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Bahnhofsviertel-Guide: Kaiserstraße zwischen Aufbruch und Alltag

Gründerzeitpracht über Spielhallen, große Küche neben offener Szene: Kein Viertel ist widersprüchlicher als das Bahnhofsviertel. Unser Guide benennt beides ohne Beschönigung — und erklärt, warum das kleinste Quartier der Stadt ihr ehrlichstes ist.

Von Lukas Schardt 7 Min. Lesezeit
Die Häuserflucht der Kaiserstraße im Abendlicht, am Ende der Blickachse die Kuppel des Frankfurter Hauptbahnhofs.
01Kaiserstraße, 19:30 Uhr— Die Häuserflucht der Kaiserstraße im Abendlicht, am Ende der Achse die Kuppel des Hauptbahnhofs — Frankfurts prächtigste und umstrittenste Straße.Foto: Zeit Frankfurt

Kein Frankfurter Stadtteil wird häufiger beschrieben und seltener verstanden als der kleinste von allen. Das Bahnhofsviertel, ein knappes Gitternetz aus zehn Straßen zwischen Hauptbahnhof und Innenstadt, ist Deutschlands dichtestes Nebeneinander von Glanz und Not: Gründerzeitfassaden über Spielhallen, Sternchen-Gastronomie neben Konsumraum, Werbeagentur über Stundenhotel. Wer nur das eine sieht, schreibt Broschüren. Wer nur das andere sieht, schreibt Untergangsprosa. Dieser Guide versucht das Schwierigste: beides zugleich.

Gebaut wurde das Viertel in den Jahrzehnten um 1900 als Empfangssalon der Stadt — repräsentative Achsen vom neuen Hauptbahnhof zur Innenstadt, gesäumt von Hotels, Kontoren und großbürgerlichen Wohnhäusern. Diese Herkunft sieht man ihm bis heute an, man muss nur den Blick heben: Kaum irgendwo in Deutschland steht Gründerzeitarchitektur in solcher Dichte und Qualität. Die Geschichte der prächtigsten dieser Achsen haben wir in unserem Stück über die Kaiserstraße erzählt.

Die Kaiserstraße ist Frankfurts prächtigste Straße — immer noch

Man vergisst es zwischen Wettbüros und Handyläden leicht, aber die Kaiserstraße ist als Bauensemble ein Ereignis: Erker, Kuppeln, Sandsteinornamente, eine Blickachse, die direkt auf die Bahnhofskuppel zuläuft. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich in den Erdgeschossen und ersten Stockwerken einiges bewegt — Spezialitätenkaffee, Bars, Läden und Büros junger Firmen sind eingezogen, das Wort vom „neuen Bahnhofsviertel" machte die Runde, zeitweise so penetrant, dass die Verklärung zur zweiten Gefahr für das Viertel wurde. Inzwischen hat sich der Hype abgekühlt, geblieben ist eine robuste Mischung: Die Bar und der Barbier, die Kanzlei und der Kiosk teilen sich dieselben Häuser.

Man versteht das Viertel besser, wenn man es als das begreift, was es immer war: Frankfurts Ankunftsort. Hier kamen die Reisenden an, hier eröffneten Einwanderer aus Jugoslawien, der Türkei, Eritrea oder Südasien ihre ersten Läden und Lokale, hier fand das Rotlicht seine Adressen, als die Stadt es aus der Innenstadt verdrängte. Vieles davon schichtet sich bis heute übereinander: Das Reisebüro neben dem Sexshop, der Gebetsraum über dem Nachtclub, die Weinbar im ehemaligen Bordell. Wer im Bahnhofsviertel „Aufwertung" oder „Verfall" diagnostiziert, verwechselt Momentaufnahme mit Geschichte — dieses Quartier hat sich noch nie für eine Identität entschieden, und das seit hundertdreißig Jahren.

