif einmal verstanden hat, bewegt sich hier ohne Grübeln.Foto: Zeit Frankfurt

Es gibt in Frankfurt ein Gesprächsthema, das Zugezogene und Alteingesessene zuverlässig vereint: die Behauptung, den RMV-Tarif verstehe kein Mensch. Sie ist Folklore — und sie ist falsch. Der Rhein-Main-Verkehrsverbund, der von Marburg bis in den Odenwald reicht und einer der größten Verkehrsverbünde Deutschlands ist, folgt einer einzigen, gut lernbaren Grundidee. Wer sie einmal begriffen hat, kauft nie wieder das falsche Ticket. Dieser Guide erklärt sie, dazu die drei unterschätzten Spartarife, die Unterschiede der vier Verkehrssysteme und die Fragen, die jeder Neuankömmling in den ersten Wochen stellt.

Die Grundidee lautet: Der RMV rechnet nicht in Kilometern, sondern in Gebieten. Das gesamte Verbundgebiet ist in Tarifgebiete aufgeteilt, und der Preis einer Fahrt bemisst sich danach, wie viele dieser Gebiete zwischen Start und Ziel liegen — daraus ergibt sich die sogenannte Preisstufe. Die gute Nachricht für den Alltag: Ganz Frankfurt ist ein einziges Tarifgebiet. Ob Sie zwei Stationen durch die Innenstadt fahren oder von Höchst bis nach Bergen-Enkheim quer durch die ganze Stadt — es ist derselbe Preis. Nur der Flughafen tanzt aus der Reihe: Er zählt tariflich als eigenes Gebiet, weshalb die Fahrt dorthin mehr kostet als eine normale Stadtfahrt. Wer das einmal weiß, versteht achtzig Prozent aller Automaten-Verwirrung.

Der Preis entsteht an der unsichtbaren Landkarte

Praktisch heißt das: Am Automaten oder in der App geben Sie Start und Ziel an, das System zählt die Gebiete und nennt die Preisstufe — selbst rechnen muss niemand. Verstehen sollte man das Prinzip trotzdem, denn es erklärt die scheinbaren Ungerechtigkeiten des Systems: Eine kurze Fahrt über eine Tarifgrenze, etwa von einem Stadtrand in die Nachbarkommune, kann mehr kosten als eine lange Fahrt innerhalb Frankfurts. Das ist keine Schikane, sondern die Logik der Zonen — und der Grund, warum sich für Grenzgänger zwischen zwei Gebieten Zeitkarten oder das Deutschlandticket besonders schnell rechnen.

Ein Finger zeigt aus der Distanz auf ein Liniennetz-Schema an einer Haltestellenwand, die Beschriftung ist unkenntlich.
02Haltestelle, Liniennetzplan, 10:10 Uhr— Das Netz ist das kleinere Rätsel — entscheidend ist die unsichtbare Karte dahinter: die der Tarifgebiete.Foto: Zeit Frankfurt

Auf dieser Landkarte gibt es einen Tarif, den erstaunlich viele Frankfurter nicht kennen, obwohl er ihr täglicher Begleiter sein könnte: die Kurzstrecke. Für Fahrten bis zwei Kilometer — die App zeigt zuverlässig an, ob Ihre Verbindung darunterfällt — zahlen Sie deutlich weniger als für die normale Einzelfahrt. Das ist das Ticket für die drei Stationen zum Supermarkt, für die eine Haltestelle bei Regen, für den kurzen Sprung mit der Tram. Zweite unterschätzte Kategorie: die Tageskarte. Sie kostet ungefähr so viel wie zweieinhalb Einzelfahrten; wer an einem Tag dreimal fährt, fährt mit ihr schon günstiger. Und drittens die Gruppentageskarte, mit der bis zu fünf Personen gemeinsam unterwegs sind — für Familienausflüge oder Besuch aus der Heimat ist sie fast immer die beste Rechnung im ganzen Sortiment.

