Stadtleben · Erklaerstueck
1959: Als die Eintracht Deutscher Meister wurde
Vor der Bundesliga gewann Eintracht Frankfurt den größten Titel ihrer Geschichte – und stürmte danach bis ins Europapokalfinale. Ein Blick zurück auf das Jahr, das die Stadt bis heute prägt.
In der Geschichte des Frankfurter Fußballs gibt es ein Jahr, das alle anderen überstrahlt: 1959. Damals, lange vor der Gründung der Bundesliga, in einer Zeit, in der der deutsche Meister noch in einer Endrunde ermittelt wurde, holte Eintracht Frankfurt den größten Titel ihrer Geschichte. Es war der Höhepunkt einer Ära, an die sich die Stadt bis heute erinnert.
Der Fußball dieser Jahre war ein anderer als der von heute. Es gab keine durchgehende Profiliga, viele Spieler standen noch in bürgerlichen Berufen, und der Meister wurde am Saisonende in einer Endrunde der besten Mannschaften des Landes ausgespielt. Über die Oberliga Süd bahnte sich die Eintracht 1959 ihren Weg in diese Endrunde, überstand die Gruppenphase und zog ins Finale ein – mit einer Mannschaft, die für ihren offensiven, mutigen Fußball bekannt war.
Das Endspiel am 28. Juni 1959 fand im Berliner Olympiastadion statt, und der Gegner kam von der anderen Mainseite: die Kickers aus Offenbach. Es war ein Duell zweier Nachbarn auf der größten Bühne des deutschen Fußballs. Nach 90 Minuten stand es 3:3, erst in der Verlängerung setzte sich die Eintracht mit 5:3 durch. Angeführt von Trainer Paul Oßwald und dem Spielmacher Alfred Pfaff, hatte Frankfurt den Titel geholt – zum ersten und bis heute einzigen Mal.
Die Bühne der Heimspiele war das alte Waldstadion, jenes weitläufige Rund mit Aschenbahn, das mit der heutigen Arena nur den Ort im Stadtwald gemeinsam hat. Wie sehr sich dieser Platz seither verwandelt hat, zeigt der Vergleich mit dem heutigen Stadion, dessen Geschichte wir in unserem Text über den Deutsche Bank Park nachzeichnen.

Der Weg nach Glasgow
Doch die Geschichte endet nicht mit dem Meistertitel. Als deutscher Meister trat die Eintracht im Jahr darauf im Europapokal der Landesmeister an, dem Vorläufer der heutigen Champions League. Und die Frankfurter stürmten durch den Wettbewerb – ein Erfolg, den man sich in seiner Wucht heute kaum noch vorstellen kann. Im Halbfinale trafen sie auf die Glasgow Rangers, den schottischen Meister, und fegten den Gegner förmlich vom Platz: 6:1 im Hinspiel, 6:3 im Rückspiel in Schottland. Zwölf Tore gegen einen der stolzesten Klubs der Insel – Europa staunte.
Das Finale am 18. Mai 1960 wurde im Hampden Park von Glasgow ausgetragen, vor rund 127.000 Zuschauern. Der Gegner war Real Madrid, die überragende Mannschaft jener Epoche um Alfredo Di Stéfano und Ferenc Puskás. Die Eintracht ging sogar in Führung, ehe die Madrilenen ihre ganze Klasse ausspielten und mit 7:3 gewannen. Das Spiel ging als eines der legendärsten Endspiele der europäischen Fußballgeschichte in die Bücher ein – in Großbritannien gilt es bis heute als Erweckungserlebnis, das eine ganze Generation für den kontinentalen Fußball begeisterte. Die Eintracht verlor, aber sie verlor auf eine Weise, die den Namen der Stadt über den Kontinent trug.
Vom Olympiastadion in Berlin bis zum Hampden Park in Glasgow: In einem knappen Jahr schrieb die Eintracht ihre größte Geschichte.
Die Redaktion
Was von damals bleibt
Für Frankfurt war dieses Jahr mehr als ein sportlicher Erfolg. Schon 1932 hatte die Eintracht in einem deutschen Endspiel gestanden und dort gegen Bayern München verloren – nun war der Titel endlich errungen. Es war ein Moment, in dem die Stadt ins Zentrum des deutschen Fußballs rückte und ihr Name in einem Atemzug mit den größten Klubs Europas genannt wurde. Solche Momente bleiben im Gedächtnis einer Stadt, auch wenn die Zeitzeugen weniger werden und die Bilder in Schwarzweiß erstarrt sind.
Bis heute berufen sich die Fans auf dieses Erbe. Wenn die Nordwestkurve von der großen Vergangenheit singt, klingt 1959 mit, auch wenn kaum jemand im Stadion das Endspiel selbst erlebt hat. Es ist ein Anker der Identität, ein Beweis dafür, dass die Eintracht schon einmal ganz oben stand – ein Erbe, das die modernen Europanächte, über die wir in unserer Reportage geschrieben haben, in die Gegenwart verlängern.
Wer heute durch den Stadtwald zum Stadion geht, läuft über den Boden dieser Geschichte. Das alte Waldstadion ist verschwunden, die Aschenbahn längst überbaut, und doch trägt der Ort die Erinnerung an ein Jahr in sich, in dem eine Frankfurter Mannschaft den Gipfel des deutschen Fußballs erreichte und beinahe auch den europäischen. Manche Titel altern nicht. 1959 gehört dazu.
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