Neonlicht spiegelt sich auf regennassem Gehweg, Passanten als verschwommene Silhouetten.
02Taunusstraße, 22:10 Uhr— Neon auf nassem Asphalt: Nachts zeigt das Viertel alle seine Gesichter gleichzeitig.Foto: Zeit Frankfurt

Die Realität an der Taunusstraße gehört zur Wahrheit dazu

Zwei Blocks weiter nördlich liegt das andere Bahnhofsviertel. Rund um Taunusstraße und Niddastraße konzentriert sich seit Jahrzehnten die offene Drogenszene der Stadt, und wer dort entlanggeht, sieht Elend, das sich nicht wegmoderieren lässt: schwer kranke Menschen, Konsum im öffentlichen Raum, seit einigen Jahren verschärft durch die Verbreitung von Crack, das die Szene rastloser und die Hilfe schwieriger gemacht hat. Frankfurt begegnet dem seit den Neunzigern mit dem „Frankfurter Weg": Konsumräume, Substitution, Übernachtungsplätze und Streetwork statt reiner Verdrängung — ein Ansatz, der bundesweit Schule machte und der die Zahl der Drogentoten damals drastisch senkte, der aber gegen die Crack-Welle sichtbar an Grenzen stößt.

Was das im Alltag bedeutet, erlebt man am ehrlichsten nachts: Unsere Reporterin hat für eine Nachtschicht die Suchthilfe begleitet — Pflichtlektüre für alle, die über das Viertel mitreden wollen. Die Stadt versucht derweil den Spagat aus Hilfe und Ordnung, mit mehr Präsenz, mehr Reinigung, neuen Anlaufstellen und regelmäßig neuen Konzepten; die Bewertung fällt je nach Straßenzug und Jahr unterschiedlich aus. Sicher ist nur: Eine schnelle Lösung hat hier noch niemand gefunden, und wer eine verspricht, hat das Problem nicht verstanden.

Das Bahnhofsviertel ist kein Zustand, der sich beheben ließe — es ist ein Dauerkonflikt, den die Stadt aushalten und gestalten muss.

Auf der Münchener Straße isst das Viertel am besten

Und dann dreht man um die nächste Ecke, und das Viertel ist wieder ein Versprechen. Die Münchener Straße ist Frankfurts internationalste Essstraße: türkische Grillhäuser, pakistanische und indische Küchen, vietnamesische Suppen, arabische Süßwaren, dazwischen italienische Klassiker und immer neue Konzepte in alten Ladenlokalen. Hier isst das Viertel selbst — Preise und Portionen sind es, die den Ton angeben, nicht die Inneneinrichtung. Unsere kulinarische Streifzug-Empfehlung mit konkreten Adressen finden Sie im Stück über Streetfood im Bahnhofsviertel; die Grundregel lautet: dorthin gehen, wo es voll ist, und sich durchprobieren.

Nach Einbruch der Dunkelheit übernimmt die zweite Schicht. Die Bar-Dichte zwischen Münchener Straße, Elbestraße und Kaiserstraße gehört zu den höchsten der Republik, vom ehrlichen Eckausschank bis zur preisgekrönten Cocktailbar, dazu Clubs, Ateliers und das eine oder andere Etablissement, das es schon gab, als noch niemand von Aufwertung sprach. Das Nachtleben ist erwachsener geworden und das Publikum gemischter denn je — Anzugträger, Nachtschwärmerinnen, Anwohner, Touristen. Man kommt sich hier nicht aus dem Weg, das ist Teil des Programms.

Wie unterschiedlich das Viertel sein kann, zeigt schon der Weg nach Süden: Zwischen Wiesenhüttenplatz und Baseler Platz wird es ruhiger, bürgerlicher, fast unauffällig — Hotels, Büros, Wohnhäuser, und nach wenigen Minuten steht man am Mainufer, wo das Bahnhofsviertel in die Uferpromenade übergeht, als wäre nichts gewesen. Diese Nähe gehört zu den unterschätzten Qualitäten des Quartiers: Fluss, Museumsufer und Innenstadt liegen fußläufig, und wer hier wohnt, hat kürzere Wege zu fast allem als die meisten Bewohner der teuren Viertel.