Ein Ticket, vier Systeme — die Unterschiede liegen woanders

Verwirrung Nummer zwei betrifft die Fahrzeuge selbst. Frankfurt hat U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn und Busse, dazu halten Regionalzüge an vielen Stationen im Stadtgebiet — braucht man dafür verschiedene Tickets? Nein. Innerhalb des Verbunds gilt jede Fahrkarte in allen Verkehrsmitteln des Nahverkehrs, auch in Regionalzügen in der zweiten Klasse. Die Unterschiede sind praktischer Natur: Die U-Bahn erschließt die Stadt selbst und fährt in der Innenstadt unterirdisch; die S-Bahn verbindet Frankfurt mit der Region und bündelt sich im Innenstadttunnel zwischen Hauptbahnhof und Ostendstraße; die Straßenbahn fährt oberirdisch die feineren Linien, die Busse den Rest. Für die Routenwahl heißt das: Quer durch die Region nimmt man die S-Bahn oder den Regionalzug, innerhalb der Stadt U-Bahn und Tram — die App kombiniert ohnehin alles.

Eine Eigenheit sollten Neuankömmlinge kennen, weil sie in vielen anderen Ländern anders geregelt ist: Es gibt keine Zugangssperren. Man betritt Bahnsteige und Fahrzeuge ohne Ticketkontrolle — gefahren wird auf Vertrauen, kontrolliert wird stichprobenartig in Zivil, und wer ohne gültigen Fahrschein angetroffen wird, zahlt ein erhöhtes Beförderungsentgelt von 60 Euro. Das Ticket kauft man also vor dem Einsteigen: am Automaten, am Schalter oder — inzwischen der einfachste Weg — per App.

Haltestangen und gemusterte Sitze in einer Frankfurter U-Bahn, ein Fahrgast von hinten, Hochformat.
03U-Bahn, Linie U5, 11:35 Uhr— Ein Ticket, vier Systeme: Im Stadtgebiet gilt jede Fahrkarte in U-Bahn, S-Bahn, Tram und Bus gleichermaßen.Foto: Zeit Frankfurt

Die App hat den Automaten praktisch überflüssig gemacht

Womit wir bei der Ausrüstung wären. Die Verbund-App RMVgo bündelt Fahrplanauskunft und Ticketkauf; Handytickets für Einzelfahrten sind häufig sogar etwas günstiger als dieselbe Karte aus dem Automaten. Der wichtigste App-Trick für Sparsame: Vor dem Kauf die Verbindung eingeben statt blind „Einzelfahrt Frankfurt" zu wählen — nur so erkennt das System, ob Ihre Strecke als Kurzstrecke durchgeht oder ob eine Tageskarte günstiger wäre. Am Automaten gilt derselbe Rat in analog: Zielort eingeben, Vorschlag prüfen, nicht aus Gewohnheit die Standardtaste drücken. Und wer regelmäßig zum Flughafen muss, merkt sich: „Frankfurt inklusive Flughafen" ist die richtige Wahl, die normale Stadtfahrkarte reicht dorthin nicht.

Bleibt die Systemfrage, die über allen Einzeltickets schwebt: Ab wann lohnt das Deutschlandticket? Die Rechnung ist erfreulich schlicht. Teilen Sie den Abo-Preis durch den Preis einer Einzelfahrt, und Sie erhalten Ihre persönliche Schwelle — sie liegt derzeit bei etwa 16, 17 Fahrten im Monat, also grob vier Fahrten pro Woche. Wer täglich pendelt, liegt weit darüber; wer zusätzlich gelegentlich in die Region fährt, erst recht, denn das Abo kennt keine Zonengrenzen und gilt bundesweit. Was die jüngste Preisrunde daran ändert, diskutiert unsere Kolumne zum Deutschlandticket; und welche Ticketsorten der Verbund zuletzt gestrichen hat, dokumentiert unser Überblick zur Tarifreform. Kurzfassung für Eilige: Vielfahrer nehmen das Abo, Wenigfahrer Einzeltickets und Tageskarten — die Zwischenzone ist klein geworden.

