Stadtleben · Reportage

Die Kurve, die niemals still ist

In der Nordwestkurve entscheidet sich, wie ein Spieltag klingt. Eine Reportage über Ultras, Choreografien und eine Fankultur, die den Deutsche Bank Park zu einer der lautesten Arenen macht.

Von Tobias Henn 4 Min. Lesezeit
Dicht gedrängte Fußballkurve mit vielen erhobenen Armen und großen Schwenkfahnen bei Tag.
01Nordwestkurve, Deutsche Bank Park, 15:33 Uhr— Kurz nach dem Anpfiff ist die Kurve bereits eine einzige Bewegung.Foto: Zeit Frankfurt

Man kann ein Fußballspiel im Deutsche Bank Park von vielen Plätzen aus sehen, aber man hört es nur von einem richtig: von der Nordwestkurve. Hier, im weiten Stehplatzbereich hinter dem Tor, sitzt der Motor der Frankfurter Fankultur. Was in dieser Kurve entsteht, überträgt sich auf das ganze Stadion und macht die Arena im Stadtwald zu einer der lautesten der Republik.

Wer zum ersten Mal in der Kurve steht, ist zunächst überfordert. Der Gesang setzt lange vor dem Anpfiff ein und reißt bis zum Schlusspfiff kaum ab. Fahnen werden geschwenkt, Arme heben und senken sich im Takt, und auf einem schmalen Podest an der Zaunfahne dirigiert ein Vorsänger das Ganze mit einem Megafon, das man kaum sieht und doch überall hört. Er steht mit dem Rücken zum Rasen; das Spiel interessiert ihn in diesen Minuten weniger als der Block vor ihm. Es ist eine Choreografie aus Tausenden Körpern, die nach außen chaotisch wirkt und nach innen erstaunlich geordnet ist.

Dass die Kurve heute so groß ist, verdankt sie einem Umbau: 2023 wurde der Oberrang der Nordwesttribüne erneuert und um rund 12.900 Stehplätze erweitert; zusammen mit dem Unterrang fasst die Nordwestkurve seither rund 19.900 Stehplätze – nach der Dortmunder Südtribüne die zweitgrößte Stehplatztribüne der Bundesliga. Wie sich das Waldstadion über die Jahrzehnte zu diesem Bau gewandelt hat, erzählt unsere Geschichte des Stadions.

Diese Größe ist das eine, die Ordnung das andere – und die ist Arbeit. Hinter den großen Choreografien – den Stoffbahnen, die sich über den ganzen Rang ziehen, den Bildern aus Papptafeln, den Fahnenwäldern in Schwarz-Weiß-Rot – stecken Wochen der Vorbereitung. In angemieteten Hallen werden Planen bemalt, Folien zugeschnitten und Tafeln blockweise nummeriert; am Spieltag liegen sie Stunden vor dem ersten Lied bereit, Rang für Rang nach Farben sortiert. Finanziert wird das über Schalverkäufe und Spenden, organisiert von einer Handvoll Leute, die selbst kaum je in Erscheinung treten. Eine Choreografie gelingt nur, wenn Tausende Fremde im selben Sekundenbruchteil dasselbe tun.

Große Stoffbahn einer Fan-Choreografie wird über die Köpfe einer Tribüne gezogen.
02Oberrang der Nordwestkurve, 15:29 Uhr— Kurz vor dem Anpfiff spannt sich die Stoffbahn über den gesamten Rang.Foto: Zeit Frankfurt

Mehr als Kulisse

Es wäre ein Missverständnis, die Kurve für bloße Dekoration zu halten. Die aktive Fanszene versteht sich als Teil des Spiels, nicht als Zuschauer. Sie treibt die Mannschaft an, wenn es schlecht läuft, sie feiert, wenn es gut läuft, und sie erhebt die Stimme auch abseits des Rasens – bei Themen, die den Verein, den Fußball und manchmal die Stadt betreffen. Als die Deutsche Fußball Liga Anfang 2024 einen Finanzinvestor am Ligageschäft beteiligen wollte, protestierten die Kurven der Republik wochenlang, bis der Plan scheiterte – auch aus Frankfurt kam lautstarker Widerstand. Diese Haltung macht die Kurve zu einem eigenwilligen, manchmal unbequemen Akteur.

Zugleich ist sie tief in der Stadt verankert. Die Menschen, die hier stehen, kommen aus Bornheim und Sachsenhausen, aus dem Ostend und den Vororten, aus allen Schichten. Der Fußball verbindet an dieser Stelle, was der Alltag sonst trennt. Wer wissen will, aus welchen Vierteln sich dieser Anhang speist, findet in unserem Bornheim-Guide ein Stück des sozialen Fundaments.

Die Kurve kommt nicht, um zuzusehen – sie kommt, um mitzuspielen.

Die lauten Nächte

Ihren größten Auftritt hat die Kurve an Europaabenden. Wenn das Flutlicht brennt, das Dach den Lärm nach unten drückt und ein internationaler Gegner anreist, entfaltet die Nordwestkurve eine Wucht, die selbst erfahrene Profis einschüchtert. Als Eintracht am 5. Mai 2022 im Halbfinale der Europa League West Ham United mit 1:0 schlug und zum ersten Mal seit 1980 in ein europäisches Endspiel einzog, war die Kurve lange vor dem Anpfiff gefüllt und ließ bis zum Schlusspfiff nicht nach. Für internationale Spiele wird ein Teil der Stehtribüne bestuhlt; die Kurve fasst dann weniger Menschen, ohne an Lautstärke zu verlieren. Gegnerische Trainer haben nach solchen Abenden von der Atmosphäre gesprochen, als wäre sie ein zusätzlicher Spieler – und genau so ist sie gemeint. Wie diese Nächte die ganze Stadt erfassen, haben wir in unserer Reportage über die Europanächte beschrieben.

Doch die Kurve lebt nicht nur von den großen Abenden. Auch an einem grauen Samstagnachmittag im Winter, wenn wenig auf dem Spiel steht und der Regen aufs Dach trommelt, singt sie weiter. Gerade diese Beständigkeit unterscheidet echte Fankultur vom Eventpublikum, das nur zu den Höhepunkten kommt.

Nach dem Schlusspfiff dauert es in der Kurve am längsten, bis Ruhe einkehrt. Während sich die anderen Ränge leeren, bleibt die Nordwestkurve stehen, singt der Mannschaft noch ein letztes Lied und lässt den Abend nicht los. Erst dann löst sich der Block auf, verteilt sich in die Bahnen und Kneipen, und aus dem einen großen Körper werden wieder Tausende einzelne Frankfurter, die schon jetzt auf das nächste Heimspiel warten.

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