Reich verzierter Gründerzeit-Erker im Hochformat über einer Imbisszeile, das Ornament vom Seitenlicht herausgearbeitet.
03Kaiserstraße, 16:50 Uhr— Über den Imbissen beginnt das Museum: Wer im Bahnhofsviertel nach oben schaut, sieht eine andere Stadt.Foto: Zeit Frankfurt

Wohnt man hier eigentlich — und wie?

Die vielleicht überraschendste Zahl über das Bahnhofsviertel: Es wohnen tatsächlich Menschen hier, wenige Tausend, und viele von ihnen ausgesprochen gern. Die Wohnungen sind oft groß, die Altbausubstanz ist prächtig, die Lage unschlagbar zentral — und die Mieten liegen wegen des Umfelds unter dem, was vergleichbare Wohnungen jenseits der Taunusanlage kosten würden. Wer hier lebt, entwickelt einen unsentimentalen Realismus: Man kennt die Ecken, die man meidet, die Uhrzeiten, die anstrengend sind, und die Nachbarschaft, die in keinem anderen Viertel so schnell entsteht wie in einem, das von außen ständig erklärt wird. Familien mit Kindern bleiben die Ausnahme; für alle anderen ist das Viertel ehrlicher, als sein Ruf vermuten lässt — in beide Richtungen. Auffällig ist, wie stark sich die Bewohnerschaft engagiert: In Vereinen, Stammtischen und Initiativen wird um jede Straßenecke gerungen, und kaum ein Stadtteil bringt bei Beteiligungsverfahren mehr Wortmeldungen pro Kopf zustande. Wer hier bleibt, bleibt aus Überzeugung.

Eine Route für den ersten Besuch

Ohne den Bahnhof wäre all das nicht: Der Hauptbahnhof, 1888 eröffnet und bis heute einer der größten Kopfbahnhöfe Europas, war der Anlass, aus dessen Wucht das ganze Viertel entstand — die Achsen wurden auf seine Halle hin komponiert, die Hotels für seine Reisenden gebaut, die Kontore für die Geschäfte, die er heranbrachte. Wer im Empfangsgebäude einen Moment nach oben schaut, in das gusseiserne Hallendach, versteht den Maßstab, in dem hier um 1900 gedacht wurde. Danach erst hinaus auf den Vorplatz.

Beginnen Sie also am Hauptbahnhof, aber verlassen Sie ihn durch den Haupteingang mit Blick auf die Kaiserstraße — die Achse ist der beste Auftakt. Gehen Sie die Kaiserstraße stadteinwärts, mit erhobenem Blick für die Fassaden, und biegen Sie nach ein paar Blocks rechts ab zur Münchener Straße, wo die Essensfrage sich von selbst beantwortet. Danach über die Elbestraße zurück Richtung Norden; wer die Taunusstraße quert, tut es mit Respekt vor den Menschen, die dort ihre Not leben — ohne Fotografieren, ohne Gaffen. Zum Abschluss ein Kaffee oder ein Glas in einer der Bars an der Kaiserstraße. Zwei Stunden, die mehr über Frankfurt erzählen als mancher Stadtrundgang mit Zertifikat.

Die Münchener Straße am frühen Morgen, leer bis auf einen Lieferwagen, erste Sonne zwischen den Fassaden.
04Münchener Straße, 6:40 Uhr— Bevor die Küchen öffnen: Um diese Uhrzeit gehört die Münchener Straße für eine Stunde sich selbst.Foto: Zeit Frankfurt

Es wäre leicht, diesen Guide mit einer Pointe zu beenden — das Viertel liefert sie im Minutentakt. Aber die ehrlichste Schlussbemerkung ist eine nüchterne: Das Bahnhofsviertel wird nicht „gelöst" werden, nicht dieses Jahr und nicht im nächsten Jahrzehnt. Es wird verhandelt werden, jeden Tag aufs Neue, zwischen Bewohnern, Wirten, Hilfesystem, Polizei und einer Stadtgesellschaft, die sich entscheiden muss, wie viel Widerspruch sie in ihrer Mitte aushält. Bis dahin gilt: Es gibt kein ehrlicheres Viertel in dieser Stadt. Man muss es nur ganz ansehen, nicht halb.

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