Der RMV ist kein Rätsel, sondern eine Landkarte — man muss nur wissen, dass sie aus Zonen besteht, nicht aus Kilometern.

Zwei Fallstricke sollten Sie dabei kennen. Erstens: Die Freizügigkeit endet am Fernverkehr — in ICE, IC und EC gelten weder RMV-Tickets noch das Deutschlandticket, auch nicht für eine Station zwischen Hauptbahnhof und Flughafen; wer dort einsteigt, braucht eine Fernverkehrsfahrkarte. Zweitens: Viele Frankfurter fahren gar nicht auf eigene Rechnung — Hochschulen geben Semestertickets aus, zahlreiche Arbeitgeber bezuschussen ein Jobticket auf Deutschlandticket-Basis. Bevor Sie irgendein Abo abschließen, lohnt deshalb ein Blick in den Arbeitsvertrag oder eine Frage an die Personalabteilung: Der günstigste Tarif ist oft der, den jemand anderes mitbezahlt.

Rad, Hund, Kinderwagen: die Alltagsfragen

Zum Schluss der Serviceteil, gesammelt aus den Fragen, die uns Zugezogene am häufigsten stellen. Das Fahrrad: fährt im RMV grundsätzlich kostenlos mit — eine Großzügigkeit, die nicht jeder Verbund kennt; in der Rushhour gilt trotzdem das Gebot der Vernunft, denn volle S-Bahnen und Lenker vertragen sich schlecht. Der Hund: ebenfalls kostenlos, große Tiere an die Leine. Kinder: unter sechs Jahren gratis, bis 14 zum Kindertarif. Der Kinderwagen: fährt selbstverständlich kostenlos, die Mehrzweckbereiche in U- und S-Bahn sind dafür da. Und die Nacht: Am Wochenende fahren S- und U-Bahnen auf vielen Linien durch, unter der Woche übernehmen Nachtbusse — die Auskunft der App gilt auch um drei Uhr morgens. Bleibt der Rollstuhl beziehungsweise Rollator: Die meisten Stationen sind mit Aufzügen oder Rampen erschlossen, die App weist barrierefreie Verbindungen auf Wunsch gesondert aus — verlassen sollte man sich darauf allerdings erst nach einem Blick auf die aktuellen Aufzugsmeldungen.

Wer neu in der Stadt ist und diese Seite bis hierher gelesen hat, weiß jetzt mehr über den Tarif als mancher, der seit Jahrzehnten hier wohnt — die weiteren Schritte vom Anmelden bis zum Ankommen bündelt unsere Checkliste für die ersten 100 Tage in Frankfurt. Den Rest erledigt die Praxis: Nach zwei Wochen Alltag haben Sie Ihre Linien, Ihre Umstiege und Ihre Meinung zur Pünktlichkeit — Letzteres ist dann das Gesprächsthema, das Sie endgültig zur Frankfurterin oder zum Frankfurter macht.

Eine S-Bahn verlässt eine oberirdische Station stadtauswärts, im Hintergrund stehen die Bankentürme im Gegenlicht.
04S-Bahn, stadtauswärts, 18:45 Uhr— Stadtauswärts beginnt die Zonenrechnung — stadteinwärts genügt meistens ein Blick in die App.Foto: Zeit Frankfurt

Und sollten Sie doch einmal ratlos vor dem Automaten stehen, hilft die älteste Regel des Nahverkehrs: Fragen Sie die Person neben sich. Über den RMV zu klagen ist hier Volkssport — ihn Neuankömmlingen zu erklären, erstaunlicherweise auch. Beides zusammen ist vermutlich die frankfurterischste Form von Gastfreundschaft.

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